Deutschland – Italien 0:2 n.V.
Text: Jens Kirschneck Bild: Jens Kirschneck

Ein paar Stunden danach ist alles fast schon wieder wie früher. Der schnurrbärtige Herr mit dem markanten sächsischen Akzent und einem Gerd-Müller-Trikot am Leib schnauzt den ICE-Schaffner an, weil er wegen der Verspätung des Zuges seinen Anschluss nach Dresden nicht erreicht – als wäre es ein Kinderspiel, ohne Reibungsverluste den Abfluss von mehreren zehntausend Menschen aus Dortmund zu organisieren. Doch der Schnurrbart kennt kein Pardon: „Wenn ich einen Fehler mache, muss ich auch dafür gerade stehen! Eine Unverschämtheit ist das! Ich will mein Geld zurück, ich verklage die Bahn!“ Nachdem Deutschland knapp vier Wochen lang das weltumarmende einig Kuschelreich gab, wird der Umgangston wieder rauer. Denn wir sind raus. Auf der Rückfahrt haben aber noch nicht alle die Kraft, den übellaunigen Deutschen in sich herauszukehren. Die meisten sind einfach nur müde und traurig. Wie Blase, von dem man weiß, dass er so heißt, weil er den Namensschriftzug auf sein weißes T-Shirt gemalt hat, zusammen mit einer schwarz-rot-goldenen 2. Jetzt aber ist Blase über seinem Tischchen im Großraumwaggon zusammengesackt, schläft den Schlaf des Gerechten und sein T-Shirt ist nicht mehr weiß. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll angefangen. Den ganzen Tag über war Blase mit den Kumpels durch Dortmund gezogen und gemeinsam mit vielen anderen hatten sie den immer gleichen Slogan skandiert: „Ihr seid nur ein Pizzalieferant!“ Das aber, so sollte sich im Spiel bald herausstellen, war knapp an der Wahrheit vorbei. Was immer man gegen die italienische Mannschaft bei diesem Turnier vorbringen konnte, im Halbfinale lieferte sie eine nahezu perfekte Partie ab. Da mochte die Atmosphäre wegen der Frings-Affäre im Vorfeld noch so aufgeheizt sein, die Italiener blieben kühl bis ans Herz. Und als alle im Stadion sich auf ein Elfmeterschießen eingestellt hatten, schlugen sie zweimal zu. Sämtliche Deutschen, Zuschauer wie Spieler, fielen danach in eine minutenlange Schockstarre, an die sich einer der ergreifenden Momente dieser WM anschloss: wie die deutschen Spieler, partiell tränenüberströmt, zu „You’ll never walk alone“ ihre Ehrenrunde abschritten. Warum die von allen guten Geistern verlassene Stadionregie mitten in die feierliche Stimmung hinein den schon freudetrunken schwer erträglichen Gassenhauer „Hände zum Himmel“ in den CD-Player warf, bleibt allerdings ihr Geheimnis. Vielleicht war dies der Moment, wo aus einem freundlichen Sachsen wieder der hässliche Deutsche wurde.


