24.03.2010 | Spiel ohne Eigenschaften
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Schalke-Bayern im 11FREUNDE-Liveticker

Thank God, it's over. Das Pokal-Halbfinale zwischen Schalke und Bayern hätte keinen Sieger verdient. Und hat doch einen: Bayern. Ein Spiel wie von Robert Musil. Viel zu lang, trotzdem ein Fragment. Der Liveticker hat's dennoch gelesen.

Text: Dirk Gieselmann und Fabian Jonas Bild: Imago
Schalke: 1 Neuer - 25 Zambrano, 4 Höwedes, 5 Bordon, 2 Westermann - 12 Kluge, 10 Rakitic, 21 Schmitz - 11 Baumjohann - 17 Farfan, 22 Kuranyi. - Trainer: Magath

München: 22 Butt - 21 Lahm, 5 van Buyten, 28 Badstuber, 26 Contento - 10 Robben, 17 van Bommel, 31 Schweinsteiger, 25 Müller - 18 Klose, 11 Olic. - Trainer: van Gaal

Schiedsrichter: Knut Kircher (Rottenburg) Tore: Zuschauer: 61.673 (ausverkauft)
Spiel ohne Eigenschaften
Schalke
0
:
1
Bayern





19:53 Uhr
Na gut, ich sag mal: Es geht bald los. Wird der FC Schalke 04 die Finalteilnahme der Herzen feiern können? Oder begegnet Bayern der Schwiegermutter aller Niederlagen? Das Spiel um Platz 3: Live im 11FREUNDE-Ticker. Herzlich willkommen auch den Zuschauern in Schweiz, Liechtenstein und Österreich.

19:55 Uhr
Kollege Jonas erscheint, hat sich das alte Magirus-Deutz-Trikot auf den Body painten lassen. Auch der »Gast« ist zugegen, der treuen Fans schon bekannt sein dürfte durch seine Angewohnheit, ungebeten zugegen zu sein. Auch diesmal hat er wieder Ferrero Küsschen ohne Ferrero mitgebracht. »Ah, ist das gemütlich bei euch«, grunzt er, schläft sofort ein, schnarcht wie Ernie. Ich bin Bert. 

20:04 Uhr
Auch ich versuche nun verzweifelt einzuschlafen, was mir nicht gelingt, da Kollege Jonas wildentschlossen ist, Hansi Pflüglers Geburtstag vorzufeiern. Am Samstag wird die Grätschenlegende vom FC Bayern fünfzig, was Jonas Anlass genug ist, meine Hausbar leerzusaufen und Pyros in seiner Hose abzufackeln. Ich telefoniere mit meinen Strohmännern beim DFB, nächstes Mal bleibt die Jonas-Kurve verwaist.

20:10 Uhr
Der »Gast« linst im Halbschlaf auf die Tagesschau, fordert, dass eine gewisse Ministerin »sich demnächst endlich mal im Playboy ausziehen« solle. »Boah, jetzt bin ich so erregt, dass ich nicht mehr einschlafen kann!«, röchelt er. Ob ich ihn bewusstlos schlagen soll? 

20:12 Uhr
Laut Vox ist Christoph Daum auf Platz 1 der gerissensten Promi-Lügner. Jonas, eben noch in Partylaune, bricht weinend zusammen: Letztes Jahr war er noch Spitzenreiter, weswegen das Kaufbeurer Gymnasium in »Fabian-Jonas-Oberschule« umbenannt wurde. »Wie gewonnen, so zerronnen«, greint der tief Gefallene, will nun den kompletten Ticker erfinden und sich dann bei der »Neon« bewerben. Mir wär's recht.

20:20 Uhr
Grüß Gott, hier Jonas. Gieselmann sitzt heute übrigens neben seinem Fernseher, auf einer Linie mit dem Bildschirm, will von dort aus meine »Mimik tickern, wenn Schalke ein Tor schießt«. Mir egal, ich hab das letzte Mal 1999 gezuckt.

20:25 Uhr
Delling hat sich Gieselmanns Jackett ausgeliehen, moderiert lustlos seinen Stiefel runter, wir denken schon: »Cool, Netzer ist nicht da!«, da zieht die Kamera auf. Wie gewonnen, so zerronnen. Ich weiß, wovon ich rede. Van Gaal erzählt derweil von seiner schweren Kindheit, in der er »Kartoffeln, die Dings, die ßale, ßälen musste.« »Da legst di nieda«, grunzt Gieselmann. Hab ich eigentlich irgendwann einmal erwähnt, dass er Dialekte, nicht kann? Meine Meinung. 

20:27 Uhr 
Und ob ich Dialekte kann! (singt) »Bisse richtig down / Brauchse wat zu kaun / Ne currywurst / Willi, komm geh mit / Ich krieg Appetit / Auf Currywurst!« Apropos Currywurst: Unser »Gast« ist nun endgültig wach und staunt: »Sind da aber viele Leute im Stadion! Mindestens 1000!« Mit ihm freut Delling sich auf eine »spannende Paarung«. Soll ich mit Jonas gegen diese Allianz der Badminton-Freunde paktieren? In der Not frisst der Teufel Feinde, oder wie das heißt.

20:33 Uhr
Entweder die Grafikpraktikantin ist besoffen, oder van Gaal lässt tatsächlich 4-3-3 spielen.Oder umgekehrt.

1. Minute
Zwei Zehntelsekunden sind gespielt, da gibt es die erste Ecke für die Bayern. Wir sind überhaupt noch nicht sortiert, das haben wir mit Neuer gemeinsam, der rauskommt, aber den Ball eben nicht hat. Egal, sonst hat ihn auch keiner.

3.
Business as usual. Olic rennt, der Rest schaut sich das erst mal an, der Gast redet, Gieselmann geht ne Runde um den Block.

6.
Uiuiui. Van Buyten mit Lucio-Gedenk-Dribbling auf dem Gnu-gleichen Weg durch die Steppe in Richtung Schalker Hälfte. Dann aber Elefanten-Fehlpass, Kuranyi geht steil, legt ab auf irgendjemand, der Gast weiß es nicht, ich hab's nicht gesehen, Gieselmann ist nicht da. Butt schon. 

7.
Rache für Lucio! Schalker Abseitsfalle funktioniert nicht, Olic frei vor Neuer, denkt aber gerade an was anderes, vielleicht Curling, wischt nur unmotiviert über den Ball. Tschüs, Chance!  

10.
Das Spiel, so spannend wie die Hosenträger von Ottfried Fischer. Da schickt Müller Robben steil, der allein vor Neuer, trotz aller Bayern-Angebote bleibt der Keeper Schalker, hält bravourös.

12.
Der Gast trompetet nun »A-ttaaaa-ckeeee!« – ohne Trompete. Igitt. 

14.
Bordon liegt am Boden, windet sich, die Slo-Mo zeigt einen fiesen Zusammenprall mit Westermann. Sie zeigt aber auch: Bierhoff holt auf der Tribüne das Letzte aus seiner Nase heraus. Wie das wohl ausgeht? Wir tippen: Golden Goal. 

16.
Bayern am Drücker wie ein Lustgreis im Altersheim, der sich in die Nachtschwester verknallt hat. Jonas sitzt schon in der U2 Richtung Olympiastadion. Doch noch steht es 0:0, die Schalker Ergebnisminimalisten schalten um auf Catenaccio, Magath prüft, ob ein Blitztransfer von Giuseppe Bergomi möglich ist, beordert Schiri Kircher auf die Ausputzerposition. Der alte Trainerfuchs. 

18.
Derweil diktiert van Gaal seinem Assistenten Jonker den dritten Band seiner Biografie: »Und dann habe ich bei Schlecker diese Seifenschale mit den verliebten Elefanten drauf entdeckt! Für 1,99!«, dichtet er, doch da wird er jäh unterbrochen von einer Olic-Flanke und einem Rückwärtsflugkopfball durch Klose. Daneben. Es kann weitergehen: »Und die Seifenschale habe ich meiner Truus mitgebracht, die hat sich so gefreut, dass wir gleich... PIIIIIIIIIIIIIIIIEP.« 

22.
Rummenigge hat im Internet den Derrick-Trenchcoat ersteigert, Hoeneß nur einen uncoolen Bayern-Schal. Er kaut an der Wolle, beobachtet genervt eine Rakitic-Ecke, die Faustabwehr von Buttbuttbutt, den Nachschuss von Schmitz, die sich drehenden Werbebanden, mein Gott, wie oft hat er sie sich schon drehen sehen, wie schön wäre es, wenn wie früher in Rom jetzt ein paar Löwen in die Arena gelassen würden, hungrige, sehr hungrige Löwen... Daumen rauf, Daumen runter, ach! Dann schmeckt er wieder die Schalwolle, vor ihm popelt Bierhoff. Scheiß Gegenwart.

25.
Gerd Gottlob, das muss mal gesagt werden, nervt kaum. Ein Dieter Eilts unter den Kommentatoren: Unauffällig, selbstlos, nicht eitel. Was wiederum dann doch nervt: Über wen sollen wir uns nun aufregen? Reif, Thurn und Taxis, Wark – schickt uns wenigstens ein Fax.

32.
Die allseits beliebte Analyse nach einer halben Stunde. Bayern ist überlegen, aber der Ball bei Steilpässen zu schnell. Für den Gast schon jetzt ein Grund zu verzweifeln, weil er nicht weiß, was er »der Mannschaft in der Halbzeit sagen soll«. Die Bayern spielen wirklich so eine Art 4-3,5-2,5.

38.
Zambrano fällt Olic an der Grundlinie. Ganz Gelsenkirchen ist empört, weil Kircher jetzt pfeift, nach Robbens dezentem Bodycheck auf der Gegenseite kurz zuvor aber nicht. Ist aber auch egal, Lahm erwischt zwar einen Abpraller, sein Schuss gerät aber zum Fiel-Goal-Versuch. Drüber. 

41.
»Warum ist van Buyten eigentlich kein Schweinsteiger?«, fragt der Gast ehrlich ahnungslos. Gieselmann zuckt die Schultern: »Keine Ahnung, vielleicht weil er acht Meter größer und hundert Kilo schwerer ist?« Dem Gast reicht das nicht. Früher war alles besser. Vor allem Lothar Matthäus. »Wie der von der Abwehr durch ganz Jugoslawien gedribbelt ist! Noch vor der NATO.« 

43.
Chancen sind Mangelware, dafür rauschen durchtrainierte, verschwitzte Männerkörper aufeinander, dass es eine Wonne wäre. Zumindest wenn Thurn und Taxis Kommentator dieses Spiels wäre. 

45.
Jetzt haut Kuranyi Lahm in die Coaching Zone, der verbrennt sich die Knie am dort ausgelegten Kunstrasen. Tja, liebe Millionäre, da seht ihr mal, was wir jedes Wochenende durchmachen. Rasenplätze für alle! 

21:22 Uhr
21:22 Uhr? So spät war es noch nie! Komische Zeit für die Halbzeit. Auch Netzer wird von Delling auf dem vollkommen falschen Fuß erwischt, salbadert die schlechteste Analyse aller Zeiten: »Wenn die Bayern ein Tor schießen, haben sie Ruhe.« Herzlich willkommen am Stammtisch. Dort herrscht derweil helle Freude über den sinkenden Gaspreis, was wiederum Gazprom betrübt, also auch Magath. Schalke am Ende. Hat Netzer doch Recht?[page]  

21:45 Uhr 
»Partner schmieren!«, keucht Tom Bürow in den »Tagesthemen«. »Mit Vaseline?«, freut sich der Gast. Nein. Es geht um Korruption. »Geil, Korruption!«, lässt der Gast sich nicht beirren. »Lechz!« Und dann auch noch: Weitere Nachrichten mit Jens Riewa. Auch er mit einer fliederfarbenen Krawatte, wie jeder ARD-Mensch an diesem betrüblichen Tag. Jonas liest dem Gast die Lottozahlen vor, der DFB sagt: »Fußball ist Zukunft.« Zukunft? Ohne mich. 

21:31 Uhr
Netzer kriecht nun besser vorbereitet aus seinem Thinktank und verkündet: »Schalke muss Chancen entwickeln!«, »Van Bommel ist wichtig!« und »Magath kennt die Stärken der Bayern!« Mein lieber Herr Gesangsverein, wenn das so weiter geht, erfindet er in wenigen Minuten das Rad. Auf dem flitzen Jonas, der Gast und ich dann auf nimmer Wiedersehen ins Land der Ahnungslosen. Doch stopp! »Das Spiel ist schlecht, der Rasen ist in einem verheerend schlechten Zustand!« Das ist Musik in unseren Ohren. Wer ist der Mann, der soviel Wahrheit in einen Satz packen kann? Löw! Jogi Löw! Der beste Bundestrainer Deutschlands. 

46.
Wie ein Folgetermin beim Zahnarzt (Wurzelbehandlung) schleicht sich die zweite Halbzeit an. Und schon schmeißt Kircher den Bohrer an. Wir denken an was Schönes, Busen, Strände, Busen am Strand. Doch dann das: Rakitic mit Fernschuss, verfehlt das Tor knapp, erlegt aber das ARD-Mikro. Ätzend. 

48.
Kuranyi eilt wie ein Springbock durch die Savanne, hat sogar einen Ball dabei, das sieht gut aus, Bernhard Grzimek dreht sich vor Freude im Grabe um, doch vor lauter springbockhafter Aufregung schießt der Schalker viel zu früh, kein Problem für Butt, und das wird uns nach dem Spiel dann als Highlight angedreht, so wie auch der nun folgende Schnibbler von Moritz, der drei Meter vorbeigeht. »Jetzt wird es ein richtiges Pokalspiel«, zirpelt sogar Gottlob, den wir vorhin noch wegen seiner Nüchternheit lobten. Wir recherchieren noch mal nach: »Seit 1993 (zunächst als Assistent von Gerhard Delling) ist Gottlob bei großen Turnieren des Frauen-Fußballs im Einsatz.« Soso. Aha. Verstehe.

54.
Immerhin. Es geht ein bisschen weiter. Die vorher noch unmotivierten Fouls auf beiden Seiten haben jetzt zumindest ein bisschen Sinn, Kircher hat aber eh keine Karten dabei. Jogi Löw hat wieder auf seinem VIP-Seat Platz genommen. »Wenn Kuranyi cool wäre, würde er jetzt aus dem Stadion flüchten.«, so der Gast.

56.
Contento mit seinem ersten Fehler, lässt sich austanzen, macht aber alles gleich wieder selber gut. Grund genug für Gieselmann, dessen Street-Credibility zu loben. Ich versteh kein Wort. Ich kenn nur Bushido.

60.
Ribery macht sich jetzt schon seit einer Viertelstunde warm, hat ein Auge immer aufs Feld gerichtet, sieht aus, als habe er auch keinen Bock auf Wurzelbehandlung.

62.
Ach was! Er hat doch Karten dabei. Gelb für Schweinsteiger, der versucht, Farfan wie den Quarterback der San Francisco 49ers zu stoppen, Kircher lässt erst mal den Vorteil laufen, aber was heißt hier Vorteil, wenn Kuranyi aus 35 Metern abzieht?

64.
Der nächste bitte! Herr Ribery muss jetzt auf den Stuhl. Für Olic. Prügelt sich gleich mal ein bisschen. So viel Zeit muss sein. Dabei hat er noch gar nicht gebohrt. Im Gegensatz zu Bierhoff. Ach, lassen wir das. 

68.
Zambrano geht. Matip kommt. Für Gieselmann ein Grund, mal zu googeln. Er findet: Carlos Zambrano (Fußballspieler). Puh. Internet. Toll.

70.
Der Gast rezitiert den Bayern-Kader aus der Saison 1985/86: »Pfaff! Auge! Grahammer! Kögl! Hoeneß!« – »Weißflog!«, fügt Jonas hinzu, denn in diesem Moment schließt Butt eine Parade sauber mit dem Telemark ab.

72.
Ribery riberiet, doch Müller müllert. Schnoffz. 

74.
Hinter den Werbebanden hat die ARD derweil eine riesige Schiefertafel aufgestellt, auf der Fans gegen die Langeweile ein bisschen malen können. Einer hat schon hundert Mal den Schalker Kreisel skizziert. Wer wohl heute Tafeldienst hat? Wahrscheinlich Mike Büskens.

77.
Nichts klappt. Und was klappt, ist Abseits. Scheiß Existenz. 

79.
Der Linienrichter ist heute der Mann mit den besten Ideen. Winkt, fuchtelt, zeigt. Rhythmische Sportgymnastik in Vollendung. Das Spiel ist derweil ein Elend, als hätte jemand einen Ball in die Fußgängerzone von, sagen wir: Lüneburg geschmissen. Ein paar Kids dribbeln vernügt, aber brotlos, die Senioren ignorieren das Spielgerät angewidert, rufen lieber die Polizei. Die kommt schon fünf Minuten später, hat ja sonst nix zu tun, mit Blaulicht, aber ohne Martinshorn. Provinz pur. Hoffentlich schaut Arsene Wenger nicht zu.  

84.
Das zwischen diesen beiden Mannschaften 1984 mal zwölf Tore gefallen sind, ist so unvorstellbar wie es andersherum 1984 gewesen sein muss, dass Joschka Fischer mal Außenminister werden würde. Ein Tor wäre wie ein Tropfen Wasser auf einen Zwieback in der Wüste Gobi, doch wenn Schweini mal schießt, ist Neuer da. »Der ist gut, der Neuer«, weiß der Gast. »Den sollte Schalke sich holen!«

89.
Wenn Ihr wüsstet, liebe Fans, was hier an Flüchen, Beleidigungen, Ehrabschneidungen und Rufmorden im Umlauf ist und ich nicht niederschreiben darf, weil ich meinen Arsch sonst auf Jahre nicht mehr aus dem Gefängnis bekommen würde. Aber eins muss erlaubt sein: Diese nun folgende Verlängerung ist eine gottverdammte Zumutung! Und dann taucht auch noch Olaf Thon auf, hat sich zur Feier dieses Untages blondieren lassen, sieht aus wie Waldi und Caroline Reiber gleichzeitig. Diese Krawatte! Und wir dachten schon, nichts könnte schlimmer sein als die zurückliegenden 90 Minuten. 

22:26 Uhr
Jetzt massiert der Schalker Physio Kevin Kuranyi, ja, wir müssen es so sagen: da, wo Massieren Spaß macht. »Ich komme!«, seufzt der Gast. Und wir hatten gehofft, dass er geht.

22:28 Uhr
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins: Es geht weiter. »Immer weiter!«, brüllte Olli Kahn einst. Aber das kann er nicht gemeint haben: Rasenschach von Leuten, die schon beim Rasenhalma scheitern. Snooker mit Rolf Kalb auf Eurosport! Das hätten wir gucken sollen. Denn: »Snooker besteht aus vielen Dramen.« (Rolf Kalb)

91.
Es geht also »weiter«. Nur Sisyphos freut sich. Nicht, dass wir auf einmal mit Olli Bierhoff sympathisieren, aber ein Golden Goal wäre wünschenswert. Oder sich einschläfern lassen wie einen alten, gichtkranken Dackel. Komm, süßer Tod.

93.
Peer Kluge! Man hätte auch ahnen können, dass das hier nicht gerade der Karneval von Rio wird. Aber von den Rambazambatypen sind wir schon arg enttäuscht. »Dieses Spiel wird erst ein Spiel, wenn hier ein Tor fällt«, prophezeit Gottlob. 1:0 für ihn. Nur ihn.

97.
Ach, liebe Fans, was soll es denn? Es ist doch nur Fußball. Ich hab jetzt trotzdem gute Laune. Vielleicht weil Gieselmann schon wieder gegangen ist. 90 Minuten hält er ja noch durch. Werd ihm mal Granufink besorgen. Oder alles zurücknehmen. Als er zurückkommt, hat er Kinderschokolade dabei. Also Schokolade von jener Firma, die alle ihre Produkte mit Werbung bewirbt, gegen die dieses Spiel der reinste Leckerbissen ist. Der wahrscheinlich längste Leckerbissen der Welt.

102.
Wenn's nach Louis van Gaal ginge, und wenn wir das richtig verstanden haben, dann wären auf jeder Seite jetzt schon je zwei Feldspieler vom Platz genommen worden, alle fünf Minuten einer, bis nur noch Gladiatoren übrig sind. Oder Gladiolen. Oder Löwen. Oder Obelix. Mit Senf. 

104.
WAS? MACHST? DU? DA? Hatte ich von guter Laune gesprochen? Vergesst es, liebe Fans. Schweinsteiger ist plötzlich mutterseelenallein im Strafraum bzw. nicht mal ganz allein, weil noch Klose dabei ist, Schweini drängt sich aber selbst nach links ab und spielt dann die Kugel direkt zum Schalker Verteidiger. Ich will dann doch lieber nach Hause jetzt. HALBZEIT!

106.
Und weiter. Noch fünfzehn Minuten bis zum Elfmeterschießen, wenn nicht doch noch Robben, der gerade antritt... ach. Noch vierzehn Minuten bis zum Elfmeterschießen.

22:45 Uhr
»Hart aber fair« kommt ein bisschen später, »Hart aber langweilig« läuft noch ein bisschen.

109. 
Neue Serie: Die schlechtesten Spiele aller Zeiten. Folge 1: Brasilien – Italien 3:2 n.E. (Weltmeisterschaft 1994, Finale) – Was hätte das für ein Finale werden können? Auf der einen Seite Donadoni, Berti und vor allem Roberto Baggio, auf der anderen Carlos Dunga, Bebeto und Romario. Am Ende war das Spiel ein einziger Fehlpass über 120 Minuten. Aber ganz so überraschend kam dieses Defensivfestival eigentlich nicht, stand Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira doch nicht zu Unrecht in dem Ruf, einen sehr europäisch orientierten Fußball spielen zu lassen. Und so trug es sich zu, dass sich insbesondere Baresi und Mauro Silva sowie Jorginho und Albertini über die gesamte Spielzeit nahezu vollständig neutralisierten. Eigentlich kam das Spiel ganz ohne Torchance aus. Die Teams verrichteten sich ausschließlich aufs Zerstören – des WM-Finales im speziellen und des Fußballsports im Allgemeinen. Es war ein grauenvoll ödes, unzumutbares und über die Maßen schlechtes Fußballspiel zweier Mannschaften, die angeblich die besten dieser Zeit waren. Dass ausgerechnet ein verschossener Elfmeter eines verletzten Stürmers das Finale entschied ist nur allzu bezeichnend für eine Partie, deren bloßer Eintrag in die WM-Annalen schon einen Angriff auf die Fußball-Ästhetik darstellt.

110.
Klöschen mit Schönkschen. Keine Ecke. 

111.
Folge 2: Deutschland – Österreich 1:0 (Weltmeisterschaft 1982, Vorrunde) – Eine kolossale Frechheit und eines der dunkelsten Kapitel deutscher und österreichischer Fußballgeschichte. Nach dem 1:0 durch Hrubesch (10.) knickerten sich die 22 Spieler 80 Minuten den Ball derart lustlos und verweigernd hin und her, dass nicht einmal ein Hauch von Zweifel übrig blieb, dass dieses Spiel von vorne bis hinten geschoben war. Büßen mussten diese Unverfrorenheit die Algerier, die tatenlos zusehen durften, wie sie genau durch dieses Resultat ihres verdienten Finalrundeneinzugs beraubt wurden. Die bodenloseste Unverschämtheit leistete sich nach dem Spiel Österreichs Delegationsleiter Dr. Hans Tschak mit seinen rassistischen Ausuferungen über den gefoppten Gegner aus Afrika: »Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn jetzt deswegen hier 10.000 Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das doch nur, dass die zu wenige Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt jetzt, die Klappe aufreißen zu können.« Unfassbar. 

112.
Auch Ribery tut jetzt so, als könnte er nichts, will nicht unangenehm auffallen. 

113. 
TOOOOOOOOOOOOOOOOR! Das Elend hat ein Ende! Robben! Macht alles allein! Typisch! Aber diesmal erfolgreich! Umspielt die gesamte Schalker Mannschaft von Rechtsaußen nach innen, zieht ab, Neuer sieht das Unheil kommen, kann nichts machen, der Ball flutscht rein, wie im selben Moment Jonas vom Sofa, er bellt, miaut, grunzt, röhrt, zwitschert, alle Tiere der Welt sind in ihn gefahren, der Karneval der Tiere, 1:0 für Bayern, Hauptsache, kein 0:0 mehr, das sage selbst ich als neutraler Beobachter. Nur Ribery, der freut sich nicht. In ihm steht es immer noch torlos unentschieden.  

118.
Arge Verzögerung nun hier. Unser Server geht unter der Last all derjenigen, die nach einem Tor lechzten, in die Kinie. Sorry, liebe Fans. Wir schreiben jedem von Euch eine Postkarte.   

119.
Und da taucht Neuer im Mittelfeld auf, im Zweikampf gegen Tymoschtschuk, schreibt der sich so? Egal. Noch zwei Minuten, dann können wir endlich ins Bett kriechen und den Frustrausch ausschlafen. Fußball, du Schwein.   



120.
»Das hat nicht mehr viel mit Fußball zu tun«, krächzt Gottlob nach 120 Minuten Belagerung durch den hässlichen Geist der Defensive. Da steigt Höwedes noch einmal hoch, der Junge, der noch an das Gute glaubt, Kopfball, drüber. Endlich mal was drüber, in einem Spiel, in dem alles drunter war.   

121.
Der vierte Offizielle hält ein Schild hoch. »31« prangt drauf. 31 Minuten Nachspielzeit? Hölle! Nein: Schweini muss gehen, startet direkt durch in den Cousinen-Whirlpool.  

123.
Drei Minuten drüber. Der Mann an der Uhr ist ein ganz witziger Witzbold. Doch dann hat selbst er ein Einsehen. Schlusspfiff. Wenn Freuen keinen Spaß macht und selbst eine Niederlage eine Erlösung ist. Das war der größte Dreckskick seit Menschengedenken. Glückwünsche gibt's nicht, auch keinen Nachtisch. Ab ins Bett, ihr Lausebengel. Habt 120 Minuten unserer Lebenszeit verbrannt. Das ist schlimmer als jede Pyro.    

23:09 Uhr
Schweini im Interview: »Die gesamte Mannschaft hat gut gespielt.« Damit erobert er im Handstreich Platz 1 der dreistesten Promi-Lügner (wir berichteten). Robben ist nackt, der Reporter macht den St. Martin, schenkt ihm seine Jacke, Westermann tröstet niemand, auch Neuer wird ziemlich schofelig behandelt, man lässt ihn reden, zeigt aber den Sonnenbrillen-Gecken Uli Köhler, der in der Gegend herumsteht. Surreal.  

23:13 Uhr
Netzer erklärt: »Der entscheidende Moment ist, als Westermann den Ball nicht klärt.« Potzblitz. Und van Gaal erklärt auch noch, warum Westermann gar keine Chance gegen Robben hatte. »Er drübbelt süper!« Wüllü Müllüwütsch drübbelt auch süper. Jedenfalls früher mal.


23:17 Uhr
Eine Folge unserer beliebten Serie »Die schlechtesten Spiele aller Zeiten« sind wir Euch noch schuldig: Ukraine – Schweiz 3:0 n.E. (Weltmeisterschaft 2006, Achtelfinale). Bei diesem Spiel kann man sich nicht recht entscheiden, was genau eigentlich das qualitativ Wertloseste war. Das offensichtliche offensive Unvermögen beider Teams oder die schier unentwegt zur Schau gestellte Willenlosigkeit, ein Tor zu erzielen, oder die blamable Elfmeterleistung der Schweizer, die nicht einen einzigen Strafstoß verwandeln konnten oder aber Marco Strellers Wutausbruch nach dem Abpfiff, in dem er sich verständnislos über die deutschen Fans äußerte. Sie hatten es doch tatsächlich gewagt, während dieser Demonstration hoher Fußballkunst die deutsche Nationalmannschaft anzufeuern, anstelle unablässig die Nati anzuhimmeln. Das ist aber auch eine Unverfrorenheit! Dabei hatte der Stürmer des VfB Stuttgart wohl vergessen, dass sie dem Publikum nicht auch nur zwei Sekunden lang Fußball angeboten hatten, der den Respekt der viel Geld bezahlenden Fans verdient gehabt hätte. Die Pfiffe waren fast noch ein Zugeständnis. Denn an diesem Junitag hatten die beiden Mannschaften so wenig zu geben, dass nicht Wenige im Stadion bei einem Nickerchen beobachtet wurden. In diesem Sinne: Gute Nacht, liebe Fans.

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