23.06.2010 | Mesut Erlözil
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Deutschland-Ghana im 11FREUNDE-Liveticker

So fühlt es sich also an, wenn ein Knoten platzt. Ein kleiner. Nicht mit einem »Peng!«, sondern mit einem »Pling...«. Fast verschämt besiegt Deutschland Ghana und nimmt den Gegner mit ins Achtelfinale. Bester Mann auf dem Platz: Der Liveticker.

Text: Dirk Gieselmann und Fabian Jonas Bild: Imago
Ghana: 22 Kingson/Wigan Athletic (32 Jahre/81 Länderspiele) - 2 Sarpei/Bayer Leverkusen (33/32), 5 John Mensah/FC Sunderland (27/67), 8 Jonathan Mensah/Free State Stars (20/7), 4 Paintsil/FC Fulham (29/58) - 6 Annan/Rosenborg Trondheim (23/35) - 13 Andre Ayew/Arles-Avignon (20/24), 21 Asamoah/Udinese Calcio (21/18), 23 Kevin-Prince Boateng/FC Portsmouth (23/4), 12 Tagoe/1899 Hoffenheim (23/21) - 3 Gyan/Stade Rennes (24/42). - Trainer: Rajevac

Deutschland: 1 Neuer/Schalke 04 (24 Jahre/8 Länderspiele) - 16 Lahm/Bayern München (26/68), 17 Mertesacker/Werder Bremen (25/65), 3 Friedrich/Hertha BSC Berlin (31/75), 20 Jerome Boateng/Hamburger SV (21/6) - 6 Khedira/VfB Stuttgart (23/8), 7 Schweinsteiger/Bayern München (25/77) - 13 Müller/Bayern München (20/5), 8 Özil/Werder Bremen (21/13), 10 Podolski/1. FC Köln (25/76) - 19 Cacau/VfB Stuttgart (29/11). - Trainer: Löw
 
Schiedsrichter: Carlos Simon (Brasilien)

Zuschauer in Johannesburg/Soccer City: 80.000
Mesut Erlözil
Deutschland
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Ghana
  

19:41 Uhr
Mein Gott, dass ich das noch erleben darf! Nach all den Jahren bedeutungsloser Phantasiespiele geht es heute endlich wieder um ALLES! ALLES, liebe Fans! Ja, ich meine Euch und sage: Guten Abend! Euch ALLEN! Bin ganz neu verliebt in den Fußball, in unsere Jungs und in Kollege Jonas. Ja, ich fühle mich wie Playboy-Dinosaurier Rolf Eden: Soviel gesehen, soviel mitgemacht, so gleichgültig das Ganze – und dann kommt da die eine, und die isses dann. Auch wenn man schon fast 90 ist. Sie heißt übrigens Ghana. Lechz. 

19:55 Uhr
Grüß Gott. Hier Jonas. Es kann nicht schief gehen, ich leg mich fest. Eben auf der Anreise zu Gieselmanns Penthouse-Loft an der Station »Wedding« umgestiegen, aufs Straßenschild geschaut: Müllerstraße. Aufs Haus geschaut: Hausnummer 13. Na gut, das Letzte war gelogen, aber Müllerstraße stimmt. In der U-Bahn dann ein vollkommen schwarz-rot-gelber Betrunkener, hat »Stier«-Bier getrunken und beim Aussteigen alle wissen lassen, in der klarsten Artikulation vermutlich seines Lebens. »Wir gewinnen heute 6:1«. Nein, war nicht Gieselmann. Der steht auf dem Balkon, telefoniert mit seinem Finanzberater. Ich geh mal eben noch eine rauchen. 

20:15 Uhr
Öchöttöchött. Vielleicht geht's doch schief. Boateng spielt, der Jerome, versteht sich, und kein Mensch weiß, wo. Links, rechts, links, rechts. Offenbar links, »aber im tactical line-up steht er rechts«, ächzt Delling, bereut jetzt zum ersten Mal, dass er damals bei der »Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung« angefangen hat. Ich habe übrigens überhaupt nichts gegen Boateng, nicht mal gegen Kevin-Prince so richtig, aber Jerome hat ja schon gegen Russland Gelb-Rot gesehen. Wie lange bleibt der heute drauf? 

20:20 Uhr
Gorillas im Nebel. Ein Mensch, der angeblich Tom Bartels sein soll, so sagt es die Bildunterschrift, meldet sich aus dem Stadion, ist aber mit seiner Assistentin Jane Goodall hinter einem dicken Dunstschleier verborgen. Wenn das an Gieselmanns Glotze liegt, sind wir verloren. 

20:25 Uhr
Ghana spielt mit Mensah und Mensah in der Innenverteidigung. Wenn ich meine Studienerfahrungen zu Grunde lege, dürfte Cacau, Podolski und Müller ziemlich schlecht werden.  

20:26 Uhr
»Ich bin nervös!«, sage ich zu Jonas. »Ich gar nicht so«, sagt er. Ich lasse ihn für tot erklären. 

20:27 Uhr
Die ghanaische Hymne, Karl Moik stand Pate. Dann die deutsche, Boateng schweigt, denn: »Worüber man nicht singen kann, darüber muss man schweigen« (Wittgenstein). Und dann Müller! Zwinkert uns zu, als wären wir Mädels im Freibad am Ammersee. Wir giggeln, kaufen uns ein Eis, will er mit uns gehen, ja, nein, vielleicht?  

20:29 Uhr
Laut bild.de hat Klinsi der Mannschaft eine SMS geschrieben: »Haut rein!« Frustessen? Jetzt? Wahnsinn. 

20:30 Uhr
Flick schnäuzt sich, Kingson betet, Anstoß. 

1.
Jonas guckt jetzt bei Google-Maps, wo genau das Freibad am Ammersee ist, will dort auf Thomas Müller warten, »wenn's sein muss, bis Oktober.« Verdammte Pubertät. 

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Und nun live ins ARD-Studio, wo unser Experte Sami Khedia, der Weltmeister von 2010, uns auf das Champions-League-Endspiel zwischen RB Salzburg und RB Leipzig einstimmen wird. Danach: »Zeugen des Jahrhunderts«. Diesmal mit: Lena Meyer-Landrut. Viel Spaß. 

5.
Schussflanke Cacau, Schussflanke Müller, zweimal die gleiche Unchance. Jetzt ein Stürmerproblem zu offenbaren, würde schon ziemlich nerven. Dann aber Poldi: zieht ab, wie er beim Elfer gegen Serbien hätte abziehen müssen, abgefälscht – Ecke. 

7.
Während im Strafraum etliche Deutsche hinfallen, meinen wir, aus dem Vuvuzela-Wust 11FREUNDE-Korrespondent Tim Jürgens herauszuhören, der versucht, »An der Nordseeküste« zu intonieren. Heimweh, Tim? 

9.
Poldi, das Zäpfchen, geht ab über links, kloppt scharf rein, der 11-jährige Mensah hat noch nie so was Schreckliches gesehen, klärt zur Ecke, die »aber leider nichts einbringt« (Rolf Töpperwien), sowieso: Schwachpunkt Ecke. Jonas zockt sich erst mal 'n »Ecke's Edelkirsch« rein, das tut gut, jetzt fehlt nur noch was Zählbares. 

11.
»Müller wird getroffen, das findet er nicht gut«, findet ARD-Hellseher Tom Bartels nicht gut. Mein lieber Herr Gesangsverein, woher er das weiß! Weiß er auch, dass wir es gut finden, wenn ein Tor fällt? Oder dass wir es BESCHISSEN finden, dass Ghana jetzt das Tor machen könnte? Und dass wir es total RAKETENMÄSSIG finden, dass Schweini das Geschoss noch abblockt? Und weiß er auch, dass Jonas die ganze Zeit an Thomas Müller denkt? Faszination Empathie. 

14.
Softeis-Flanke von Müller, dann Poldi! Poldi! »Perfekte Schusstechnik«, schnarrt Bartels. Einziges Manko: Der Ball war ganz woanders. Man kann nicht alles haben. 

16.
Wo ist eigentlich »The Kevin formerly known as Prince«? Lauert irgendwo im Mittelfeld wie eine Muräne, will zubeißen, aber Özil, das clevere Fischchen, ist schneller, özilt davon. Sowieso haben die Jungs das Ding hier ganz gut im Griff: Hinten machen Merte und selbst Friedrich (Hertha BSC) die Maschen eng, Schweini ist eh der beste Staubsauger aller Zeiten, und Müller sucht und sucht und sucht. Wird er auch finden? Wir sagen: Ja! 

20.
Andererseits: Wo ist eigentlich Cacau, formerly known as Claudemir Jeronimo Barreta? Ah da! Steckt durch auf Lahm, der gerne irgendwas Kapitänhaftes machen würde, ein Dinner vielleicht, aber da deckt Mensah, keine Ahnung welcher, schon ab. 

23.
»Cacau brennt«, so Tom Bartels. Gieselmann will schon den Feuerlöscher holen, da beruhige ich: Cacau flucht vor allem. Weil er verzogen hat und weil irgendeiner ihn deswegen anmault.»Ts«, macht Gieselmann. »Dann flambier ich mir halt 'n Snickers.« 

25.
Hiiiiiiiiilfe. Hier ist viel zu viel, aber wirklich viel zu viel Tempo drin. Erst Gyan alleine auf dem Weg in den deutschen Strafraum, schlägt gottlob schon wieder einen Haken zuviel, und Neuer klaut ihm den Ball vom Fuß. Wir sind noch nicht mal fertig mit dem erleichterten Ausatmen, da taucht auf der anderen Seite Özil alleine vor dem Torwart auf. Endlos lang läuft er da, hat viel zu viel Zeit, ich kann noch ein paar Tippfehler verbessern, dann erst schließt er ab. »Wennst denkst, is eh zu spät«. Müller-Evangelium, 1. Buch Gerd, Sprüche 13. Kingson denkt nicht, bleibt einfach stehen, reicht. 

26.
Ecke für Ghana. Schweini bindet sich den Schuh zu, wie lange braucht der denn, da ist schon das schwurbelige Geschoss, Schweini ist noch in der Schleifenhocke, irgendwer steigt hoch, macht irgendeinen Kopfball, wo ist Neuer, oder wer auch immer gerade die deutsche Nummer 1 ist, der Ball fliegt, quälend langsam, oder kommt uns das nur so vor, wir holen uns ein Bier, beraten, was zu tun sei, stellen dann Lahm an den langen Pfosten, und der rettet! Er rettet! Er rettet! Ich kann nicht mehr, noch eine Stunde Folter. 

29.
»Cacau geht weite Wege«, hat Bartels gemessen, das macht mein alter Erdkundelehrer auch, wenn er auf dem Jacobsweg wandert, aber was bringt es? Nichts! Jetzt ein Schuss des einsamen Wanderers, gehalten. Ich bin dann mal weg.   

31.
0:0 hier, 0:0 auch bei Serbien-Australien, so ist Deutschland im Achtelfinale, aber das wackelt wie das Dekolleté von Barbara Schöneberger. Jederzeit kann was Erschreckendes herauskommen. 

33.
Erschreckendst: Boateng verliert ein Laufduell gegen Ayew, der flankt, alle segeln dran vorbei, das muss doch nicht sein, warum tut ihr uns das an, wir sind es doch: eure Fans! Hier der Beweis: »Schland!« Und wir haben auch Fähnchen am Auto und schwarzrotgoldene Hula-Kränzchen um. Wir haben euch soooooooooooo lieb! Also macht jetzt verdammt noch mal ein Tor, ihr Arschgeigen! 

37.
Was mir in der Form noch nicht bekannt war: Cacau ist ja ein Rohrspatz vor dem Herrn, beschimpft alles und jeden, bei einer Ecke beispielsweise den Nacken seines Gegenspielers. Die Ecke übrigens, sollten wir sie erwähnen? Vielleicht schon, weil sie von Schweinsteiger war und trotzdem ankam. Bei Khedira, der im Duell mit KP Boateng, kommt irgendwie ran, aber irgendwie fliegt der Ball auch irgendwo hin. 

41.
FUCK FUCK FUCK! Schweinsteiger mit nem Freistoß, der immer länger wird, am Ende erstaunlicherweise sogar länger als Per Mertesacker. Der springt unter dem Ding durch, dadurch wird es aber erst richtig gefährlich, aber Kingson, laut Gieselmann »der schlechteste Torwart der Welt«, bringt noch den Finger ran, dann noch 'n Nachschuss, aber wieder nix. Mann, wir könnten es so schön haben, am Fenster stehen und arrogant über »die Ghanaer« plaudern, aber die Jungs lassen uns nicht.  

45.
Noch eine Minute. Wir brauchen ein Tor, damit das hier mal ein bisschen ruhiger läuft. Ich habe mich eben beim Wort »dadurch« sieben Mal verschrieben. So kann's nicht weitergehen. Jetzt ist Halbzeit. Ich leg mal meine Finger in Pril oder was Gieselmann sonst so da hat. Ne Wunde vielleicht. Bis gleich. 

21:27 Uhr
Und jetzt der Kameraschwenk ins Altersheim. Günter Netzer, der mal Europameister war, als es Fußball noch gar nicht gab, sondern nur Mammuts und die Angst, von der Erdscheibe zu fallen, will uns jetzt sagen, was abgeht. Lächerlich. Genauso wie General McChrystal, der wegen eines Interviews im »Rolling Stone« von Obama als Oberbefehlshaber in Afghanistan rausgeschmissen wurde. Wir geben jetzt ein Interview im »Metal Hammer« und lassen uns dann von Wolfgang Niersbach als Fans der deutschen Nationalelf rausschmeißen. Basta. 

21:21 Uhr
»Stand jetzt: Wir sind (Z)weiter!«, spielt bild.de an sich selbst rum. Schlimm. Noch schlimmer: Wir sind (Zw)Eiter.  

21:23 Uhr
11freunde.de-User »bloesel« hat den wahren Hintergrunde des Achtelfinaleinzugs der USA enthüllt: »Die sollen doch nur von Deepwater Horizon ablenken. Alles Bollitigg!« Genial! Wir haben doch auch Probleme! Mixa! Schwarz-Gelb! Pisa-Studie! Jetzt lenkt mal ab, Jungs! 

21:26 Uhr
»Mehr Tempo! Mehr Risiko!«, fordert ein Mann namens Delling. Von Netzer? Der hat mindestens eines dieser Wörter noch nie gehört. Von uns? Okay: Ich renne im Kreis, Jonas stellt sein Bier ganz nah an die Tischkante. Und jetzt, du Experte? 

21:30 Uhr
Noch mal die Chance von Özil. Tut jetzt schon weh, könnte bald noch viel weher tun. Hättes es früher nicht gegeben. Roy Makaay hätte den reingemacht, unterwegs einfach an was anderes gedacht als an die Chance, an Kuchenrezepte oder Quadratwurzeln. Soll ja in anderen Bereichen des Lebens auch helfen. Ist Özil zu unerfahren? 

46.
Weiter geht's. Keine Wechsel, obwohl Gieselmann schwer angeschlagen ist, sich offenbar eine Gesichtslähmung zugezogen hat. Von seinen letzten fünf Sätzen habe ich auf jeden Fall keinen einzigen verstanden. Vielleicht hat er gesagt »Ich kann nicht mehr leben«, vielleicht auch »kann nicht mehr lesen«. Jetzt hat er sich im Bad eingeschlossen. Ob ich mal kucken sollte? Nö, lieber Podolski zuschauen, Fernschuss, drüber. Giesel? Hallo? 

48.
Die gute Nachricht. Die Deutschen wollen »was«. Was genau, wissen sie sebst noch nicht so recht. Ghana hilft beim Nachdenken, verursacht eine unnötige Ecke. Die kommt ganz gut, Kingston segelt durch die Luft, irgendwann versucht Per Mertesacker ein Hackentor. Mertesacker. Hackentor. System Error.  

51.
Ich geb den Löffel ab. Jetzt Gyan so alleine wie in der ersten Halbzeit Özil auf dem Weg zu Neuer, aber der klatscht das Ding im letzten Moment noch weg. Gieselmann ist zurück, hat ein Rücktrittsschreiben vorbereitet, in dem er zugibt, »schwere Schuld« auf sich genommen zu haben. Ich glaube, er will sich nur drücken. Nix da!  

53.
Was Jonas so alles schreibt, wenn ich für kurze Zeit vor Entsetzen über das Spiel der Deutschen erblinde! Schweinerei. Jetzt kann ich wieder lesen. Jonas. Nicht das Spiel der Deutschen. Sonst wär ich ja die Lösung für die Scheiße da auf dem Platz. 

56.
Die Deutschen versuchen das Spiel aufzubauen wie unsereins einen Ikea-Schrank. Heraus kommt ein Stuhl.   

57.
»Mensaaaaaaaah. Wenn er das Trkot auszieht, besteht er nur aus Muskeln«, frottiert Bartels. Und wenn er das Trikot anbehält? Leider auch nicht aus Pudding, wie Poldi feststellen muss. Unlecker. 

59.
Geil. Ich wusste es! Kollege Jonas, der sich bei Diskussionen um das Amt des Bundestrainers bislang immer höflich zurückgehalten hat, hat DAS Rezept: »Los, Müller!«, doziert er. »Schieß! Egal von wo!« Und dann: ÖÖÖÖÖÖÖÖÖZIL! ER! NIMMT! DEN ! QUERPASS! VON! MÜLLER! AN! UND! HÄMMERT! DAS ! DING! VOLLEY! REIN! AUS! 18! METERN! IN! DEN! WINKEL! TOOOOOOOOOOOR! JOOOOOOOOOOOOOOONAS! ICH! LIEBE! DICH! AUCH! WENN! ES ÖZIL! WAR! UND! NICHT! MÜLLER! EGAAAAAAAAAAAAAL! 

60.
Chance für Ghana. Wo ist mein Mantel des Schweigens? Da! Schwupps.  

61.
Rätselhaft, wer die letzten Einträge hier geschrieben hat, denn erst jetzt kommen Jonas und ich vom Autokorso zurück. Ich stelle klar: Ich liebe Jonas nicht. Und das ist auch gut so. 

64.
Bartels jetzt mit einer Schmonzette über Muntari, den tragischen Wüterich Ghanas. Oder liest er aus dem Drehbuch von »Marienhof« vor? »Folge 1879: Sulley hat gewütet, er hat geschimpft, und er ist trotzdem noch dabei, weil seine Mitspieler sich für ihn eingesetzt haben. Was macht Philipp jetzt?« Antwort: Er blockt ab! Einen Schuss! Der sonst reingegangen wäre! Scheiß Vorabendserie! 

67.
»Per Mertesacker: Note 6.« Wir wollten immer schon mal Bild-Zeitung spielen. Macht aber keinen Spaß. Sagen wir: »Per Mertesacker: Note 5.« 

70.
Newsflash: Jetzt spielt Trochowski für Müller. Wir wissen nicht, warum. Und Australien führt gegen Serbien. Wir wissen nicht, warum. Wir haben von all dem nichts mitbekommen. Wir wissen nicht, warum. Newsflash Ende. 

73.
Newsflash II: Jetzt spielt Jansen für Boateng. Wir wissen nur ungefähr warum. Soll wohl mehr Druck nach vorne machen. Australien führt 2:0 gegen Serbien. Macht wohl mehr Druck nach vorne. Haben wir beim »Kicker« gelesen. Newsflash II Ende. 

76.
Die Ghanaer können sich momentan nicht entscheiden, ob sie lieber beten sollen, dass Australien nicht noch mehr Tore schießt oder selber weiter angreifen. Beides geht nicht, man kennt das ja, scheiß Multitasking. Nur Gieselmann geht auch während des Tickers ans Telefon. »Ach vorhin, da wollte ich dir nur viel Glück fürs Spiel wünschen«, säuselt er. Muss 'ne Frau sein. 

79.
Das werden noch sehr lange 12 bis 15 Minuten hier. Mertesacker glänzt ausnahmslos dadurch, dass er sich abschießen lässt. Ich mag gar nicht dran denken, was passiert, wenn Gyan auf die Idee kommt, dass man ihn auch ausspielen könnte. Aber da, ein Hoffnungsschimmer: Toni Kroos kommt. »Wenn ich es richtig sehe, für Bastian Schweinsteiger«, so Bartels. Gieselmann und ich lachen kollektiv bzw. lachen nicht richtig, sondern schnauben dieses verächtliche Kommentatorenschnauben, dass wir uns angewöhnt haben. Bis wir sehen, dass Bartels recht hat. Tatsächlich. Das mit Hoffnungsschimmer nehme ich zurück, es sei denn, wir kriegen schnell einen Standard am Strafraum. 

83.
Jetzt geht auch Gyan. Alle gehen. Irgendwie schade. Haben wir was falsch gemacht?  

85.
Schweini lässt sich massieren, mit dem wahrscheinlich größten Schwamm aller Zeiten. Schaut gequält aufs Feld: Schaffen die absoluten Beginner, die er da sieht, den Einzug ins Achtelfinale? Kann er daran teilnehmen? Alles bricht auseinander, Gegenstände fallen zu Boden, Kollege Jonas verwahrlost zusehends. Doch wenn Ihr denkt, das hier sei Folter, nehmt DIES: In der ersten Runde des Tennis-Turniers in Wimbledon läuft gerade das Match zwischen Mahut und Isner. Im letzten Satz steht es es 59:59. Kein Scherz.  

88.
Dieses Spiel scheint jetzt einzupennen wie zwei Boxer in der zwölften Runde. Nur Jogi noch mit hervorragender Beinarbeit. Fly like a butterfly, sting like a Löw. Oder so.   

90.+1
Apropos Beinarbeit. Aus Johannesburg informiert uns 11FREUNDE-Ballettkritiker Tim Jürgens: »Löw sitzt. Redet mit Flick. Springt auf. Hände kurz vor der Brust verschränkt, dann wieder in die Taschen, dann eine Umklammerung signalisierend. Dem geht die Muffe. Redet. Ruft. Fleht er? Steht wie eben da, wirkt nun aber, als würde ihm der Rücken weh tun. Körperhaltung gestanzt.« Spleeniger Typ, dieser Jürgens. 

90 + 3.
Spleeniger Sieg, dieser Sieg. Das Spiel ist aus, Arne Friedrich freut sich 'nen Ast: Diesmal ist er nicht abgestiegen. Wir irgendwie schon. Rein nervenmäßig.  


22:26 Uhr
Alle, alle freuen sich. Ausnahmslos alle. Der Poldi, der Philipp, die Ghanaer, die auch weiter sind, die Verrückten vor Gieselmanns Haus, die ich mitsamt ihrer Vuvuzelas schon seit Stunden mit Bierflaschen beschmeißen will. Nur würde ich die vorher gerne noch austrinken. Nur wir brauchen fast schon traditionell ein bisschen länger, um sofort in die Euphoriespur zurück zu finden. Deutschland kann noch Weltmeister werden, das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Deutschland wird so nicht Weltmeister, nicht, wenn es in dieser Form gegen andere Gegner geht. Ob England so einer ist, wird sich zeigen. Dass Schweinsteiger sich verletzt hat, trägt nicht unbedingt zur Beruhigung bei.  

22:28 Uhr
Draußen explodieren die Böller. Da kann man eigentlich nur hoffen, dass Deutschland alsbald absteigt. Sind das die Emotionen, die die Menschen rauslassen? Wie sieht es dann bloß innerhalb dieser Menschen aus? Wohl ungefähr so wie in der Kabine der Serben, die 1:2 gegen Australien verloren haben. Gegen Australien! Warum haben wir die dann nicht weggehauen?Jetzt zünd ich auch n Böller, so nachdenklich bin ich.  

22:29 Uhr
Özil wusste, »dass isch heute Tor mache«. Netzer trotzdem total deprmiert. Wegen England, wegen Merte, wegen Overath und weil die »Lover's Lane« dichtmachen musste. Jonas und ich legen jetzt eine Platte von Leonard Coen auf, tanzen verschämt. New Skin for the Old Ceremony.  

22:31 Uhr
Jerome Boateng gibt zu, dass »wir heute ein bisschen verunsichert gewürgt haben.« Sucht dann seinen Bruder. Prince, wo biste denn, du kleiner, süßer Racker? Wenn Familie keinen Spaß macht. 

22:33 Uhr
»FFFFFFFFFFFFFF!«, macht der Bundestrainer. Nach jedem Satz. »Auf Messers Schneide, FFFFFFFFFFFFFF!« – »Wir müssen uns steigern, FFFFFFFFFFFFFF!« Sag es doch endlich, Jogi! Du darfst jetzt: »FFFFFFFFFFFFFFilipp, ich hab dich lieb!«

22:32 Uhr
Netzer wünscht sich »mehr Angst vor Mertesacker«. Spannende Stunden im Hotel stehen also bevor. Ein fliehender Jünter auf dem Flur, Merte, der sich hinter der Palme versteckt – da wären wir wirklich gern dabei. Lieber jedenfalls als bei allem, was jetzt noch kommt, diesem ganzen fiesen Marathon aus Kaffeesatzleserei, Forderungen, Dellings Kinderbetreuungsbildschirm und Bierschwaden in Waldis WM-Klub. »Können Sie das noch mal zeigen?«, quengelt Netzer. Nein. Genug ist genug. Danke, Mesut Erlözil, dass wir das hinter uns haben. Was vor uns liegt, soll uns jetzt aber nicht auch noch in den Schlaf verfolgen. Gute Nacht, liebe Fans.

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