23.04.2012 | So lief die Mitgliederversammlung des 1. FC Köln
Share

Rektor Spinner

Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des 1. FC Köln wurde Werner Spinner mit seinem Team um Toni Schumacher klar zum neuen Präsidenten gewählt. Karl-Heinz Thielen ist gescheitert. Der 11FREUNDE-Ticker war live im Krisengebiet.

Text: Karol Herrmann Bild: Imago

18:24 Uhr
Beginnen wir mit dem neusten Skandal: »FC Hools verprügeln Bayern-Star« heißt es heute in großen Lettern auf den Zeitungskästen der Stadt. Hat sich Arjen Robben etwa ein zweites Veilchen eingefangen? Nein, nur der Fehlerteufel bei der lokalen Boulevardgazette. Muss natürlich »Bayer-Star« heißen. Beim verlassen der Diskothek »Ivory« gab es für Leverkusens Michal Kadlec ordentlich Backenfutter von bekennenden FC-Fans. Die Nase ist bereits gerichtet. Es meldet sich mitten aus dem Krisengebiet: Der 11FREUNDE-Liveticker.

18:30 Uhr
Dabei lief das Wochenende sportlich doch so gut. Punkt geholt gegen Stuttgart, phasenweise sogar Fußball gespielt, den Relegationsplatz vorerst gesichert. Da kann man sich ja langsam wieder gen Europa orientieren.

18:36 Uhr
Vorher aber noch die außerordentliche Mitgliederversammlung. Warum bin ich heute eigentlich hier? Das neue Präsidium wird gewählt. Noch mal zur Erinnerung: Wolfgang Overath ist bei der Jahreshauptversammlung im November zurückgetreten. Danach flogen die Fäuste zwischen den Overath-Sympathisanten und den Overath-Gegnern. Muss ich mich fürchten? Noch ist die Luft rein, hier in der schon ziemlich vollen Lanxess Arena. Die Ruhe vor dem Sturm?

18:41 Uhr
Das designierte Präsidium besteht aus Werner Spinner, Markus Ritterbach und dem »Tünn«, Toni Schumacher. Das Dreigestirn hat also einen Manager, einen Karnevalisten und einen Ex-Fußballer in ihren Reihen. Letzterer hat sich außerdem als Autor einen Namen gemacht und ist in Köln seit seinem literarischen Leckerbissen »Anpfiff« vor einem Vierteljahrhundert zur Persona non grata erklärt worden. Jetzt ist er auf bestem Wege zum Vizepräsident. Zumindest, wenn es nach dem Verwaltungsrat geht. Aber hier entscheiden ja die Mitglieder.

18:48 Uhr
Alkoholverbot in der Halle. Wie wird das der gemeine Kölner verkraften? Die Ränge füllen sich, sollten schon über 2000 Mitglieder hier versammelt sein. Auf der Bühne wird der Modus erklärt. Jedes Mitglied hat ein Gerät, das aussieht wie der Controller eines Super Nintendos. Probeweise wird abgestimmt, wer diesen Sommer Europameister wird.

18:52 Uhr
Der Tünn orakelte bereits 1987: »Bezahlt werde ich nicht und Präsident bin ich auch noch nicht, aber zu einem Drittel Präsident. Das ist doch auch ein guter Anfang.« Wie recht er hatte. Aber erst muss er mal die Wahl gewinnen. Die Herausforderer heißen: Karl-Heinz Thielen, Bernd Steegman und Franz-Josef Wernze.

18:55 Uhr
Die Bläck Föös werden ausgeblendet, endlich regt sich was. Riesen Apllaus in der Halle. Nur für wen? Auch ein Dreigestirn, allerdings Frank Schaefer, Dirk Lottner und Stephan Engels. Der Verwaltungsrat nimmt Platz auf der Bühne.

18:59 Uhr
Wo ist Franz-Josef Wernze? Sollte eigentlich auch auf der Bühne Platz nehmen. Im Kölner Fanblock gab es am Samstag nicht gerade wenige Anti-Wernze-Plakate zu sehen. Der Investor selbst wurde auf der Ehrentribüne mit einem brasilianischen Spielerberater gesichtet. Vielleicht hat der Mann ein As im Ärmel? Kommt Kaka aus Madrid?

19:04 Uhr
Gerade wurde hier noch angekündigt, dass alles pünktlich beginnt, um dann direkt zu vermelden, dass sich der Beginn verzögert. Zu viele Mitglieder stehen noch vor der Halle und wollen ihre Controller abholen.

19:08 Uhr
Jetzt aber: Die Kölner Hymne erklingt. Außer mir hält es hier keinen mehr auf den Sitzen. Auf der Bühne wird verhalten mitgesummt. Warum wedelt niemand mit dem Schal?

19:15 Uhr
Interimspräsident und Bitburger-Chef Dr. Werner Wolf ergreift das Wort. Folgende Reden werden angekündigt: Frank Schaefer (Riesen Apllaus) und Karl-Heinz Thielen. Bei Letzterem ist die Halle am Buhen. Thielen will zehn Minuten reden. Gleich wird abgestimmt, ob er das auch darf. Einige Mitglieder haben da was dagegen. 1:0 für Spinner, Ritterbach und den Tünn.

19:20 Uhr
Wie lange dauert das heute Abend? Wolf kündigt an, dass er bis morgen früh Zeit hat. Mist. Ich beantrage vorsichtshalber Urlaub.

19:26 Uhr
Zum gefühlten achtundzwanzigsten Mal wird das kleine elektronische  Gerät zur Abstimmung erklärt. Ist auch nötig, das Teil scheint ziemlich kompliziert zu sein. Während man Shift und Escape gleichzeitig hält, muss die Karte in den Schlitz geschoben werden, dann eine der römischen Ziffern drücken. Alles klar? Der Akku hält zwölf Stunden. Kein gutes Zeichen.

19:30 Uhr
Die Testabstimmung hat ergeben: Knapp 3000 Mitglieder glauben, dass Deutschland Europameister wird. Über 1000 Mitglieder sind Pessimisten. Was ich daraus schließe? Es sind über 4000 Mitglieder in der Arena.

19:35 Uhr
Die Halle tobt: Frank Schaefer betritt das Rednerpult. Der Mann rangiert hinter Lukas Podolski auf der Beliebtheitsskala der Stadt offensichtlich direkt auf Platz zwei. »Schöne Grüße von der Mannschaft«, bestellt Schaefer. Die Buben müssen sich ausruhen. Morgen ist Training.

19:37 Uhr
Poldi telefoniert derweil mit Per Mertesacker, wegen der neuen Wohnung.

19:42 Uhr
»Ich habe das Gefühl, dass der VfB Stuttgart am Samstag gegen eine Wand gespielt hat«, sagt Schaefer mit leuchtenden Augen. Tosender Beifall. Ich habe offensichtlich ein anderes Spiel gesehen...

19:46 Uhr
Stehende Ovationen für den (Interims-)Trainer. Glaubt hier wirklich noch jemand, dass Mike Büskens ab der kommenden Saison an der Seitenlinie steht? Müdes Lächeln von meinem Nachbarn. 

19:50 Uhr
Jetzt wirds spannend. Darf Karl-Heinz Thielen im Namen seines Teams eine zehnminütige Rede halten? Die Mitglieder entscheiden. Poldi würde übrigens Thielen wählen. Hat das nur etwas zu laut gesagt und deshalb einen Maulkorb verpasst bekommen. Trotz der Buh-Rufe: Thielen darf ran.

19:54 Uhr
Der erste Kalauer: »Seit Frank Schaefer wieder Trainer ist, ist hier Ruhe eingekehrt.« Thielen muss selbst lachen. Hat er das wirklich gesagt?

19:58 Uhr
Thielen ist beliebt. Ist mit dem FC Meister geworden und so. Das Problem seines Teams heißt Wernze. Sobald der Name Wernze nur erwähnt wird, schallen Zwischenrufe durch die Arena. Thielen erklärt: »Wernze ist der Zugang zum Kapital.« Geld hat der FC bekanntlich nicht. Was der Verein auch nicht hat: Einen Präsidenten und einen Sportdirektor.

20:03 Uhr
Wer könnte heute Abend wem eine runter hauen? Vielleicht ist Uli Stein zugegen. Oder Patrick Battiston. Hat Toni Schumacher eigentlich jemals die Jacketkronen bezahlt?

20:08 Uhr
Die Protagonisten haben sich darauf geeinigt, dass alles friedlich und respektvoll ablaufen soll. Erst jetzt verstehe ich, dass die Dame vor mir so wild gestikuliert, weil sie ein paar Mitgliedern das Prozedere in Gebärdensprache übersetzt. Was heißt eigentlich »Franz-Josef Wernze« auf Gebärdensprache?

20:17 Uhr
Mittlerweile könnte ich ein Bier vertragen. Dumm nur, dass es dieses Alkoholverbot gibt. Irgendwas hat Bitburger-Chef Wolf, der jetzt wieder redet, falsch gemacht. Wolf will, dass Spinner Präsident wird. Scheint so, als wäre hier schon alles entschieden. Ungefähr so, als würde Dortmund gegen Bayern spielen. Freue mich, dass ich die Floskel »David gegen Goliath« gerade noch vermeiden konnte.

20:23 Uhr
Spinner, Ritterbach und der Tünn betreten die Bühne, stellen sich gleich vor. Bei Schumacher gab es vorhin schon einige Pfiffe. Wer ist eigentlich dieser Spinner? Sieht ein bisschen aus wie Leslie Nielsen. Nur nicht ganz so witzig.

20:29 Uhr
Spinner versteht es trotzdem, das Publikum zu unterhalten. Die Philadelphia-Torte von Thielens Frau habe ihm beim Gespräch mit dem Nebenbuhler hervorragend gemundet. Als er von seiner Vergangenheit als Bayer-Manager berichtet, gibt es einzelne Zwischenrufe. Alte Kamellen.

20:37 Uhr
Zur Verteidigung von Schumacher hat Spinner folgendes zu sagen: »Er hat mit dem ganzen Chaos hier seit Jahren nichts zu tun«. Es gelingt ihm sogar, dass Publikum komplett von Schumacher zu überzeugen. Schließlich braucht man Leute, die die Dinge klar ansprechen. Langer, langer Beifall.

20:44 Uhr
»Hohohoho«, raunt es durch die Halle. »Ein Präsident, der so viel Macht hat, wie beim 1. FC Köln, gibt es sonst nur in Bananenrepubliken«, sagt Spinner.

20:50 Uhr
Soll bedeuten: Spinner wird sich nicht in der Kabine aufhalten. Hört sich alles super an, was der Mann so sagt. Auch das mit der Jugendarbeit. Muss man das heutzutage eigentlich sagen? Zum Abschluss der Rede noch mal zur Abstimmung. Spinner will, dass die Mitglieder mittels Controller das Präsidium im Block wählen, nicht einzeln. Könnte ja sein, dass Toni Schumacher nicht genügend Stimmen bekommt.

20:56 Uhr
Endlich steht der Tünn am Pult. Reden kann er ja. Inzwischen bleiben auch die Buh-Rufe aus. Wie viel er doch für den FC gemacht hat, in der Vergangenheit. Selbst die Mutter sagte zu dem kleinen Harald: »Junge, du gehst zum FC.« Aber: es gab auch finstere Zeiten. »Man hat mich fallen gelassen wie eine Kartoffel« Eine Runde Mitleid von 4000 Mitgliedern. Hört sich super an!

21:05 Uhr
Er hat es geschafft: Schumacher wird frenetisch gefeiert. Minutenlang, gefühlt zumindest. Wie hat er das bloß angestellt? »Nicht nur das Wappen küssen. Ich habe auch mit Kreuzbandriss und gebrochenem Finger im Kasten gestanden. Ich habe Gras gefressen.« 25 Jahre Hass sind vergessen. Schumacher is the man.

21:10 Uhr
Jetzt spricht Markus Ritterbach, der Karnevalist. Er sagt: »Mit einem Auto sollte man nicht auf Schienen fahren«. Immerhin war Slawomir Peszko mit dem Taxi unterwegs.

21:15 Uhr
Zeit für die Mitgliederbeiträge. Der erste Redner ist Contra-Spinner. Die Stimmung heizt sich in Sekunden auf. Der Mann erntet ein Zwischenruf nach dem anderen. Keine Ausschreitungen. Wird der FC die neue graue Maus der Liga?

21:20 Uhr
Der zweite Redner: »Was ist dran an dem Gerücht, dass Jörg Schmadtke ab der nächsten Saison neuer Sportdirektor wird, es aber vom Erhalt der Klasse abhängig macht?« Endlich passiert was. Fragen zu Personalien werden hier aber konsequent abgewimmelt. Laaaangweilig!

21:26 Uhr
Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Ein Mitglied fragt in die Runde, ob Herr Wolf von Bitburger jetzt zu Gerolsteiner gewechselt sei. Man könne doch nicht den ganzen Abend Wasser trinken. Die Meute fordert Freibier.

21: 32 Uhr
Thielen-Befürworter kriegen jetzt so richtig das Fett ab. Ein Herr mittleren Alters wird in seinem Wortbeitrag relativ kompromisslos beschimpft. Der Höhepunkt: Die Menge singt: »Eeeerster Fußball-Club Kööööln«. Keine Chance auszureden. Gleich könnte hier Gemüse durch die Gegend fliegen.

21:37 Uhr
Wer jetzt noch daran glaubt, dass Karl-Heinz Thielen morgen Präsident ist, könnte man als optimistisch bezeichnen.

21:45 Uhr
Nach knapp drei Stunden Gerede soll es jetzt endlich zur Sache gehen. Erstmal wird über das Wahlverfahren abgestimmt. Einzelwahl scheint mir die letzte Chance, die das Team Thielen noch hat. 3782 zu 502 Stimmen für Blockwahl. Die Messe ist gelesen.

21:56 Uhr
Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Sollen Werner Spinner, Markus Ritterbach und Harald Schumacher in den Vorstand gewählt werden? Spannung, Trommelwirbel, Klatschen im Takt. Unfassbares Ergebnis: 3233 Mitglieder stimmen für Ja. Das sind 91 Prozent. Und ganz schön viel. 502 Anwesende haben dagegen gestimmt. Die ersten Verlassen die Arena. Werner Spinner ist ab morgen FC-Präsident. Für Toni Schumacher gibt es einen Blumenstrauß.

22:02 Uhr
Was passiert hier noch? »Sonstige Anträge« stehen noch auf der Agenda. Soll ich Euch und mich in den Feierabend schicken? Nein, der Ticker hält noch durch. Die Mitglieder dagegen nicht. Die Hälfte ist bereits auf dem Heimweg. Oder beim Bierstand.

22:05 Uhr
Könnte langatmig werden jetzt. Wie ging eigentlich das Montagsspiel in der zweiten Liga aus? Die Eintracht kehrt zurück ins Oberhaus, sagt man mir. Chapeau!

22:11 Uhr
Wolf wieder. Spricht über Trainer und Sportdirektoren. Man habe mit Kandidaten gesprochen. Blabla. Spinner leitet jetzt schon die Diskussion. Seine erste Amsthandlung, wenn man so will. Gleich darf Horstmann ran. Das ist der, der sein Gesicht in den letzten Wochen immer in die Kameras halten musste. Gab ja sonst keinen mehr.

22:19 Uhr
Ein paar Buh-Rufe, die aber sofort wieder verstummen. Hier fliegen heute keine Fäuste mehr, behaupte ich. Der FC wird erwachsen - und wir dürfen dabei sein. Horstmann versucht die Krise zu erklären. Wo soll man da nur anfangen?

22:28 Uhr
Immernoch Horstmann. Kann einem schon leid tun, der Mann. Hat auch, wie er sagt, in den letzten zwei Monaten mehr Geldstrafen verhängt, als in den letzten zwei Jahren. Lukas Podolski war auch dabei, der Schelm. Hätte sich heute hier nicht erlauben dürfen, für Thielen Partei zu ergreifen.

22:40 Uhr
Einzelne Wortmeldungen von Mitgliedern werden noch zugelassen. Wer noch nicht gegangen ist, ist längst eingeschlafen. Ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels.

22:43 Uhr
Für alle Dauerkarten-Besitzer gibt es noch Erfreuliches zu vermelden: Für die Relegationsspiele muss kein zusätzlicher Eintritt bezahlt werden. Wird das spannend, gegen Düsseldorf!

22:49 Uhr
Aus, aus, es ist vorbei! Der FC hat einen neuen Präsidenten. Toni Schumacher posiert zum Abschluss noch mit einem Plastik-Hennes vor der Presse. Der Ticker sagt Tschüss, ich sage Servus, lasse den Wagen vorsichtshalber stehen und befinde mich bereits in einem Taxi auf dem Weg nach Köln-Kalk. Man weiß ja nie, was nach so einer Stunksitzung noch so alles passiert.


Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden