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01.09.2008

Heckings Personalentscheidungen verwirren 96

Eiertanz mit Dieter

Text: Florian Pfitzner  Bild: Imago

Angesichts der sportlichen Krise ergreift Hannovers Coach Dieter Hecking Maßnahmen. Sie sind hart, soviel steht fest. Doch nach der 0:2-Schlappe gegen Stuttgart stellt sich die Frage: Sind sie auch richtig?

Heckings Personalentscheidungen verwirren 96 - Eiertanz mit Dieter


Dem guten Start beim VfB Stuttgart folgte erneut das bittere Ende. Eklatante Schwächen bei gegnerischen Standards sowie konstantes Unvermögen beim Torabschluss führten die torlosen »Roten« am Sonntag in der Mercedes-Benz-Arena auf den letzten Tabellenplatz. Dieter Heckings drastisches Signal an die Mannschaft verpuffte bereits nach 17 Minuten.

Hecking macht Ismaël zum Bauernopfer


Adduktorenprobleme, Wadenverhärtung oder Margen-Darm-Infekt – Dieter Hecking hätte sich vergangenen Freitag einfach einer jener branchenüblichen Notlügen bedienen können. Aber nein, er entschied sich dafür, die Ausbootung Valérien Ismaëls offen mit dessen aktuellem Leistungstief zu begründen – und damit ein riesiges Fass aufzumachen. Hannovers französischer Innenverteidiger sei momentan »nicht in der Verfassung, die wir uns von ihm wünschen«, so die Begründung. »Vale« käme dem Anspruch aller Beteiligten nicht nach, die Mannschaft in der jetzigen Situation zu führen. Starker Tobak. Warum ist Dieter Hecking so in die Offensive gegangen? Weshalb hat er ausgerechnet Ismaël mit einer derart drastischen Konsequenz an den Pranger gestellt?



Nachdem seine Mannschaft sowohl auf Schalke als auch zu Hause gegen Cottbus beinahe ausnahmslos schwach aufgetreten ist, entsteht der Eindruck, als ob die sportliche Leitung den 32-Jährigen als Bauernopfer auserkoren hat. Nach dem Motto: »Soll keiner behaupten, wir hätten nicht versucht, etwas zu ändern.« Da diese Nachricht so klar wie möglich transportiert werden sollte, erklärt sich auch die forsche Vorgehensweise des Trainers. Als wenig souverän stellte sich jedoch der Eiertanz um die richtige Formulierung heraus: Hieß es zunächst, dass Spieler und Trainer aufeinander zugegangen seien und »einvernehmlich« entschieden hätten, betonte Hecking später, dass er allein den Verzicht bestimmt und Ismaël mitgeteilt hätte. Wie dem auch sei: Man darf gespannt sein, wann und vor allem ob der Franzose in den kommenden Wochen wieder in der Lage ist, den Ansprüchen des Trainers zu genügen. Ismaël jedenfalls schweigt und trainiert.

Unfassbare Defensivschwäche bei Standardsituationen


Eher verständlich als die Ausmusterung Ismaëls ist die Szabolcs Husztis. Dessen Berater Vladan Filipovic hat in der Vergangenheit immer wieder Abwanderungsgerüchte um seinen Klienten forciert, womit jedoch in erster Linie der Ungar selbst offenbar nicht recht umgehen konnte. Folge: In einem schwachen Team war Huszti für viele 96-Anhänger der schlechteste Akteur. »Um den Kopf frei zu kriegen und sich darüber klar zu werden, was er will«, ließ ihn Hannovers Coach zu Hause. Nach diesen beiden Paukenschlägen veränderte Hecking sein Team gegen Stuttgart insgesamt auf fünf Positionen: Neben Eggimann, Wiederkehrer Cherundolo sowie dem genesenen Jan Rosenthal standen nach guten Trainingsleistungen Mikael Forssell und Basti Schulz auf dem Platz.

Zu Beginn der Partie schien die Radikalmaßnahme tatsächlich zu fruchten: Hannover 96 spielte engagiert, gewann die Zweikämpfe im Mittelfeld und eroberte zweite Bälle. Jan Rosenthal und Mikael Forssell hatten gleich in der ersten Viertelstunde große Möglichkeiten, den Tor-Bann der »Roten« zu brechen. Kurz darauf machte sich jedoch zum wiederholten Mal in der Saison die eklatante Defensivschwäche bei Standardsituationen bemerkbar: Gomez traf nach einer Ecke zur VfB-Führung, nachdem es die Hecking-Elf erneut nicht verstand, auf einen ruhenden Ball die Zuordnung im Strafraum zu behalten. Unbeeindruckten Ausgleichversuchen, beispielsweise durch den agilen Basti Schulz, bereitete Namensvetter Christian durch ein dummes Foul im eigenen Sechzehner ein jähes Ende.

Standortnachteil Hannover


Zu allem Übel schafften es die »Roten« auch am dritten Spieltag nicht, wenigstens die Premieren-Bude der Saison zu machen. Weder das wieder eingeführte 4-2-3-1-System, noch neues Offensivpersonal vermochten die bittere Bilanz vor des Gegners Kasten zu schönen. Folglich hat der Boulevard der niedersächsischen Landeshauptstadt zwei weitere Wochen, um die »Sechsundnullziger« mit Häme zu überschütten. »Schlaffdrauf« und Kollegen sei empfohlen, die nächsten Tage Zeitungskioske zu meiden.

Robert Enke kauft sich selten ein Nachrichtenblatt, wie er einem Reporter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung verriet. Den Keeper ärgert, dass »90 bis 95 Prozent der Journalisten kein spezielles Fachwissen zum Torwartspiel haben«, und folglich falsche Tatsachen unter die Leute brächten. In der Mercedes-Benz-Arena zu Stuttgart brauchte weder Zuschauer noch Protokollant explizites Verständnis von dem Job zwischen den Pfosten. Jeder hat gesehen, dass Robert Enke zu Recht in den kommenden beiden Länderspielen gegen Liechtenstein und Finnland das deutsche Tor hüten wird.

Nach dem missglückten Start, der Erkenntnis eines gewissen medialen Stanortnachteils sowie der saisonübergreifenden Defensivschwäche seiner Mannschaft denkt Enke legitimerweise immer lauter über seine sportliche Zukunft nach: »Wie es nach der Saison weitergeht, wird man sehen«, phrasierte er im Interview. Fans der »Roten« müssen befürchten, dass ihr Publikumsliebling ab der nächsten Spielzeit länger Zeit haben wird, um mit den Kollegen Gomez, Tasci und Hitzlsperger zu flachsen.





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