Ein letztes Mal
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago

Mit der Konzentration und Würde eines Schachgroßmeisters verwandelte er gestern Abend den Strafstoß zum 1:0 für Frankreich. Ricardo im Tor der Portugiesen hatte, obwohl er optimal sprang, nicht den Hauch einer Chance. Es blieb bei diesem Ergebnis, das symptomatisch für ein Spiel war, das wiederum symptomatisch für das ganze Turnier war: Die Mannschaften neutralisierten sich mittels einer Taktik der engen Räume, bis beide zu ersticken drohten. Als Meister des Erwürgens erwies sich wieder einmal Lilien Thuram, der später zum „Man Of The Match“ gewählt wurde. Am Ende fiel Portugal röchelnd zu Boden.
Zidane, der Unterschied
Thuram hatte fürs Ersticken gesorgt, Zidane brachte den Atem. Er war es, der in zwei gleichwertigen Mannschaften den Unterschied ausgemacht hatte. Bei all seiner Eleganz ist er nie so manieristisch und unnötig verspielt wie Ronaldinho - und frei von jeglicher Melancholie eines Luis Figo. Wie ein Erster Geiger, der den Ton nicht mehr trifft, schlich dieser gestern über den Platz – oder besser: wie einer, der weiß, dass er den Ton nie wieder treffen wird. Anders Zizou: Immer zweckmäßig, meistens den Ton treffend, führte er die Blauen ins Finale. Seltsam, dass die Portugiesen sich in den letzten Minuten nicht merklich aufbäumten. Deco blieb unsichtbar, Maniche lief und lief und lief ins Leere, Cristiano Ronaldo zeigte, obwohl er uneigennütziger spielte als gewohnt, ebenso wenig Wirkung. Vielleicht waren sie ausgelaugt von den Schlachten gegen die Niederlande und England. Vielleicht verzweifelten sie auch an der eiskalten Souveränität der französischen Abwehrreihe mit Sagnol, Gallas, Abidal und eben Thuram.
Der hatte das Halbfinale 1998 gegen Kroatien mit zwei Treffern allein entschieden. Damals noch rechter Außenverteidiger, ist er nunmehr zu einem der stärksten Abwehrchefs weltweit gereift. Für ihn wird es am Sonntag ebenfalls das letzte große Finale seiner internationalen Laufbahn sein, so wie für viele Spieler der Equipe Tricolore, für Barthez, Makelele, Wiltord, wahrscheinlich auch für Vieira und Henry.
Mit der Aura einer Gottheit
Als wäre das nicht ergreifend genug, erleben wir eine Zuspitzung von dramatischem Ausmaß: Für Zizou ist es das letzte Spiel seiner Laufbahn überhaupt. Wisst Ihr noch, als er – mit Haaren auf dem Kopf - im UEFA-Cupfinale 1996 mit Boreaux die Bayern ärgerte? Als er zwei Jahre später bei der WM im eigenen Land zum Weltstar wurde? Als er 2002 im Championsleague-Endspiel Bayer Leverkusen mit einem Zaubertor besiegte? Natürlich wisst Ihr das noch. Und Ihr wisst auch noch, wie er strauchelte, sich bei der letzten WM und der darauf folgenden EM beinah blamierte. Jetzt ist er wieder so stark wie damals – mit der Aura einer Gottheit vielleicht sogar noch stärker. Man merkt ihm an, dass er in diesem Tunnel ist, durch den er schon 1998 schritt und an dessen Ende der Pokal funkelt, hochkonzentriert und mit einer Gleichmut und Ruhe am Ball, die ihresgleichen suchen.
Wird er seinen Bewacher Gattuso am Sonntag als das entlarven, was er ist: ein Giftzwerg, den der Fußballzeitgeist in Vergessenheit geraten lassen sollte? Wird er den italienischen Beton zerschlagen? Will he come back? Ästheten weltweit wünschen es sich: Komm noch einmal zurück, Zizou – bevor Du für immer gehst.




