Spanien
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Frankreich

Spanien-Frankreich im 11FREUNDE-Liveticker

Schock: Chinese stirbt wegen EM!

Tiki-Taka gegen Bu-Bu: Die Renaissance-Menschen der Furia Roja passen sich ins Viertelfinale, weil der französische Hofstaat über ränkische Intrigen den Sturm auf die Castille vergisst. »L'Ethargie c'est moi«, ruft laut: der 11FREUNDE-Liveticker.

15:00 Uhr

Frankreich plant den Sturm auf den Castillas, Zidane gibt das Fanal. Ab 20.30 Uhr für euch an der Tastatur: Alex »Headbutt« Raack und Moritz »Tucker-Tucker« Herrmann.

20:35 Uhr

Da sind wa. Haben noch fix ein spanisches Spanferkel verputzt und uns den Mund anschließend mit Schnecken abgeputzt. Wir sind also vorbereitet. Bleibt die Frage, wie es den beiden Hauptattraktionen geht. Zur Erinnerung: Spanien und Frankreich.

20:39 Uhr

Blanc hat reagiert und nach den Mosereien im Anschluss ans französischen Schwedenhäppchen alle beteiligten Störenfriede auf der Bank gelassen: Nasri, Ben Harfa und Diarra. Fast so wie früher, als der dicke Paul nicht mehr zu den Geburtstagen eingeladen wurde, weil er den Mädchen immer von der Schaukel geschmissen hat.

20:41 Uhr

Die französische Hymne: Schlimmer als jeder Gangsta-Rap. Wir köpfen eure Kinder und Frauen, heißt es da unter anderem. Da würde selbst Bushido weiß um die Nase werden.

20:44 Uhr

Mann, was eine Paarung: Spanien gegen Frankreich. Als wenn Heidi Klum und David Beckham sich vor laufender Kamera wirklich näher kommen würden. Schleck. Anpfiff, sonst geht uns gleich die Hose auf!

1.

Ich war ja gestern im Stadion. Deutschland-Griechenland in Danzig. Dieses Runterzählen vor dem Anpfiff ist nur die Spitze des Eisbergs einer Vielzahl an Torturen, die ein anständiger Fan bei dieser EM im Stadion ertragen muss. Ehrlich: Das Beste an diesem Turnier ist wie immer der Fußball selbst. Der Rest ist Ballermann nur eben in Polen oder wie heute, in der Ukraine. Hätte mich nicht gewundert, wenn sich gestern besoffene Pärchen an der Eckfahne näher gekommen wären.

3.

Die Franzosen nur mit einem defensiven Mittelfeldmann. »Das wird nicht funktionieren«, hatte Experte Scholli vorher gewarnt. Bislang geht alles glatt. Es steht, festhalten, noch 0:0.

4.

Fehlpass Pique. Kommentator Bartels hackt gleich auf ihn ein wie ein Specht nach dreiwöchigem Kuraufenthalt. »Wenn wir ehrlich sind, hat er sich in dieser Saison schon einige Fehler geleistet.« Pique, der schlechteste National-Verteidiger seit Marko Rehmer?

5.

Spanien übrigens wieder mit Fabregas statt Torres. Also »ohne echten Stürmer« wie es so schön heißt. Frage ich mich doch: Wozu braucht es noch »echte Stürmer« wenn man im Mittelfeld Xavi, Iniesta und Silva stehen hat? Eben.

8.

Kleiner Warnschuss von Xabi Alonso aus gefühlt 120 Metern. Frankreichs Lloris fängt den Ball so locker wie ein Running Bag einen Luftballon. Zählt das trotzdem als Torschuss? Wenn ja, was sagt uns das über den weiteren Verlauf dieses Spiels? Wo sind die aktuellsten Heatmaps, wenn man sie mal braucht?

10.

Autsch, Herrmann hat sich an der frischen Pizza verbrannt. War sich sicher, nach der angefragten Heatmap zu greifen. Har. Wenn wir das Gag-Niveau weiter so flach halten, kommt gleich Überraschungsgast Fips Asmussen an die Tastatur. Und dann gnade euch Gott!

10.

Immer noch 0:0. Wahrscheinlich ein Spiel für Ästheten oder Taktikfüchse. Sind wir leider beides nicht. Überlegungen aus dem Elfenbeintickerturm: Ist das hier am Ende gar kein Viertelfinale, sondern einfach ein lustiges Benefizspiel, organisiert von Zinédine Zidane zum 40. Geburtstag, klebrig promotet als, »Zizou & Friends«, für den guten Zweck, die Erlöse kommen gesammelt dem Erhalt der französischen Weinberge zugute, und da auf dem Rasen stehen gar nicht Ribery, Benzema und Lloris, sondern Yannick Noah, Gerard Dépardieu und Jean-Pierre Papin? Falls ja, wollen wir uns nicht lumpen lassen. Raack und ich spenden einen 50 Cent. In 1-Cent-Stücken.

12.

Bartels erinnert an die Busrevolte in Südafrika, mahnt, die Équipe Tricolore habe einiges wiedergutzumachen.  Es kann doch gar nicht verwundern, dass Revolution Konjunktur, bei einem Land, das die Revolution erfunden hat und den Typus der aufgeklärten, querdenkenden Philosophen fast noch mit. So sind sie, die Ribérys und Benzemas, eben loyal nur gegenüber der eigenen Vernunft, kritisch gegen etablierte Autoritäten, am kritischsten gegenüber den Mächtigen. Der Leidtragende: Laurent Blanc XIV. Das Domenechsche ancien régime wirkt nach.

14.

Ribéry und Benzema kombinieren sich über die linke Flanke. Sieht ganz gut aus, auch wenn am Ende Arbeloa dazwischenstelzt. Nachdenkliches deshalb, an vorigen Tipp anknüpfen, um 21:02 Uhr: Revolutionen brechen nicht dann aus, wenn es den Leuten am schlechtesten geht, sondern dann, wenn sie glauben, nur wenig trenne sie davon, dass es ihnen besser geht. Was da für das Spiel und die französische Mannschaft bedeutet, wissen wir allerdings schon wieder nicht.

18.

Ja, gut, äh. Jetzt könnten wir sagen, wir hätten es herbeigeunkt. Tun wir aber nicht. Wie dem auch sei: Iniesta, dieser homo ludens des Fußballs, derwischt durchs linke MIttelfeld, umgeht Reveillere, eher Typ homo oeconomicus, spitzelt in die Gasse auf Jordi Alba, der auf Xabi Alonso flankt, der ins Tor köpft. 1:0 für den Favoriten. Toll, also spanischer Sicht. Und xade, aus französischer Warte.

20.

Und sofort schalten die Spanier wieder in ihren enervierenden, aber auch schönen, aber auch hässlichen Tiki-Taka-Modus, reihen Ballkontakt an Ballkontakt. Wie beim Vier-gegen-Eins, nur ohne Eins. Rami, schon jetzt ein hysterisches Bündel, holzt erfolglos dazwischen. Allons enfants de la patriiie, le jour de gloire est arrivé! Nun ja. Fast.

22.

Wer hätte gedacht, dass das 21. Jahrhundert wieder zum spanischen Siglo de oro wird, mehr als 500 Jahre nach Cortés und Pizarro und dem Gold der Azteken und der Inka. Die neuen Missionare heißen Iniesta und Xavi, ihre Botschaft ist das schöne Spiel, ihr Ertrag der Dauerzufluss von Edelmetallen für die iberische Halbinsel. Wer hätte das gedacht! Wenn Jogis Jungs kommen, wird schon alles abgegrast sein. Die verspätete Nation, der deutsche Sonderweg. Ach, ach.

25.

Freistoß für Frankreich. Benzema tritt an - und den Ball über die Querplatte. Er bleibt uns wahrlich ein Rätsel, dieser Benzema. Noch ohne Tor bei der Euro. Dabei bringt der Stürmer eigentlich alles mit, um die katalanischen, rollkragenpullovertragenden Musterschüler einzuschüchtern. Hat einen Körper wie ein Preisboxer, dazu diese Banlieue-Aura samt einrasiertem Doppelstich an der Stirn. Aber Pique und Co. bleiben unbeeindruckt. Es ist wie früher an der Grundschule: Die Cool Kids machten auf dicke Hose, aber irgendwann schafften sie den Schnitt nicht mehr, mussten abgehen, ab auf die Realschule, und die Streber griffen sich grinsend ihr Einserzeugnis. Good Ol' Times.

30.

Egal, was hier heute noch passiert, die Meldung des Tages ist gerade reingeflattert: »Chinesischer Fan stirbt nach elf Tagen EM am Stück!« Klingt nach solch legendären Meldungen wie »16-Jähriger masturbiert sich zu Tode«, oder »Wegen zu viel Internetporno: Teenager blind!«. Trotzdem: Beileid.

33.

Frankreich hat ein Problem: Es hat nur zwei Spieler, die Spanien wirklich weh tun können. Ribery und Benzema. Das sind neun zu wenig. Smells like Außenseitersieg. Nicht.

35.

Zeit für ein erstes Zwischenfazit in einer Reihe außerordentlich viele Fazits (und ist heute danach): So wirklich haut das Spiel keinen vom Hocker, dafür ist Frankreich zu harmlos (wie ein Chinese, der 11 Tage lang am Stück EM schaut, unken wir morbide), dafür hat Spanien zu früh das erste Tor geköpfelt. Es hilt ja nix: Spanien zu schlagen ist momentan so schwierig, wie den Mount Everest mit verbundenen Augen und rheumatischen Handgelenken zu besteigen: Klappt nur mit ganz viel Glück und Schmerzen.

39.

Riberys Trikot ziert ein riesiges Loch. Wenn Ribery Homer Simpson wäre und sich gerade ein Auto andrehen lassen würde, würden wir sagen: Das ist ein Geschwindigkeitsloch. Und Flanders wäre ganz gelb vor Neid.

42.

Immerhin: Frankreich bemüht sich ja. Bedeutet: Lange Bäller auf Ribery und Benzema. Aber das ist so harmlos wie ein Preisboxer der just vor dem ersten Gong zum Pazifisten mutiert ist. Angriffe, so soft wie Zuckerwatte. Nur leider längst nicht so lecker. Also eher wie Grapefruit-Watte.

45.

Noch ein Freistoß von Xavi (sanft in die Arme von Lloris), dann ist der Drops hier gelutscht. Jedenfalls zur Hälfte. Wir halten fest (Fazittag!): Frankreich (bislang) nicht gut genug für ein EM-Halbfinale, Spanien für Deutschland durchaus schlagbar. Wenn doch morgen schon Finale wäre...

21:32 Uhr

Halbzeit. Was die Spanier bis jetzt zelebrieren, ist Demokratie in Reinform: Jeder darf teilhaben, am Spiel, am Ballbesitz, am Erfolg, am Neid und Hass der Gegner. Der moderne Staat, eine Utopie, die wahr wird. Frankreich erinnert derweil an Orwells 1984. Die Spieler misstrauen einander, spulen aus Angst davor, aufzufallen, die immergleichen Abläufe ab, und individuelle Freiheiten gibt es keine. Wir schließen uns jetzt in Raum 101 ein und weinen, ohne Tränen zu vergießen. Unser Leid kommentiert Ingo Zamperoni.

21:36 Uhr

Bei Menschen wie Ingo Zamperoni werde ich immer ganz misstrauisch. Äußerlich der totale Gutmensch, Schwiegersohngrinsen, durchaus schniecke, würde man meinen, wenn es dieses Wort noch gäbe. Aber hinter dieser Krawatten und dem jungspundigen Gehabe vermute ich immer die totale Leere und/oder Boshaftigkeit à la American Psycho. Einen Mann also, der auch in Vasen spuckt, Sittiche erdrosselt, den Keksteig mit Unkrautvernichter streckt. Ist natürlich nur bunte Fantasie. Sorry Ingo. Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Machst einen guten Job. Hast es ja auch nicht einfach. Weiß ich doch. Wollen wir zusammen weinen?

21:39 Uhr

Die Tagesthemen fabulieren von der »Zukunft, die wir wollen.« Aber welche ist das, liebe Fans? Eine Welt, in der das Tiki-Taka regiert? In der zum Leben taugt, wer mehr als 80 Prozent Ballbesitz anhäuft? Eine Welt etwa, in der sich brave Münchener gold- und rotfarben anstreichen, um auf Brunnen zu klettern und in die öffentlich-rechtlichen zu sagen, sie wollten »einfach mal Teil einer Kunstaktion« sein. Das kann es nicht sein! Das darf es nicht sein! Andererseits ist eine Gegenwart, in der Mehmet Scholl und Reinhold Beckmann auf ganz, ganz investigativ machen, auch nicht das Wahre. Vielleicht war früher doch alles besser. Oma, du hattest immer Recht!

21:45 Uhr

Es geht weiter. Endlich. Oder?

46.

Die ersten 60 Sekunden versprechen nicht die große Trendwende. Spanien mit Ball, Frankreich ohne. Wäre dieser Beginn der zweiten Hälfte ein Zeitschriftencover, er sähe so aus:

48.

Benzema dringt in den Strafraum ein, mit Tempo und Hass. Jordi Alba läuft ihn ab, fällt dann um, fordert Freistoß. Kriegt ihn. Alban.

50.

Wie kann man diesen Xavi bloß stoppen? Wie stoppt man einen Mann, der sich von seiner spanischen Superfreundin trennt, weil er auch in der spiel- und trainingsfreien Zeit immer nur Fußball schauen will? Wie stoppt man jemanden, dessen Name auf ein Fileformat endet? Umformatieren? In .mov oder .mpeg? Hm. Xmov. Xmpeg. Klingt tatsächlich gar nicht mehr so elegant. Heureka. Jogi, ruf uns an!

52.

Ribéry drängelt und zerrt und zieht gegen Ramos. Am Ende den Kürzeren. Da hätte was draus werden können, wenn Fußball ein Konjunktiv wäre. Raack sieht da anders, winkt verächtlich ab. Aber der Kollege ist bekannt dafür, aussichtsreiche Situationen notorisch zu verkennen. Den Mädels, die ihn fragen: »Wollen wir nicht mehr sein als nur Freunde?«, antwortet er immer schüchtern: »Äh, klar. Beste Freunde?«

54.

Frankreich presst jetzt, aber mit halber Kraft. Wie eine Schwangere, die schon im Kreissaal in den Wehen liegt, aber eigentlich noch auf den Vater wartet, der mit dem Bus im Stau steht. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, wie ihn Don Quijote und Sancho Panza nicht besser hätten fechten. Am Ende steht der Tod. Oder das Viertelfinalaus.

60.

Na also, mal ein Chanchen für Frankreich. Riber brummkreiselt sich auf der linken Seite, Flanke auf Debuchy, Kopfball, knapp drüber. Hach!

61.

Hey, das Spiel ist aufgewacht wie ein Betrunkener nach dem notwendigen Eimer Eiswasser! Ikonen-Pass aus dem spanischen Mittelfeld, aber Lloris wirft sich heldenhaft in den Steilpass. Endlich ist hier mal was los. Bislang ja eher wie Rockkonzert ohne Strom, jetzt steht die Verbindung. Deshalb von uns Couchpotatoe-Hippies: Rock on!

65.

Die Trainer haben unsere Bitten erhört. Blanc wechselt Nasri ein, einen waschechten Heavy-Metaler. del Bosque, dieser beswingter Jazzer auf der Trainerbank, schmeißt Pedro in den Ring. Der spielt in unserer Lieblingsband, der Boygroup FC Barcelona. Freunde, jetzt klingelt hier die Musik in Donezk!

67.

Und nun auch noch Torres im Spiel. Einer dieser »echten Stürmer«. Der sieht allerdings aus, wie der spanische Heino. Ohne Brille, mit Trikot.

69.

Dieses ganze Geticki und Getacka in Ehren, aber auf die Dauer wird es langweilig. Warum streut der Weltmeister nicht ab und an mal kick and rush in sein Spiel ein? Rumpel-Fußball a lá Deutschland 2000? Den Hüftwackler von Roger Milla? Einen Sololauf wie Diego? Quasi einen Querschnitt der heitren Fußball-Geschichte. Wäre mal was anderes. Pro WM-System!

71.

Langes Eisen auf Ribery, der hechtet wieder bis zur Grundlinie (auf der Tribüne: Otto Rehhagel, weinend), doch seine Flanke findet nur die Hand von Iker Casillas. Pro Kurzeinsatz von Zinedine Zidane!

74.

»Manchmal«, siniert Tom Bartels, »sieht auch Spanien aus wie eine ganz normale Fußballmannschaft.« Guter Satz! (Warum ist der uns nicht eingefallen?) Für alle Unwissenden: Bartels hätte auch sagen können: »Und manchmal sieht auch Mesut Özil aus wie ein ganz normaler Kreisligalibero.« Spaniens neue Hässlichkeit? Bartels ist schon weiter und denkt ans mögliche Finale: Deutschland gegen Spanien...hm... Wir machen jetzt mal Pause, haben in die Tastatur gesabbert.

77.

Fabregas steht schon gar nicht mehr auf dem Platz. Ist geflohen vor den Monstergrätschen eines Adil Rami. Heimlich, still und leise. Cescape.

78.

Wann macht Frankreich auf? Wann offene Scheunen, wann volles Risiko? Kurz: Wann zieht Laurent blanc?

79.

Verdammt. Ich muss beim Blick auf die französische Ersatzbank erkennen, dass zwar Martin im Kader steht, nicht aber Remy. Kann also den schon vor Wochen vorgeskripteten Gag vom Remy Martin, mit dem wir anstoßen usw., in den Müll schmeißen. Schade. Beziehungsweise: Nicht.

80.

Kitschig. Das französische Spiel ist kitschig; kitschig, theatralisch und selbstverliebt, wie im Barock, wie die Hofkultur zu Versailles, mit leerem Zeremoniell, ränkischen Intrigen und ständigem Kasperletheater. Und an der Seitenlinie steht im Reifrock Laurent Blanc, dieser Ludwig unter den Trainern, jede emotionale Regung unter dickem Puder verborgen. L'éthargie, c'est moi.

82.

Iniesta verkörpert am deutlichsten das Ideal des Renaissance-Menschen, sprich das Universalgenie, wie weiland Leonardo da Vinci. Eines Tages, wenn der Fußball entweder völlig technisiert oder gar abgeschafft ist, werden sich Hysteriker vor den Videoaufnahmen der Pässe Iniestas' erschießen und Oxforder Professoren behaupten, in diesen Dribblings drücke sich die Erfahrung und Schönheit der ganzen Menschheit aus. Wie gesagt, eines Tages. Mythische Überhöhung braucht Zeit. Die läuft Frankreich übrigens gerade davon.

83.

Der FC Barcelona Spanien führt und führt und führt. Mit 1:0, dem minimalistischsten aller Ergebnisse. Es erinnert alles an die WM 2010. Wenn Holland trotz Vorrundenaus das Finale spielen darf, lasse ich mir operativ mein Gehirn stilllegen. Ein 1:0 für Spanien ist sowas wie die Öffnung der Büchse der Pandora, aus der dann kleine Xavis und Iniestas krabbeln, als menschgewordene Sünden über den Gegner herfallend, hier und heute den Franzosen mit Tiki-Taka das irdische Paradies raubend.

84.

Santi Cazorla kommt für Andres Iniesta. Und ich habe auf einmal Lust auf Pizza. Komisch.

86.

Nur sporadisch haben die Franzosen bewiesen, dass es Wege und Optionen gibt, die spanische Kette zu knacken. Wenn man mutig spielt, schnell, direkt, wechselseitig. Wenn man nicht in Ehrfurcht erstarrt, wenn man an die Möglichkeit des Unmöglichen glaubt. Wenn man einfach mal wagt. Also quasi wie er:

87.

Eine Krähe segelt durch den Bildausschnitt, wird zeitlupengefroren von der Regie, der jetzt alles gut und billig scheint. »Beste Szene der zweiten Halbzeit«, pestet Raack, der Redaktionsmisanthrop. Er hat aber Recht. Blanc hat eine Mannschaft beerbt, die gar nicht aus ihrer Krise herausgefunden hat, aus der sportlichen ja vielleicht schon, aber nicht aus der existenziellen, aus der menschlichen Krise.

88.

Ribéry stemmt sich als letzte Bastion gegen die französische Niederlage. Eine Revolution im Kleinen, eine Jacques-Tati-Rebellion quasi. Holt eine Ecke, die allerdings an Casillas abprallt. Kein Wunder. Mit Sigmar Polke sagen wir: »Versuchen Sie mal, ein Denkmal zu ohrfeigen. Es funktioniert, ist aber sinnlos.«

90.

Und aus. Rami tölpelt gegen einen spanischen Konter ins Gras, es gibt Elfmeter. Xabi Alonso will den Doppelpack und bekommt ihn. Hart, dreckig, in die linke Ecke. 2:0 für ein Spanien, das nicht begeistert, aber gewinnt. Weil wenig später Schluss ist, wird der Strafstoß zur letzten Einstellung des Tages. Der Martini-Shot.

22:35 Uhr

Abpfiff in Donezk. Spanien folgt Deutschland und Portugal ins Halbfinale gegen ein Frankreich, das die spielerische Revolution des Laurent Blanc nach Amtsantritt mit einer neuerlichen Kabinenrebellion kontert. Konterrevolutionär, und im Schatten der Scharmützel vergisst die Mannschaft, nach vorne zu spielen. Die Furia Roja hypnotisiert uns mit ewigen Tiki-Taka, wir machen deshalb Bu-Bu. Bevor uns das ARD-Studio, in dem sich die Beckmannschen Altherrenphantasien mit der jugendlichen Sprachscham eines Mehmet Scholl paaren, die letzte Lust am Fußball raubt, kühlen wir uns lieber ab in den chemieverseuchten Seen des Kalmiuske-Reservoir nahe der Donbass-Arena ab und sagen: Bis gleich. Wahrscheinlich aber nie. Gute Nacht.

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