Die Karriere von Andreas Ivanschitz
Ivan, der Schitzige
Text: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Die Liga feiert Andreas Ivanschitz. Dieses Schulterklopfen kennt der Österreicher nur zu gut. Allerdings hat der Mainzer Spielmacher in seiner bewegten Karriere auch schon sehr viel einstecken müssen. Deshalb ist er nun vorsichtiger.
Auf einmal hetzen sie aus der Fankurve auf den Zaun. Erst ist es ein Vermummter, dann zwei, bald ein Dutzend. Bierbecher fliegen durch die Luft, Feuerzeuge hinterher, böse Worte sowieso. So geschehen im Mai 2007 beim Freundschaftsspiel zwischen Österreich und Schottland im Wiener Hanappi-Stadion. Die, die da oben standen und brüllten, dass waren die Anhänger von Rapid Wien und sie hatten ein Ziel: Andreas Ivanschitz, den Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft. Dieser Abend im Mai 2007 war der Tiefpunkt einer gnadenlosen Hetzjagd, die in Österreich über das Talent Andreas Ivanschitz hereinbrach und ihn beinahe zerstört hätte.
Dabei war Ivanschitz mal einer von ihnen, ein Rapidler, ein Rekordhalter dazu. 1998 debütierte Ivanschitz im Alter von nur 16 Jahren in der ersten Mannschaft von Rapid Wien. Natürlich war noch nie jemand zuvor jünger in das grün-weiße Trikot der Rapid Profis geschlüpft. So wurde Rapid der Startpunkt einer Karriere, die so bisher in der Alpenrepublik ihresgleichen suchte. Ivanschitz´ Aufstieg setzte sich sukzessive fort: Als er mit 19 Jahren vom damaligen Nationaltrainer Hans Krankl zum jüngsten Nationalmannschaftskapitän in der Geschichte des österreichischen Fußballs gemacht wurde, witterte die Presse endlich wieder einen neuen Helden. Die ohnehin nur selten verwöhnten, österreichischen Zuschauer gierten nach einem Star und huldigten ihren „Ivanator“ als den Retter des Alpenfußballs. Der Sohn eines Musiklehrers war scheinbar nicht mehr aufzuhalten, begeisterte die Rapid-Fans mit seinen Tempodribblings und bestimmte als Spielmacher den Takt des österreichischen Fußballs. Trainer wie Lothar Matthäus und Josef Hickersberger schwärmten in höchsten Tönen von ihrem Mittelfeldmotor. Zusammen mit Steffen Hofmann und dem heutigen Düsseldorfer Axel Lawaree führte Ivanschitz Rapid dann 2005 zum ersten Meistertitel nach einer fast zehnjährigen Durststrecke. Als der Kapitän Ivanschitz sich mit Rapid auch noch für die Hauptrunde der Champions League qualifizieren konnte, waren auch die letzten Zweifler überzeugt, dass Ivanschitz jetzt in eine Reihe mit den Krankls, Prohaskas und Herzogs gehöre, den Großen, die dem österreichischen Fußball in der Vergangenheit Glanz verliehen hatten.
»Judaschitz« statt »Ivanator«
Und auch in der Saison 2005/06 fand die Erfolgsgeschichte Ivanschitz erst einmal kein Ende: Rapid startete stark, galt vor der Winterpause wieder als Meisterschaftsanwärter und vertraute voll und ganz auf die Fähigkeiten von Ivanschitz. Doch am vermeintlichen Höhepunkt seiner Laufbahn, entschied sich der Liebling der Österreicher für einen Schritt, von dem sich sein Ruf so schnell nicht mehr erholen sollte. Obwohl er den Rapidfans kurz zuvor ewige Treue geschworen hatte, wechselte er in der Winterpause für vier Millionen Euro überraschend zum Kommerzclub Red Bull Salzburg. Plötzlich begann sich die Stimmung in Österreich, gegen den ehemaligen Heilsbringer zu wenden. Eine mediale Hetzjagd, befeuert vom wenig zimperlichen österreichischen Boulevard, wiegelte die Rapid-Anhänger gegen ihr einstiges Idol auf, fortan wurde Ivanschitz bei jedem Auftritt mit Salzburg und der Nationalmannschaft gnadenlos ausgepfiffen. Ivanschitz war nun nicht mehr der »Ivanator«, fortan hallte es unschön »Judasschitz« von den Rängen. Wie sehr ihm der Unmut der Zuschauer zusetzte, zeigte sich in Salzburg schnell. Seine Leistungen stagnierten, immer öfter fand sich Ivanschitz auf der Bank wieder. Eine ungewohnte Situation für einen Durchstarter, der in seiner Turbokarriere bisher nur den Weg nach vorne kannte.
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