Fandel will mehr Transparenz
Reformpapier für Schiedsrichter wird Freitag vorgestellt
Text: sid
20 DinA-4-Seiten symbolisieren die Hoffnung auf eine neue Ära nach dem `Fall Amerell´. Ein kleiner Stapel Papier soll das in Verruf geratene DFB-Schiedsrichterwesen ab Freitag reformieren und so verlorenen gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. `Es wird ein frischer Wind wehen. Wir stellen auf Teamarbeit um. Unser Maßstab bei der Ausarbeitung der Leitlinien für eine Neustrukturierung waren Transparenz und Unabhängigkeit´, sagte der designierte neue DFB-Refereeboss Herbert Fandel dem SID und erklärte: `Für die Leute von außen und auch die Schiedsrichter selbst muss vieles durchsichtiger werden.´
Der frühere FIFA-Schiedsrichter Fandel wird die Beschlussvorlage am Freitag bei der mit Spannung erwarteten DFB-Präsidiumssitzung (11.00 Uhr) in Frankfurt präsentieren. Doch bei allen Reformplänen: Die Vergangenheit holt Fandel und Co. immer wieder ein. Amerell schoss am Mittwoch erneut scharf gegen DFB-Präsident Theo Zwanziger: `Ich werde nie kapieren, dass sich ein Mensch zu so was erdreistet, dass nur einseitig aufgeklärt wird. Das ist die größte menschliche Enttäuschung meines Lebens, dass ein Präsident mit so viel Erfahrung rücksichtslos über Leichen geht´, sagte Amerell in der Sport Bild.
Amerell betrachtet das Vorgehen Zwanzigers als Rachefeldzug gegen seine Person. Grund dafür soll ein Vorfall vom 31. Januar 2002 sein. `Irgendwann ist es unter Zeugen in eine Tonart ausgeartet, wo wir Schiedsrichter uns sagten, das lassen wir uns nicht mehr bieten. Da sagte ich: ´Passen sie mal auf, Herr Zwanziger, so können sie mit ihren Angstellten im Hause hier reden, das werden die sich gefallen lassen. Mit mir reden sie so nicht.´ Das hat er mir nie vergessen´, berichtete Amerell.
Möglicherweise wird bei den Schiedsrichtern das rigide Benotungssystem abgeschafft und durch nachhaltigere Bewertungsformeln wie Stärke-Schwäche-Profile ersetzt. Zudem ist offenbar eine Reduzierung der Einsatzprämien bei gleichzeitiger Einführung eines festen Grundgehalts im Gespräch.
Derzeit kassiert ein Unparteiischer pro Bundesliga-Einsatz 3800 Euro. Auch der wegen seines Krisenmanagements im Sitten-Skandal in der Kritik stehende Zwanziger fordert ein Umdenken. `Entscheidungen wie zum Beispiel Ansetzungen müssen von Gremien nachvollziehbar sein´, sagte Zwanziger und denkt dabei auch an regelmäßig `wechselndes Personal´, um allzu routinierte Abläufe zu vermeiden. Die Reform ist auch für den dreimaligen Weltschiedsrichter Markus Merk ein absolutes Muss. `Der international große Status der deutschen Unparteiischen ist beschädigt. Das Ausland ist hellhörig geworden. Nach so einer Geschichte bleibt immer ein Makel´, sagte Merk dem SID.
Das 20 Blatt starke Reformpapier hatte Fandel in den vergangenen Wochen mit DFL-Schiedsrichter-Experte Hellmut Krug und Lutz Michael Fröhlich, dem Abteilungsleiter des DFB-Schiedsrichterwesens, erarbeitet. Den Schaden, den der `Fall Amerell´ hinterlassen hat, bewertet Fandel als `ganz schwer´. Deshalb müsse man jetzt dafür sorgen, `dass man das ganze auf vernünftige Beine stellt. Damit endlich wieder über Fußball gesprochen wird.´ Wohl schneller als erwartet wird Fandel sein Amt als neuer Chef des DFB-Schiedsrichterausschusses antreten können.
Der derzeitige Amtsinhaber Volker Roth beteuert zwar weiter, er habe sich im `Fall Amerell´ nichts zuschulden kommen lassen. Trotzdem wird spekuliert, dass der 68-Jährige am Freitag zurücktreten könnte. `Ich stehe einem Neuanfang nicht im Weg´, sagte Roth der Sport Bild. Roth wollte eigentlich erst bei dem ursprünglich für Oktober geplanten ordentlichen DFB-Bundestag als Schiri-Boss aufhören. Wahrscheinlich kommt es jetzt aber bereits am 30. April zu einem außerordentlichen DFB-Bundestag. Zwanziger hatte zuletzt leise Kritik an Roth geübt, der laut Ex-Referee Franz-Xaver Wack seit mindestens fünf Jahren von den Vorgängen um Amerell gewusst haben soll.
Der Verbandsboss wollte nicht verhehlen, dass Roths zögerliches Handeln im Schiedsrichter-Skandal ein `offenkundiger Fehler´ gewesen sei. Nachdem Michael Kempter Roth bereits am 17. Dezember 2009 über die angeblichen sexuellen Belästigungen durch Amerell informiert hatte, unterrichtete Roth Zwanziger erst einen Monat später darüber. Neben der Schiri-Reform soll am Freitag auch über die angebliche E-Mail Kempters an Amerell gesprochen werden. Darin soll der 27-Jährige vor der 0:2-Niederlage von Bayern München in der Champions League am 11. April 2007 gegen den AC Mailand an Amerell geschrieben haben: `Hoffentlich fliegen die Bayern gleich raus, dann können wir anstoßen.´






