Deutschland
1
0
Argentinien

Zum Erinnern: Das WM-Finale Deutschland-Argentinien im 11FREUNDE-Ticker

Warum nicht gleich so?

Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland! Ist! Weltmeister! Rahn. Müller. Brehme. Götze. Endlich haben auch unsere Kinder etwas, wovon sie ihren Enkeln erzählen können. Müssen sie auch. Denn den Ur-Opas vom 11FREUNDE-Ticker hat es die Sprache verschlagen.

15:38 Uhr

Liebe Fans, der Tag aller Tage, er ist gekommen, das Ende des Sommermärchens steht bevor – so oder so. Und wenn wir es sind, die das Buch zuklappen müssen. Geht es denn glücklich aus? Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch bei der EM-Qualifikation in Gibraltar? Zur Stunde weiß das niemand, es gibt nur vage Ahnungen. Eben an der Tanke, wo ich mich, wie vor einem nahenden Erdbeben, mit dem Nötigsten eindeckte, traf ich einen unglückseligen Kassierer. Er müsse, klagte er in inmitten von WM-Snacks, heute bis 23 Uhr arbeiten. Ob er denn wenigstens eine Glotze habe, fragte ich. Ja, das schon, da vorn, beim Scheibenwischer-Regal. Da könne er dann vielleicht mal ein bisschen zuschauen, ohne Ton zwar, aber immerhin. Dann lächelte er gequält. »Die Straßen sind ja sowieso tot heute Abend. Tot: T-O-H-T.« Auf Wiedersehen. Und viel Glück.

15:46 Uhr

Das Dumme ist ja: »In einem Halbfinale ist noch niemand Weltmeister geworden« – das hat Toni Kroos beim Studium alter »Kicker«-Hefte ganz richtig ermittelt. Ohnehin scheint der 7:1-Sieg über Brasilien, diesen weinenden, zitternden, torkelnden Riesen, keine Prognose zuzulassen, wie es heute Abend gegen Argentinien ausgeht – selbst wenn man die drei Tore hinzuzählt, die nach Abpfiff in David Luiz’ Haaren gefunden wurden. Und schon schleicht sich die German Angst in die Schland-Trikots: Hat das ZDF, wie schon seine Sendung »Deutschlands Beste«,  vielleicht auch dieses Turnier manipuliert, um Markus Lanz’ Gästeliste aufzumöbeln? Eine Mauer des Zweifels baut sich zwischen uns und diesem Endspiel auf. Und nur einer ist fähig, sie niederzusingen.

16:01 Uhr

Im deutschen Mannschaftshotel. Flick: »Klopf, Klopf, Klopf! Hallo, Mesut? Wo versteckst du dich denn?« Özil: »Ich bin hier, in der Tasche!« Flick: »Aber Mesut, gleich fährt doch der Bus los!« Özil: »Ich will nicht zu Onkel Mascherano! Ich will lieber zu Hause bleiben!« Flick: »Hinterher kriegst du eine Überraschung!« Özil: »Wirklich? Was denn?« Flick: »Wenn du ganz lieb bist, was aus Gold.«

16:09 Uhr

Derweil zeigt sich Nationaltrainer Alejandro Sabella beim Abschlusstraining der Argentinier von einer weniger gütigen Seite. Pick it up! Assholes!

16:18 Uhr

Wir drücken die Tür nach Leibeskräften zu, aber die negativen Vorzeichen, sie drängen in unsere Redaktionsstube wie Rentnerinnen beim Sommerschlussverkauf. Als da wären:

1. Noch nie hat Deutschland ein WM-Finale gewonnen, wenn Uli Hoeneß im Knast saß.
2. Joachim Löw ist verschwunden!

3. Bastian Schweinsteiger hat Sportart und Land gewechselt!

4. »Bundestrainer Joachim Löw sieht für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auch im Falle einer Final-Niederlage glänzende Perspektiven.« (sid)
5. Gott ist bekanntlich tot.

16:33 Uhr

Ganz schnell eine Dosis Hasselhoff. Germany is not going to lose! HAHAHA! I love you!

16:41 Uhr

Zeit, sich auch selbst gegen die drohende Niederlage zu stemmen. Positiv zu denken. Ja, es war eine gute WM. Vor allem, weil sie wehtat. Ein Rückblick.

Es war der frühe Morgen des 21. Juni 2014, als ich feststellte, dass diese Weltmeisterschaft wehtun würde. Nicht nur den Spielern, wegen der Hitze, der Härte, der langen Saison. Nein: auch mir, ganz persönlich. Ich würde leiden, mit Müller, Klose, auch mit Löw. Nicht zurückgelehnt vor dem Fernseher sitzen, sondern nach vorn gebeugt, mit den Fäusten auf die Knie trommeln, ins Kissen beißen, brüllen, mit Gegenständen werfen, in der Nacht danach so wenig schlafen wie ein unglücklich Verliebter. Der Turniermensch und seine Turniermannschaft – da waren sie wieder. Ja: Es würde wehtun. Sehr.

So weh wie seit 1986 nicht mehr. Seit dem Endspiel zwischen Deutschland und Argentinien, in dem ich, damals acht Jahre alt, mit den Beinchen auf dem Wohnzimmerteppich trappelnd, Hans-Peter Briegel hinterherlief, um ihn anzuschieben, damit er den eine Grassteppe weit entfernten Jorge Burruchaga noch irgendwie einholte.



Und in dem ich dann mit Briegel zusammenbrach, unter den 20 Sonnen von Mexiko-Stadt. Geschlagen, übersäuert, todtraurig, und wartete, dass es endlich dunkel würde, im Aztekenstadion und auf der Mattscheibe des elterlichen Fernsehers.

Ich weiß noch, wie ich am nächsten Morgen, in der Badewanne liegend – einer Art Entmüdungsbecken, wenn man so will – im Radio hörte, dass Briegel nach dem verlorenen Endspiel aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war. Noch heute kommt mir das vor wie eine Sportinvalidität aufgrund eines gebrochenen Herzens. Nie wieder fühlte ich mit einem Athleten wie mit Briegel, der 40 Meter wie ein Wahnsinniger gesprintet und gerade noch rechtzeitig gekommen war, um seinen Gegenspieler zum 3:2 einschieben zu sehen. »Toni, halt den Ball!«, hatte ZDF-Kommentator Rolf Kramer noch den heraus eilenden Schumacher beschworen. »Nein.« Und Briegel: sein in den Nacken abkippender Kopf, sein offener Mund, der stumme Schrei – Nein.

16:47 Uhr

Sechs Weltmeisterschaften wurden seither bestritten, doch mein Schmerz ließ nach von Mal zu Mal: 1990 schüttete jemand bei der improvisierten Siegesfeier auf der einzigen Ampelkreuzung meiner Heimatstadt Waschpulver in den Springbrunnen. Der Schaum quoll noch Anfang August bis an die Ladentür des Sanitätshauses Brandscheidt. 1994 litt ich zwar mit Icke Häßler, der Jordan Letchkow im Viertelfinale gegen Bulgarien nicht entscheidend beim Kopfball stören konnte – aber dieses Mitleid schien auf metaphysische Weise an die Körpergröße Häßlers gekoppelt zu sein. Ich war, mit 16, eher so der Effe-Typ.



1998 sah ich das Ausscheiden gegen Kroatien in der Runde der letzten Acht auf einer winzigen Glotze im Hinterzimmer des »Schusterkruges«, wo am selben Abend mein Abiball stattfand. Missmutig saßen ein paar Altbauern am Tisch davor und glaubten von Anfang an nicht an einen Sieg: »Dat wird nix.« Dahinter wir, viel zu laut, viel zu fröhlich – blasierte Gymnasiasten, die noch während des Spiels immer wieder in den Ballsaal auswichen, um die Diplom-Ingenieure zu verspotten, die ihre Einser-Töchter übers Parkett schoben. Die Nachricht vom 0:3 registrierten wir nur noch alkoholvergiftet im Stroboskopgewitter der gemieteten Lichtorgel. Die Altbauern hatten vollkommen Recht: Dat war nix.

16:51 Uhr

Während der WM 2002 studierte ich schon, und in den Seminaren saßen plötzlich blonde Lehramtsanwärterinnen, die sich Deutschland-Fahnen auf die Wangen geschminkt hatten. Vom Bundestrainer wussten sie, dass es ihn nur einmal gab. Von seiner Vergangenheit, etwa seinem Tor zum zwischenzeitlichen 2:2 im Finale von 1986, das Rolf Kramer entgeistert »Ja, ist denn das die Möglichkeit?« rufen ließ, wussten sie freilich nichts.

Das Turnier in ihrer unausweichlichen Nähe erleben zu müssen, schmerzte mich bedeutend mehr, als die Niederlage Deutschlands im Finale gegen Brasilien. Nach dem 0:2 versuchte ich zwar zu weinen, aber wie Oliver Kahn kam mir keine einzige Träne. Bei ihm war wohl der Druck zu groß, bei mir die Angst, die Lehramtsanwärterinnen könnten mich trösten wollen.

16:54 Uhr

Und es wurden immer mehr: 2006 begannen sie, sich auf den so genannten Fanmeilen zusammenzurotten, und trugen, obwohl in der Mehrheit haarsträubend ahnungslos, die Mannschaft bis ins Halbfinale. Nach der 0:2-Niederlage gegen Italien gab es keinen Hans-Peter Briegel, der, sich auf die Brust schlagend, in die heimische Pfalz zurückgerannt wäre, sondern nur topgelaunte Poldis, die den dritten Platz am Brandenburger beschunkelten, im Herzen der Hauptstadt von Schlaraffenschland.



Als ich mir Jahre später in einem Anfall falscher Nostalgie erstmals »Deutschland – Ein Sommermärchen« anschaute, den duseligen Heimatfilm von Sönke Wortmann, wusste ich wieder, warum auch bei dieser WM nichts wesentlich mehr wehtat als Oliver Kahns Nackenmassage, die er vorm Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien Jens Lehmann aufzwang.

16:57 Uhr

Das Turnier 2010 verlief ganz ähnlich: Die schiere Freude darüber, nunmehr als supersympathische Fußballnation gelten zu dürfen, überwog die Enttäuschung über das Aus gegen Spanien. Fußball-Weltmeister war Deutschland zwar schon wieder nicht geworden, aber die süße Lena Meyer-Landrut hatte ja den Eurovision-Song-Contest gewonnen, und die Schnittmenge zwischen beiden Fanlager war gigantisch.

Ich stand einsam am Tresen und schaute in mein zehntes Bier. Sollte das denn immer so weiter gehen? Dass ein vorzeitiges Aus den allermeisten nur noch ein »Och, schade! Aber toll gekämpft!« und mir selbst nur noch ein Schulterzucken entlocken würde?

17:06 Uhr

Am frühen Morgen des 21. Juni 2014 wusste ich, dass es damit jetzt vorbei sein würde.

Das 2:2 im Gruppenspiel gegen Ghana lag gerade ein paar Stunden zurück, die Schlacht von Fortaleza. Ich stand auf dem Balkon, die ersten Vögel zwitscherten, ein verklemmter Rückennerv strahlte helle Blitze in mein linkes Bein aus, es war herrlich. Unten in den Straßen von Berlin drehte bereits ein Cityfant seine Runden, wie angelockt vom Tröten einer einsamen Vuvuzela. Nur noch wenige Stunden, bis meine Kinder mich mit Legosteinen bewerfen würden, um mich zu wecken. Doch wie sollte ich jetzt zu Bett gehen, im Vollgefühl des wunderbaren Turnierschmerzes, auf den ich seit 28 Jahren gewartet hatte? In der heißen, kindlichen Hoffnung, dass Deutschland wieder Weltmeister werden könnte? Und zwar: Jetzt erst recht. Wer sich in solch einem Massaker nicht winselnd zu Boden wirft, der fällt auch später nicht mehr um, so dachte ich, und die Vögel zwitscherten entschlossen.



Ich dachte an das Spiel zurück, an Thomas Müller, der wie ein Jesusdarsteller bei den Passionsspielen von Oberammergau übers Feld gekreucht war, dürstend, blutend schließlich, nach einem Zusammenprall kurz vor Schluss. An den 100-jährigen Miroslav Klose, der nach dem Ausgleichstor seinen Salto nicht mehr stehen konnte, es im Anlauf schon geahnt und ihn dann trotzdem durchgezogen hatte. An Sami Khedira, der sich nach seinem Kreuzbandriss ein halbes Jahr geschunden hatte, um bei diesem Drecksspiel dabei zu sein und ihm einen verdammten Punkt abzutrotzen. An die waidwunden Manuel Neuer (Schulter) und Bastian Schweinsteiger (Knie) und Joachim Löw (Seele). Und als der Cityfant ein zweites Mal seine Bahn zog, wusste ich: Diese Männer waren nach Brasilien gefahren, um zu leiden. Es würde weh tun. Ihnen, mir, endlich wieder.

17:10 Uhr

Ich war nun wild entschlossen, mich weder von DFB-Teammanager Oliver Bierhoff, der im Campo Bahia extraweiche Wellnesszelte hatte aufschlagen lassen, noch von ZDF-Moderateuse Kathrin Müller-Hohenstein, die am Swimmingpool extraweiche Wellness-Interviews führte, darüber hinwegtäuschen zu lassen, dass die Nationalspieler den fünf Wochen mehr abtrotzen wollten als Quality-Time in angenehmer Umgebung.

Ich musste ja nur in ihre Gesichter schauen. Mats Hummels, Per Mertesacker, Benedikt Höwedes, diese Krieger: Wäre die Fähre gesunken und der Nachschub versiegt, wären sie wohl selbst in den Wald gegangen und hätten ein Wildschwein erwürgt. Selbst Toni Kroos und Philipp Lahm hatten plötzlich die Züge von Erwachsenen. Bastian Schweinsteiger: das silberne Haar, das kantige Kinn! Es war ein heiliger Ernst an ihnen, der keinen Trost zulassen würden. Sie waren hier, um zu siegen. Und nicht um zu unterhalten – weder sich noch uns. Mertesackers inzwischen legendäres Eistonneninterview nach dem 2:1 im Achtelfinale gegen Algerien führte das auch dem Letzten, der Boris Büchler hieß, vor Augen. »Wat wollen Sie?« Merte fragte das zwar, aber es war ihm »völlig wurscht«.

Es war die endgültige Lossagung dieser Mannschaft von der Gunst der Fanmeile und der Hofberichterstatter. Danke für eure Unterstützung, aber den Rest des Weges müssen wir allein gehen. Wer kein Blut sehen kann, sollte lieber umschalten.

17:11 Uhr

»Bereit wie nie«, der offizielle DFB-Slogan, klang leider so, als hätten ihn sich ein paar Mallorca-Touristen auf die T-Shirts drucken lassen. Aber er schien gleichwohl zu stimmen: Sie waren bereit wie nie. Und Joachim Löw rannte ja tatsächlich – und nicht nur im Fernsehen – morgens um sechs den Strand entlang, schwitzend, grimmig, als wollte er selbst fürs Finale in Form kommen. Ein Solitär, der in fünf Wochen WM ganze drei Mal zur offiziellen Pressekonferenz erschien, der dort nicht Hof hielt wie noch 2010, sondern dem im Grunde egal war, was der Stammtisch von ihm forderte. Dem auch egal war, dass es nach dem Achtelfinale so schien, als sei es ihm nicht mehr egal. Als sei er weich geworden, bevor er Philipp Lahm auf die rechte Seite zurückstellte und Klose von Anfang an spielen ließ. 1:0 gegen Frankreich. Dann 7:1 gegen Brasilien. Der Tag, als diese Mannschaft der Welt unheimlich wurde, als sich Schland-Fans vor ihr hinter ihren Fahnen versteckten. Der Tag, an dem sogar ein Sieg weh tat. War das schrecklich. War das schön.



Und das Finale? Es beginnt, da ich diesen Text schreibe, in kaum mehr vier Stunden. Wieder Argentinien. Maradona, Burruchaga, Briegel, Schumacher. Messi, Higuain, Müller, Neuer. Es wird weh tun. So weh wie seit 1986 nicht mehr. Manu, halt den Ball. Ja?

17:28 Uhr

Ebenfalls superoptimistisch: Eilts und Frings. Die Altinternationalen glauben offenbar sogar, dass Deutschland heute Abend gleich zwei Weltmeistertitel holt. Sie für 5.

17:41 Uhr

Was unser von der Wahrheit abgeriegelter Teil der Welt, in dem Frings, Eilts und wir uns tummeln, natürlich nicht wissen kann: Das Finale ist bereits entschieden. Nordkorea schlägt die USA. Und während Präsident Barry Kobama bereits die dritte Schlappe dieser Art beweint, tanzt der geliebte Führer mit seinem Seelenverwandten Sepp Blatter Lambada. Wir Ahnungslosen!

17:55 Uhr

»Noch vier Stunden bis zum großen Finale«, meldete die Zeitansage des DFB vor nun auch schon 55 Minuten. Panik bei Mesut Özil: »Wie soll ich denn bis dahin diese Augenringe wegkriegen?«

17:57 Uhr

Letzte Einzelgespräche an der DFB-Kaffeetafel. Flick: »Thomas, du kannst heute Abend zur Legende werden!« Müller: »So wie die Männer von 1990?« Flick: »Ja, genau!« Müller: »So wie Brehme, Häßler und Icke?« Flick: »Äh, ja.« Müller: »Mach ich dann auch Werbung für Volksfarbe, werde Co-Trainer in Wolfsburg oder Techniktrainer im Iran?« Flick: »Noch ’n Stück Kuchen?«

18:03 Uhr

Apropos Volksfarbe: Veronica Ferres, der Jürgen Klinsmann des deutschen Abendprogramms, tut alles, wirklich alles für den Sieg. Fast schon zu viel. Oder wie Autor Mario Sixtus trefflich kommentiert: »Es ist mir so unfassbar peinlich, ebenfalls ein Homo Sapiens zu sein.« 

 

18:08 Uhr

Dass ich das noch erleben muss: Ich sehe mich von Veronica Ferres genötigt, einen Beitrag von Franz Kafka zu veröffentlichen. Titel: »Zum Nachdenken für Herrenreiter«.

Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettrennen der erste sein zu wollen.
Der Ruhm, als der beste Reiter eines Landes anerkannt zu werden, freut im ersten Krawall des Orchesters zu stark, als dass sich am Morgen danach die Reue verhindern ließe.
Der Neid der Gegner, listiger, ziemlich einflußreicher Leute, muss uns in dem engen Spalier schmerzen, das wir nun durchreiten nach jener Ebene, die bald vor uns leer war bis auf einige überrundete Reiter, die klein gegen den Rand des Horizonts anritten.
Viele unserer Freunde eilen, den Gewinn zu beheben, und nur über die Schultern weg schreien sie von den entlegenen Schaltern ihr Hurra zu uns; die besten Freunde aber haben gar nicht auf unser Pferd gesetzt, da sie fürchteten, käme es zum Verluste, müssten sie uns böse sein, nun aber, da unser Pferd das erste war und sie nichts gewonnen haben, drehn sie sich um, wenn wir vorüberkommen, und schauen lieber die Tribünen entlang.
Die Konkurrenten rückwärts, fest im Sattel, suchen das Unglück zu überblicken, das sie getroffen hat, und das Unrecht, das ihnen irgendwie zugefügt wird; sie nehmen ein frisches Aussehen an, als müsse ein neues Rennen anfangen und ein ernsthaftes nach diesem Kinderspiel.
Vielen Damen scheint der Sieger lächerlich, weil er sich aufbläht und doch nicht weiß, was anzufangen mit dem ewigen Händeschütteln, Salutieren, sich Niederbeugen und in die Ferne grüßen, während die Besiegten den Mund geschlossen haben und die Hälse ihrer meist wiehernden Pferde leichthin klopfen.
Endlich fängt es gar aus dem trüb gewordenen Himmel zu regnen an.

18:12 Uhr

Ebenfalls zum Nachdenken für Herrenreiter: Warum ist auf der heutigen Titelgrafik der »Welt am Sonntag« kein Boateng, kein Özil und kein Podolski zu sehen? Aus dem Wunsch heraus, dass »wir« wieder »wer« sind? Aus dem Migrationshintergrund müsste Mesut schießen...

18:23 Uhr

Interessante Einblicke in die Gästeliste des WM-Finales. Ein Who is Who des Boulevards, das sich liest wie das Inhaltsverzeichnis der »Gala«. Und Lothar Matthäus sagt zu Daniel Craig: »Ich find’s super, dass in Ihrem ›Tatort‹ soviel geballert wird, Herr Schweiger.«

 

18:27 Uhr

Putin zu Gauck: »Auch ’n Krim-Sekt, Jockel?« Gauck zu Putin: »Na, ausnahmsweise. Aber bitte nicht Usedom annektieren!«

18:32 Uhr

Wyclef Jean zu Placido Domingo: »Darf ich dich sampeln, Opa?« Placido Domingo zu Wyclef Jean: »Bitte nicht schon wieder! Ich bin schon auf dem Weg ins Stadion ausgeraubt worden.«

18:35 Uhr

LeBron James zu Angela Merkel: »Na, Lady? Auch keine Ahnung vom Fußball?« Angela Merkel zu LeBron James: »Wir haben ganz klar gesagt, wir müssen jetzt zeigen, 2010, 2012, 2013, 2014, die gesamte mittelfristige Erfolgsplanung muss überschaubar sein, und damit kommt Stabilität und Verlässlichkeit auch in diese Dinge hinein. Trotz aller schwieriger Entscheidungen sage ich: Dieses ist notwendig. Notwendig für die Zukunft unserer Nationalmannschaft. Auch wenn, das will ich ganz deutlich sagen, es ernste Stunden waren, zum Beispiel gegen Ghana, und ich es auch für eine durchaus ernste Situation für unser Land halte, aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen können gegen Argentinien, wenn wir das jetzt auch so umsetzen, und das ist uns in harter Arbeit gelungen.«

18:40 Uhr

Fabio Cannavaro zu Giselle Bündchen: »Na, Süße?« Giselle Bündchen zu Fabio Cannavaro: »Guck dich doch mal an.«

18:41 Uhr

Eros Ramazotti zu Marco Materazzi: »Einen doppelten Espresso, bitte!« Marco Materazzi zu Eros Ramazotti: »Kommt sofort!«

18:51 Uhr

Sagte ich vorhin, Gott sei tot? Ist er nicht.

18:54 Uhr

Apropos Hölle: Andreas Brehme ist seit zwei Stunden Gefangener der Sport1-PR-Abteilung.

19:18 Uhr

Ob Andreas Brehme sich wohl manchmal wünscht, er hätte den Elfmeter damals versemmelt? Bestimmt hätten Rudi oder Klinsi es trotzdem noch gerichtet. Und er selbst könnte jetzt, statt wie ein Lasttier in Duldungsstarre mit dem Pöbel posieren zu müssen, eine beschauliche Kutzop-Existenz führen, alle paar Jahre mal bei Lanz sitzen und den Fehlschuss weglachen. Die Nacht von Rom, sie hat Existenzen ruiniert, das wollen wir nicht vergessen.

19:22 Uhr

Ohne Scheiß jetzt. Ich starre auf die Uhr: 19:22. Und ich warte, dass es 19:90 wird. Soll ich mir vielleicht Andi Brehmes Volksuhr kaufen?

19:27 Uhr

Finale – und der Franz, der geht nicht hin. Boykott! Ist sauer auf die Fifa, wegen seiner Sperre. Er wolle vor der Glotze sitzen, sagt er, verkleidet in ein Schland-Kostüm. Des Kaisers neue Kleider. Nach dem Sieg (Elfmeter Müller, mit rechts flach ins linke Eck) schreitet er durchs Halbdunkel seines Gartens. Wie damals, 1990, in der Nacht von Rom. Er merkt erst dann: Er ist ja nackt! Und die Kammerherren tragen die Schleppe, die nicht da ist.

19:29 Uhr

Aber eigentlich ist es ja auch egal, wo man guckt, die Einstellung ist entscheidend. SMS-Wechsel mit einem Freund. Er: »Rate mal, wo ich gucke!« Ich: »Rio?« Er: »Besser!« Ich: »Rom?« Er: »Bielefeld!«

19:44 Uhr

Wir schalten nach Rio. Die deutschen Nationalspieler steigen aus dem Bus – und Manuel Neuer lässt einen Kaffeebecher fallen! Ronaldo flitzt aus den Katakomben, verwandelt den Abstauber. Ist das ein Drama.

19:50 Uhr

Die ARD zeigt Romeros Paraden aus dem Halbfinale und spielt dazu die Tonspur des argentinischen Fernsehens ab. Aber ist sie es wirklich?

19:53 Uhr

Die Probe aufs Exempel: Stellt den Ton des oberen Videos laut, den des unteren aus. Funktioniert. Faszination »Emotionen«.

20:00 Uhr

Ich vermute, dass im Laufe dieser WM jeder Bundesbürger, mit Ausnahme von mir, mindestens einmal in der »Tagesschau« vorgekommen ist. Jetzt liest Jan Hofer die Topmeldung vor: »Deutschland fiebert dem WM-Finale entgegen.« Ein Nachricht wie: »Heute ist Sonntag.« Und dazu werden Bilder von den letzten zwanzig Schland-Fans gezeigt, die bislang noch nicht im Bild waren. Und mich fragen sie nachher als Allerletzten: »Wie enttäuscht sind Sie?« Und ich so, mich am Ohr kratzend: »Wer mich kennt, der weiß, dass Sie den Trainer fragen müssen.«

20:08 Uhr

Stimmung!

20:10 Uhr.

Der Vorsitzende des NSA-Untersuchungsausschusses erwägt wegen der neuesten Spitzeleien der USA eine – Achtung, es ist Zeit für Hamsterkäufe – Sondersitzung seines Gremiums. Schade, dass wir jetzt alle im Dritten Weltkrieg sterben müssen, aber Hauptsache, wir waren davor noch mal Weltmeister. Im Fußball, meine ich. Im Fußball!

20:15 Uhr

Die Tagesschau beginnt mit Fußball, sie endet natürlich auch mit Fußball. Wäre ja auch fatal, die Bürger in der wichtigsten Nachrichtensendung (ein Satz, der wahrscheinlich sehr viel über mich und mein Neunziger-Jahre-Weltbild aussagt) nicht über das bevorstehende Großereignis zu informieren. Würde sonst ja keiner mitbekommen. Und morgen dann beim Bäcker: Wo ich das Finale gestern gesehen habe? Welches Finale? Vom NSA-Untersuchungsausschuss? Auf Phoenix!

20:17 Uhr

Noch mal zum Putin-Blatter-Merkel-Bild: Ob sie stille Post spielen? Merkel: »Ich freue mich schon auf die WM in Russland 2018!« Blatter: »Sie will 2018 nach Russland einmarschieren!« Putin: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«

20:19 Uhr

Die Aufstellungen sind da: Di Maria fehlt. Der Josef auch, ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Bei Deutschland keine Änderungen. Hurra!

20:20 Uhr

Und die Deutschen laufen aufs Feld. Eine Mischung aus Jubel und Pfeifkonzert ist zu hören. Als würden die »Chippendales« beim Wacken-Open-Air auftreten.

20:22 Uhr

Bierhoff hänselt Delling wegen seiner irre hässlichen Ranissimo-Krawatte. Delling erzählt noch was von Glücksbringer und EM 1996, da hat Bierhoff ihn schon kopfüber in die Mülltonne gesteckt. Jetzt finde ich schon den DFB-Manager cool! Hoffentlich ist diese WM bald vorbei.

20:27 Uhr

Das Aufwärmen. Hummels stretcht seinen beliebten Astralkörper, blickt kühn der Zukunft entgegen. Kollege Jonas hingegen eiert nervös durch den Redaktionsflur, spricht mit sich selbst: »Vielleicht schaffen wir es. Vielleicht aber auch nicht.« Wahrscheinlich denkt er auch noch, das sei von Shakespeare.

20:30 Uhr

Klose, der Hugh Hefner der WM: »Vielleischt schlepp isch meinen Kadaver noch ein bisschen rum.« Und die Playboy-Bunnys hauchen: »Miro, isch liebe disch.«

20:34 Uhr

Endspiel

Die Straßen sind leer.
Man könnte jetzt
Fußball dort spielen.

(Arnfrid Astel, 1974)

20:36 Uhr

24 Jahre liegen hinter, 24 Minuten vor uns. Müssen wir vor dem Anstoß noch einmal Vogts, Ribbeck, Völler, Klinsmann durchstehen? Sehen wir unser Fan-Leben an uns vorbeiziehen? Hand in Hand mit Olaf Marschall, das Nasenpflaster im Gesicht? Mit Carsten Ramelow ins Nichts grätschen? Mit Carsten Jancker sein 4:0 gegen Saudi-Arabien bejubeln? Pfeif an, lieber Gott. Lass Gegenwart werden.

20:40 Uhr

Vor ein paar Tagen, noch vor dem Halbfinale, ist 11FREUNDE-Grafiker Lukas Niehaus durch die Redaktion gejoggt und hat jeden, der bei Drei nicht im Reißwolf war, gefragt, was ihm wichtiger wäre: ein Champions-League-Sieg des eigenen Vereins oder der Weltmeistertitel der Nationalmannschaft. War dann völlig aufgelöst, als alle außer ihm für den Vereinstitel plädierten (»Wahrscheinlich, weil ich einen CL-Sieg als BVB-Fan schon bewusst erlebt habe«). Nicht anwesend an diesem Tag: Dirk Gieselmann. Angeblich Werder-Fan, im Nebenberuf aber vor allem Misanthrop, daher wenig leidenschaftlich, was das eigene Miterleben und -leiden betrifft, dachte ich zumindest immer. Jetzt stellt sich heraus, dass sein wahrer Verein ganz offensichtlich nicht von der Weser kommt. Meine Damen und Herren, und Menschen die ihn kennen werden jetzt vom Stuhl und Glauben fallen: Dirk Gieselmann tickert heute im Trikot der Deutschen Nationalmannschaft. Im Trikot von 1990.

20:41 Uhr

Jetzt Merkel bzw. ein zufällig vorbeitrottender Schland-Bernhardiner im Interview: »Ich drücke meine Daumen so fest, wie ich kann. Mal sehen, was rauskommt.« Hm. Blut?

20:43 Uhr

Noch mal zu Dellings Krawatte: Der Mann verliert offenbar des Öfteren Wetten.

20:45 Uhr

Bin eben, als die Kanzlerin auf dem Bildschirm erschien und sagte, dass sie die Daumen drücke, aus dem Raum gegangen, mir noch einen Chai Latte holen. Als ich wiederkam, sagt Merkel gerade, dass sie die Daumen drücke. Also, entweder ist das Raum-Zeit-Kontinuum kaputt, und das hier könnte ein sehr langer Abend werden, oder ich habe nicht wirklich was verpasst.

20:46 Uhr

Jetzt im ZDF: Eine Doppelfolge »Traumschiff«. Jogi Löw und seine Crew stechen in See.

20:48 Uhr

Scholl muss Opdenhövel stützen, während dieser folgende Nachricht verliest: »Sami Khedira spielt nicht!« Er kann nicht, Probleme mit der Wade. Dafür ist Christoph Kramer im Einsatz. Gutes Omen: Er unterschreibt noch in den Katakomben bei Real Madrid. 

20:50 Uhr

Wenn Lukas Niehaus, siehe 20:40 Uhr, jetzt noch mal vorbeigelaufen käme, ich würde es mir vielleicht noch mal überlegen.  Bzw. müsste ich das vielleicht gar nicht, bin ja schließlich Bayern-Fan, hier also mein neues Voting: Ich möchte, dass der FC Bayern heute Weltmeister wird. Grund für den Sinneswandel: Der Pokal ist aus seinem abscheulichen Koffer geholt worden, von Carles Puyol, und er glänzt wirklich sehr golden, er ist wirklich sehr schön, viel schöner als der Henkelpott, und ich würde ihn heute Abend wirklich gerne in der Hand von Thomas Müller noch mal sehen.

20:52 Uhr

Messi hält Kramer für ein Einlaufkind, will ihn bei der Hand nehmen. Kramer: »Ich bin aber doch dein Gegner!« Messi: »Ja, mein Kleiner. Immer schön trainieren. Und jetzt komm, es geht los.«

20:54 Uhr

Die Hymnen. Die deutsche wird hier in Berlin-Friedrichshain auf einer Drucklufttröte gespielt. Einer von 1990. Mit FCKW. Von Dirk Gieselmann.

20:55 Uhr

Die argentinische: Viel Gegröle zu Beginn, danach wird’s fahrig, immer fahriger, operettenhaft, um nicht zu sagen operettenesk. Eine Vorentscheidung?

20:57 Uhr

Plötzlich fühlen wir uns wie die Brasilianer während des ganzen Turniers. Dieser Druck! Werden wir ihm standhalten? Also Gieselmann und ich, nicht wir im Sinne von wir alle, der Mannschaft traue ich da mehr zu. Aber ich? Oh Gott, da ist ein Loch in meinem großen Zeh. Pfffffffffffffffffff.

20:58 Uhr

Noch einmal müssen die Helden ihre Arme verschränken. Noch einmal müssen sie aussehen wie eine Vierzehnjährige, die gemerkt hat, dass ihre Mutter in ihrem Tagebuch rumgeschnüffelt hat. Wie wird der Eintrag für den 13. Juli lauten? 

1.

Wir wollen es nicht übertreiben. ABER: An diesem einen Anstoß kann der Weltmeistertitel hängen.

2.

Es ist so merkwürdig dunkel hier und so merkwürdig hell in Rio. Es ist so merkwürdig still hier und so merkwürdig laut in Rio. Ich kann nicht mehr.

3.

Wenn Christoph Kramer am Ball ist, denke ich, mein Nachbar spielt mit. Obwohl der gar nicht so heißt, aber eben so heißen könnte, dieser ganz normale, liebe, nette Typ. Ob ich mal klingeln und gucken soll, ob er da ist?

4.

Erste Aktion von Müller, von dem Mann also, von dem wir seit Jahren alle überzeugt sind, dass er für Spiele wie dieses, nein, für genau dieses Spiel gemacht ist, holt auch prompt den ersten Freistoß raus, über den man im Nachhinein aber nur sagen kann, dass man nicht eine halbe Stunde über ihn hätte debattieren müssen.

5.

Konter Argentinien. Hummels macht den Briegel. Higuain schießt! Manu, halt den Ball! Muss er gar nicht: daneben. Dennoch: Gefährliche Argentinier. Wie ich die Brasilianer vermisse, diese drolligen Nichtsnutze.

6.

Schweinsteiger mit sehr viel Platz vor sich, was er ja, sagt man, sehr gerne mag, jetzt erst mal reinkommen, Kramer spielt beim Doppelpass gut mit, das beruhigt, überhaupt scheint es so, als seien die Deutschen nicht übermäßig nervös, spielen schon mal ganz passabel in den Strafraum, also die Deutschen auf dem Platz, wir hingegegen...

7.

Einwurf Argentinien. Kaum auszuhalten, die Bewegungsenergie des Balls in den Händen dieses listigen Gauchos. Wann steht es endlich wieder 7:0?

8.

Kramer: bester Mann. Verteilt die Bälle, ja: Bälle! Als wären es gleich mehrere, als hätte er ein ganzes Netz dabei. Und Sami Khedira sagt zu Müller-Wohlfahrt: »Kannst du bitte mein Herz vereisen, Doc?«

9.

Ob’s irgendwann ein bisschen später wieder so ein entspannter Abend wird wie Dienstag? Im Moment vollkommen unvorstellbar. Wegen Messi. Kroos verliert den Ball, und Messi sprintet los, ist mit Ball schneller als Hummels ohne, was eine Tatsache und kein Vorwurf ist, wartet dann sogar kurz auf den Dortmunder, zieht das Tempo erneut an, glücklicherweise ist seine gesamte Mannschaft ebenfalls langsamer als er, Boateng stellt den Rückpass zu. Atmen. Ausatmen. Einatmen.

11.

Jetzt Ecke Argentinien. Neuer schickt seine Leute aus dem Strafraum, sagt zu Messi: »Nur du und ich, Freundchen.« Messi entscheidet sich für Abstoß Deutschland.

13.

Keine Ahnung, ob’s ein gutes oder ein schlechtes Spiel ist, sogenannte neutrale Zuschauer sollen so was ja beurteilen können. Wenn’s die noch irgendwo gibt.

14.

Demichelis haut Klose um. Der macht ’nen Salto. Als Vorgeschmack.

15.

Im argentinischen Strafraum befindet sich das einzige Fleckchen Sonne im ganzen Stadion, verunmöglicht es uns, irgendeinen Angriff realistisch einschätzen zu können, weil sowohl die deutschen Trikots als auch der Ball im gleißenden Licht einfach verschwinden. Wir sehen uns auf der anderen Seite.

16.

Tom Bartels lobt Mesut Özils Körpersprache. Aber sagt sein Körper denn dasselbe, was auf Özils Facebookseite steht? Zum Beispiel: »26 Stunden bis zum Anpfiff!« Dann soll er lieber schweigen.

18.

Christoph Kramer wird von zwei Argentiniern herzlich im Weltfußball willkommen geheißen, von der Schulter des einen geht es ins Land der Träume. Dort trifft er Jesus (71), der auf ihn zu joggt, ihn nach seinem Namen fragt, auch sonst sehr interessiert ist, von den anderen aber erstaunlicherweise »Mull« genannt wird. Vollbringt dennoch ein Wunder: Es geht weiter!

17.

Khedira stiert von der Seitenlinie aufs Feld wie ein Raubvogel aus großer Höhe auf eine winzige Maus. Wenn ich gewusst hätte, dass »Expedition ins Tierreich« mich derart fertig macht, hätte ich mich doch fürs »Traumschiff« entschieden.

21.

Weltklassemann Kroos mit dem Präzisionspass. Leider auf Higuain. Der Trikottausch der etwas anderen Art. Dann Higuain gegen Neuer, der wächst und wächst und wächst, während Higuain und das Tor schrumpfen und schrumpfen und schrumpfen. Daneben! Higuain hebt den Daumen in Richtung Kroos, der schaut nicht hin, wird aber von Kramer zurechtgewiesen: »Ey, Kleiner! Aufwachen! Da geht’s lang!«

23.

Wenn Kramer jetzt tatsächlich ausfallen würde, geht Lahm dann wieder ins Zentrum? Und Neuer auf rechts? Und ich nach Hause?

26.

Ich weiß, dass jedes Spiel anders ist. Ich weiß auch, dass Argentinien stärker ist als Brasilien, weiß ja jeder, spätestens seit gestern, aber trotzdem stand’s am Dienstag um diese (gespielte) Zeit, schon 4:0. Und mir ging’s bedeutend besser. Ich mein ja nur.

27.

Schweinsteiger! Gelupft auf Klose! Romero mit dem eingesprungenen Kahn. Irgendwo in der Schweiz fällt Chapuisat vom Sofa und schreit: »ICH! WILL! DASS! DAS! ENDLICH! VORBEI! IST!«

28.

Bin immer noch nicht dahinter gekommen, ob es bei deutschen Chancen jetzt lauter oder leiser wird im Stadion, in dieser Szene werden wir es auch nicht rauskriegen, denn Müller und Klose standen beide im Abseits.

29.

Nein. Higuain. Higunein. 1:0 für Argentinien? Der Stürmer jubelt, stundenlang, während Bartels schreit: »Abseits! Abseits! Abseits« Doch er hört nicht. Erst als Bartels unten auf dem Feld auftaucht und ihn umgrätscht, begreift er, begreifen auch wir: Das Tor zählt nicht! Alles richtig gemacht. Vom Linienrichter. Auch von Bartels.

31.

Tschüss Leute, ich kann nicht mehr. Kramer muss raus, geht mit einem Blick, der so orientierungslos wirkt, dass es für den Wechsel wohl allerhöchste Eisenbahn ist. Schürrle kommt für ihn. Was das für Kroos, Özil, Müller und das deutsche Spiel bedeutet? Keine Ahnung, aber wir werden berichten. Irgendwann.

33.

Gelb für Höwedes nach Siegmann-Foul an Zabaleta. Und irgendwo in Rumänien beginnt Ewald Lienens Narbe, rot zu leuchten.

36.

Argentinien jetzt so druckvoll wie Maradonas Blase nach einem Umtrunk mit Raul Castro.

36.

Erstmal wieder runterkommen. Das Momentum ist verlorengegangen, Schweinsteiger und Höwedes sind bereits gelbverwarnt, und ich muss mir zur Beruhigung immer wieder sagen, dass Deutschland erst einmal gewechselt hat und Khedira schon vorher ausgefallen ist. Fühlt sich nämlich anders an.

38.

Jetzt aber: Riesenchance Deutschland! Müller auf Schürrle. Die Jungs von der Anzeigetafel suchen schon den Umlaut, doch dann: Romero. Müst.

39.

Mascherano zu Schweini: »Wetten, dass wir zusammen fünf Eier haben?« Schweini zu Mascherano: »Wieso? Hast du nur eins?«

40.

AAAAAAAAARRRRRRRGGGG! MESSI! Dribbelt von rechts in den Strafraum, kann von vier Deutschen, darunter Neuer, also eigentlich fünf Deutschen, erst in allerletzter Sekunde und nur unter Verlust von sehr vielen Nervenzellen und Grashalmen gestoppt werden. Unter den verlorenen Nervenzellen offensichtlich auch welche aus meinem Sprachzentrum. AAAAAAAAARRRRRRRGGGG!

41.

Es ist so hart. Derzeit liegen Müller und Neuer im Sterben. Tom Hanks hat sich bereits die Rechte an dieser ersten Halbzeit gesichert. Saving Jogi Löw.

43.

Gottogott, macht das keinen Spaß, dachte ich gerade, da schöpfe ich nach einem argentinischen Fehlpass wieder Hoffnung. Aber Müller zaudert plötzlich und spielt zu spät, Klose kriegt sich nicht gedreht, kann nur nach hinten ablegen, und Schürrle hat plötzlich überhaupt keinen Dampf mehr im Fuß. Schürrle! Es macht überhaupt keinen Spaß.

44.

Bartels kiekst, als hätte ihn Delling mit seiner Krawatte sonstwo gekitzelt. Was ist geschehen? Flanke Kroos, Klose will abheben, aber die Schwerkraft, das Alter, der Effet. Vielleicht hat auch er nur an Dellings Krawatte gedacht. Sollte das hier schiefgehen, steht der Hauptschuldige jedenfalls jetzt schon fest.

45.

Nochmal Doppelecke für Deutschland, bevor es in die Pause geht, wo es dann hoffentlich Doppelherz gibt. NEIN! NEIN! NEIN! Doppelherz muss sofort her! HÖWEDES! KÖPFT! AN! DEN! PFOSTEN! Aus einem Meter Entfernung! Auf einem 105 Meter langen Feld. Warum Gott (Khedira) hast du uns verlassen?

46.

Halbzeit. No one gets out here alive. Entweder es gibt zwei Weltmeister oder keinen. Kaum vorstellbar ist jedenfalls, dass die zurückliegende Mannschaft einfach aufhört, wenn der Schiri abpfeift. Und draußen auf den Straßen von Berlin gehen die ersten Böller hoch. Beim Stand von 0:0. Es ist Wahnsinn, sagt das Ohr. Es ist, was es ist, sagt der Fußball. Was ist los?, sagt Christoph Kramers Gehirn.

21:49 Uhr

»Durchatmen!«, befiehlt Opdenhövel. Fffffffffffffffffffft. Aaaah! Das war nötig! Wusste doch die ganze Zeit, dass ich was vergessen habe.

21:52 Uhr

Die Schlandfans draußen hatten sich offensichtlich auf ein 32:0 vorbereitet, verballern jetzt Munition für 20 Treffer. Die Optimisten.

21:55 Uhr

Wer rastet, der rostet. Die Argentinier setzen sich gar nicht, sie machen einfach weiter wie auf dem Platz.

21:57 Uhr

Überall gibt es nur noch auf die Fresse. Auf dem Feld, auf Twitter, im ARD-Fernsehfilm mit dem beschissenen Titel »Frösche petzen nicht«. Tun sie nämlich doch. Quak, quak. Aua.

21:59 Uhr

Mehmet Scholl, die Margot Käßmann der Halbzeitanalyse. Wir müssen stark sein, an uns glauben, alles wird gut, jaja. Wenn nur diese widerspenstigen Argentinier nicht wären, Margot. Die haben nämlich den Papst in der Tasche. 

22:01 Uhr

Die bange Frage: Wer hat sich beim Toilettengang verletzt? Muss Ron-Robert Zieler für Klose ran? Spielt Flick? Und wo ist Kollege Jonas? Guckt »Traumschiff« unter der Bettdecke.

22:03 Uhr

Noch nie habe ich mir so sehr gewünscht, dass die Pause noch ein bisschen länger sein möge. Aber die Spieler kommen zurück. Scheinen noch zu elft zu sein und ohne fremde Hilfe laufen zu können. Immerhin.

22:04 Uhr

Und Argentinien bringt einfach mal Kun Aguero. »Angeber«, flüstert Löw. »Anstoß«, flüstern wir.

46.

Schon wieder dieser Higuain. »Abseits«, ruft Bartels, diesmal bedeutend gelassener. Higuain hebt sofort den Daumen in Richtung Sprecherkabine. Richtig gesehen. Kompliment.

49.

Während andere Wasser trinken, hält Mascherano übrigens ein noch zappelndes Kaninchen zwischen den Zähnen.

47.

»Messi! Messi! Messi!«, ruft Bartels immer lauter werdend, während ich gerade auf die Tastatur gucke. Und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich wirklich hinschauen will, verzichte schließlich. Prompt verzieht der Argentinier. Braucht halt die große Bühne.

51.

Seit Jahren denken wir uns, dass Müller genau der Typ ist, der mal ein Weltmeisterschaftsfinale entscheidet. Um es nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Der Tag ist heute, Thomas!

52.

Und der Christus von Rio, Oberschiri der WM, hebt die Arme vor der untergehenden Sonne, als wollte er diese sich bekämpfenden Mannschaften miteinander versöhnen. Das Spiel bleibt aber weiterhin alttestamentarisch: Auge um Auge, Chance umd Chance.

53.

Im Stadion singen die deutschen Fans: »Auf geht’s Deutschland schieß ein Tor«, in der Nachbarwohnung in Berlin-Friedrichshain singen sie mit. Ohne Scheiß. Vielleicht ist mir das alles doch nicht so wichtig.

55.

Dribbling Schürrle, Dribbling Klose, beide bleiben hängen in einem Wald aus argentinischen Beinen wie fliehende Rehe im Unterholz bei der Treibjagd. Und ich musste schon bei »Bambi« heulen!

56.

Schon mindestens vier Ecken für Deutschland, immer noch kein Tor. Kein Wunder, dass Bayern diesem Kroos nicht so viel bezahlen will wie Mario Götze. Meine Meinung.

57.

Neuer jetzt mit einer Mixtur aus sich selbst und Toni Schumacher: Faustet den Ball weg, rammt aber Higuain die Hüfte ins Gesicht. Die argentinischen Sanitäter eilen zum angeschlagenen Stürmer: »Wie ist dein Name?« – »Battiston!« Alles klar. Weiterspielen.

58.

Argentiniens Coach Sabella (59) sieht ja locker fünfzehn Jahre älter aus. Könnte an den zahlreichen Theatertoden liegen, die er in jedem Spiel vor seiner Bank stirbt.

59.

Chance Klose. Steigt hoch, vielleicht zu hoch, will den Ball drücken, Aufsetzer, gehalten. Macht noch den Salto, weil so viel Zeit bis zur Landung bleibt. Aber. Aber. Ach, aber. Aber, du bist ein Scheißwort.

61.

Jetzt spielt auch noch Lahm, der letzte analoge Fußballer der Welt, als würde er sich selbst auf der Playstation darstellen. Was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass er endlos in Ballbesitz bleibt, und den unangenehmen, dass Müller nicht weiß, wann der Pass kommt.

62.

Schürrle auf dem Weg zum neuen deutschen Rekord über 100 Meter, flankt dann auf Özil, der verstolpert. Was plant dieser Mann wirklich? Noch hat er 28 Minuten Zeit, es uns zu verraten. Wir bleiben gelassen. GELASSEN!

65.

Jetzt aber: Deutschland am Drücker wie Kevin Großkreutz an der Spielkonsole, wenn Hansi Flick seinen Rundgang beendet hat. Sie müssten nur noch den Bildschirm einschalten.

66.

Fehlpass Argentinien, Klose sprintet rein, und Mascherano tut das, wovon jeder Mensch im Stadion weiß, dass er es tun wird: Er holzt ihn um. Bekommt also die Gelbe Karte, von der jeder im Stadion wusste, dass er sie bekommen wird. Schön, dass man im Fußball nie weiß, was als Nächstes passiert.

67.

Hat in diesem Spiel noch eine Mannschaft die Nase vorn? Ich weiß es nicht mehr. Sobald ich eine Nase sehe, befürchte ich, dass sie gebrochen wird.

69.

Lahm gezeichnet. Von Otto Dix.

70.

Und auch Benedikt Höwedes scheint so langsam aus seinem Rausch zu erwachen und sich daran zu erinnern, wer er eigentlich ist oder bis vor Kurzem noch war: Ein Innenverteidiger von Schalke 04, den noch niemals jemand einen begnadeten Techniker genannt hat. Zumindest niemand, der die Wahrheit sagt.

72.

Was Mut macht: In diesem Moment holt Briegel Burruchaga ein. An der kanadischen Grenze.

74.

Toni, halt den Ball. Nein! Die Deutschen kriegen keine Ruhe im Mittelfeld rein. Ich will was von Kroos sehen. Jetzt!

75.

Wenn Messi, wie Bartels behauptet, »in jeder Sekunde das Spiel entscheiden kann« – warum tut er es, verdammt noch mal, nicht einfach? Ist er die Katze, sind wir die halbtote Maus?

75.

Guck an: Jogi Löw. Da steht er, vor zwei Rolltreppen, die eine geht nach oben, die andere nach unten. Und zwar nicht zur Herrenunterwäsche.

77.

Messi mit einem Angriff, der wiederum eine deutsche Ecke einleitet, die versiebt wird, dann Chance, nein, nein, nein, das ist zu kompliziert, dann noch mal der Versuch, Elfmeter? Natürlich nicht, nicht heute, nicht hier. Dann Einwurf, keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Es geht voran. Bloß wohin? WOHIN? Sagt uns Bescheid, wir kommen dann nach.

81.

Als ich sagte, ich will was von Kroos sehen, meinte ich etwas Kraftvolles, Dynamisches, Präzises und nicht dieses luftige Etwas, das er eben in Richtung argentinisches Tor absandte. Mit dem Fuß immerhin. Trotzdem für’n Arsch.

78.

Vielleicht sollten wir uns doch mal von so einer Stadioncam einfangen lassen, scheint ja jeden in absolute Ekstase zu versetzen. Ich weiß nicht, wie wir sonst je aus unserer Agonie finden sollen.

82.

Jetzt ein Flitzer. Poldi?

84.

Noch sechs Minuten. Geht Neuer mit nach vorn?

85.

Müller-Wohlfahrt schenkt heiße Zitrone aus. Zur Abkühlung.

86.

Und jetzt, da wir eh so leicht erregbar sind, geht auch noch Klose vom Feld. Für immer? Nein: Wir wollen, dass er 2018 mit seinen Enkeln auf den Schultern sein 17. WM-Tor feiert. Beziehungsweise mit Götze auf den Schultern gleich den Titel feiert, der jetzt für ihn ins Spiel kommt. Wird der Etappen-Messi dieses Finale entscheiden – und nicht jubeln, aus Demut vor Gott, seiner Ablösesumme oder was weiß ich wem? Man kann es sich nicht aussuchen. Mach ihn einfach rein, du Lümmel.

87.

Ich kann überhaupt nichts mehr schreiben, aus Angst dass es sich sofort in sein Gegenteil wendet bzw. einfach aus Angst generell. Ich würde zum Beispiel so gerne ein Tor sehen und der Verlängerung entgehen, habe aber panische Angst vor einem argentinischen Treffer, würde am liebsten auch Bartels das Maul stopfen, der schon seit Minuten von der Verlängerung unkt. Hat danach aber wahrscheinlich auch Urlaub, so oder so. Ich hingegen muss in jedem Fall um halb neun wieder auf der Matte stehen.

91.

Müller bricht mitten im Angriff am Ball zusammen, weiß offenbar nicht, ob er grätschen oder flanken soll. Selbst diesen Mann hat das brutale Umschaltspiel kaputtgemacht. Schießt er gleich das Siegtor für Argentinien? 

93.

Hat Bartels Hummels eben »Wummels« genannt? Genial! WUMMELS, mach ihn! JETZT!

94.

Und aus! Bzw. nicht aus! Zeit für Bananen (Özil) und Astronautennahrung (Schweinsteiger). Bzw. Bier (ich). Bis gleich, liebe Fans.

22:53 Uhr

Draußen: Böller. Wie hoch mag die Dunkelziffer der Verlängerungsfans sein?

22:55 Uhr

Im Mannschaftskreis der Argentinier zettelt Torsten Frings eine Keilerei an. Misses next match. Egal.

22:58 Uhr

Und Jogi Löw geht auf die Toilette. Guckt aufs Handy: »Wie steht’s beim Traumschiff?« Anstoß. Wer als nächstes pinkeln geht, ist nur Vize.

91.

Schürrle! SCHÜRRLE! Lässt sich erst fallen, findet zumindest der Schiri, rappelt sich dann aber wieder auf, als er sieht, dass Götze weiterspielt, den Ball wieder zu ihm bringt, er zieht ab, aber wieder zu unpräzise, wieder Romero. Ach Schürrle, wir könnten längst besoffen sein.

91.

Konter Argentinien! Doch Boateng mit dem Monsterblock. Der Mutombo dieser WM. Not in my house.

93.

Respekt, dass die Spieler hier überhaupt noch einen Fuß vor den anderen setzen können. Wir hingegen: Atmen – wie geht das? Wer bist du, wer bin ich? Wieviel ist 120 minus 93? Noch schätzungweise 17 Minuten, dann: ach, was weiß denn ich.

95.

Kann es wirklich sein, dass Bastian Schweinsteiger, der mit Seilen und Karabinern behangene Luis Trenker des Weltfußballs, an diesem Gipfel scheitert?

97.

Hummels fliegt durch den Strafraum wie Schumacher vor dem 0:1 im Finale 1986, Palacios Hinterkopfschwänzchen zischt durch den Strafraum wie die Peitsche des Satans, dann der Lupfer, über Neuer hinweg, die kommenden Hundertstelsekunden sind wie ein Vuvuzela-Tröten direkt aufs Trommelfell, sinnesbetäubend, beinah tödlich. Zusammenbrechend sehen wir: Der Ball trudelt ins Toraus. Und wir denken: schade. Ja, ehrlich: schade. Für eine Sekunde nur: Schade, dass es jetzt nicht vorbei ist, das Leiden. Wahnsinn.

99.

Ich kann meine Finger nicht mehr spüren, befürchte, dass Schweini bald seine Beine nicht mehr spürt, und Mario Götze hält an der Außenlinie den Ball hoch. Okay, wenn du so cool bist, dann mach was. Jetzt!

100.

Hummels hat offenbar keinen Vertrag mehr für die Verlängerung, befindet sich bereits im Urlaub. Kickt gerade wie ein besoffener Engländer um 12 Uhr mittags auf Malle.

102.

Schweinsteiger hat Krämpfe. Löw blättert im Aktenordner mit den Krankenscheinen. Gomez? Gündogan? Reus? Mustafi? Khedira? Kramer? Flehende Blicke zu Müller-Wohlfahrt. Poldi ruft von der Bank: »Trainer, ich geb’s zu: Ich hab die Entschuldigung gefälscht! ES TUT MIR LEID!«

104.

Dieses Spiel, es endet nicht. Lahm wächst mittlerweile Gras auf der Stirn. Die Spieler, sie verwittern wie Denkmäler, mitten in diesem endlosen Finale.

23:15 Uhr

Halbzeit der Verlängerung. Niemand weiß mehr, wer überhaupt noch spielen kann, Hummels näht sich selbst, Mertesacker reicht den Tupfer. Und Lothar Matthäus filmt das Geschehen mit dem Handy. Ein Kriegsberichterstatter erster Güte. Der Peter Scholl-Latour dieses Finales. Auf die Audio-Spur sind wir gespannt. 

23:16 Uhr

Nach allem, was ich so gehört habe, kann sich Tom Bartels durchaus was drauf einbilden, dass er mir total egal ist heute abend. Ich brauch seinen Pathos nicht, mit dem er jetzt ganz Fußballdeutschland auf den Rängen des Maracana aufmarschieren lässt, aber es ist mir auch egal. Total egal. Eigentlich will ich nur nach Hause.

106.

Läuft wieder. Der Tontechniker hat die Bänder mit den Fangesängen verlegt, seit Stunden singen die Argentinier dasselbe Lied, oder sind es die Brasilianer, die Neymar feiern, ist auch der Schiri eingepennt, sieht er deshalb nicht, dass Mascherano zum zweiten mal gelbwürdig foult? Also gar nicht mehr auf dem Platz stehen dürfte? Vermutlich.

108.

Aguero jetzt mit der Faust Gottes. In Schweinsteigers Gesicht. Der blutet. Was den Schiedsrichter nicht auf die Idee bringt, jetzt mal Rot zu zeigen. Kann die Fifa eigentlich noch mal wechseln?

110.

Deutschland in Unterzahl. Schweinsteiger liegt am Seitenrand, wird getackert. Kevin Großkreutz ist schon bereit, doch dann steht Schweinsteiger, dieser Rocky Balboa des Fußballs, wieder auf, er fordert den Ball, er fordert den Pokal. ZDF: Manipuliert ruhig noch mal Eure Scheiß-Liste, Schweinsteiger auf Platz 1, wir stehen hinter euch.

112.

JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! GÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖTZE! DIE WELT BRENNT AB! Während dem Schiri das Spiel gerade komplett entgleitet, spielt ausgerechnet, ich betone: AUSGERECHNET GÖTZE einfach weiter oder fängt von vorne an, erinnert sich an sich selbst, fängt Schürrles Flanke mit der Brust ab und zimmert den Ball mit einer Bewegung ins Tor! GÖTZE! ICH LIEBE DICH! JAAAAAAAAAAAAAAAA!

113.

Und wie er jubelt, der Mario: Nicht mehr wie ein zynischer Millionär, nein: wie ein Kind, das unterm BVB-Poster von Großem träumte, und jetzt ist dieser Traum wahr, er ist wahr, und der Jubel ist echt, sein echtes Gesicht tritt zutage, das Gesicht eines Jungen, unser aller Gesicht, meins, deins, es möge niemals altern.

115.

Und Großkreutz, der kurz vor der Einwechslung stand? Lacht und weint und weint und lacht, lässt sich von Müller-Wohlfahrt tätowieren: »13.7.2014 – Ich war dabei (fast)!«

118.

Jede Flanke ist jetzt dazu angetan, mein Leben erheblich zu verkürzen, die Bälle springen in den altbekannten Verzerrungen durch die Gegend, sehen aus, als würde sie ins Tor fliegen, dabei geht es nur nach oben, nach oben gehen auch die Böller draußen, die sogenannten Menschen scheinen umgehend komplett durchzudrehen, was mich wiederum ebenso umgehend wieder erdet. Jaja, Götze, war ganz okay. Aber bei dem, was der verdient...

119.

Seit rund einer Minute hat der Ball den Boden nicht mehr berührt, da macht sich Müller nochmal auf die Reise, Erinnerungen ans Pokalfinale werden wach, aber Schmelzer ist ja nicht dabei, daneben.

120.

Schlimm für den VfB Stuttgart, dass auf Jogi Löws Briefkopf jetzt der Pokalsieg 1997 nach unten rutscht.

121.

Noch eine Minute. Noch ein Freistoß für Argentinien, noch ein Krampf für Schweinsteiger. Nicht der beste Moment für den Receiver, um zu verkünden: Drücken Sie eine beliebige Taste, das Gerät wird sonst abgeschaltet. Und doch passiert genau das!

122.

Letzte Aktion! GOAL! ABER NUR FIELD GOAL! DRÜBER! ICH WILL NICHT MEHR!

122.

»Das Spiel ist noch nicht aus«, sagt Bartels. »Es ist noch nicht aus.« Dann taucht er erneut im Strafraum auf, schlägt den Ball weg. Man of the Match.

124.

Aus. Aus. Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Und wird heute Nacht noch untergehen. Jetzt sprengen sie hier das Viertel. Auch Opfer unter den Deutschen.

124.

Aus. Aus. Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Sorry. Konnten uns nicht einigen, wer’s schreiben darf!

23:40 Uhr

Jetzt brennen auch wir lichterloh. Was soll’s denn? Wie schreibt man mit zum Jubel erhobenen Händen? Wie umarmt man über den Atlantik hinweg diese Mannschaft? Aber das machen sie ja schon selbst: Schweini herzt Götze, Lahm Hummels, Neuer Großkreutz, fusioniert jetzt der FC Bayern mit dem BVB? Wir wären auf Jahre hinaus unschlagbar.

23:43 Uhr

SMS von Watzke: »Freunde?« SMS zurück von Rummenigge: »Unter Vorbehalt.«

23:45 Uhr

Vielleicht sollten sie Götze mal sagen, dass er heute jubeln darf ohne jemandes Gefühle zu verletzen. Also von niemandem, dessen Gefühle nicht ohnehin schon verletzt sind.

23:48 Uhr

Messi: das gebrochene Herz Gottes.

23:47 Uhr

Ergreifende Momente. Podolski mit seinem Sohn, Klose mit seinen Enkeln, Hummels mit Höwedes.

23:49 Uhr

Delling zu Neuer: »Muss ein großartiges Erlebnis sein!« Neuer nickt. So hatte er das noch gar nicht gesehen.

23:49 Uhr

Delling zum Abschluss: »Sie sind Weltmeister. Super.« Als hätte der gerade die Dreimetermarke beim Weitsprung durchbrochen. Kriegt ’ne Siegeurkunde. Super.

23:50 Uhr

Delling vollkommen außer Rand und Band, fragt Lahm: »Wie fühlt es sich an? Wie würden Sie das einordnen? Ganz oben, oder?« Dazu trägt er immer noch seinen Bälle-Schlips. Und Herbert Zimmermann sagt zu Rudi Michel: »Komm, wir schalten ab.«

23:53 Uhr

Tränen bei Julian Draxler, Tränen auch bei mir. Hätte er das Siegtor geschossen, hätten wir »Romero und Julian« titeln können. Und jetzt? Mario de Janeiro?

23:55 Uhr

Neuer eilt auf die Tribüne, will den Argentiniern die Silbermedaille aus den Händen fausten. Jetzt übertreibt er aber.

23:56 Uhr

Nein, doch nicht: Er bekommt eine dritte Hand verlieren. Als ob er die bräuchte!

23:57 Uhr

Bester Spieler der WM: Messi. Die Wahl wurde übrigens vom ZDF organisiert.

23:58 Uhr

Hatte ja bislang angenommen, dass schon mächtig was los war im Stadion. Ein Trugschluss. Erst jetzt wird es richtig laut. Grund: Sepp Blatter erscheint im Bild. Panisch ändert ein FIFA-Mitarbeiter schnell den Wikipedia-Eintrag für »Pfeifen«: »Ausdruck frenetischen Jubels«.

00:00 Uhr

Wegen der ballernden Schland-Fans draußen, die mittlerweile anscheinend schon ins Alkoholkoma gefallen sind, haben wir den Fernseher auf Großraumdisko-Lautstärke gedreht, verstehen jetzt kein Wort mehr vom anderen, schreien uns unerfolgreich rein. Wenn’s im Altersheim auch so schön ist, meld ich mich morgen an.

23:59 Uhr

Messi muss noch mal rauf, durchs Spalier der Mitleidigen, sich noch mal herzen lassen von den Mundgeruch-Funktionären, den Pokal im Blick, den er nicht berühren darf. Müsste man ihm ersparen.

00:02 Uhr

Schweinsteiger, blutend. Nimmt die 48 Stufen wie die letzen Meter zum Gipfel des Mount Everest. Hinter ihm Sherpa Lahm. Mit letzter Kraft. Und oben warten schon Niersbach, Merkel, Gauck, wie Touristen, die sich mit dem Heli dort absetzen ließen. 

00:03

Götze hat’s offenbar immer noch nicht begriffen, wie groß sein Anteil an diesem Abend hier war, lächelt pflichtschuldig, steht geduldig hinter Klose im Stau, trägt dabei ein Reus-Trikot in der Hand, ist ein einziges »Och ja«.

00:04 Uhr

Ist das Werbung? Ist es wahr? Wir wissen es nicht mehr – und heulen trotzdem Rotz und Wasser: Philipp Lahm, unser Philipp, den wir kennen, seit er mit dem Bobbycar auf der rechten Seite entlangtuckerte, stemmt den Weltmeisterpokal empor. Müller. Schweinsteiger. Schürrle. Hummels. Ich lache nie wieder, wenn ich ein Auto mit dem Aufkleber »Thomas-Bastian-André-Mats an Bord« auf dem Supermarktparkplatz sehe, versprochen! Dann Löw. Sieht plötzlich aus wie Herberger, Schön und Beckenbauer zugleich. Der Kaiserchef mit der Mütze. Vier Sterne in seinen Augen. Danke für alles. Wir haben fast immer an dich geglaubt.

00:07 Uhr

Wenn ich’s richtig erkenne, zieht sich Özil erst noch um, bevor auch er den Pokal in die Hand nimmt. Hat wahrscheinlich eben einen Anruf seines Beraters bekommen. Sind ja auch Bilder für die Ewigkeit. Bzw. für Facebook, was ja gewissermaßen das Gleiche ist.

00:10 Uhr

Und auf seinem Bauernhof bei Hamburg stemmt Hrubesch eine Vase aus dem Baumarkt zur Wohnzimmerdecke. Danke auch dir, Horst.

00:14 Uhr

André Schürrle, der Bruchweg-Boy! Ist Weltmeister! Tut mir leid, dass ich lache. Aber es ist so schön. So schön.

00:16 Uhr

Lena Gercke umarmt Joachim Löw. Für die Kollegen der »Gala« das Bild dieser WM.

00:19 Uhr

Jetzt stehen die Spielerfreundinnen Schlange, um den Jogi umarmen zu dürfen. Und er massiert jeder Einzelnen den BH-Verschluss in den Rücken. Also, falls die BHs tragen, ich kenn mich da nicht so aus.

00:19 Uhr

Sami Khedira: Weltmeister des Zurückkommens, des Verzichts im richtigen Moment schließlich. Sein Fehlen entschied das Spiel für ihn.

00:22 Uhr

Kramer und Mustafi: Auch diese Jungs sind Weltmeister! Kennt noch jemand »Bills und Teds verrückte Reise durch die Zeit

00:24 Uhr

Wie ich soeben erfahre, bin auch ich gerade Weltmeister geworden, Bartels jedenfalls nennt meinen Namen: Fabian Jonas. Merkwürdigerweise sagt er Fabian und Jonas, und dass ich der Bruder sowohl von Götze als auch von Hummels sei, so schizophren bin ich gar nicht, muss jetzt aber schleunigst los, nach Rio, werde dort offensichtlich erwartet. Kevin, lass mir noch was von dem Cachaca übrig!

00:26 Uhr

Auch in der Stunde des Jubels muss Löw sich diese Kritik gefallen lassen: Den 3. Platz hat er nicht verteidigt.

00:29 Uhr

Jetzt dankt Tom Bartels Bernhard Peters, dem Hockeytrainer. So langsam sind wir aber beleidigt, dass er uns noch nicht erwähnt hat. Huhu, Bartels! Wir waaaaarten!

00:31 Uhr

Hier noch mal zum Ausschneiden und Eintätowieren: Manuel Neuer, Roman Weidenfeller, Ron-Robert Zieler ,Jérome Boateng, Philipp Lahm, Erik Durm, Kevin Großkreutz, Mats Hummels, Christoph Kramer, Benedikt Höwedes, Per Mertesacker, Shkodran Mustafi , Matthias Ginter, Julian Draxler, Mario Götze, Toni Kroos, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Mesut Özil, Lukas Podolski, André Schürrle, Miroslav Klose

00:33 Uhr

Opdenhövel ist so gar nichts Staatstragendes zu eigen, wie wir ja bereits wissen. Er ist der Fußballkneipenwirt der ARD. Aber muss er jetzt fragen: »Wie geil ist das denn?« und dann ansatzlos Werbung für einen Sportartikelhersteller machen, der nun wirklich keine mehr braucht? Und Scholl schmunzelt nur wie ein willenloses Testimonial. Nicht an Eurer Seite.

00:34 Uhr

Das Schlimmste haben die Spieler hinter sich: Nicht mehr Gerd Delling macht die Interviews, sondern Jürgen Bergener, der vergleichsweise normale Fragen stellt. Was allerdings zur Folge hat, dass Mats Hummels vergleichsweise normale Antworten gibt, erste Runde Pokal, WM-Finale, egal, erst mal drüber schlafen.

00:40 Uhr

Jetzt Schweini in so etwas ähnlichem wie einem Interview. Gibt sich staatsmännisch, hat aber Lukas Podolski dabei, der es auf den Punkt bringt: »Danke an die ganzen Leute.« Dank zurück!

00:41 Uhr

Jetzt die Weltmeisterschaft der Grüße nach Hause: Schweinsteiger grüßt das Glockenbachviertel, Podolski ruft seine Freunde auf, »Kölle« auseinanderzunehmen. Sieger aber ist Christoph Kramer mit seinen besten Wünschen für die Oma, die schon schlafen gegangen ist. Auch von uns, Oma. Du bist die Beste.

00:43 Uhr

Große Verwunderung nun in der ARD! Auf der Fan-Meile in Berlin ist immer noch was los, eine Stunde nach dem Abpfiff. Dabei waren doch alle nur daran interessiert, das Spiel zu sehen. Wollen jetzt wahrscheinlich noch über die Taktik diskutieren. Wie könnte man das besser als bei Kirmestechno!

00:45 Uhr

Miro Klose: das Phänomen. Klingt auch als Weltmeister immer noch so traurig wie als namenloser Niemand in Blaubach-Dudelkopf, spricht das Wort »Sahnehäubschen« aus wie ein depressiver Diätberater. Mensch, Miro: Wir würden dich trösten, wenn wir nur wüssten, warum.

0:48 Uhr

Boateng. Der Franz Beckenbauer der Playstation-Generation.

00:49 Uhr

Jetzt Bundespräsident Gauck. Wie eine Hausfrau, die man zum Interview aus dem Bett vor die Kamera gezerrt hat: »Och, ja. Huch. Ach, Gottchen. War das spannend, Mensch.«

00:55 Uhr

Nun zerschellt auch Bergener am Weltmeistertitel für den Bruchweg-Boy. »André Schürrle, Weltmeister«, stammelt er ein ums andere Mal, hat aber das Glück, dass Schürrle es genauso wenig begreift. Und wir müssen schon wieder so hysterisch lachen. Es ist immer noch schön.

00.59 Uhr

Jetzt Sabella: »Das Ergebnis ist zweitrangig.« Will das Ding im Rückspiel noch umbiegen.

01:00

Niersbach im Interview. Hat sich den ganzen Tag gefragt, ob dieses unbeschreibliche Gefühl von 1990 wohl wiederkommen möge. Aufatmen an der Fleck-Schneise. Es kann. Wir nennen es Freude. Aber was wissen wir schon.

1:04 Uhr

Eilmeldung: Ratzinger wieder Papst!

1:12 Uhr

Jetzt Joachim Löw im Interview. Gegen seinen letzten Angstgegner: Gerhard Delling. Will den Bundestrainer mit infantilen Quatschfragen offenbar doch noch zum Hinschmeißen reizen. Doch der widersteht. Leuchtet innerlich, ein erstaunlich bescheidener, demütiger Mann, der zaghaft lächelt und sich nach einem großen Stück Schwarzwälder Kirschtorte sehnt, zur Belohnung, ohne Reue, ohne dass Delling oder KMH ihn fragen, was das jetzt bedeutet, warum nicht Butterkuchen, Herr Löw? Es ist geschafft, es ist geschafft. Weltmeister. Schlafen Sie gut, Joachim Löw. Schlaft gut, liebe Fans. Und träumt schön von der WM 2034, auf die Poldi jetzt gerade, auf dem Rasen des Maracana, ohne Witz, seinen kleinen Sohn vorbereitet. Es geht weiter. Immer weiter. Fußball halt. Fluch und Segen. Wir sehen uns in Paderborn.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!