Aus, aus! Der Traum ist aus!
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago

Es gibt sich selbst erfüllende Prophezeiungen. „Ich glaube, ich werde krank“ ist so eine, „Das geht bestimmt schief“ eine weitere, und „Aus dir wird nie was“ ist wohl die Prophezeiung, die sich am häufigsten selbst erfüllt. Wenn etwas typisch deutsch ist, dann die Tatsache, dass allermeistens eine negative Zukunft erahnt und schließlich nicht ohne Triumph in der Stimme gesagt wird: „Ich hab’s doch gewusst!“
Halbleeres Glas, Teufel an der Wand, kein gutes Ende, blablabla: Auch über die Nationalmannschaft wurde geunkt, dass man sich fragen musste, wann den Unken selbst eigentlich mal schlecht wird. Sicherlich, im Frühjahr 2006 sah es nicht gut aus: Kahn und Lehmann drohten sich im Gigantenduell zu verzetteln, die Abwehr war ein Gartenzaun, im Mittelfeld drohte Ballack unter der Last der Verantwortung zermalmt zu werden, und vorne? Kevin Kuranyi. Gute Nacht.
Was nun? Es wäre wiederum typisch gewesen, sich in Wehklagen zu ergehen, das große Turnier vorab zu einer einzigen Blamage zu erklären, eben das denkbar Negativste zu prophezeien. Dahingehende Versuche hat es genug gegeben. Die Tradition, die einst unter Jupp Derwall begann, sich unter Berti Vogts fortsetzte und unter Erich Ribbeck zur grotesken Blüte gelangte, schien erneut über uns zu kommen: Eine deutsche Mannschaft tritt ohne einen Funken Selbstvertrauen bei einer WM an. Kurzum: Schon damals hätten wir eigentlich nach Hause fahren können. Aber zu Hause: Da waren wir ja schon, und eine ganze Menge Freunde hatten sich zum Besuch angekündigt.
Florenz, im März
Eines muss man festhalten: Es hätte zu diesem Zeitpunkt wohl keinen richtigeren Mann für das Amt des Bundestrainers gegeben als Jürgen Klinsmann. Er war es, der die sich selbst erfüllende Prophezeiung mit aller Kraft ins Positive drehte. Vielleicht setzte dieser Prozess in Florenz ein, im März, nach dem 1:4 der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien. Aus dem depressiven Nichts schöpfte Klinsmann danach noch immer den Glauben, dass seine Jungs Weltmeister werden können. Obwohl er damit wahrscheinlich weltweit der einzige war, wurde er nicht müde, gab nicht auf, nölte nicht herum. Dass spielerisch-technisch einiges im Argen lag, muss ihm bewusst gewesen sein – und auch, dass er in der Kürze der Zeit die Defizite nicht würde tilgen können. Doch durch sein laienpsychologisches Geschick etablierte er eine Kämpfermentalität in der Truppe, die, begünstigt durch die historische Einmaligkeit der WM im eigenen Land, es allen verbot, sich hängen zu lassen. Kaum jemand kann so gut wollen wie Klinsmann, der als Aktiver selbst in seinen Fähigkeiten limitiert war und nicht Weltmeister wurde, weil er es konnte, sondern weil er es wollte.
Und das ist es auch, was er seinen Spielern beibrachte: Wollen, wollen, immer weiter wollen. „Wir wollen Weltmeister werden“, sagte er. Das wollen viele, aber niemand wollte es so leidenschaftlich wie Klinsmann . So wie er damals im Achtelfinale der WM 1990 gegen die Niederlande rannte bis zum Umfallen, nachdem sein Kumpel Rudi vom Platz geflogen war, berstend vor Positivität, rannte er auch als Trainer, bis irgendwann alle einsahen: Rennen ist viel cooler als Rumstehen. Und in einem zögerlichen Crescendo – das 4:1 gegen die USA, das 2:2 gegen Japan, das 3:0 gegen Kolumbien, das 7:0 gegen Luxemburg – begann dieser Satz auch in uns zu tönen: „Vielleicht werden wir ja doch Weltmeister.“
Werden wir vielleicht Weltmeister?
Das „Vielleicht“ verschwand endgültig aus diesem Satz, als Oliver Neuville gegen Polen so spät und erlösend das 1:0 schoss, das verwunderte „ja doch“ hatte sich nach den ersten 12 Minuten des Achtelfinals gegen Schweden in ein „natürlich“ verwandelt. Es stand 2:0, und das Wollen war auf wundersame Weise zum Können geworden. Der Ball lief, wurde manchmal sogar gestreichelt – und ja: Dieser Ball war endlich wieder unser Freund. Kaum jemand erinnerte sich hinterher, wann er zuletzt eine deutsche Mannschaft so mitreißend hatte spielen sehen. Vielleicht in jenem Achtelfinale 1990?
Wollen und auch noch können: Das war eine Kombination, vor der die Argentinier im Viertelfinalspiel einen solchen Respekt hatten, dass sie selbst nicht mehr so konnten wie zuvor. Der kleine David Odonkor, ein Niemand vor dem Turnier und nun ein Sinnbild des Wollens, kam in das Spiel und eroberte den Ball, den Miro Klose Sekunden später zum Ausgleich ins Tor köpfte. Ballack wurde zum Helden, als er eigentlich nicht mehr konnte und trotzdem noch konnte, nur weil er wollte. Nach 120 Minuten des reinen Wollens stand es Unentschieden, dann ging es wieder ums Können – und Elferschießen, das konnten wir schon immer am allerbesten.
Im Halbfinale lauerte nun Italien, das sich mit einem unsympathischen, aber wenig überraschenden Minimalismus dorthin gebracht hatte. Nicht wenigen Fans war es wichtiger, dieses Spiel zu gewinnen, als letztendlich Weltmeister zu werden. Das mag in der Natur einer KO-Runde liegen, und dennoch: Die Italiener zu schlagen, dieses Bollwerk zu knacken, das wäre die Krönung gewesen. Wer den italienischen Fußball auch nur am Rande kennt, der weiß: Die Räume sind eng, klaustrophobisch eng. Und schafft man es nicht, den Italienern ein anderes Spiel aufzuzwingen als ihren defensiven Irgendwann-beißen-wir-zu-Fußball, sondern sich genau darauf einlassen muss, dann wird es ein Spiel Zahn um Zahn. Die winzigen Flächen, die sich noch boten, versuchten die Deutschen zu nutzen, kamen auch zu einigen wenigen Chancen, die sie ein paar Tage zuvor vielleicht zu Toren gemacht hätten. Doch an diesem Tag sah man: Auch wenn sie wollten, sie konnten nicht mehr. Das unbändige Wollen hatte sie schon im Argentinienspiel über ihre physischen Grenzen hinausgeführt. Sie waren Schrott, einfach am Ende. Als die Italiener das merkten, ihr Trainer Marcello Lippi sich als mutiger erwies als sein argentinischer Kollege José Pekerman und die Offensive verstärkte, war es um die Deutschen geschehen: Eine Unachtsamkeit, der Erschöpfung geschuldet, nutzte Grosso und schoss das 1:0. Sie hatten tatsächlich zugebissen, diese manchmal durch ihre waschlappige Schauspielerei weich wirkenden Italiener. Doch wie hart sie tatsächlich sind, das offenbarte sich in der Erbarmungslosigkeit dieses späten Tores. Dass del Piero noch auf 2:0 erhöhte war dann eine etwas unnötige Hänselei des Schicksals.
After the Goldrush
Natürlich möchte die deutsche Mannschaft nun das Spiel um Platz 3 gewinnen. Sie möchte – nur. Denn die Zeit des radikalen Wollens ist zunächst einmal vorbei. Während dieser Zeit sind die Defizite, die vorher so eklatant gewesen waren, nicht etwa beseitigt worden. Jürgen Klinsmann konnte sie mit Hilfe der Euphorie und des wachsenden Selbstvertrauens seiner Spieler kurzfristig kompensieren. Es wäre fahrlässig, nun doch keine Konsequenzen aus den Versäumnissen der Vergangenheit zu ziehen. Es ist mehr denn je wünschenswert, dass Matthias Sammer als Sportdirektor dafür sorgt, dass Kontinuität Einzug hält und nicht aus dem Moment der Zufriedenheit heraus angenommen wird, es sei alles paletti.
Zugegeben: „Konsequenzen ziehen“ – das ist vielleicht ebenso deutsch gedacht wie die Schwarzmalerei. Konsequenzen zu ziehen macht nicht für zehn Pfennig Spaß. Doch eine Erkenntnis hat diese WM und die Leistung der deutschen Nationalmannschaft gebracht: Es lohnt sich. Es ist ein Ziel, der Leidenschaft auch die entsprechenden Fähigkeiten zur Seite zu stellen und diese Kombination zu stabilisieren – ein Ziel, wie es sich Matthias Sammer und Jürgen Klinsmann (wenn er denn im Amt bleibt) nicht herausfordernder wünschen könnten.
Diese Leidenschaft ist nach Jahren des unflätigen Gekickes endlich, endlich zurückgekehrt. Jürgen Klinsmann am Spielfeldrand zu sehen, rudernd, jammernd, jubelnd, mit Odonkor auf dem Arm, Ballack zu sehen, wie er unter Schmerzen köpfte, den Elfer verwandelte, wie er nach der Niederlage weinte, und – so schmalzig es sein mochte – auch Lehmann und Kahn zu sehen beim Schulterschluss von Berlin: All das waren Bilder, die uns nahe gegangen sind. Geben wir’s doch zu, Menschenskind! Es ist eine einzige große Entschädigung für Ribbeck, den ewigen Matthäus und all die DFB-Fossile, die wir so lang erleiden mussten.
„Wir müssen nur wollen“, heißt es in einem modernen Schlager, und darin liegt auch der wiederentdeckte Schlüssel zum Erfolg. Von windigen Kulturphilosophen wird daraus eine Metapher von bundesdeutscher Bedeutung konstruiert. „Seid wie Klinsmann“, raunen sie uns aus dem Elfenbeinturm zu. Fußball aber kann das nicht leisten, wie auch? Er hat uns nur die Freude an sich selbst zurückgegeben.
Das ist das Beste, was geschehen konnte.




