Die Geschichte der Fußballfans

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WEILER und CAMPINO

Text: Campino und Weiler  Bild: Erik Weiss/Susanne Schleyer

WEILER und CAMPINO

Weiler: Was ich nicht verstanden habe, war deine ständige Kritik an den Deutschen, nur weil sie  mal vier Wochen lang mit ein paar doofen Fähnchen rumwedeln. Diese allgemeine Beflaggung wird doch nach der WM schnell wieder verschwunden sein. Es bleiben vielleicht höchstens noch ein paar vergessene Stofffetzen an den Balkons hängen, so wie damals die regenbogenfarbenen "PACE"-Flaggen nach dem Irak-Krieg.

Campino: Ich fand das erstaunlich, wie viele Fähnchen schon am Tag nach dem Halbfinale nicht mehr wehten. Die waren bestimmt von denselben Leuten, die gerufen haben "Stuttgart, Stuttgart, wir fahren nach Stuttgart!" Das würde doch ein echter Fan niemals rufen. Und da muss man sich auch mal fragen: Sind diese Leute überhaupt Deutsche? (lacht) Das Autofähnchen-Zählen macht jetzt aber wieder richtig Spaß. Denn man kann es auch mit Leuten spielen, die nicht weiter als bis zehn kommen.

Weiler: Was mich mehr schockiert hat als die Fähnchen, war, dass die Musik in der deutschen Mannschaft von Gerald Asamoah ausgesucht wurde und die Spieler sich deshalb vier Wochen lang Xavier Naidoo anhören mussten. Da grenzt es doch geradezu an ein Wunder, dass sie das Spiel um den 3. Platz erreicht haben. Ein brillanter Schachzug war es hingegen, den schlecht gelaunten Olli Kahn nochmal ins Tor zu stellen, natürlich nur, um die Portugiesen das ganze Spiel hindurch anzubrüllen.

Campino: Ich hätte es an seiner Stelle als Demütigung empfunden. In dem Moment, wo alles gelaufen ist, darf der Rentner noch mal ran. Ich sehe das als hilflosen Versuch von Klinsmann und Lehmann, "Samma wieda guat?" zu rufen. Oliver Kahn ist als Existenz zerstört. Der wird jetzt noch mal hochgejubelt, aber in 14 Tagen ist er alleine mit seinem Problem, dass er nicht eingewechselt wurde, als es wichtig war.

Weiler: Immerhin hat das Kurzpassspiel bei der deutschen Mannschaft besser funktioniert als bei den meisten anderen. Man darf auch nicht vergessen, dass bei den Italienern hinten drin nur Männer standen, die regelmäßig Champions League spielen. Bei uns steht da einer von Hertha und einer von Dortmund. Ich lasse mir das von dir auch nicht schlecht reden. Das Finale zwischen den Spielzerstörern aus Frankreich und Italien wird bestimmt kein gutes Fußballmatch werden, das Spiel um den dritten Platz aber schon.

Campino: Dass du dich traust, so etwas zu sagen, während deine Familie mit dem Dolch hinter dir steht! Es stimmt aber auch einfach nicht. Eine der schönen Geschichten dieser WM ist doch, dass Zinedine Zidane beerdigt von Frankreich nach Deutschland einreiste und Stück für Stück wieder augebuddelt wurde. Dass er so einen starken Abgang gegen Spanien, Brasilien und Portugal hingelegt hat, das zeigt seine Klasse. Und das ist eigentlich DIE schönste Geschichte dieser WM, ein modernes Fußballmärchen.

Weiler: Ich bin mir sicher, dass man die WM von 2006 hierzulande immer mit der deutschen Mannschaft verbinden wird. Das ist genauso wie mit den Weltmeistern von 1990. Die Jungs waren einfach richtig sympathisch und haben das Land vier Wochen lang in ihren Bann gezogen.

Campino:
Dass aber jetzt schon wieder alle davon reden, dass das deutsche Team 2010 Weltmeister wird, das klingt für mich verdächtig nach Beckenbauers "Wenn jetzt noch die DDR dazu kommt, sind wir auf Jahre hinaus unschlagbar". Deutschland wird schon bald wieder in den alltäglichen Sumpf des Grauens rutschen, in dem es bereits vor der WM feststeckte.

Weiler: Da empfehle ich dir jetzt aber mal einen Blick in die Statistik. In der Süddeutschen Zeitung stand nach dem Halbfinale zwar, dass Fabio Cannavaro wahrscheinlich der beste Innenverteidiger der Welt ist. Aber wer hat bisher die beste Zweikampfbilanz bei dieser WM? Per Mertesacker.

Campino: Aber gegen wen durfte der ran? Deutschland hatte eine absolute Gurkengruppe. Oder würdest du dir den miesen Kick gegen Costa Rica noch mal angucken wollen? Ich will nichts mehr von diesem Turnier sehen. Klar, die Fan-Meilen und der ganze Quatsch waren toll, aber der Sport selber war eine Totalkatastrophe. Fußball wurde nun wirklich nicht viel gespielt. Es war eine der torärmsten WMs aller Zeiten, es gab kaum Überraschungen und alle Exoten sind früh ausgeschieden. Ich habe meine Zeit verschwendet.

Weiler: Ich habe meine Zeit auch verplempert, aber das kann man ja vorher nicht wissen. Wer konnte vorher ahnen, dass die Argentinier und Brasilianer so schrecklich spielen? Und wer hätte vermutet, dass die Italiener am Daumen lutschen und sich im Strafraum fallen lassen? Ich habe den Fernseher immer in der Hoffnung eingeschaltet, dass es ein großes Spiel wird. Die einzigen großen Spiele habe ich aber nun mal von der deutschen Mannschaft gesehen. Ich wüsste keine Mannschaft, die mir genauso gut gefallen hätte.

Campino: Mir haben einige Mannschaften besser gefallen, unter anderem "deine" Italiener. Italien hat das wieder mal sehr abgezockt geregelt und auch Argentinien hat überhaupt nicht enttäuscht. Die sind nicht gegen Deutschland ausgeschieden, sondern gegen den Schiedsrichter. Wir erinnern uns doch alle an diesen glasklaren Elfmeter, bei dem jeder Deutsche immer noch am liebsten das Thema wechseln will. Der argentinische Stürmer hat die Gelbe Karte für diese angebliche Schwalbe natürlich völlig zu Unrecht bekommen.

Weiler: Ich habe vor der WM über Italien gesagt: Haargel schießt keine Tore. Jetzt muss man aber sagen: Haargel verhindert Tore. Die italienische Abwehr ist echt schrecklich, für uns alle. Ich habe aber großes Mitgefühl mit den Spielern. Egal ob die am Sonntag gewinnen oder nicht: Am Montag wird die Hälfte der Mannschaft arbeitslos sein, weil die fast alle bei Juventus spielen (lacht). Es scheint mir aber irgendwie, dass du ablenken willst. Wer war denn nun wirklich Schuld an Englands Ausscheiden?

Campino: Der Quotentrottel diesmal hieß Wayne Rooney und steht damit in der unschönen Tradition solcher Schwachköpfe wie Paul Gascoigne und David Beckham. Ich habe mir die ganze Zeit vorgelogen, dass beim nächsten Spiel bestimmt der Knoten platzt, dass das wahnsinnige Potential der goldenen Generation endlich heraus bricht - und ich musste doch wieder enttäuscht nach Hause fahren, wie immer. Andere Mannschaften haben dafür irgendwelche anderen Faxen gemacht und den Gegner übelst provoziert.

Weiler: Ich verstehe, worauf du hinaus willst. Die Argentinier hatten vorher aber die deutsche Mannschaft beim Elfmeterschießen unflätig auf Spanisch beschimpft.

Campino:
Es muss den Spielern aber doch mal jemand stecken, dass überall Kameras sind. Ich würde denen sagen: Bitte haut dem Gegenspieler erst in die Fresse, wenn ihr im Kabinengang seid! Das kann doch nicht so schwer sein. Ich fand die Sperre viel zu mild. Nur weil Deutschland Gastgeber ist, wurde Frings lediglich für ein Spiel gesperrt. Das ist in den Statuten gar nicht vorgesehen. Lieber Torsten Frings, du bist es selbst schuld, red dir das nicht schön! Du hast für Deutschland versagt, du hast 80 Millionen Menschen unglücklich gemacht.

Weiler: In dem Punkt muss ich dir ausnahmsweise zustimmen. Wenn man einem eine reinhaut und hinterher nicht die Eier hat, das zuzugeben, ist das nur peinlich. Da kann man nicht einfach behaupten, man hätte sich nur die Hände vor das Gesicht gehalten.

Campino: Der allergrößte Depp des Turniers ist für mich aber Wayne Rooney, und das nicht nur wegen des Eiertretens. Dass er sich zwei Tage später hinstellt und alles abstreitet, finde ich unglaublich. Und dass er seinem Klubkollegen Cristiano Ronaldo über die englischen Zeitungen angedroht hat, ihn auseinander zu nehmen, wenn er zurück nach Manchester kommt, war für mich ein Paradebeispiel dafür, dass man in England einfach nichts dazu lernt.

Weiler: Man kann sich wohl noch nicht einmal auf das Endspiel freuen: Die Italiener haben erst ein Tor reingelassen, bei den Franzosen sieht das ähnlich aus. Und ich mag einfach diese komische Mentalität nicht, dass man sich nicht auf das Spielen beschränkt, sondern alle 20 Sekunden auf dem Platz herumliegt. Italien hat bis zum Finale die meisten Schwalben von allen Mannschaften produziert, mit großem Vorsprung vor den Portugiesen. Da tut dem Einen der Kopf weh, den Nächsten schmerzt die Hüfte, und das alles nur, um den Spielfluss kaputt zu machen.

Campino: Die Italiener haben gegen Deutschland aber schön offensiv gespielt. Ich esse seitdem nur noch Pizza. Was sich bei dir abspielt, ist wohl eher ein Eheproblem. Du weißt, dass du die nächsten vier Jahre nach Italien in die Ferien fahren musst und man dir überall mehr Essen hinstellen wird - natürlich nur aus Mitleid und nicht, weil man dich liebt.

Weiler:
Es wird anders sein. Sie werden mir sagen, dass wir gar nicht mehr antreten brauchen und die Spiele ab sofort immer direkt mit 2:0 für Italien gewertet werden. Und die werden mich andauernd an die großen WM-Spiele erinnern: 1970, 1982, 2006.

Campino: Und ich mache da dann in vier Jahren ein Lied draus und verdiene mich bei der nächsten WM dumm und dämlich: (singt) "1970, 82, 2006, ja, so stimmen wir alle ein.".




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