10.09.2012 | Österreich-Deutschland im 11FREUNDE-Liveticker
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»Also der Arnautovic – obbusseln möcht’ i den dafür«

Seit 34 Jahren dröhnen Edi Fingers Worte im Ohr. Seit 34 Jahren hören wir, wer wie und warum »narrisch wer'« und dass »Abraaaamczik obbusselt« werden soll. Die Rache kam spät – doch sie kam. Arnautovic sei Dank. Und dem Ticker erst!

Text: Andreas Bock Bild: Imago

Österreich
Almer - Garics, Prödl, Pogatetz, Fuchs - Baumgartlinger, Kavlak - Arnautovic, Junuzovic, Ivanschitz - Harnik
Trainer: Koller

Neuer - Lahm, Hummels, Badstuber, Schmelzer - Khedira, Kroos - T. Müller, Özil, Reus - Klose
Trainer: Löw

Österreich
1
:
2
Deutschland

11:24 Uhr

Der Anstreicher ist auf ein Gerüst geklettert und sieht sich nun etwa vierzig oder fünfzig Meter vom Erdboden entfernt. Er lehnt sich an ein Holzbrett. Während er mit einem großen Kienspan im Kübel umrührt, schaut er auf die Leute hinunter, die die Straße bevölkern. Er ist bemüht, Bekannte herauszufinden, was ihm auch gelingt, aber er hat nicht die Absicht, hinunter zu schreien, denn da würden sie heraufschauen und ihn lächerlich finden. Ein lächerlicher Mensch in einem schmutzigen gelben Anzug mit einer Zeitungspapierkappe auf dem Kopf! Der Anstreicher vergisst seine Aufgabe und blickt senkrecht hinunter auf die schwarzen Punkte. Er entdeckt, dass er niemand kennt, der sich in einer ähnlich lächerlichen Situation befände. Wenn er vierzehn oder fünfzehn Jahre alt wäre! Aber mit zweiunddreißig! Während dieser Überlegung rührt er ununterbrochen im Farbkübel um. Die anderen Anstreicher sind zu sehr beschäftigt, als dass ihnen an ihrem Kollegen etwas auffiele. Ein lächerlicher Mensch mit meiner Zeitungspapierkappe auf dem Kopf! Ein lächerlicher Mensch! Ein entsetzlich lächerlicher Mensch! Jetzt ist ihm, als stürze er in diese Überlegung hinein, tief hinein und hinunter, in Sekundenschnelle, und man hört Aufschreie, und als der junge Mann unten aufgeplatzt ist, stürzen die Leute auseinander. Sie sehen den umgestülpten Kübel auf ihn fallen und gleich ist der Anstreicher mit gelber Fassadenfarbe übergossen. Jetzt heben die Passanten die Köpfe. Aber der Anstreicher ist natürlich nicht mehr oben.

(Thomas Bernhard, »Der Anstreicher«)

11:56 Uhr

»Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn jetzt deswegen hier zehntausend Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das doch nur, dass die zu wenig Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt, jetzt die Klappe aufreißen zu können.« 

(ÖFB-Delegationsleiter Hans Tschak nach dem Spiel Deutschland-Österreich bei der WM 1982) 

12:18 Uhr

»Ich will Frau Jelinek nicht hindern, eine gewisse Zeit in sich zu gehen. Wenn sie wieder rauskommt, gefällt's ihr bestimmt überall besser.«

(Thomas Gottschalk)

12:39 Uhr

»Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein netter Mensch bin.«

(Marko Arnautovic)

12:46 Uhr

»Fußballspiele haben einen zeitlich begrenzten Nutzen, wie Regenschirme oder Zahnbürsten. Wenn sie ausgedient haben, gehören sie in die Mülltonne.«

(Peter Handke)

14:21 Uhr

»I brauch kane Spüler, de wos an Beistrich in da Unterhosn ham.«

(Ernst Happel)

14:29 Uhr

»Drum ist der Österreicher froh und frank,
trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden,
beneidet nicht, läßt lieber sich beneiden!
Und was er tut, ist frohen Muts getan.«

(Franz Grillparzer)

14:35 Uhr

»In Europa gibt es überhaupt nur einen interessanten Politiker, den Kaiser von Österreich.«

(Theodore Roosevelt)

14:38 Uhr

»Das österreichische Antlitz lächelte, weil es keine Muskeln mehr im Gesicht hatte.«

(Robert Musil)

15:05 Uhr

»Es gibt Leute, die denken so, und es gibt Leute, die denken so. Das ist immer so, wenn viele Leute zusammenkommen.«

(Toni Polster)

15:16 Uhr

»Ich bin ein menschlicher Mensch.«

(Hannes Kartnig, Präsident von Sturm Graz)

16:20 Uhr

»In Österreich fällt nämlich alles schwer: jeder Theaterdirektor erklärt, das Theater sei in Österreich schwer zu leiten; jeder Bürgermeister, die Straßen seien in Österreich sehr schwer zu reinigen; jeder Polizeidirektor, die Mörder seien in Österreich schwer zu erwischen; und die Satyriker behaupten, es sei schwer, in Österreich keine Satyre zu schreiben.«

(Daniel Spitzer)

16:22 Uhr

»Die Fußball-EM in Österreich ist wie Skispringen in Namibia.«

(Alfred Dorfer)

16:25 Uhr

»Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben, ich kann Euch für den Christbaum, wenn ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!«

(Leopold Figl, Weihnachtsansprache 1945)

16:28 Uhr

»Das ist mein größter Einwand gegen Musik, dass Österreicher darin exzelliert haben.«

(Arno Schmidt)

16:37 Uhr

»Die österreichische Überzeugung, dass dir nix g'schehn kann, geht bis zu der Entschlossenheit eines Mannes, der auf Unfall versichert ist und sich deshalb ein Bein bricht.«

(Karl Kraus)

16:42 Uhr

»Erst neulich habe ich eine Talkshow gesehen, in der sie einen Weihbischof aus Österreich ausgekramt haben, der wieder mit allen alten Kamellen ankam: Homosexuelle könnten geheilt werden. Als sei Homosexualität eine Krankheit. Ich werde da ganz verrückt.«

(Oswalt Kolle)

16:54 Uhr

»Dem Sport ist zu aller Zeit und vor allem von allen Regierungen aus gutem Grund immer die größte Bedeutung beigemessen worden: er unterhält und benebelt und verdummt die Massen; und vor allem die Diktatoren wissen, warum sie immer und in jedem Fall für den Sport sind.«

(Thomas Bernhard)

17:33 Uhr

»Der Sinn des Sports ist, dass es den Menschen nichts mehr ausmacht, sterben zu müssen.«

(Elfriede Jelinek)

19:49 Uhr

»Der Tod, das muss ein Wiener sein.«

(Georg Kreisler)

19:51 Uhr

»Wenn das Publikum keine Alpträume hat, ist ihm sofort langweilig.«

(Thomas Bernhard)

20:09 Uhr

So. Und damit hätten wir die gesamte österreichische Kulturgeschichte einmal durchexerziert. Im zweiten Teil des 11FREUNDE-Kollegs: »Fußball – Warum er so langweilig ist«. Es dozieren Dirk Gieselmann und Andreas Bock. Gute Nacht.

20:15 Uhr

ARD also. Nein, die Perspektive täuscht nicht: Gerhard Delling spritzt tatsächlich Wasser aus der Schulter. So sieht es also aus, wenn sich ein Mann leerfaselt. Und wenn man also wieder Hoffnung schöpfen kann.  

20:16 Uhr

Wäre ich Österreicher, wäre das mein Lieblingsspiel: »Anmäuerln« - Einen Ball stumpf gegen eine Mauer donnern. Wäre ich Schweizer, wäre das mein Lieblingsspiel: »Hornussen - Ein Schlag- und Fangspiel, das eng verwandt ist mit den Spielen Cricket, Baseball, Knurr and Spell.« Wäre ich Deutscher, würde ich jetzt nachschauen, was es mit Knurr und Spell auf sich hat. Ich bin aber Samoaner. Mich interessiert nur Fußball. Herzlich willkommen, Mehmet Scholl und Gerhard Delling.

20:19 Uhr

Wir wollen hier nicht behaupten, dass unseren Bundestrainer etwas Scientologyhaftes umweht. Also sagen wir so: Wenn sein Leben jemals verfilmt wird, dann mit Tom Cruise in der Titelrolle. »Auf«, wie Löw selbst sagen würde, »Augenhöhe.«

20:22 Uhr

»Warum finden sich nicht fünf, sechs Spieler, die sagen, Trainer, wir wollen das Turnier gewinnen?« Welch ein Auftakt: Mehmet Scholl ruft also offen zum Putsch auf. Delling schaut ratlos. Putsch? In der ARD? Lieber nicht. »Punsch hätten wir da, Scholli! Mit Strohhalm?«

20:24 Uhr

Immer wieder Tonausfälle. Ist da etwa die GEMA am Regler? Diese haarsträubende Überleitung von Gerhard Delling ist in Ihrem Land leider nicht verfügbar.

20:26 Uhr

Kommentator Gerd Gottlob kann wegen der Tonausfälle nur ein »...ings« hervorpressen. Frings? Wenn er gleich auch noch »...owotny« stammelt, fresse ich mein Kicker-Sonderheft von der EM 2004.

20:28 Uhr

Dass es hier offenbar keinen Ton gibt und noch nicht mal eine Einblendung, die uns bittet, dies zu entschuldigen – geschenkt. Was noch mehr ins Gewicht fällt, ist die Tatsache, dass nach der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von London dieses Vorgeplänkel wirkt wie ein Sparkassenfest in Lüneburg. Bunt, aber nicht bunt genug. Kostspielig und doch billig. Wo sind die Stars? Der kleine Philipp tollt selbstvergessen in der Hüpfburg, und Onkel Joachim wartet muffig im Sharan. Gleich geht doch das Spiel los! Verdammt Blagen. 

20:30 Uhr

Wir sehen Marko Arnautovic, der während der Hymne schweigt. Und wir denken: Warum macht er das nicht häufiger. Heute sagte er jedenfalls: »Ich weiß nicht mal, wo das ist. In Kolumbien?« Die Frage, Sie ahnen es, lautete: »Was sagt Ihnen Cordoba?«

20:34 Uhr

DJ Ötzi sagt: Jetzt geht's los. Robert de Niro sagt: Präsentiert von Bitburger. Gerd Gottlob sagt: Die Deutschen in Weiß von links nach rechts. Der Ball sagt: Warum immer ich? 

1.

Kurios: Pogatetz mit dem ersten Foul in der nullten Minute. Klose, total unvorbereitet, hat noch seinen DFB-Anzug an, schimpft: »Menno, jetzt hab ich überall Grasflecken, du Blödi!« Hansi Flick zückt sein Rei in der Tube, lässt es in Richtung österreichischer Bank blitzen. Ein psychologischer Teilerfolg. 

4.

Auf einmal steht Martin Harnik allein vor Manuel Neuer. Vorausgegangen waren ein Fehlpass von Hummels und ein Traumpass von Baumgartlinger. Doch Harnik bewegt sich auf Neuer zu wie ein Gnu im Seniorenalter. Verzieht. Bzw.: Verzieht kläglich. Bzw.: Verzieht österreichisch.

8.

Held der ersten Minuten: Holger Badstuber. Der Mann sieht aus wie eine Nivea-Werbung. Rein, sauber und ohne Sünden. Er trägt keine Tattoos (finden wir: toll!), dafür einen Vornamen, den in den achtziger und neunziger Jahren eigentlich nur Onkel um die 40 oder 50 trugen (finden wir auch: toll!). Die dazugehörige Tante hieß übrigens meist: Gerda.

12.

Wieder Riesenchance für Österreich. Harnik kommt nach einem Ivanschitz-Pass an den Ball. Steht am Sechzehner. Nimmt Maß. Nimmt gut Maß. Ball geht wenige Zentimeter am Tor vorbei. Ist das die Mannschaft, die 1990 0:1 gegen die Färöer verlor? Wir überprüfen den Kader und können festhalten: Nein.

15.

Irritierend, als wäre das Spielfeld verkehrt herum aufgebaut: Man sieht heute Joachim Löw, der sonst am unter dem Bildrand verborgen bleibt. Jetzt steht er da oben, wie ein Arbeitnehmer, der auf den Bus wartet, die Aktentasche unterm Arm. Die Stulle hat er nur halb aufgegessen, den Rest gönnt er sich auf der Heimfahrt, dazu das Mädchen von der der Seite 1, mmmmmh, Leberwurst, mmmmmmmmmmmmmmmmh, Jeanette aus Jena (22). Und im Bus ist es immer so schön warm, richtig gemütlich. So einfach sind die kleinen Freuden. Und gleich kommt Fußball im Fernsehen. Zum Glück ist er nicht Bundestrainer! Dann hätte er nämlich zu verantworten, dass die deutsche Mannschaft hier spielt, als wäre das Feld tatsächlich verkehrt herum aufgebaut.   

16.

Die Österreicher fressen Meter. Nein, Kilometer. Harnik ist schon so viel gelaufen wie früher Günter Netzer in einer gesamten Saison. Wir (Hobby-Konditionstrainer) sind uns sicher: »Das rächt sich!« Wir (Hobby-Propheten) könnten uns aber auch irren.

17.

Prödl gegen Klose. Klingt, als würde zwei österreichische Hausfrauen Zutaten für Wildgerichte austauschen. Ist aber ein Zweikampf in diesem Spiel. Unlecker.

19.

Freistoß Özil, dann noch eine Ecke. Sind das jetzt schon Achtungserfolge? Dann wer' i narrisch.

21.

Kroos schießt soft. Almer hält fest. Annäherung wie auf einem Abi-Abschlussball.

23.

Löw mit einem derart angewiderten Gesichtsausdruck, als müsste er sich hier eine Fantasy-Inszenierung von André Heller ansehen, mit fliegenden Löwen und brennenden Pharaonen. »Was hat denn die Karte gekostet, Hansi?«, scheint er zu fragen. Und Flick: »Du, die haben wir vom Köpke zur Silberhochzeit bekommen.«  

26.

Das Spiel entspannt sich ein wenig, und wir werden langsam nervös. Wir möchten unsere Rechercheergebnisse loswerden. Wir schreiben einfach mal ein paar unserer zuvor notierten Keywords auf: Edi Finger, Cordoba, Rolf Rüssmann, 1978, Schmach, Wunder, Ascochinga, Anschlussspiel, Peter Pacult, Toni Polster, Ernst Happel, Rauchen. Ihr, liebe User, entscheidet, mit welchem Keyword es weitergeht.

27.

Elfmeter? »Naaaaaaaaaa!«, wie der Österreicher sagen würde, denn: kein Foul, Harnik lässt sich im Strafraum fallen. Aber der Österreicher pfeift jetzt lieber. Und hat sich damit verdient, dass wir ihn nur noch im Singular nennen. Gern auch mit dem Zusatz: »als solcher«.

29.

»Klose, ganz links«, so Gerd Gottlob. »Kann man auch mal machen.« Genau das hat sich Oskar Lafontaine auch gedacht.

31.

Ist das hier schon Wintersport? Fußball alpin? Das würde vieles, wenn auch nicht alles, erklären. Wir fordern: Wasmeier für Klose!

34.

Und jetzt wirbt auch noch die ERGO-Versicherung. Gute Idee eigentlich: Warum nicht einfach in den Puff gehen? Ist der Ruf erst ruiniert... Darf ich noch meine Eltern grüßen?

38.

Aus der Ferne sieht die Tätowierung auf Marko Arnautovis linkem Unterarm ein wenig so aus, als sei ein LKW drüber gefahren. Aus der Ferne sehen Marko Arnautovics Fußballtricks allerdings auch ein wenig so aus, als beherrschte er sie.

39.

»Lahm gelingt nicht besonders viel«, so Gottlob euphemistisch. Genau genommen, gelingt Lahm nichts. Aber Gottlob ist ja nicht Sartre. Was nicht heißt, dass er nicht trotzdem ein Philosoph wäre. Demnächst im Handel: »Das Sein und das nicht besonders Viele«.

42.

Das Offensivspiel der Deutschen momentan so kreativ wie die Berliner Kunstszene. Gerd Gottlob so sprachgewaltig wie die Ehapa-Comicszene. Zusammen ergibt das ein Festival der semiguten Laune. Wenn wir was zu melden hätten, würden wir sagen: »Auswechseln!« Wenn wir nichts zu melden hätten, würden wir sagen: »Auswechseln!« Doch was tun wir? Wir schweigen Worte in die Tastatur. 

41.

Die ARD ist sonst ja überall dabei, warum also nicht auch bei Löws Kabinenpredigt jetzt gleich? Der würden wir wirklich mal beiwohnen. Kann ja auch nicht viel schlimmer sein, als wenn im Nachmittagsprogramm ein Tierarzt ein Kalb aus ein Elefantenvagina zieht. Meine Meinung.

44.

Tor! Reus! Nach fulminantem Wutsolo kegelt der Mittelfeldfrechdachs ihn rein. »Vollkommen überraschend«, keucht Gottlob. Ein Halbsatz, der an sich vollkommen überraschend wäre, zumal in einem Spiel gegen Österreich, aber nach diesem Verlauf natürlich vollkommen unüberraschend ist. Also bezeichnend. Aber: 1:0. Immerhin. Und am Ende gewinnen immer die Deutschen.

21:20 Uhr

Gerhard Delling japst ein wenig, als sei er der Torschütze des 1:0 gewesen. Mehmet Scholl wird von einem deutschen Spieler in die Seite geknufft, als sei er ein Plüschteddy aus einer Kuscheltiermanufaktur in Niederbayern. Die Zeichen, Sie haben es geahnt, stehen auf Halbzeit. Prost!

21:24 Uhr

Ist der Ausdruck »psychologischer günstiger Zeitpunkt« eigentlich schon gefallen? Oder ist der psychologische günstiger Zeitpunkt dafür noch nicht gekommen? 

21:27 Uhr

Die »Tagesthemen«. Angela Merkel spricht blutarme Sätze in zwei Mikros, die aussehen wie wehrlose Feldmäuse, Philipp Rösler schneidet ein Band durch und weiht irgendeinen Krötentunnel ein, und Peter Gauweiler weint sich in den Schlaf. Also wirklich: Österreicher müsste man sein! 

21:31 Uhr

»Es wird herbstlich kühl«, sagt Caren Miosga, dann verblutet in einem deutschen Mischwald ein Jogger. Und schließlich: Delling. Also wirklich: Ein deutscher Jogger müsste man sein!

21:34 Uhr

»Es ist zu früh für eine Grundsatzdiskussion«, meint Scholl. Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung: »Es ist zu spät für eine Grundsatzdiskussion.«

21:35 Uhr

Mehmet Scholl erklärt das Spiel von Marco Reus, und hört sich dabei vermutlich genauso an wie Marco Reus, der das Spiel von Mehmet Scholl erklärt. Es geht um Hasen, Haken schlagen und Tempo. Nicht um: Grüne Pullover. Und das ist gut so.

21:35 Uhr

»Immer wieder rollte die österreichische Maschinerie auf den deutschen Sechzehnmeterraum«, weltkriegert Delling nun. Und irgendwo auf dem Mainzer Lerchenberg blättert Guido Knopp panisch in seinen Geschichtswälzern: Wie konnte ihm dieses Kapitel bloß entgehen?    

46.

Gerd Gottlob fragt zurecht: »Wie viel Dampf haben die Gastgeber noch?« Arnautovic gibt gleich die Antwort. Er sprintet zwei Meter nach rechts, dann drei nach links, dann pausiert er. Nie sah stehendes K.o. mehr nach stehendem K.o. aus als in diesem Moment. 

48.

Übrigens: Egal, was passiert, egal, wie hoch mein Team gewinnt, egal, ob ich morgen (ohne Teilnahme) drei Millionen Euro im Lotto gewinnen werden – einen Satz möchte ich nie sagen: »Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals; der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch – wir busseln uns ab.« PS: Nie!

49.

»Wir bewegen Ihre Markise«, verspricht die Bande. Und als wäre das nicht schon beglückend genug, gibt es jetzt auch noch Elfmeter! Und als wäre das nicht schon beglückend genug, ist der auch noch berechtigt. Klarer Schubser! Kann, ja muss man geben. Aber warum blendet die ARD jetzt die Mona Lisa ein? Bildungsauftrag, gut und schön, aber wir wollen, dass den Elfer jetzt einer rein macht. Oh! Es ist offenbar Özil in Großaufnahme, sibyllinisch lächelnd tritt er an – und macht ihn rein! Hurra, würde man rufen, wenn man sich nicht immer noch so für die erste Halbzeit schämen würde, ja müsste. 2:0 also. Hurra, flüstern wir.

53.

Und nun? Spiel gelaufen. Zeit, mal auf die anderen Plätze zu schauen: Neuseeland hat zum Beispiel heute Abend gegen die Salomonen mit 6:1 gewonnen. Australien hat 1:2 gegen Jordanien verloren. Und Kollege Gieselmann hat eine Partie 32-heb-auf gegen einen Hund verloren. Mmmh.

56.

Der Anschluss! Darf man das, vor dem Hintergrund der deutsch-österreichischen Geschichte, überhaupt so nennen? Nennen wir es: 1:2. Nennen wir es auch: eine Zumutung. 

60.

Schrieb hier eben jemand, das Spiel sei gelaufen? Ja? Der Mann arbeitet seit zwei Minuten im Lager und sortiert sämtliche 11FREUNDE-Heftartikel im Archiv (Keller, nass) nach Zeichenlänge und kämmt danach den Redaktions-Vorgarten (3 Quadratkilometer) in Marco-Reus-Optik.

61.

Özil mit der Ecke. Doch was ist das? Zu flach, zu weich, zu kurz. In der Leichtathletik wäre dieser Versuch ungültig. Im Fußball aber hebt man den Daumen. Hab auf einmal tierisch Lust, Robert Harting anzurufen und ihm stundenlang zuzuhören, wie er über die Sporthilfe abkotzt.  

64.

Kroos, das klingt schon wie Moos: Überall zu finden, aber zu nichts zu gebrauchen. 

67.

Der Liveticker des österreichischen »Standard« schreibt: »So. Liebe User, das werden jetzt hoffentlich unangenehme 30 Schlussminuten für Germany.« Das können wir returnieren: »So. Liebe User, das werden jetzt hoffentlich unangenehme 30 Schlussminuten für Austria.« Deuce. Ein Duell wie Muster gegen Becker, liebe Tennisfreunde.

68.

Österreich, so weiß Gottlob, hat sich die linke Seite ausgeguckt. Doch dort, auf der linken Seite, verhält es sich mit Österreich wie mit Günni und Torte, den selbsternannten Discokönigen aus Emden, die sich mal wieder die zwei Blondinen aus Leer ausgeguckt haben. Es läuft, verdammt nochmal, nichts.

71.

»Eine Option für Koller: Jantscher?«, fragt der »Standard« nun. Und wir so: »Eine Option für Löw: Hulk Hogan?«

72.

Lahm verspürt jetzt offenbar den Wunsch, aus dem allzu starren Korsett des stets vorbildlichen Führungsspielers auszubrechen – und spielt einfach mal den beschissensten Rückpass der Fußballgeschichte. So ist sie, diese verdammte Pubertät: Sie kommt ganz plötzlich. Gestern hat er sich noch gefreut, wenn er Kahns Nutellamesser ablecken durfte, heute ist er für Österreich. 

75.

Jakob Jantscher jetzt tatsächlich im Spiel. Mittelfeldspieler, kürzlich zu Dynamo Moskau gewechselt, Größe 1,81 Meter, Geburtsort Graz, erster Verein: SC Unterpremstätten. Ein paar kleine Details, die wir noch im Kopf haben, weil wir uns kürzlich das komplette Internet durchgelesen haben. Kennt jemand andere Hobbys?

79.

»Schwimmen wär ein bisserl zu hoch gegriffen«, schreibt der »Standard« nun, »aber Deutschland hält zumindest in der Defensive die Zecherln ins Wasser.« Hoffentlich schickt uns der Schiri gleich duschen. 

82.

Emanuel Pogatetz schießt einen Freistoß. Der Mann sieht aus wie eine Figur aus »Stromberg« und hat einen Spitznamen wie eine Figur aus dem Disney-Club (Mad Dog). Zusammen ergibt das etwas, auf das man nur mit einem Satz kontern kann: Wäre ich du, wäre ich lieber ich.

84.

User »Tim Ribery« schreibt: »du hurensohn spiel du mal da bitte erstmal mit du knecht sag lieber mal was zu schmelzer den hurensohn.« Danke, »Tim«. Genaus das wollte ich werden, wenn ich groß bin: Hurensohn UND Knecht. Und wenn du weiter so lieb bist, schreib ich dir auch noch was über Schmelzer.   

87.

Arnautovic! Allein vor dem Tor! Doch dann das:

90.

Arnautovic nervt. Da sagen wir euch nichts Neues, liebe Fans – aber noch nie war es so dringlich: Dieser Mann will hier ganz offenbar den Ausgleich erzwingen. Er steht vor dem deutschen Tor wie vor einer Großraumdisco in Delmenhorst und akzeptiert einfach nicht, dass er nicht rein darf. Doch Manuel Neuer bleibt unerbittlich: »Nicht in den Klamotten, Junge!« Wohl dem, der solche Rausschmeißer hat. Und im Inneren tanzen wir das Endergebnis. 

94.

Ein total großartiges Wortspiel zum Schluss: Deutschland gewient wieder mal gegen Österreich. Die ÖFB-Elf wartet somit seit circa 112 Jahren auf einen Sieg gegen den Nachbarn. Wir haben bislang mitgewartet, doch damit ist jetzt vorbei. Spiele zwischen Deutschland und Österreich werden ab sofort nicht mehr getickert. Eventuell. Vielleicht.

22:26 Uhr

Die deutschen Spieler gehen in die Kurve, dann Pfiffe, doch woher? Von den deutschen Fans? Von den Österreichern? Wie auch immer: Die DFB-Elf ist fast Weltmeister. Wir gratulieren.

22.27 Uhr

Arnautovic kauert auf dem Rasen. »Ja, der tut einem richtig leid«, so Gottlob. Ja, einem. Nämlich Gottlob.

22:30 Uhr

Jetzt sind wir aber mal gespannt: Philipp Lahm im Interview. »Unnötig spannend gemacht, Gegner hat früh Druck gemacht, dann kommen wir aus der Halbzeit, unnötiges Gegentor, darüber müssen wir uns unterhalten.« Ja, müssen wir, Fipsi. Bei mir oder bei dir? Wo auch immer: Immer da, wo du bist, sind wir nie.

22:31 Uhr

Thomas Müller hat eine verblüffendes geografisches Alibi parat: »Österreich ist in den letzten Jahren a bisserl größer geworden.« Verwechselt er Österreich etwa mit dem Ozonloch? Deutschland-Ozonloch 2:1 – das wäre ja noch schöner.

22:34 Uhr

Claus Lufen grillt jetzt Manuel Neuer. Der schaut dabei wie Wilson Gonzales Ochsenknecht, wenn eine dicke Realschülerin ihm bei der Autogrammstunde im Einkaufszentrum Lichtenrade den Totenkopfgürtel aus der Hose zieht. Wilder Kerl.

22:35 Uhr

Der Bundestrainer ist da! »Ja, aber war auuuuuuu irgendwie schon ein hektisches Spiel«, japst er los, ohne schon etwas gefragt worden zu sein, als würde in ihm eine Kassette zu schnell ablaufen. Was ist los? Muss der weg? Noch irgendwo anders hin? Alles, was er sagt, macht uns nervös: »Wir wollten phasenweise pressen«, zum Beispiel. Oder jetzt: »Der Fuß ist angeschwollen.« Das tun auch unsere Ohren. Beziehungsweise: Auuuuuuu unsere Ohren. 

22:42 Uhr

Jetzt fängt auch Delling an zu scatten, redet plötzlich, wie von der Tarantel gestochen. Laufen etwa die Visa ab? Sind zu wenig Hummerschwänze für alle auf dem Buffet? Das macht uns fertig, ein Jetlag ist eine Frage der Zeit: Unsere Gehirne schlafen noch bei der Frage ein, da irren unsere Körper schon durch die Antworten wie über endlose Hotelflure. »Ich danke Ihnen für den Besuch«, sagt Delling schließlich. Wem noch mal? 

22:46 Uhr

Schock: Opdenhövel will uns eine Couch verkaufen. Nein, danke. Wir hätten lieber Scholls Pullover. Ist ja eh nicht seiner.

22:51

Die ARD bringt jetzt einen Brennpunkt über Zlatan Ibrahimovic. Doch uns lacht seit geraumer Zeit die Doktor-Snuggles-DVD an. Da fällt die Wahl nicht schwer: Wir gehen pennen. Gute Nacht, Deutschland. 


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