Situation von Middendorp
`Power-Ernst´ muss die Kurve kriegen
Text: sid
Wie zwiespältig Ernst Middendorp wahrgenommen wird, beweisen schon seine beide gängigsten Spitznamen. Ist der Trainer von Fußball-Bundesligist Arminia Bielefeld erfolgreich und umgänglich, wird er als `Power-Ernst´ gehuldig. Ist er es nicht, wird er als `Ekel-Ernst´ tituliert. Mit beiden Begriffen kann der 49-Jährige leben. Den ersten sieht er `ausschließlich positiv´, am zweiten habe er zu Beginn seiner Karriere unfreiwillig `aufs Übelste gearbeitet´.
Fast folgerichtig wird Middendorps Wertschätzung im Umfeld der Arminia mit der sportlichen Leistungskurve gleichgesetzt. Der nicht mehr für möglich gehaltene Klassenerhalt im Vorjahr und der Sprung auf Platz zwei nach fünf Spieltagen der neuen Saison galten vielerorts ausschließlich als sein Werk. Derzeit wird er für den Absturz mit sieben Ligaspielen ohne Sieg bei 2:19 Toren alleinverantwortlich gemacht. Und so wird vor dem Keller-Duell am Sonntag gegen Pokalsieger 1. FC Nürnberg bereits über Middendorps Entlassung spekuliert.
Zumindest tendenziell ist diese Schwarz-Weiß-Malerei aber auch richtig. Einerseits ist Middendorp ein Typ mit Visionen, ein starker Motivator, der Spieler, Fans und Verantwortliche schnell für sich einnimmt. In Krisenzeiten überdreht er dagegen oft, wirkt arrogant, beleidigend und bringt sie damit gegen sich auf. `Diese Eintönigkeiten, die teilweise von Trainern kommen, gibt es bei mir nicht´, erklärt der Coach, der 2005 zu Arminias Jahrhundert-Trainer gewählt wurde, obwohl ihm in der offiziellen Lob-Preisung bereits attestiert wurde `nicht im Besitz eines Diplomaten-Passes´ zu sein. Doch Middendorp lebt sein Motto `Niemals berechenbar sein´ jeden Tag aus.
In guten Zeiten wird er dafür verehrt, in schlechten fliegt es ihm um die Ohren. Als er die am Boden liegende Arminia zu Beginn seiner dritten Amtszeit im Frühjahr in eindrucksvoller Manier vor dem Abstieg rettete, konnte sogar eine Alkohol-Fahrt nicht an seiner Autorität kratzen. Middendorp ging offensiv mit seinem Fehler um, die Fans hissten Plakate mit der Aufschrift `Lieber ein besoffener Trainer als ein neuer´, und Präsident Hans-Hermann Schwick übernahm als Jurist die Verteidigung. Middendorp war zugänglich und aufgeschlossen. Die Süddeutsche Zeitung titelte `Das Ekel wird freundlich´ und der nach einer kleinen Weltreise mit Jobs in Ghana, dem Iran und Südafrika angeblich gereifte Coach freute sich, `dass einige vielleicht gedacht haben: Der unnahbare Sack ist auch nur ein Mensch´. Doch nach dem guten Saisonstart preschte Middendorp als erster Bayern-Jäger zu sehr nach vorne und fing sich sogar von Münchens Manager Uli Hoeneß einen Rüffel ein.
Als Spieler wie Jonas Kamper über ihr Reservisten-Dasein klagten, entgegnete er, der Däne solle `mit seinem Hund reden´. Die Vereinsführung verstimmte er mit Sprüchen wie `Nur ich entscheide, wie lange ich hier Trainer bin´, die Fans schließlich mit dem Veröffentlichungs-Stopp der Trainingszeiten. Fest steht: In der Mannschaft rumort es. Klartext sprach unter anderem Routinier Petr Gabriel, der Middendorps Führungsstil und Personalentscheidungen in einem Interview im Fachmagazin kicker am Donnerstag kritisierte.
Glaubt man jedoch den Verantwortlichen, würde selbst eine Niederlage gegen Nürnberg nicht Middendorps Aus bedeuten. `Derzeit ist sein Stuhl nicht in Gefahr´, beteuerte Geschäftsführer Roland Kentsch, und Präsident Schwick versicherte, `dass es kein Ultimatum´ gibt. Eine zweieinhalbstündige Krisensitzung gab es unter der Woche aber wohl. Dort sei `knallhart über die Außendarstellung des Vereins´ gesprochen worden, erklärte Geschäftsführer Reinhard Saftig.
Und Kentsch stellt klar: `Sollten wir noch vier-, fünfmal verlieren, würden die üblichen Abläufe greifen, und wir würden über den Trainer nachdenken.´ Ex-Cottbus-Coach Petrik Sander wird schon als Nachfolger gehandelt. Es wird höchste Zeit, dass `Power-Ernst´ wieder die Kurve kriegt.
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