Agon Verlag: 136 Seiten - 19,90€
Jens Fuge: Der Rest von Leipzig
Text: Ralf Szemann Bild: Promo
Die Reihe »Fußballlegenden« aus dem Agon Verlag ist schon heute, nach dem Erscheinen des siebten Bandes, ein höchst verdienstvolles Unterfangen.
So wie sich etwa das Autorenduo Volker Stahl/Folke Havekost Helmut Schön und Gerd Müller biografisch genähert hat, so bringt auch Jens Fuges packendes Porträt der Meistermannschaft der BSG Chemie Leipzig von 1964 einen Erkenntniswert, der bis in die Gegenwart reicht. Denn wer verstehen will, warum sich die Anhänger der großen Leipziger Klubs, hier Lok und dort Chemie, bis heute unversöhnlich gegenüberstehen, muss zurückblicken ins Jahr 1963, als das Zentralkomitee der SED in Berlin eine weitreichende sportliche Entscheidung trifft. Es erging die Weisung, aus den beiden Retortenklubs SC Lokomotive und SC Rotation einen neuen Großklub zu bilden, den SC Leipzig. Die anderen, der Fusion zum Opfer gefallenen Spieler sollten in der 1954 aufgelösten BSG Chemie eine neue sportliche Heimat finden. Chancen, weiter hochklassigen Fußball zu spielen, wurden aber nur dem Vorzeige-Sportklub eingeräumt. Doch die Planung am Reißbrett funktioniert nicht, da kann der alte Rotation-Kapitän Siegfried Fettke seinen Mannschaftskameraden Bernd Herzog trösten: »Die haben den Fehler gemacht, Leutzsch wiederzubeleben. Du wirst sehen, ihr habt vom ersten Spiel an die Hütte voll!«
Und tatsächlich, der »Rest von Leipzig«, wie die BSG Chemie spöttisch gerufen wird, steigt zum Überraschungsteam der Saison 1963/64 auf. Eine Mischung aus Trotz, Beharrungswillen und Begeisterung trägt die zusammengewürfelte Mannschaft durch die Saison, die märchenhaft endet: Die BSG Chemie, die Mannschaft der Aussortierten, wird Meister der DDR-Oberliga. Zum letzten entscheidenden Spiel in Erfurt reisen über 10 000 Leipziger mit, eventuell sogar noch mehr. Spieler Klaus Walter: »In Erfurt müssen an die 70 000 Leute gewesen sein, wenn ich daran denke, wer mir schon alles erzählt hat, dass er mit in Erfurt war!« Nach dem Spiel brechen alle Dämme, begeisterte Fans stürmen den Platz und reißen den Spielern Trikots, Hosen und Stutzen vom Leib. Horst Slaby kämpft einen aussichtslosen Kampf: »Nach dem Schlusspfiff konnte ich nur meine Unterhose retten, wenn ich die nicht richtig festgehalten hätte, wäre die auch noch weg gewesen«



