10.12.2012 | Köln-Braunschweig im Liveticker
Share

Ujah? Oh Nein!

Ein Spiel aus der Feder von Ken Follett: Köln und Braunschweig servierten vier Tore der Welt und jede Menge Kitsch. Am Ende bleibt Stanislawski in relativer Schlagdistanz. Und der Liveticker weiß von Thomas Herrmann: Drüberbeugen! Vielleicht beim nächsten Mal.

Text: Stephan Reich und Moritz Herrmann Bild: Imago
1. FC Köln
2
:
2
Eintracht Braunschweig

Losgetickert wird ab 19:45 Uhr...

... und an die Tastatur binden sich mit Geschenkband für Euch: Stephan »Heiße Weihnacht« Reich und Moritz »Ist-als-Kind-in-den-Punsch-gefallen« Herrmann. Cheers und bis später!

19:45

Köln gegen Braunschweig, das ist ein absolutes Spitzenspiel. Gewesen. In den Sechzigern. Aber gut, wir wollen nicht unfair sein, denn es ist ja immer noch ein, nunja, Spitzenspiel, wenn auch 50 Jahre später und in der Zweiten Liga. Kollege Herrmann und ich freuen uns also. Draußen ist's kalt, in der Küche köchelt der Glühwein, gleich rollt die Murmel. Kann's was Schöneres geben?

19:48 Uhr

Ahoi, liebe Leser! Wir schweißen gerade noch unsere W-Lan-Kabel aneinander, sind dann aber in wenigen Minuten auf Sendung. Montagabend, Sport1, der Spitzenreiter gegen den Verein, der seiner eigenen Wahrnehmung zufolge Spitzenreiter sein sollte, immer und überall, mindestns in Liga 1 aber, ach was, in jeder Liga, kurz: Eintracht Braunschweig gegen den 1. FC Köln. Lecker beziehungsweise: Prost.

19:53

Und eine echte Premiere gibt es auch noch, denn die Kombi Reich/Herrmann gab's noch nie an der heiligen Tickertastatur. Zwei absolute Egozentriker, zwei Diven, die an guten Tagen den Ticker alleine entscheiden. Aber kann das gemeinsam klappen? Werden sie sich zerfleischen? Anmaulen und lustlos weitertickern? Oder werden sie sich gemeinsam zu neuen Tickerhöhen aufschwingen? Ein kongeniales Duo gar? Das magische Zweieck des Tickers? Wir werden sehen...

19:58

Bereits sechs Minuten wird über Fußball berichtet - ohne Werbeunterbrechung. Was ist da los im Hause Sport 1? Dafür Dahlmann/Schumacher/Neururer. Bitte den ersten Werbeblock, liebe Kollegen. Mir ist schon ganz schwindelig.

20:00

20:00, Geisterstunde. Zumindest in Köln, glaubt man den fahlen Gesichtern von Neururer und Schumacher.

20:07

Gleich geht's los, Geißbockcatchen, die Spitzenpartie Dahlmann gegen Hennes. Hennes psychologisch klar im Vorteil, Dahlmann wimmert schon. Vorsiiiicht, vorsiiiiiiiicht....

20:08 Uhr

»Wir freuen uns auf ein großartiges Spiel«, flötet Dahlmann. Dieses Meinungvorweggenehme mag ich gar nicht leiden. Erstmal kann es nie gut sein, von Dahlmann kumpelhaft gewirt zu werden, und zweitens ist ja gar nicht gesagt, ob das ein großartiges Spiel wird. Heute sah ich zum Beispiel auch eine Alnatura-Filiale, die im Untertitel schon warb mit: »Der Super Natur Markt«. Drinnen gab es dann Saitan für 7,99, viele verantwortungsvoll lächelnde Gesichter und ein Kritikbrett, an dem ein Kunde tatsächlich reklamierte: »Das Basilikum war heute aber nicht so knackig. Liegt das am Winter? Ansonsten: Keep goin«. Da fühlte ich mich schon hintergegangen. Aber keine Sorge, liebe Fans, ihr habt nichts zu befürchten. Immerhin lest ihr im »11FREUNDE-Liveticker – Dem superlustigen Berichterstatter«. Keep goin!

20:11 Uhr

Der 1. FC Köln kann bis auf fünf Punkte an den Relegationsrang heranrücken, habe ich irgendwo gelesen. Das klingt schön. Schön geschönt. Und nicht so schön klingt: Bei einer Niederlage ist der FC dem Relegationsrang oben nur einen Zähler näher als dem Relegationsrang unten. Euphorie ist eben auch nur eine Frage der Pespektive.

20:14 Uhr

Daunenjacketragend, Qualitätkaffeetrinkend, mit Rafa Nadal pokernd, Königpilsenerentkorkend: So sähe man aus, wenn man den Kaufbefehlen aus dem Sport-1-Werbemashup Folge leisten würden. Der Ticker trägt lieber Morphsuit und Taucherglocke. 

20:15 Uhr

Anpfiff. Mehr aber auch nicht.

1.

Letztes Spiel für die Initiative 12:12. Auch wir wollen uns mit der Kurve solidarisieren. Die ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden schweigt der Ticker. Nächster Eintrag um 20:27:13 Uhr. Wenn irgendwas ist, einfach bei Erika im Eck durchklingeln. Tschüß.

3.

(Stille)

3.

Der »Meisterschaftsfavorit«, so Herrmann, legt gleich los. Damit meint er Braunschweig. Und ich meine Kommentator Herrmann, nicht den Tickerkollegen Herrmann. Oha, das ist jetzt schon verwirrend. Gott sei Dank setzt es die erste gelbe Karte für Dogan. Das erdet, so eine ehrlich gelbe Karte in der dritten Minute.

4.

Okay, wollen wir mal nicht so sein und tickern in das rheinische Schweigen hinein. Köln Aufstellung liest sich für ein Querschnitt durch eine sächsische Kita-Gruppe: Sascha, Kevin, Anthony, Dominic.Wenn Brecko jetzt auch noch Jacqueline hieße, wäre die Truppe fast vollzählig. Brecko heißt aber Miso. Miso? Das weiß ich doch nicht.

6.

Sport1 hat seine eigene Methode, den Stimmungsboykott zu überblenden. Ihr Name: Peter Neururer. 

7.

Kumbela ist frei durch, raketet den Ball aber am Tor vorbei. »Mit mehr Hirn ins lange Eck«, weisheitet Herrmann. Also der Herrmann am Mikrofon, nicht ich. Ein Moritz Herrmann würde niemals von einem Moritz Herrmann in der dritten Person reden. 

10.

Seltsam, diese Stille im Stadion. Höchstens ein Tuscheln. Auch Schiri Felix Brych scheint verunsichert, er gibt nach einem Attentat auf Kumbela mit der offensten Sohle der Welt einen Einwurf.

12:12.

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, YYYYEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH

14.

Endlich wieder Stimmung in der Bude. Derweil sinniert Dahlmann davon »Angriffe zu konstruieren«. So ein Streber. Was kommt als nächstes?  Dreiecke bilden? Gegenpressing? Komm hör doch auf, doh...

17.

Hui, fast der Doppelpass mit der Hacke. Und dann fast der Konter der Braunschweiger. Vorher übrigens eine fast gefährliche Ecke. Eine richtiggehende Fastnacht hier.

20.

Neuruer und Dahlmann reden über Bauchpflatscher und hängende Flügel. So langsam bekomme ich Hunger. Ob noch Bauchpflatscher da sind? Mal nachschauen...

22.

Goooooaaaaaaaall. Domi Kumbela mit einem Fantasietor. Flanke von rechts und Kumbela streichelt den Ball irgendwie volley aus spitzem Winkel ins Netz. Feiert das Tor des Monats mit einem Christiano-Ronaldo-Gedächtnisjubel. Darf man aber auch, wenn man Tore schießt wie CR7.

25.

Bröker fast mit dem Ausgleich, brökert das Ding volle Suppe an den Pfosten. Wer noch volle Suppe gegen den Pfosten brökerte: Braunschweigs keeper Davari. Willkommen im Land des Schmerzes. Bzw. im Rhein-Energie-Stadion.

27.

»Wir sind in Schlagdistanz«, posaunte Holger Stanislawski nach dem 1:0 über Ingolstadt. Der Mann muss einen langen Arm haben.

29.

Oder zu viel Cartoon geschaut.

31.

Hektor galoppiert über den linken Flügel. Will die Braunschweiger Befestigung mit einem Steinwurf zertrümmern. Scheitert an den Myrmidonen. Und an Daniel Davari.

33.

Neururer und Moderatorenherrmann tauschen jetzt Schlafzimmergeheimnisse aus. »Peter, ich sag immer: Drüberlehnen ist besser«, casanovert Herrmann. Mir wird es zu privat.

34.

Ujahrhundertchance! Naja, beinahe. Aber der Mann aus Nigeria schmeichelt die Kugel in Davaris Hände, und Neururer schimpft wie ein Waschweib: »Das ist eine Frage der Konzentration, da muss er querpassen.« Der geneigte Leser weiß: Oder drüberlehnen, Peter.

37.

Übrigens zeigt auch Sat.1 diese Partie live. Nur unter anderem Namen. Mit dem Satz der Wertung gehen wir d'accord (ein Königreich für eine rote Karte), hätten allerdings die Erotik (s. Neuruer/Herrmann) wenigstens mit einem Punkt belohnt. Geschmackssache.

41.

Unbegriff des Tages: Toller Positivlauf. Verwendet von Holger Stanislawski. Eigentlich reserviert für: Dieter Baumann.

41.

»Süße Bilder«, säuselt Dahlmann, als kuschelnde Pärchen auf der Tribüne gezeigt werden. Prompt schwenkt die Kamera auf Holger Stanislawski. Oder eher: Stanisloveski?

46.

uuuuuund: Halbzeit. Jetzt kommt das eigentliche Highlight: Werbungraten. Wer alle folgenden 180 Werbeclips richtig rät, bevor das Logo erscheint, bekommt eine goldene 11FREUNDE-Konsumenten-Ehrenmedaille. Signiert von Donald Trump und Josef Ackermann.

21.08

Jetzt ist schon Halbzeit und der kleine Peter Neururer in meinem Kopf neururert fröhlich weiter. »Da muss er mehr draus machen«, neururert er, und »mehr über die Außen«. Gleich fängt er noch an zu Tanzen. Lass das, Gehirn. Sonst hol ich den Jägermeister und tue dir weh.

21:14

Kann es eigentlich sein, dass Jürgen Klopp versucht, die deutsche Werbelandschaft zu übernehmen? Wenn wir nicht aufpassen, gehören ihm bald Apple und Procter & Gamble und wir merken es nicht einmal. Und dann werden wir versklavt. Das ist doch schon mitten im Gange. Aber gut, das können wir auch nach dem Spiel klären, gleich gehts nämlich weiter. Ich geh noch kurz meinen Therapeuten anrufen, dann kann es von mir aus weiter gehen.

46.

Ooooooooooohhhhh, jungejunge. Christian Clemens mit dem 1:1. Christian wer? Genau, Clemens.  Haut den Ball vom Strafraumeck 40 Meter in die Luft und 20 Meter weit ins Tor. Wer braucht schon Physik.

50.

Mann, was ein Tor. Eine Flugbahn wie ein Zugvogel mit Schlaganfall. Dahlmann ist völlig zu Recht aus dem Häuschen. jetzt versucht Mato Jajalo, den Kunstschuss nachzumachen. Ergbebnis: Najalo.

53.

Kumbela ist in Geberlaune und verteilt Watschn. Geben ist schließlich seliger denn nehmen. Schrir Brych macht mit und verteilt die Gelbe Karte und Peter Neururer verteilt ein paar Floskeln. Bald ist schließlich Weihnachten.

59.

Köln jetzt besser, Ishak mit der Chance zur Führung, vergibt. Ujah mit der Chance zur Führung, vergibt. Dahlmann mit der Chance zum Werbung machen. Versenkt eiskalt.

61.

Die Sport1-Zeitlupenredaktion (20 Experten) hat übrigens ermittelt, dass der Ausgleich von Norman Theuerkauf abgefälscht wurde. Deshalb die unmögliche Flugkurve, deshalb Köln jetzt am Drücker wie ein Quizkandidat, deshalb der Ausraster von Kumbela. Ein theuererkauftes Tor.

63.

Clemens geht im Braunschweiger Strafraum zu Boden. Nahkampfszenen wie im Fightclub. Mehr können wir nicht verraten. Regel Nr. 10: Du sollst nicht über den Fightclub tickern.

64.

Ujah? Uh, nein. Der Angreifer hält den Ball auf links im Spiel, verpasst dann aber eine 4-gegen-2-Situation. Immerhin, Köln drückt wie eine Kolonne an der Haustür. An der Seitenlinie will Stanislawski eine verwundete Robbe einwechseln, gegen Spende. Entscheidet sich plötzlich dagegen und wird Royer bringen.

67.

Der sichere Nichtabstieg (aktuell 41 Punkte) tut seine Wirkung. Braunschweig feiert, ohne zu feiern, innerlich. Äußerlich probieren sich die Gelben in einer neuen Sportart irgendwo zwischen Elefantenpolo und Minigolfpogo. Wer will es dem Team verdenken, wenn die Klassenerhaltsprämie ausgezahlt wurde und die Restsaison nur noch Auslaufen bedeutet? Unsere Empfehlung: Morgen schon den Flieger nach Malle chartern und bis Juni durchfeiern. Sich von der A-Jugend oder den Damen vertreten lassen. Warum? Weil sie es können.

69.

Köln, Köln, Köln! Jajalo jagt den Ball über die Querlatte. Der FC war bei Berlusconi in der Schule, denn von Silvio lernen heißt comebacken lernen. Und Braunschweigs Abwehr hat Probleme. Aktuell sieht die Viererkette um Dogan so aus:

71.

Entlastung für den Tabellenführer. Ken Reichel visiert den Oberrang an - ein Schuss schön wie Barbie. Direkt danach wehrt Dogan den Angriff der Kölner im Alleingang ab, tanzend und wirbelnd und unorthodox. Aber erfolgreich. Quasi im: Dogangnam Style.

76.

Lieberknecht hat seiner Mannschaft das alte Weihnachtsmarktmotto verordnet: Dicht ist Pflicht. Köln taumelt wie nach drei Liter Glühwein. Immer noch 1-1-Promille.

77.

Maroh foult Ademi im Kölner Strafraum, Schiri Brych pfeifft Elfer wegen Marohem Spiel. Braunschweigs Pfitzner gibt sich aber sportsmännisch und passt den Ball locker zurück zum Torwart. So viel Fairplay ist wirtklich toll. Kollege Herrmann hat ein Tränchen im Auge und auch ich bin ganz gerührt.

80.

Dass der Kampf um den Titel nicht immer einfach ist, wissen wir spätestens seit Anette Schavan und Vonundzu Guttenberg. In der Praxis erfahren das gerade auch die Braunschweiger. Will man den Zweitliga-Titel holen, kann man so ein Elfer-Geschenk auch mal machen.

83.

Köln war besser, Braunschweig hat den Elfer nicht gemacht, jetzt wirken beide irgendwie geschockt. Aber Köln muss gewinnen, wenn da nach oben noch was gehen soll. Wann bringt Stanislawski endlich diesen Podolski, von dem alle immer reden...

85.

Neu für Köln im Spiel: Benjamin Kessel. Vielleicht bringt der ja noch mal Druck auf..... ach lassen wir das.

88

Uhjaaaaaaaaa. Der Namen gewordene Beischlaf krönt die Kölner Eckenfestspiele mit dem Führungstreffer, nickt den Ball ins Eck. Karnevalsmusik ertönt, Dahlmann jubiliert, Herrmann und ich starten die ZWei-Mann-Polonaise. Ein unglaublicher Spaß.

91.

Toooooooooooooooooooooor. Oh Junge, meine Nerven. Wieder eine Ecke, diesmal steht Bikakcic richtig und schiebt zum Ausgleich ein. Zack: Weg ist die Karnevalsmusik. Bikakct, werden die Kölner jetzt denken.

22:07

Abpfiff! Eine Partie wie ein pickepackevoll gepackter Sack Geschenke. Thorsten Lieberknecht tobt über das Spielfeld, macht die Säge und freut sich, als habe er gerade Messis Tor-Rekord überboten. Ganz so historisch war es nicht, aber schon unterhaltsam.

22:08 Uhr

Eugen Egner empfahl in der Titanic neulich als gute Handlung für Film, Hörspiel oder Roman: »Jemand kommt irgendwo hin, erlebt dort allerhand Unsinn und reist zuletzt wieder ab. Oder bleibt.« Als Hauptdarsteller in diesem Szenario fungiert dann Holger Stanislawski.

22:12 Uhr

Freunde, war das die stärkste zweite Liga aller Zeiten? Oder doch nur die kitschigste? Köln trägt ein Danke-Poster über den Rasen, Braunschweig feiert, wir starren. Hier war alles drin. Mit einem Kumbela My Lord eröffnete die Eintracht, am Ende hat Bicakcic das letzte Wort. Und wenn sich Holger Stanislawski nach diesem 2:2 noch immer in Schlagdistanz wähnt, dann hat er Neunmeterarme. Wir verabschieden uns, weil plötzlich Thomas Helmer und Thomas Strunz vom Bildschirm grinsen. Was erlauben Sport1? Gute Nacht und bis bald.


Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden