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Alles dreht sich um Podolski

Die Macht der Gefühle

Text: Philipp Selldorf  Bild: Imago

Beim 3:0-Sieg des FC Bayern huldigt das Kölner Publikum dem Münchner Lukas Podolski – der zeigt seine Verbundenheit mit der rheinischen Großfamilie. Und versinkt im Rasen des RheinEnergieStadions.

Alles dreht sich um Podolski - Die Macht der Gefühle


Es war nicht einfach für die Bayern, sich in Köln auf das Wesentliche zu konzentrieren. Selbst nach dem Spiel. Da stand Philipp Lahm in der Interviewzone und erzählte von den 90 Minuten, Mark von Bommel neben sich, zwei prominente und wichtige Zeugen - aber die Reporter hatten kein Ohr und kein Auge für sie, weil sie auf einen Bildschirm unter der Decke guckten. »Dann beenden wir eben das Interview«, sagte Lahm, drehte sich um - und schaute ebenfalls auf den Fernseher. Danach kommentierte er nicht mehr den 3:0-Sieg seiner Bayern beim FC, sondern den Elfmeter, der beim Ruhrpott-Derby das 3:3 brachte, während van Bommel diskret anklingen ließ (»Ah, der Lutz«), dass auch er schon Erfahrungen mit dem in Dortmund tätigen Schiedsrichter Wagner gemacht hat. Unerfreuliche Erfahrungen, wie er gar nicht mehr erläutern musste.

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So ging es zu am Samstagnachmittag in Köln. Es war viel los im selbstredend randvollen Stadion in Müngersdorf, weniger während des Spiels, dafür drumherum. Zunächst hatten sich die Bayern bei den Gastgebern mit einer netten Geste beliebt gemacht, als Jürgen Klinsmann und Mark van Bommel Genesungswünsche und Geschenke an den Kölner Kapitän Ümit Özat überbrachten. Ümit, der wegen einer Herzmuskelentzündung unbestimmte Zeit pausieren muss, war im eleganten Anzug erschienen und richtete rührende Worte an das Kölner Publikum, das ihn zuletzt mit Briefen und Ermutigungen überschüttet hatte. »Ich liebe Euch«, sagte Ümit ins Mikrofon.

Sein Münchner Kapitänskollege van Bommel trug ebenfalls Anzug, allerdings Trainingsanzug. Während sich Ümit auf der Ehrentribüne niederließ (zuvor musste er Umarmungen des gesamten Vereinsvorstands verkraften), nahm van Bommel auf der Ersatzbank Platz. Zum Einsatz kam er nicht. »Die Rotation beginnt«, klärte er später auf. Mit Rücksicht auf das erste Champions League-Spiel am Mittwoch bei Steaua Bukarest hatte Klinsmann auf seinen Anführer verzichtet, was programmatischen Charakter hatte. Jetzt bricht die Zeit an, da der Trainer mit seinen Ressourcen jonglieren muss. Beim FC kamen die Münchner auch mit van Bommels Stellvertreter Andreas Ottl bestens aus.

Alles dreht sich um Lukas Podolski

Sie gewannen dank Geduld und Klasse und dem Doppel-Schützen Luca Toni mit Leichtigkeit, die Kölner nahmen ihre Unterlegenheit gelassen: »Wir haben heute gelernt«, sagte Trainer Christoph Daum, Klinsmann und dessen Werk lobend. Aber wer fragte noch nach dem Spiel? In Wahrheit ging es ja gar nicht um eine Bundesligapartie und drei Punkte, sondern um Lukas Podolski.

Wie van Bommel saß auch Podolski zunächst auf der Ersatzbank, was nicht verhinderte, dass er unentwegt im Mittelpunkt der Veranstaltung stand. Später diskutierten Kölner Fans darüber, ob von ihresgleichen eine ethische Grenze überschritten wurde: Darf man einem Spieler der gegnerischen Mannschaft während der Partie so haltlos zujubeln? Selbst dann, wenn es ein Kölner in der Verkleidung eines Münchners ist?



Süddeutsche@11Freunde




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