Werder Bremen
Aktionismus gefordert!
Text: Karsten Wirth Bild: Imago
Werder Bremen-Experte Karsten Wirth ist verzweifelt. Was ist nur los mit der Bremer Mannschaft? Wirth fordert von den Spielern eine Reaktion, vom Management eine Außenverteidiger und vom Bremer Umfeld Geduld.
Ich weiß, der Titel ist nicht besonders geistreich, aber leider fällt mir angesichts des Spiels gegen Karlsruhe (und der vergangenen Monate) nicht mehr viel ein. Von einem Rückfall möchte ich gar nicht sprechen, denn selbst das 5:0 gegen Eintracht Frankfurt kam eigentlich nur zustande, weil die Hessen einen raabenschwarzen Tag erwischten. Was die Mannschaft nun aber abgeliefert hat, setzt allem noch einmal die Krone auf. Bis auf Pizzaro und über weite Strecken Diego und Wiese muss man eigentlich von Arbeitsverweigerung sprechen.
Der Spielverlauf ist eigentlich schnell skizziert. Werder startete stark, konnte aber seine Torchancen nicht nutzen und wurde dadurch immer fahriger und verunsicherter, was Karlsruhe natürlich aufbaute. Im Anschluss verlor man nahezu alle wichtigen Zweikämpfe und ließ unzählige Tormöglichkeiten zu. Selbst die Badener Rumpelfüße konnten es nicht verhindern, dass das Leder irgendwann einmal sein Ziel erreichte (obwohl sie wirklich alles dafür taten, damit das nicht passiert). Die Würze waren dann noch Schaafs völlig stumpfsinnige Einwechslungen (einen Prödl in den Angriff zu stellen, wobei man bei ihm ja derzeit schon glücklich ist, wenn er sich nicht beim Schuhezubinden verletzt) und natürlich die völlig unnötige rote Karte für Pizzaro.
Ich möchte Köpfe rollen sehen
Womit wir auch schon beim Schiri wären, der sich nahtlos in den Grottenkick einfügte. Wenn er schon jeden Möwenschiss abpfeifen muss - was aus meiner Sicht eher ein Zeichen von Unsicherheit als von Souveränität ist - dann muss er es auch im Strafraum durchziehen und Werder mindestens einen, wenn nicht gar zwei Elfer pfeifen. Ein Merk oder Gräfe hätten die rote Karte im übrigen auch nicht gegeben. In der 90. Minute kann man Pizzaros Aktion auch als Wegschieben interpretieren und dementsprechend gelb zeigen, zumal dem auch eine eindeutige Provokation vorher ging. Aber nicht, dass wir uns falsch verstehen: die null Punkte haben wir einzig und allein uns selbst zuzuschreiben.
Ich hoffe, dass die Vereinsführung auch weiterhin die Nerven behält. In allen anderen Bundesliga-Clubs wäre der Druck von außen (und innen) wahrscheinlich schon so groß, dass der Trainer gar nicht mehr zu halten wäre. Ein Trainerwechsel wäre aber absolut der falsche Weg. Dennoch erwarte ich jetzt bzw. in der Winterpause eine gehörige Portion Aktionismus! Ich möchte Köpfe rollen sehen, weil das anscheinend die einzige Sprache ist, die das Team derzeit versteht. Auch in der Gefahr, dass ich mich wiederhole: die Wurzel allen Übels ist die fehlende Einstellung und vor allem das mangelnde Selbstvertrauen. Nun wird man zweiteres durch Druck natürlich nicht unbedingt abbauen können, allerdings kommt das Selbstvertrauen von selbst zurück, wenn die Erfolge stimmen. Und da ich nach wie vor der Meinung bin, dass wir einen der besten Kader der Liga haben (ein ähnliches Niveau haben eigentlich nur noch die Bayern), wird die Einstellung automatisch dazu führen, dass die Erfolge zurückkommen. Was alles möglich ist, wenn die Jungs motiviert sind, hat man gegen Bayern oder auch Hoffenheim gesehen.
Vertragsverlängerungen machen satt
Nun wird der ein oder andere natürlich die berechtigte Frage aufwerfen, ob die Motivation der Truppe nicht maßgeblich durch den Trainer gesteuert werden müsste. Diesen Vorwurf muss sich Thomas Schaaf sicherlich gefallen lassen. Allerdings glaube ich nicht, dass es ein anderer besser könnte. Die Spirale in Gang gesetzt, haben die zahlreichen Vertragsverlängerungen. Dadurch wurde den Spielern suggeriert, dass sie alle einen tadellosen Job machen und ihr Platz (ob auf dem Feld oder auf der Bank) absolut gesichert ist. Bestes Beispiel ist Clemens Fritz. Früher war einer derjenigen, dessen Trikot man bereits nach 10 Minuten auswringen konnte, heute ist man ja schon dankbar, wenn er neben dem Gegenspieler herläuft und nicht ganz und gar stehen bleibt.
Genug Polemik. Ich erwarte vom Management, dass der Kader in der Winterpause gewaltig ausmistet und punktuell verstärkt wird. Mit punktuell meine ich eigentlich genau einen Punkt: die Außenverteidigung. Auch wenn das bedeutet, dass man dafür einige Millionen in die Hand nehmen und dadurch ein gewissen Risiko eingehen muss, halte ich das für die einzig sinnvolle Maßnahme. Unser Spiel ist viel zu berechenbar geworden. Wenn Mittelfeld und Sturm einen guten Tag erwischen, kann Werder zwar nach wie vor durch die Mitte erfolgreich sein, allerdings sind wir dadurch einmal mehr abhängig von Diego. Wenn er aus dem Spiel genommen wird (wozu gute Mannschaften immer in der Lage sind), können wir unsere Offensivbemühungen eigentlich einstellen. Leider schaffen wir es in solchen Fällen nicht einmal das Unentschieden über die Zeit zu bringen, sondern laden den Gegner zum munteren Spaziergang in unserer Hälfte ein.
Mit freundlicher Genehmigung von www.werderblog.net




