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Hans-Joachim Watzke im Interview Teil 2

"Ich muss aufpassen, dass ich nicht ins Schwärmen komme"

Text: Rahel Nowak, Christian Siejak und Arne Kazperowski#www.schwatzgelb.de  Bild: Imago

Was zeichnet denn eigentlich Thomas Doll als Trainer aus? Was ist anders bei ihm, als bei seinen Vorgängern? Und was macht Sie optimistisch, dass er jetzt die richtige Wahl gewesen ist?

Hans-Joachim Watzke: Ich muss aufpassen, dass ich, wenn ich die Arbeit von Doll beschreibe, nicht ins Schwärmen komme. Er ist der Trainertyp, so wie wir uns den eigentlich vorgestellt haben. Wenn Du einen malen könntest, würde das sehr ähnlich werden. Er ist unglaublich engagiert, das ist das erste. Er ist fleißig, bienenfleißig, was natürlich in der Intensität auch ein Novum bei uns ist. Er ist jeden Morgen um acht Uhr am Trainingsgelände, hält da alles den ganzen Tag in Schwung. Er trainiert sehr hart, aber sehr abwechslungsreich und sehr stark individualisiert. Das heißt: Wenn man das im Trainingslager gesehen hat, das hatte alles echt Hand und Fuß. Er und sein Trainerteam, das ganz wichtig für ihn ist, machen auch vieles, was man gar nicht sieht. Die setzen sich jeden Abend noch stundenlang zusammen und beraten, ob derjenige noch fünf Prozent mehr oder fünf Prozent weniger Belastung braucht. Du merkst einfach: Da ist sehr viel Akribie, aber auch sehr viel wissenschaftliche Fundierung.

Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn heute ein Trainer sagt: „Alles Quatsch, ich sehe das alles so.“ Das kann nicht sein, keiner kann bei einem Kader von 22 oder 25 Spielern so in die Spieler gucken, dass er genau weiß, wie hoch oder tief er die Belastung dosieren muss. Und ich glaube, das ist schon wichtig. Das macht er prima, und er ist obendrauf ein Sympathieträger, was zwar nicht kriegsentscheidend ist, wenn es darum geht, Punkte zu holen, aber was die ganze Sache natürlich auch noch mal entspannter macht. Aber das Entscheidende ist: Er ist Fußballer durch und durch. Die Spieler akzeptieren ihn natürlich auch, weil sie wissen: Er hat in Italien gespielt, war ein genialer Fußballer, ist taktisch stark, akribisch, kreativ. Wir haben das nicht an die große Glocke gehängt, aber was wir allein in den letzten Monaten im leistungsdiagnostischen Bereich gemacht haben: Mit einem System der Spielüberwachung und Spieldiagnostik, Arbeit im Mentalbereich, mit Arbeit im speziellen Fitnessbereich, mit Scoutingsystemen, mit kleinen Dingen, die gar keiner sieht. Das kommt dem, was ich mir eigentlich immer vorgestellt hatte hier bei Borussia Dortmund, schon sehr nah. Deshalb zolle ich da dem Thomas Doll einen Riesenrespekt.

"Fakt ist jedenfalls, dass der Trainer dazu das Recht hat"

Denken Sie, dass er auch emotional hier angekommen ist? Er hängt offenbar ja noch sehr an Hamburg.

Das ist ja auch gut so, ich finde das klasse. Mir sind immer die Leute suspekt, die da von einem Club zum anderen wechseln und innerhalb von einem Tag die alte Jacke abstreifen und die neue anziehen und dann sagen: „So, jetzt bin ich hier, und da ist es vorbei.“ Man merkt, dass die Hamburger Zeit ihn extrem prägt, er war Spieler und Trainer da, hat sehr lange dort gelebt. Er ist ja auch von der Küste, aus Mecklenburg-Vorpommern. Da merkst Du diese Heimatverbundenheit, und die finde gerade ich persönlich gut, weil ich weiß: Ich selbst könnte das eh nicht. Ich könnte nicht jetzt sagen: „Nächste Woche bin ich der Vorsitzende von Club X“ oder so was. Und insofern finde ich das sehr sympathisch, dass der HSV immer noch für ihn eine Rolle spielt. Aber er ist komplett angekommen, und was die gesamte Arbeit natürlich auch unglaublich erleichtert, ist, dass zwischen den handelnden Personen – also Trainer, Sportdirektor und meiner Person – die Chemie sehr, sehr gut ist. Das passt also ideal, und das macht vieles auch etwas leichter, das ist gar keine Frage.

Um Thomas Doll und Borussia Dortmund ist nach dem gewonnen Derby eine große Euphorie ausgebrochen. Einen kleinen Dämpfer hat das Ganze jetzt aber in der Vorbereitung beim Thema Lars Ricken erhalten. Die Art und Weise, dass er nicht mit ins Trainingslager durfte und wie er ausgebootet wurden, missfällt vielen. Kann man so mit einem verdienten Spieler wie Lars Ricken umgehen? Sollte man das tun?


Der entscheidende Punkt ist ja der: Eigentlich macht diese ganze Aktion den Thomas Doll auch authentischer, weil man ihm zumindest nicht nachsagen kann, dass er populistisch ist. Wenn er das wäre, hätte er es einfacher haben können. Aber er hat im Vorfeld schon, vor Wochen und Monaten, dem Lars Ricken klar gesagt – und das haben auch Michael Zorc und ich getan -, dass er unter ihm keine Rolle spielt. Das kann man so oder so bewerten. Fakt ist jedenfalls, dass der Trainer dazu das Recht hat. Dass wir natürlich als Verantwortliche - und hier sehe ich vor allem mich selbst in der Verantwortung - dem Lars Ricken einen besonderen Respekt schuldig sind, ist auch klar. Aber noch einmal: Das kann nicht soweit gehen, dass der Trainer von mir eine Ansage kriegt: „Der muss mit ins Trainingslager.“ Das ist schlussendlich Entscheidung des Trainers. Und umgekehrt ist es meine Aufgabe und die von Michael Zorc, der lange Mannschaftskollege von ihm war, trotzdem mit Lars Ricken die Sache zu besprechen. Und Stand heute ist das einfach so, dass ich am letzten Wochenende noch mit Lars Ricken gesprochen habe. Und wir haben jetzt eine Vereinbarung: Wir warten ab, was der 31.8. (Schließung des Transferfensters, Anm. d. Red.) bringt und ob sich für Lars dann noch etwas tut.

Ansonsten werden wir uns sofort am ersten oder zweiten September zusammensetzen und werden eine einvernehmliche Lösung finden - wie auch immer die aussehen mag, das weiß ich leider noch nicht. Wir werden jedenfalls irgendetwas machen, dass alle Beteiligten – der Trainer, wobei das keine Trainerfrage ist, der Club Borussia Dortmund und der über alle Maßen verdiente Spieler Lars Ricken – anschließend nicht als Verlierer aus der Veranstaltung gehen. Das ist wichtig, das ist schwierig, aber dieses Thema ist auch nicht Borussia-Dortmund-spezifisch, das hat es schon in Köln gegeben in den 70er Jahren mit Wolfgang Overath, das hat es schon bei Bayern München mit Gerd Müller gegeben, und das war immer dann schwierig am Ende.

Und der Lars ist 14 Jahre Profi, das darf man auch nicht unterschätzen. Auch wenn er erst 31 ist, man darf aber auch nicht vergessen, dass er mit 17 angefangen hat. Und zwar in einer Zeit mit Doppelbelastung, mit Schule und Champions League und was weiß ich nicht noch alles. Also egal wie man das jetzt bewertet: Ich fand das grundsätzlich legitim, was der Trainer gemacht hat. Unsere Aufgabe ist es, dass das nicht als Respektlosigkeit gegenüber dem Spieler Lars Ricken ausgelegt wird.


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