18.06.2014 | Russland - Südkorea im Liveticker
Share

Akinfailev

Gerade als die internationale Staatengemeinschaft aufatmete, weil Psy und Putin ein Neutralitätsabkommen unterzeichnet hatten, schmissen sich die Torhüter-Psychodocs Akinfailev und C. G. Jung ein paar Eigentore ein, um via Bewusstseinserweiterung zur eigenen Albtraumanalyse aufzuwarten. Wieder nur Couch-Potatoe: der Ticker

Text: Fabian Jonas und Gareth Joswig Bild: Imago

Aufstellungen:
Russland:
Akinfeev - Yeshchenko, Ignashevich, V. Berezutskiy, D. Kombarov - Glushakov - Fayzulin, Zhirkov - Samedov, Shatov - Kokorin
Südkorea:
S.-R. Jung - Y. Lee, Hong, Y.-G. Kim, S.-Y. Yun - S.-Y. Ki, K-Y. Han - C.-Y. Lee, Koo, Son - C.-Y. Park
Schiedsrichter:
Nestor Pitana (Argentinien)
Stadion:
Arena Pantanal, Cuiaba

Russland
1
:
1
Südkorea

Los geht's ab 23:45 Uhr!

Zum Ticker-Frontdienst einberufen: Fabian »Kontinentalsperre« Jonas und Gareth »Totalverweigerer« Joswig.

23:35 Uhr

Gute Nacht zum letzten Spiel der ersten Runde dieser WM. Nachdem Brasilien und Mexiko schon zweimal gespielt haben. Es ist eine verrückte WM. Aber was sage ich das Menschen, die um Mitternacht hier aufschlagen, um einen Ticker zu Russland – Südkorea zu lesen. Ihr seid ihr genau richtig, alle fünf.

23:40 Uhr

Beim Anblick der Aufstellungen übrigens der Einfall: Namen tun nichts zur Sache. Können wir uns darauf einigen, dass die Rückennummern ausreichen? Bitte?! BITTE!

23:45

Ich nehme mal ganz stark an, dass es sich auch bei der Partie Russland – Südkorea um das Aufeinandertreffen zweier Geheimfavoriten handelt. Aber pssssst, nicht weitersagen.

23:49 Uhr

Der russische Fußballverband war übrigens so nett, uns dieses Video von Russlands Geheimtraining während WM-Vorbereitung zuzuspielen. Trainiert wurde übrigens auf Putins privater Datscha, auf der er sich diesen praktischen Privat-Fahnenmast für repräsentative Zwecke aufgestellt hat. Eigenhändig.

23:50 Uhr

Nicht einmal Rudi Cerne, der für das schönheitsschlafbedürftige Komikerduo Oli & Oli übernehmen musste, wird um diese späte Stunde vom ZDF allein gelassen. Ihm zur Seite gestellt wurde Lutz Pfannenstiel, der weitgereisteste Fernsehexperte der Erde, ein Weltbürger, auf allen Kontinenten als Torwart zuhause, beantwortet gewandt Cernes Frage, ob Son ein Star dieser WM werden kann: »Accidit in puncto, quod non speratur in anno.« Wer will da widersprechen?

23:54 Uhr

Aus der Reihe »Kleine Dramen am Rande«: Ein russischer Fan singt inbrünstig die Hymne mit, erahnt sich aus den Augenwinkeln auf der Leinwand, dreht sich hin und her, findet aber die Kamera nicht, in die er so gerne frontal singen würde.

23:57

Gottogott, die Aufstellungen jetzt noch mal, wieder 22 Mal Arme verschränken, Kopf drehen, grimmig gucken. Vielleicht verjagt es zumindest die Gespenster hier im Raum, ab Anpfiff ist ja Geisterstunde. Ein Geisterspiel wäre also nur angemessen. Gruselig.

23:59 Uhr

Obligatorisches Shake-Hands und Wimpeltausch. Routiniert, Dienst nach Vorschrift, Gähn. Kann ja nicht jeder so handschlagbeflissen wie Jogi sein.

1.

Anstoß. Aber der geht vor lauter Frisuren-Euphorie unter. Vergiss die wasserstoffblonden Neymar und Dani Alves! Der Schiedsrichter Nestor Pitana läuft hier mit perfekt gegeeltem Seitenscheitel in leckerer Kombination mit Halbglatze auf. Ein Traum in Fleischfarben!

3.

Der Koreaner scheint hier früher drin zu sein in diesem Spiel, wie der Kommentierende (geschlechtspezifisch unbedenklich ausgedrückt) hier feststellt. Und irgendwo freut sich Boris Becker über seinen AOL-ISDN-Anschluss.

5.

5 Minuten gespielt, Zeit für das erste Bier des Tages.

7.

Russland läuft heute, wie wäre es anders zu erwarten, mit einem Best-Of »Ov« auf. Leider kann ich Ihnen das, liebe Freunde, nicht in Kyrillisch übersetzten. Dazu fehlt mir das Knov-Hov.

9.

Die Anfangsminuten wirken ein bisschen wie ein onomatopetischer Volkshochschul-Sprachkurs. Listen and repeat: Kim. Kim. Kii. Koo. Knochov. Ich geb auf.

10.

Vielversprechender Angriff der Koreaner, Q (den kenne ich aus James Bond) technisch versiert, wie sonst, auf Son, (den kenne ich aus der Bundesliga sowie dem Song »Father & Son«), Son, denkt sich allerdings »It’s not time to make a change«, setzt den Ball drüber, weiter 0:0.

13.

Marschieren eigentlich demnächst russische Truppen ohne Hoheitsabzeichen im FIFA-Sitz in Nyon ein, weil dieses Spiel hier um 2 Uhr Moskauer Zeit beginnt? Oder dreht Putin ihnen einfach nur den Kaviarhahn zu?

15.

Hätte er vielleicht auch bei den russischen Spielern machen sollen. Meine Meinung.

16.

Gelb für Son, nach Allerweltsfoul. Überzogen. Meine Minheung.

17.

Wark zerstört gerade meine komplette Jugend. Sagt: »Je weniger Bettenwechsel, desto konstanter die Leistung.« Hätte er mir ruhig mal vor der Pubertät sagen können.

20.

Im Stadion ist es übrigens ähnlich still wie im ARD-Studio während der Mittagspause, kurz bevor Opdenhövel zum Angriff auf die FIFA bläst.

 

 

22.

Wark konstatiert hier bereits zwei Chancen. »Wohlwollend betrachtet«, wie er schmeichelnd anfügt. Mit Argwohn beäugt also eher: Mitternachtsfußball zwischen Russland und Südkorea. Wo ist Ahlenfelder, wenn man ihn mal braucht? Ich trinke erst mal einen Malteser zur Beruhigung.

25.

Capello verdient 4,5 Millionen netto im Jahr. Andere bücken sich nach Zigarettenstummeln am U-Bahnhof. Oder schlafen mit jemanden für ein paar Getränkechips. Ich beantrage aus Frust noch ein Pilsator beim Arbeitsamt.

27.

Thomas Wark hat jetzt auch die Schnauze voll. Beschwert sich über gähnende Langeweile. Die Regie blendet postwendend, vermutlich aus Gehässigkeit, ein Porträtfoto von ihm ein. Sieht so aus, als würde er immer einen Korn trinken, wenn er traurig ist.

30.

Auf einmal ist Ryu aus »Streetfighter 2« auf dem Platz. Grätsch gleich einen Russen um. Gelb. Hadouken!

32.

Südkoreas Torwart wie ein unterklassiger Eishockey-Goalie, lässt alles nach vorne abprallen, doch die Russen können keinen Nutzen daraus ziehen. Rächt es sich jetzt, dass Capello Ovetchkin nicht nominiert hat?

34.

Jener südkoreanische Torwart heißt übrigens S. R. Jung, was als »Senor Jung« gelesen natürlich auch ein prima Tarnname für einen Altnazi in Argentinien wäre. Sieht aber irgendwie nicht danach aus. Und ein Altnazi würde ja wohl auch nach rechts prallen lassen.

36.

Kurzzeitig war nach dem harten Einsteigen von Ki ein bisschen Feuer in der Partie. Jetzt lässt der Schmerz anscheinend langsam wieder nach und mit ihm offenbar auch die Einsatzbereitschaft. Sollen wir uns jetzt mehr Fouls wünschen? Was hat der Fußball nur mit uns gemacht?

39.

»All the times that I've cried/Keeping all the things I knew inside«, summt Son, und legt seinen gesamten Frust in einen grotesken Schuss, der aus 18 Metern Entfernung 50 Meter drübergeht, das Stadion verlässt, die ISS streift, dann im Weltall verschwindet.

42.

Son holt eine Ecke raus. Hat ganz schön Ausstrahlung auf dem Platz. Aber vielleicht liegt es auch an dem neuen Wasserstoffblond. So ein Frisurenson.

43.

»Son jetzt auf der rechten Seiten«, politisiert Wark. Putin plant derweil schon mal einen Feldzug gegen faschistische Revolutionäre in Südkorea.

45.

Youri Zhirkov mit einer Showeinlage. Versucht den Ball durch einen Hackentrick im Feld zu halten. Der Ball ist jedoch klar im Aus. Bezeichnend.

45.+ 1

»Eine halbe Minute noch«, droht Wark. Hätte eigentlich was Besseres zu tun. Meine Nasenhaare einzeln ausreißen zum Beispiel.

00:47 Uhr

Wirklich so spät schon? Ich bin, gähn, wirklich gespannt auf die Halbzeit-Analyzzzzzzzzzz...

00:47 Uhr

Wie mies diese Partie war, erkennt man auch daran, dass als Halbzeithighlight dreimal das Foul von Ki wiederholt wird.

00:49 Uhr

Offensichtlich gibt es weltweit keine anderen Ereignisse mehr als diese WM. Auch die heute-Nachrichten bestehen fast ausnahmslos aus Fußballzusammenschnitten, jedenfalls nicht aus Kriegsberichten, wie schön die Welt doch sein kann, nicht einmal Helme braucht man mehr, wie schön und friedlich Fußball auch sein kann, wenn man nicht gerade Russland – Südkorea ansehen muss.

00:54 Uhr

Nachrichten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Die Nachtausgabe von »heute« kommt auf jeden Fall in Ratgeber-Manier daher. Angeblich ist man jetzt selber schuld, wenn man ohne Helm mit einem Fahrrad eine sich öffnende Autotür verletzt. Vielleicht kann da ja der ADAC mal was machen. Eine Helmpflicht für Fahrertüren einführen zum Beispiel.

00:58 Uhr

Puh. Es soll weiter gehen. Ich glaube, ich brauche jetzt eine Kucheleinheit. Danke, Wladi-Boy.

01:00

Als Weltmeisterschaft der Höhlenretter samt babylonischer Sprachverwirrung erweist sich derweil die Bergung des verletzten deutschen Forschers. Kommentar von Lutz Pfannenstiel: »Verba docent, exempla trahunt.« Und damit zurück nach Brasilien.

46.

Weiter geht’s, erstaunlicherweise mit einer Ecke für Russland, einem Kopfball, hysterischer Aufregung, weil das Außennetz zittert. Aber: immerhin!

49.

Q dribbelt in den russischen Strafraum, kann aber nicht schießen, kein Wunder, hat er ja immer 007 überlassen.

51.

Alles, was ich über Akinfeev je gelesen habe, scheint falsch zu sein. Kann keinen Ball festhalten. Was diesem Spiel aber irgendwann noch guttun könnte.

54.

Vergesst das mit der Ecke und dem »immerhin«, es ist jetzt wieder das Weltfestival der langen Bälle, der Ballverluste (mitunter an den eigenen Mann), der schmerzhaften Fouls aus Mangel an koordinativen Fähigkeiten.

57.

Die internationale Staatengemeinschaft atmet auf: Russland und Südkorea haben sich dem Spielverlauf zufolge auf ein Neutralitätsabkommen geeinigt. Und irgendwo lässt Psy weiße Tauben fliegen, während Putin »Gangnam Style« tanzt.

58.

Bloß Akinfeev will beim Burgfrieden nicht mitmachen. Dennis Rodman und Kim Jong Un stehen hinter dem Tor und stecken ihm Geldbündel in die Torwarthandschuhe, woraufhin der Keeper den nächsten Ball prallen lässt. Verdammter Agent Provocateur!

60.

Irgendwie hatte ich mir den Russen kantiger vorgestellt. Aber nichts mehr zu sehen von kaltblütigen GUS-Profis oder sowjetischen Eisenstollen-Trägern. Wie immer: Früher war mehr Lametta.

62.

Nächster Freistoß Südkorea. Die Chance verpufft allerdings wie Russlands G8-Mitgliedschaft.

64.

Vielleicht ist Südkoreas Torhüter S.-R. Jung aber auch ein entferneter Verwandter von C. G. Jung. Versucht gerade seine Kraft als Medium einzusetzen und »faustet zur Seite«. Mit bloßer Vorstellungskraft. Ein bisschen zu viel Unterbewusstsein für meinen Geschmack. Mir ist ja Beyoncé lieber als Séance.

66.

Wo sind wir nur hingekommen? Ich muss mitten in der Nacht arbeiten, das Spiel ist beschissen, und die Volksnähe, die ich in den Kommentaren beweisen will, wird als Täuschungsversuch ausgelegt. Misstrauen überall. O tempora, o mores (Lutz Pfannenstiel).

68.

tor. bzw. das große finale beim torwartslapstick-festival 2014. sorry, aber für so nen scheiß drück ich nicht mal auf die shift-taste. das ist ja lächerlich. oder wettbetrug. akinfeev wirft sich einen ball, der ihm schlimmstenfalls den solar plexus massiert hätte, selber rein. er nimmt ihn also vor sich auf und schmeißt ihn über sich ins tor. das ist nicht mehr lächerlich, das ist albern. »es ist alles albern, wenn man an das tor denkt« ( t. bernhard)

71.

Wie die Einblendung seines Fotos in diesem Moment beweist, ist Thomas Wark während des Spiels bislang um 15 Jahre gealtert. Verständlich.

74.

Während Igor Akinfeev hier noch sein perönliches Trauma durchlebt, gründet Südkoreas C. G. Jung schon eine Selbsthilfegruppe mit ihm. Lässt den Ball prallen und irgendwie landet die Pille im südkoreanischen Tor. AUSGLEICH! Zusammen desinfizieren Akinfeev und Jung schon mal die Analyse-Couch und bereiten einen Rorschach-Test vor. Ein Psychiater fragt: »Was sehen Sie hier, Herr Jung? Herr Akinfeev? Ein Eigentor? Schlimmer als ich dachte.«

79.

Hui! Das Neutralitätsabkommen scheint doch eher eine Art Hitler-Stalin-Pakt gewesen zu sein. In Wahrheit haben Russland und Südkorea längst Nordkorea unter sich aufgeteilt. Beide Mannschaften mit erheblichen Hoheitsansprüchen.

81.

Zehn Minuten noch. Auf der Tribüne raucht ein aufgeregter russischer Fan wie wild eine Cohiba durch eine Fantröte. Die ist noch aus Sowjetzeiten von den kubanischen Freunden. Stilecht.

83.

Capello ölt, als hätte er gerade in einer Pipeline gebadet. Mies, wie der Russe hier die Weltbühne ausnutzt, um die Ukraine zu demütigen.

84.

Aus aktuellem Anlass noch ein Sicherheitshinweis zur Verwendung des aggresiven Singulars: Bitte nur im Zusammenhang mit Fußballspielen verwenden. An anderer Stelle weckt er beim Deutschen schlechte Erinnerungen. Kann verschluckbare Propagandateile enthalten. Und Spuren von Nuss (z.B. Nationalisnuss). Aber das nur am Rande.

86.

Samedov mal ehrlich: So schlecht war die zweite Halbzeit doch garnicht. Der Brasilianer pfeift trotzdem.

87.

Anscheinend unvermeidlich: Ein einzelner Besoffener, vermutlich ein deutscher Tourist, singt »Seven Nation Army«. Wäre seine Sache und die seiner Nachbarn, säße er nicht in unmittelbarer eines Stadionmikrofons. Hoffe nun inständig, dass ihn die Gema für meine blutenden Ohren wenigstens zur Kasse bittet.

87.

Drei Minuten plus Nachspielzeit noch. Ich könnte dringend eine Toilette gebrauchen. Freundlicherweise hat das Olympische Komitee Russlands mir eine direkt ins Wohnzimmer geliefert. Spasiba!

90.

Ein Blick auf die Uhr. Viertel vor zwei. Oder »Dreiviertelzwei«, wie der Berliner sagt. Oder Zeit, mich zu erschießen, wie ich sage.

91.

Aus irgendeinem Grund noch mal Freistoß für Russland, aus einem noch unerfindlicheren Grund Gelb für Q, über den Freistoß können wir schweigen, über die Karte später nachdenken. Noch drei Minuten bis Schlummi.

93.

Vor dem Spiel hieß es, dass beide Teams darauf hofften, Zweiter der Gruppe zu werden, was ich angesichts der Gegner Belgien und Algerien für merkwürdig ambitionslos hielt. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

94.

Letzte Chance: Kokorin bringt den Ball in die Mitte, aber Samedov schießt den Ball so weit über das Tor wie die Baikal-Amur-Magistrale lang ist. Bezeichnend. Selbst der Schiri pfeift aus dem letzten Loch. Moment, das war der Schlusspfiff. Ich muss weg.

95.

Schluss. Aus und vorbei. Braucht jemand noch ein Fazit? Hier ist es: Gute Nacht! Bzw. Bonam noctem.


Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden