11.11.2011 | Ukraine-Deutschland im 11FREUNDE-Ticker
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Ist das Taktik? Oder kann das weg?

Ukraine-Deutschland 3:3. Sechs Tore fielen also. Mit Wiederholung sogar zwölf. Und deutschlandweit onanieren die Event-Fans vor Entzückung. Der 11FREUNDE-Ticker aber fragt äußerst nachdenklich: Ist das Taktik? Oder kann das weg?

Text: Dirk Gieselmann und Lucas Vogelsang Bild: Imago

Deutschland: 

Zieler - Boateng, Hummels, Badstuber, Aogo - Khedira, Träsch - Kroos, Özil - M. Götze - Gomez

 

Ukraine-Deutschland im 11FREUNDE-Ticker
Ukraine
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Deutschland




15:40 Uhr
Irritierend: Es ist tatsächlich schon zwanzig vor Vier, doch vom Kollegen Gieselmann ist hier im Ticker weit und breit nichts zu sehen. Kurz noch mal genau nachgeschaut. Nee, nichts. Nicht die Spur. Dabei fängt der doch neuerdings eigentlich immer schon gefühlte 29 Stunden vor dem Anpfiff an, den Weißraum des Tickers mit seinem norddeutschen Allerlei vollzupinseln, als würde er, jetzt 33-jährig, bereits jetzt, etwas verfrüht, am Helmut-Schmidt-Syndrom leiden. Der wird schließlich auch noch so lange in jede zweite Talkshow gezerrt, bis sich endlich jemand traut, gegen diese Omnipräsenz, diesen Altkanzler-Tabakwolken-Overkill anzuschreien. Bei Gieselmann ist auch noch niemand aufgestanden und hat ihm den Mac aus der Hand gerissen. Bisher. Denn irgendwas muss ja passiert sein. Wenn jetzt, um zehn vor Vier, hier noch immer kein launiger Youtube-Link zum Thema »Labbadia und die rückwärtige Entwicklung des Schnauzers« zu sehen ist. Es ist, wie gesagt, verdächtig leer hier. Aber vielleicht tue ich dem Kollegen auch Unrecht, und er plant das ganz große Ding. Seine persönliche Antwort auf Löws Götzil-Experiment. Einen ukrainischen Gedicht-Blog, mit Lyrik aus drei Jahrzehnten Kornkammer-Romantik, zum Beispiel. Oder den nächsten Herbsthit, der sich bei genauerem Hinsehen jedoch als perfide-genialisches Anagramm aus allen Vornamen der ukranischen Nationalspieler erweist. Oder ähnliches. Man darf in jedem Fall gespannt sein. Ich bin es. Gespannt. Um zehn vor Vier. Gleich ist Anpfiff. Fast.

16:15 Uhr
Gieselmann? Nein, immer noch nicht. Dann übernehme ich eben die Rolle des bärtigen 11FREUNDE-Chronisten. Versuchsweise. Also: Die »Bild« titelt im Sport: »Unsere Helden spielen gegen Hundekiller!« Da ist er wieder dieser ukrainische Horror, das Grauen aus der Tundra. Ein halbes Jahr vor dem Start der Europameisterschaft. Im Land des Gastgebers, so viel haben Dieckmanns Schergen herausgefunden, werden streunende Hunde weggefangen und kaltblütig ermordet. Daneben zeigt die »Bild« Aufnahmen unserer Nationalspieler mit ihren Nationalspielerhunden und -frauen. Harte Gegenschnitte. Man kennt das ja. Süßes gegen Saures. Ivan Drago gegen Pikachu. So in etwa. Wirkt auch hier. Nach dem Lesen bleibt die flaue Ahnung, dass die DFB-Gutmensch-Delegation heute Abend im Land der Kannibalen antritt. Das große Fressen quasi. Die Frage ist dann aber, warum die Fifa an dieser Stelle nicht einschreitet, oder zumindest die Jungs vom WWF (nicht die Wrestler), aber die haben wahrscheinlich genug damit zu tun, in Deutschlands Fußgängerzonen Verwirrung zu stiften. Bleibt also nur zu hoffen, dass die jüngste deutsche Nationalmannschaft seit Erfindung des Alters heute unter Welpenschutz gestellt wird. Oder es ihr zumindest gelingt, auch die Herzen der Hundekiller Ivan Dragos in Kiew zu erwärmen. Auf Facebook-Sprache: *liebguck*! Ansonsten bleibt uns nur noch, dem ukrainischen Blutrausch mit der Weisheit Vicco von Bülows zu begegnen: »Ein Leben ohne Mops ist zwar möglich, aber nicht erstrebenswert.« Gieselmann ist jedenfalls bereits dabei, das Gesamtwerk Loriots ins Ukrainische zu übersetzen. Noch hat er dreieinhalb Stunden Zeit.

16:50 Uhr
Joachim Löw hat unterdessen den eigentlichen Grund der Reise nach Kiew verraten: »Wir wollen Finalluft schnuppern!« Deshalb heute also 90 Minuten Finalluftschnupperei unter dem Deckmantel eines belanglosen Testspiels. Der Auftrag an die Spieler ist dabei klar: So tief einatmen wie möglich, die Lungen mit ex-sowjetischem Sauerstoff füllen, bis ein leichter Schwindel einsetzt. Doch wonach riecht eigentlich diese Finalluft? Wir glauben: Nach einer Mischung aus Platini-Schweiß, musealer Bronze-Patina, Lorbeer-Aufguss und Autokorso-Smog. Jetzt könnte eventuell ein kurzer Anruf bei Finalluft-Experte Michael Ballack helfen. Aber da ist die Gefahr zu groß, dass wieder sein Berater Michael Becker abnimmt und uns dann stundenlang etwas über Froschteiche und Ballacks Gehaltsvolumen erzählt. Nein danke, dann lieber gar kein Sauerstoff.

20:00 Uhr und ein paar Minuten
Haben heute den Chefökonom der HRE-Bank mit dem Zeitmanagement beauftragt, deswegen die Verspätung. Er hatte sich schlicht und einfach verrechnet. Eine Entschuldigung unsererseits wird in den kommenden Tagen in Form von Genussscheinen ausgegeben, die man dann zu Zweierpaketen gebündelt in so gut wie jeder Lidl-Filiale zum Preis von je 5 Euro erhalten kann. Wir erhoffen uns damit die Refinanzierung unserer nagelneuen iPads. Maskottchen der Aktion ist Union-Präsident Zingler, den man zudem für ein gemütliches Candle-Light-Dinner ersteigern kann. Aber jetzt, endlich, zum Spiel. Spiel.

20:14 Uhr
Und nun die Wettervorhersage für morgen, Samstag, den 12. November: Wir müssen alle sterben. 

20:22 Uhr
Sven Kaulbarß, der Hermann Hesse von »Radio Bremen«, macht mal wieder einen Hintergrundbericht, mehr Hintergrund als Bericht, eigentlich nur Hintergrund und gar kein Bericht. Hauptsache episch, Hauptsache sonore Stimme aus dem Off, Hauptsache, all das klingt irgendwie wissend, Hauptsache, das Germanistik-Grundstudium war nicht ganz umsonst. 

20:15 Uhr
Holt Özil sich heute den Integrations-Bambi von Bushido zurück? Wohin reiten die Polizisten, die sich vor dem Stadion versammeln? Warum sieht dieses Stadion von innen aus wie der Erichs Lampenladen? Wird Mehmet Scholl auch mit 60 noch ein Talent sein? Ist Mario Gomez' Binde von »Carefree«? Welche Sprache spricht Vitali Klitschko, wenn er sagt: »Sborrrrt häz se paua tu tschensch se worrrrlt«? So viele Fragen, so wenige Antworten. Deswegen: »Ob wir wirklich Fußball gucken, interessiert hier keine Sau.« (Element Of Crime)

20:25 Uhr
Zahlt die ARD so schlecht, dass Mehmet Scholl nebenbei als Page im Mannschaftshotel arbeiten muss? Nichts anderes könnte seine Vatermörder-Mantelkragen erklären. Nichts. Erstmals tut es mir leid, dass ich keine Gebühren zahle. Sehr.

20:29 Uhr
Mein Gott, wann hat Opdenhövel Scholl denn endlich diesen verdammten Gebrauchtwagen verkauft? Diese Vorberichterstattung ist sogar um einiges unspannender, als »Hopp oder Top« es jemals war. Hier der direkte Vergleich: 




20:30 Uhr
Und wieder wird Klitschko eingeblendet, welcher Klitschko, das wissen wir nicht so genau. Sicher aber ist: Entweder Vitali oder Wladimir. In jedem Fall Klitschko, der von den großen Veränderungen in seinem Land spricht. Staatsmännisch fast, spindoctor-approved das ganze Auftreten, als würde von hinten Reinhard Spreng soufflieren. Wieder Schnitt auf Scholl und Opdenhövel, die beiden ehemaligen Talente der ARD. Kann Klitschko (wir fragen: welcher?) jetzt Präsident der Ukraine werden? Scholl meint: »Ja, dann wird wenigstens nicht mehr mit Geiselnehmern verhandelt.« Opdenhövel beschlägt spontan die Brille, hinter der er seine Schlag-den-Raab-Mimik zu einer Lachfratze verzieht. Spiel Drei: Erdkunde. Bleibt nur die Frage zu klären, kann Scholl jetzt Kanzler werden? Wir sagen: Warum nicht. Guttenberg hätte ja auch gedurft. Und vor allem wäre ein Kanzlerkandidat Mehmet Scholl unser Vorschlag zur Aussöhnung mit der Türkei. Damit geht der nächste Integrations-Bambi an uns. Oder die ARD. Je nachdem.

20:31 Uhr
Kommentator Steffen Simon. Nachrichten, bei denen man sich das Wetter von morgen schon heute wünscht. Das Weltende wird Ihnen präsentiert von der Dresdner Bank.

20:33 Uhr
Könnte es eigentlich sein, dass die Ablehnung, die man den Fußballkommentatoren entgegen bringt, von der neuartigen Marotte der Sender herrührt, vor den Spielen ihre Gesichter einzublenden? Früher waren sie Stimmen, ätherisch, nicht zu lieben, aber auch nicht zu hassen. Nun sind sie Körper, in Berichterstatterjacken, mit Frisuren. Man weiß, wie Steffen Simon dreinschaut, wenn er etwas sagt. Könnte es daran liegen? Dann wäre es erschreckend banal. Entschuldigung.[page]

20:35 Uhr
Das nennt man dann wohl gemeinhin eine sich selbst erfüllende Prophezeihung. Als hätte uns Simon gehört, beginnt er die heutige Reportage mit den Wortfetzen: »Casting« und »Deutschland sucht die Europameister«, etc. Bewirbt sich damit als Talking Head für eine der diversen Greenscreen-Vorabend-Sendungen bei Vox. Währenddessen laufen die Mannschaften ein. Walking Heads. Und irgendwo soll sich laut Simon auch Tanja Schewtschenko tummeln. Gieselmann bricht in Angstschweiß aus, fürchtet jetzt ein Cameo von Tonia Harding. Eiszeit in Kiew. Hm, Eiszeit.

20:40 Uhr
Keine Harding hier, aber auch keine Witt. Kein Eis. Nichts. Stattdessen bekommt Steffi Graf, so wie es von hier aussieht, nun den ukrainischen Lebenspreis-Bambi. Viel erschreckender aber: Graf ist heute scheinbar auch Kapitän der Ukrainer. Weiß André das?

20:48 Uhr
Deutschland gegen seltsam ungesund aussehende Schweden, von denen einer, der Kroos heißt, sich zu uns rübergestohlen hat. So sei es. Die Hymnen dann, der obligatorische Kameraschwenk, Schewtschenko juckt das Skrotum, es ist alles wie immer, es wird immer so bleiben, und wir gucken immer noch zu, in der Hoffnung, es würde sich ändern. So auch Simon: »Fußball ist eine Wintersportart«, erfindet er. Zu spät. Anstoß.

2.
Ein bisschen Wintersport wird tatsächlich geboten: Deutschland mit dem jamaikanischen Dreierbob in der Abwehr: Hummels, Badstuber, Boateng. Uncool Runnings.

3.
Wenn Ihr wüsstet, liebe Fans, wie oft ich im Eifer des Gefechts schon »scheißt« statt »schießt« geschrieben habe. So auch jetzt: Schewtschenko scheißt ans Außennetz. Hihi.

6.
Gegen die Fußkälte, den Kalten Krieg und kalte Lenden eine warme Videobotschaft aus Kiew, liebe Fans.




9.
Eine Geräuschkulisse hier wie bei einem Stabhochsprungwettbewerb Mitte der Achtziger. Bei den Versuchen, die Sergej Bubka immer ausließ. Und es gab keine anderen Teilnehmer.

12.
Wenn ich Träsch sehe, kriege ich schlechte Laune. Nichts gegen ihn, aber er erinnert mich daran, dass ich es auch hätte packen können. Ja, ich hätte auch an diesem Scheißspiel teilnehmen können! Ich hätte vielleicht sogar mein einziges Länderspiel gemacht an dem Tag, an dem Joachim Löw gegen die Ukraine die Dreierkette wiederentdeckt. Ich wäre der eine von sechs in diesem gottverdammten 3-6-1 gewesen. Habe ich gesagt, ich hätte schlechte Laune? Sagen wir so: Ich gehe mal kurz auf die Straße und pfropfe einen zufällig vorbeikommenden Hund in die Tonne. Und die Omma am anderen Ende der Leine gleich hinterher.

17.
Das Interessanteste bislang: Darüber nachzudenken, warum Menschen von Rügen nach Kiew fahren, um dort ein Transparent aufzuhängen, auf dem »Rügen« steht. Sie könnten doch auch zu Hause bleiben, dann wäre auch ohne Transparent klar, woher sie kommen. Ich komme zu keinem Ergebnis, liebe Fans. Aber interessant ist es allemal.

20.
Mertesacker und Podolski auf der Bank: Wie zwei 17-jährige Arschgeigen, die mit dem Bus zur Berufschule fahren. Gleich muss irgendein ausgebrannter Pädagoge ihnen erklären, was ein Tu-Wort ist und dass man im Klassenraum nicht kiffen darf.

23.
Auch aus Lichtenrade und Meppen sind Menschen nach Kiew gefahren, um »Lichtenrade«- und »Meppen«-Transparente aufzuhängen. Wohin könnte ich bloß fahren, um mich selbst aufzuhängen?

25.
Aber jetzt mal ehrlich: Was soll das hier? Bisher fühlt sich dieses Spiel irgendwie unecht an, oder wie eine Zeitreise, zehn Jahre zurück. Ins Dortmunder Westfalenstadion oder auch noch weiter, immer tiefer in die Archive der DFB-Geschichte. Gleich holt Wörns Davor Suker von den Beinen, oder Paulo Rink tritt im Fünfer über den Ball. Langer Ball jetzt von Tobias Rau auf Ronald Maul. Flanke. Aber Dundee steht im Abseits. Bei dieser Aufzählung wird einem noch mal schmerzlich bewusst, dass es all diese Szenen tatsächlich gab. Das waren keine Trugbilder. Und all das schien doch überwunden, dank Klinsi, dem wir dafür eigentlich eine Buddha-Statue am Frankfurter Römer errichten müssten. Und nun, heute, 11.11.11 in Kiew, spielt Löw mit der Dreierkette. Ein Verrat am Sommermärchen. Und deshalb auch, irgendwie, ein Verrat an Sönke Wortmann, der zur Stunde jedoch zu keiner Stellungnahme bereit ist. 

27.
Tor. 1:0 für die ungesund aussehenden Schweden. Rügen, Lichtenrade und Meppen trauern, die Dreierkette beweint sich selbst. Wir schalten zu Dieter Bürgi: Was hält unser Experte von Löws Defensivexperiment?




31.
Deutschland verliert hier so viele Bälle wie eine Riesenschildkröte Eier am Strand. Und geht danach wahrscheinlich genauso baden.

33.
Is klar: Löw hat all das nur gemacht, um endlich mal wieder kritisch aufs Spielfeld zu schauen. Das bringt das Kinn noch besser zur Geltung. Und jetzt erst: 2:0 für die Ukraine. Der Tod steht uns gut.

35.
Also 2:0. Das schlechteste Spiel der deutschen Nationalmannschaft seit der Erfindung des Matchplans. Zum Wegschauen. Deshalb auch: Große Gameshow-Debatte am Rande dieses Spiels. Wir schalten spontan 11FREUNDE-Karteikarten-Experte Werner Schulze-Erdel aus seiner Finca auf Mallorca zu: »100 Leute haben wir gefragt, nennen Sie etwas, das uns schmerzlich an früher erinnert?« Danke, Werner. Top-Antwort wäre in diesem Fall: Christian Träsch. Sagten auch: 97 Leute. Die drei anderen antworteten: Die Frisur von Anatoli Timoschtschuk.

37.
Jetzt aber wieder zurück ins Hier und Jetzt. Ins  Götzil-Tempo-Deutschland, ins Post-Sommermärchen-Deutschland, ins Müller-Land. Toni Kroos nimmt sich den Ball im Mittelfeld, aber keiner merkt es, schießt als gerade keiner hinschaut. Der Ball schlägt hinter dem ukrainischen Keeper ein, der mit allem gerechnet hat, nur nicht damit. Kein Jubel. Auch Kroos zukct nur kurz. Anschlusstreffer durch das geheimste Tor des Jahres, durch Toni Kroos, der eigentlich der beste Spieler der Welt ist, nur hat auch das noch niemand gemerkt. Schlussfolgerung: Wenn Löw jetzt auch noch den Stealth-Fußball erfunden hat, sind wir tatsächlich auf Jahre hinaus unschlagbar.

40.
Trotz des Anschlusstreffers aber ist sicher, dass Löw gleich umstellen, eine ganze Menge ändern, oder auch den Hebel ansetzen muss, wie man ja jetzt sagt, in Zeiten der Hebel. Im Katakomben-Interview mit Opdenhövel deshalb gleich: Co-Trainer Jonathan Franzen über seine »Korrekturen«. 

42.
Kopfball, Latte, von der Hacke des Torwarts rollt der Ball auf die Linie zu, doch niemand setzt nach, niemand bangt, niemand lacht, niemand weint, nicht mal Olli Reck. Wenn ein Reck nicht mehr weint wie ein Reck, dann sind wir jenseits von jedem.

44.
Tor. 3:1. Das schönste Tor, das jemals ein Ukrainer geschossen hat. Halten wir das mal fest, bevor wir uns selbst fallen lassen.

45.
Halbzeit. Das Fazit kommt von Matthias Opdenhövel: »Puh!« Puh.[page]

21:38 Uhr
Robert Oppenheimer erfand die Atombombe und verurteilte sie später. So wird es auch bei Rudi Völler, dem Erfinder der Dreierkette sein. Nicht, dass wir dieses Spiel mit Hiroshima gleichsetzen wollen. Es ist schlimmer.

21:41 Uhr
Wir schalten live in die Trainerkabine.




46.
Es geht weiter. Löws Reaktion: Rolfes spielt. Was würde Sport-Goofy dazu sagen? Wahrscheinlich: »Schluchz.«

47.
Schewtschenko im Laufduell mit Aogo, das ist wie Sport-Goofy gegen Doctor Snuggles. Doch Zieler hält. Was würde Sport-Goofy dazu sagen? Wahrscheinlich: »Schluck.«

50.
Stellen Sie sich bitte kurz einen Werbe-Clip vor, wie er nachts auf gewissen Sendern läuft. Kollege Vogelsang tanzt im Tigerslip selbsvergessen vor einer Zimmerpalme, dazu haucht eine weibliche Stimme: »Wenn Sie dieses Spiel nicht mehr sehen wollen, dann schicken sie jetzt ›Schlusspfiff‹ an die 11-11-11.« Hilft, wenn auch nur für Sekunden.

53.
Immerhin bleibt festzuhalten: Löw hat reagiert. Stimmt schon. Bisschen komisch aber, dass da jetzt Rolfes das Spiel strukturieren soll. Ausgerechnet, würde man jetzt sagen, wäre man Kommentator bei Sport1. Ausgerechnet Rolfes. Es scheint einfach so, als würde Löw mit all diesen taktischen Varianten und Verwerfungen eine Woche beschließen, in der einfach jeder mal alles anders machen darf als sonst. Schließlich hat auch Roland Emmerich einen Historien-Film mit Anspruch ins Kino gebracht, anstatt dort wie gewohnt die Welt in Schutt und Asche zu legen. Emmerich kommt im Übrigen wie Löw aus Baden-Württemberg. Vielleicht ist das einfach die badisch-schwäbische Interpretation von Karneval. Und nachher nimmt das ohnehin wieder Hansi Flick auf seine Narrenkappe.

55.
Deutschland jetzt aber tatsächlich besser, was aber im Kontext der ersten Halbzeit nicht viel heißt. Das ist in etwa so wie sonst bei den Veröffentlichungen der Arbeitslosenquote. Da bedeutet eine Verbesserung ja auch nie sofort Vollbeschäftigung.

56.
Wenn jetzt irgendwo auf dieser Welt ein Rockstar einen Fernseher aus dem Hotelfenster wirft, könnte es ausnahmsweise mal keine hohle Geste sein.

57.
»Philipp Lahm wird vermisst«, so Simon. Keine Sorge: Wahrscheinlich wartet er am Infoschalter auf seine Eltern.

60.
Helle Aufregung wegen unseres Hiroshima-Vergleichs von 21:38 Uhr. »Am liebsten würde ich dem Verfasser dieses Postes sämtlich Gesichtsknochen brechen«, schreibt einer. Nettes Angebot, das habe ich aber vor lauter Langeweile schon kurz nach dem Anstoß selber getan.

61.
Und schon wieder das Duell Nasarenko gegen Zieler. Ohne Zieler. Aus purem Mitleid fliegt der Ball ins Toraus.

63.
Tor. Rolfes. Uns bleibt auch nichts erspart.

65.
Müller und Podolski kommen ins Spiel, schauen drein, als müssten sie nachts um drei ihren GTI aus der Garage fahren, um ihre hässliche, besoffene 14-jährige Schwester aus der Dorfdisko abzuholen.

68.
Plötzlich ist wieder Spannung drin. Simon pusht sich noch mal aus seiner Permafroststarre (»Temperaturen hier um den Gefrierpunkt«), versucht, in zehn Sekunden das gesamte Teilnehmerfeld des »Eurovision Songcontest« aufzusagen, vergisst dabei aber Aserbaidschan. Berti Vogts meldet sich daraufhin umgehend via Facebook. Fordert eine Entschuldigung.

70.
»Müller drin, Podolski auch. Und wer da noch alles reinwill«, freut sich Steffen Simon. Und liegt dabei ausnahmsweise sogar völlig richtig. Denn Löw wechselt erneut, bringt jetzt Moritz Bleibtreu und Justus von Dohnanyi. Das Experiment geht weiter. Kein Wunder, dass Wortmann sich da raushält.

73.
Gute Viertelstunde noch, mutmaßt Simon jetzt. Woher will er das wissen? Es könnte auch die schlechteste Viertelstunde in der Geschichte des deutschen Fußballs werden. Es wäre wenig überraschend.

75.
Immerhin haben die Deutschen seit einer halben Stunde kein Gegentor mehr bekommen. Und immerhin haben wir ebenso lange darauf verzichtet, die Political Correctness mit Füßen getreten. Gute Nachrichten allenthalben.

77.
Immer mehr Menschen da draußen fordern wegen des Hiroshima-Vergleichs meinen Rücktritt. Von welchem Amt auch immer. Um das noch abzuwenden, hier ein Versuch, die Wogen zu glätten. Lasst uns tanzen, Menschen da draußen.




79.
Tor. Müller. 3:3. Womit auch das Ergebnis die Form einer Dreierkette angenommen hätte. Es ist alles ein entsetzlicher Schmerz.

81.
Wenn die Deutschen das hier noch gewinnen, 4:3 oder sogar 5:3, wäre es irgendwie noch schlimmer. Wie ein Tischtennisstreber beim Schulwettkampf, der erst gegen den Klassen-Fetti zurückliegt und sich dann mit Schmetterbällen auf Gesichtshöhe umso fieser rächt. Der sich schließlich mit hochroter Birne einen abfreut und nicht merkt, dass alle sich von ihm abwenden. Selbst der Lehrer, der ihm heimlich eine Sechs ins Klassenbuch schreibt.

83.
Cacau kommt. Wurde auch Zeit bei den Temperaturen.

85.
Nagasaki. Oh, Entschuldigung.

88.
»Cacau jetzt mit der Brechstange«, schlürft Simon. Ekelhaft. Ich trinke meinen immer mit Strohhalm.

87.
Mit Rücksicht auf den Gastgeber lässt Löw den Dortmunder Schmelzer auf der Bank. Die Ukrainer rühren derweil für die letzten fünf Minuten noch einmal Beton an. Wir lecken noch einmal an diesem Abend. Ergebnis: Geschmacklos.

89.
Kurz vor Schluss ziehen wir mal das erste fazit dieser Nacht: Deutschland hätte dieses Spiel in Bestbesetzung gut und gerne auch 5:1 gewinnen können, aber das wäre nach all den Jubelwochen doch irgendwie bisschen langweilig gewesen. Das muss sich zumindest der Budnestrainer gedacht haben, als er die heutige Taktik erdacht und Odonkor in Aogos Trikot auf die rechte Seite gestellt hat. So ist es ein Spiel mit einem fast kürmisartigen Unterhaltungswert geworden. Vor allem die deutsche Defensive erinnert, auch jetzt uin den Schlussminuten, an jene Zeitvertreibmaschine, bei der man konfuse Biber mit großen Keulen in ihre Löcher prügelt. Oktoberfeststimmung mitten im November.

91.
Oleg Blochin jetzt so aufgebracht wie Hans-Joachim Kulenkampff bei »Einer wird gewinnen«, als er erfuhr, dass er nicht um weitere 45 Minuten überziehen darf. Es bleibt beim 3:3. Keiner wird gewinnen.

92.
»Zeit ist rum«, sagt Simon mit einer Bitterkeit, als wäre er ein Wachmann in einem leeren Lager irgendwo im Moor, der seit 35 Jahre auf seine Rente wartet. Und jetzt ist es so weit, aber was wartet auf ihn? Nichts. Nicht mal mehr Zeit. Denn die ist rum.

22:42 Uhr
Podolski: »Am Ende war es schwer gegen 20 tapfere Ukrainer.« Genial. Wir bringen sofort eine Karnevalssingle raus: »20 tapfere Ukrainer«! Und jetzt alle!

22:44 Uhr
Bislang fordert niemand Löws Rücktritt. Und nach der Hiroshima-Nummer werden wir garantiert nicht die Ersten sein.

22:47 Uhr
Jetzt Löw bei »Hopp oder Top« mit Matze Opdenhövel und Mehmet Dinsgbums. Setzt gleich alles auf »Hopp« mit dem fuminanten Satz: »Wir hatten unglaubliche Dominanzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz.« Kriegt er jetzt die goldene Geldscheinklammer? Wir bleiben dran!

22:53 Uhr
Mehmet Scholl macht Witze und sagt hinterher, dass es Witze waren. Vielleicht sollte Löw jetzt so ehrlich sein und sagen, dass das gar kein Fußball war.

22:54 Uhr
Sechs Tore. Und jetzt noch mal in der Wiederholung. Also zwölf Tore. Und deutschlandweit onanieren die Event-Fans vor Entzückung. Wir aber fragen: Ist das Taktik? Oder kann das weg? Bitte prügelt uns die Antwort bei nächster Gelegenheit ins Gesicht, liebe Menschen da draußen. Bis dahin. Euer Ticker.

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