13.10.2012 | Irland-Deutschland im 11FREUNDE-Liveticker
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Deutschland – Hoeneß 6:1

Die deutsche Nationalmannschaft besiegt ihren Dauerrivalen Uli Hoeneß mit 6:1. Gemeinsam mit der irischen Nationalmannschaft verfolgte der 11FREUNDE-Liveticker das Spiel und kam zu dem Urteil: Löw darf bleiben. Vorerst.

Text: Dirk Gieselmann und Fabian Jonas Bild: Imago

Irland:
Westwood - Coleman, O'Shea, O'Dea, S. Ward - Fahey, Andrews, McCarthy - Cox, McGeady - Walters
Trainer: Trapattoni

Deutschland:
Neuer - Boateng, Mertesacker, Badstuber, Schmelzer - Khedira, Schweinsteiger - T. Müller, Özil, Reus - Klose
Trainer: Löw

Irland
1
:
6
Deutschland

13:32 Uhr

Guten Tag. Oder wie die Iren sagen: »Dia duit!« – was die Stimmung zumindest phonetisch besser greift. Und damit herzlich willkommen in der so genannten »Länderspielpause«, die uns – Sprache kann so trügerisch sein – nicht etwa mal ein paar Tage vom ohnehin allgegenwärtigen Thema Nationalmannschaft verschont, vom notorischen durch-die Zähne-Atmen des Bundestrainer, vom selbstgewissen Schülersprecherlächeln eines Oliver Bierhoff und dem immer erschreckend möglichen, aber nie stattfindenden Beischlaf zwischen Kahn und KMH, sondern im Gegenteil die Hodenschlinge noch mal richtig schön eng zieht. Wer also heute morgen mit einem klaustrophobischen Gefühl im Unterleib aufgewacht ist, das über den üblichen Harndrang hinausgeht, der tröste sich wenigstes mit dem Gedanken: Das ist bloß die »Länderspielpause«, der wohl schlimmste Euphemismus seit »Minuswachstum«. Längst auf ein Minimum gewachsen: Euer 11FREUNDE-Liveticker.  

13:50 Uhr

Und wie sind die Iren so drauf? Ganz gut offenbar. 

13:59 Uhr

Und auch hier steigt jetzt plötzlich die Stimmung. Grund: »Schweini hat wieder Eier!« So vermeldet es zumindest »bild.de«, und wir verzichten gern darauf, die Richtigkeit dieser Nachricht zu überprüfen. So was will man ja einfach glauben. Und fragt sich zugleich: Warum verlieren immer nur Männer ihre Geschlechtsorgane und erlangen sie dann auf mysteriöse Weise wieder? Werden wir wirklich nie lesen: »Nadine Angerer hat wieder...«? Wohl kaum. Was wiederum unsere Stimmung hebt.    

14:22 Uhr

Viele Fans, vor allem Frauen, fragen uns immer wieder: Wie bereiten sich diese geilen Jungs vom 11FREUNDE-Liveticker auf ein Spiel vor? Woher nehmen sie die Kraft, diese Entschlossenheit, diesen Zug zum Tor? Aus Freude darüber, dass nun auch Schweini wieder Eier hat, gewähren wir all jenen einen exklusiven Einblick: DAS passiert jetzt gerade, sechs Stunden vor dem Anpfiff, im Vorgarten der Redaktion. Im Anschluss essen wir Fleisch.   

14:35 Uhr

Irre: Hoeneß attackiert Klose, Löw attackiert Hoeneß zurück, attackiert dann aber selbst Schmelzer, Watzke attackiert daraufhin Löw, vermutet aber zugleich, dass dieser nur überreagiert habe, weil er »momentan von vielen Seiten attackiert und angegriffen wird, teilweise auch völlig unqualifiziert.« Ein Teufelskreis offenbar, der sich auch noch so schwindelerregend schnell dreht wie ein »Breakdancer« auf dem Bremer Freimarkt. Wir steigen lieber aus und sagen mit dem irischen Dichter Samuel Beckett: »Was weiß ich schon über den Menschen? Ich könnte Ihnen mehr über Radieschen erzählen!«

14:44 Uhr

So sehr wir uns auch bemühen, wir kriegen die sexuellen Konnotationen einfach nicht aus diesem Nachmittag heraus. Denn jetzt das: »Ribéry trifft auf Kagawa: Der Franzose denkt dabei an Spanien«, vermeldet »Spiegel Online«. Warum auch nicht? Die Gedanken sind frei. So geht es ja vielen Männern: Sie treffen auf ihre Frauen und denken dabei an... (Raum für Notizen). Ob das Spiel zwischen Frankreich und Japan wohl auch im Dunkeln stattfindet?

15:07 Uhr

Ohnehin kann man ja den Eindruck gewinnen, der deutsche Fußball stecke in einer ähnlich tiefen Krise wie die EU. Jetzt will »spox.com« sogar, dass wir »von den Österreichern lernen«. Bevor wir uns aber an die vage Hoffnung klammern, dass Joachim Löw dereinst auch den Friedensnobelpreis gewinnt, stellen wir lieber schnell dieses Motivationsvideo bereit. Es zeigt: In Sachen Zweikampfverhalten können die Österreicher vor allem von uns lernen.   

15:29

Der DFB twittert außer sich: »Und zum Ende noch ein schlechtes Foto von Mesut mit neuer Frisur.« Muss es nicht vielmehr »neues Foto« und »schlechte Frisur« heißen? Aber wen interessiert das schon noch, so kurz vorm »Ende«, das der DFB da verkündet? Dem Ende von was eigentlich? Hallo, DFB? Hallo, Welt? Untergegangen. Was soll's.

16:13 Uhr

Der »kicker« bezeichnet Miroslav Klose konsequent als »Dauerbrenner«. Was die Frage aufwirft: Warum hat die Pyro-Debatte nicht längst auch Klose erfasst? Muss Klose verboten werden? Von 11FREUNDE wachgerüttelt, soll Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schon mal den Schrank mit den elektronischen Fußfesseln aufgeschlossen haben.   

16:19 Uhr

Jetzt bricht alles auseinander: Aus Dublin erreichen uns Nachrichten wie aus einer Welt nach der Apokalypse. »Trap's young guns face German front«, schreibt die »Irish Times«. Und die »Stuttgarter Zeitung« sieht sogar Zombies durch die Straßen wanken: »Genervter Löw sucht Lahm-Klon.« Wenn Löw in irgendeinem verlassenen Hinterhof tatsächlich fündig wird, stehen sich heute Abend also elf Playmobil-Männchen, die aufs Verlesen von Fairness-Kodizes programmiert sind, und elf irische Tankstellenräuber, die nichts mehr außer dieses Spiel zu verlieren haben, gegenüber. Kann man, wenn einem das Blut in den Adern gefriert, eigentlich noch »Schland« brüllen?    

16:39 Uhr

Assholes, wankers, fuck off: Hier ein Vorgeschmack auf die verbalen Fouls, die sich die Deutschen heute Abend im Strafraumgedränge zumuten lassen müssen. Das Erstaunliche: Iren können fluchen bis an den Rand der Legalität und dabei immer noch so sympathisch rüberkommen wie der Weihnachtsmann persönlich. 

16:45 Uhr

»Nach Hoeneß-Kritik unter Druck: Kloses schwerstes Spiel«, dröhnt »bild.de«. Irgendwas sagen, und schon steht irgendwer »unter Druck«. Mein Gott, so mächtig wäre ich auch gern mal. »Nach Gieselmann-Kritik unter Druck: Kloses schwerstes Spiel« – ja, das wär' was! Dazu müsste ich den Klose aber erst mal kritisieren. Vielleicht dafür, dass es zwischen Irland und Deutschland noch immer 0:0 steht? Genial! Also: Es kann nicht sein, dass Miro... Ich erwarte von Miro, dass er... Ein so erfahrener Mann wie Miro muss... Schreib das, »bild.de«!

16:52 Uhr

Zur Not nehme ich aber auch: »Nach Hoeneß-Kritik unter Druck: Gieselmanns schwerstes Spiel« Und die Fans dann so: »Armer Giesi, so unter Druck! Hoffentlich packt er das, wir drücken ihm jedenfalls total doll die Daumen!« Und dann treffe ich zum Sieg und renne direkt auf die Ehrentribüne zu: Bämm! In your face, Hoeneß! Vielleicht mache ich aber auch nur einen Salto und gucke ganz drollig aus meinem Trikot.  

16:55 Uhr

Meine Fresse: Heute Abend spielt ja auch Luxemburg gegen Israel! Auf nach Düdelingen also! Wenigstens das Warmmachen will ich noch miterleben. Ich melde mich gegen halb acht wieder, liebe Fans. Bis dahin sollten wir doch alle unsere Eire gefunden haben, und »es« kann losgehen.   

19:53 Uhr

Ja, gut. Ich sag mal: Da bin ich wieder. Halbwegs. Hab mich noch eine Weile bei »bild.de« festgelesen, im »großen Vergleich der Startrainer« Löw und Trapattoni, und bin dabei ganz trübselig geworden. Dort heißt es nämlich: »Ihre Spielphilosophie könnte unterschiedlicher kaum sein.« Bislang dachte ich, etwas ist entweder unterschiedlich oder eben nicht. Wie aber kann etwas unterschiedlicher sein als etwas anderes? Das würde ja auch bedeuten, das etwas am aller unterschiedlichsten ist, also keine Gemeinsamkeiten mit etwas anderem hat, nicht mal mit sich selbst. Mein Gott, dachte ich, muss das einsam sein. Keiner da, der einen versteht. Nicht mal Selbstgespräche sind möglich. Man hätte sich nichts zu sagen. Und schließlich dachte ich: Heißt nicht Philipp Lahms Biografie »Der feine Unterschied«? Wie unterschiedlich ist dieser »Unterschied«? Unterschiedlicher als alle anderen? Am unterschiedlichsten gar? Nachdenkliches, allzu Nachdenkliches um kurz vor acht. Hoffentlich beginnt bald ein neuer Tag, der unterschiedlicher ist als dieser.  

20:10 Uhr

ZDF eingeschaltet. Dann der Schock: Oliver Bierhoff spielt den »Landarzt«! Stärkste Sprechszene: »Anja! Gertrud hat den ganzen Vormittag versucht, dich zu erreichen! Wir haben uns Sorgen gemacht!« Ist also Wayne Carpendale Manager der Nationalmannschaft? Stärkste Sprechszene: »Hansi! Jogi hat den ganzen Vormittag versucht, dich zu erreichen! Wir haben uns Sorgen gemacht!«

20:15 Uhr

Ich hätte drauf wetten können: Die Sendung beginnt mit Bildern aus einem irischen Pub. Diese archaischen Riten, dieses Liedgut. Einfach exotisch, diese Iren! In den Augen des ZDF so exotisch wie alle, die nicht aus Mainz kommen. Mecklenburger, Afrikaner, Eskimos, Indianer. Und damit zurück nach Mainz. 

20:20 Uhr

In unseren Augen mindestens so exotisch wie die Mainzelmännchen: KMH und Kahn. Zwei Greise, die im irischen Regen stehen, kichern, gackern, und es einfach nicht schaffen, endlich zu sagen: »Ich liebe dich!« Dazu melancholische Klarinettenmusik. Sind wir bei »Jakob und Adele«? Egal, es rührt mich zutiefst. Dafür finanziere ich den beiden Gerontos gern die Rente.

20:23 Uhr

Löw versus Hoeneß. Es wird heiß. Zu heiß für das ZDF. Einen Bericht über den Glaubenskrieg im deutschen Fußball untermalt es mit gälischer Dudelsackmusik. Und damit zurück nach Mainz.

20:25 Uhr

Jetzt Wayne Carpendale im Interview. Wird von Boris Büchler gegrillt für etwas, was er selbst gar nicht gesagt hat, sondern Löw, nämlich etwas ziemlich Gemeines über den Abwehrpimpf Marcel Schmelzer. Dann die sensationelle Volte des Managers: »Joachim Löw war selbst total überrascht!« Hört, hört! Der Bundestrainer ist überrascht von etwas, das er selbst gesagt hat? Dann sagen wir jetzt einfach mal: Er ist senil! Und sind selbst total überrascht, was wir da gerade gesagt haben.

20:31 Uhr

Mal was Uninteressantes: Täusche ich mich, oder würde Kahn ohne Haare aussehen wie Nikita Chruschtschow?

20:37 Uhr

Bela Rethy kommentiert, dazu läuft im Hintergrund »I just can't get enough« von Depeche Mode. Eine bittere Koinzidenz. Ohne Rethy und mit »Enjoy the Silence« wäre es uns wesentlich lieber.

20:40 Uhr

Es könnte sein, dass ich mich bald bei Oliver Kahn entschuldigen muss. Mich beschleicht nämlich der Verdacht, dass der mit seinem ganzen Standardrepertoire, das er immer, bei jedem verdammten Spiel im ZDF, ohne die kleinste Variation wiederkäut, gar nicht tatsächlich glaubt, einen erhellenden Expertenjob zu versehen, sondern den ganzen Betrieb insofern bloßstellen möchte, als er die Zuschauer wie kleine Äffchen so konditioniert, dass er gar nicht mehr als pure Schlagworte sagen muss: »Druuuck« natürlich, oder auch nur noch »Dinge«. Und ohne dass er das noch näher erläutern müsste, läuft im Gehirn des Zuschauers dann ein Film ab. Faszinierend. Wenn wir das auch schaffen, bräuchten wir nur noch 90 Worte pro Ticker. 1. Rethy.

20:41 Uhr

2. Funktionäre

20:42 Uhr

Warum wissen wir plötzlich, dass Dublin 500.000 Einwohner hat und der Schiri ein Architekt aus Bologna ist? Weil: Rethy.    

20:44 Uhr

Der Stadionsprecher heult fast vor Rührung bei der Ankündigung, dass heute »Internationaler Fair Play«-Tag der FIFA sei. Mir hingegen stellen sich drei Fragen: 1. Wann gab es das letzte Mal keine gutgemeinten, aber letztlich nichtssagenden Kapitänsansprachen vor Länderspielen? 2. Können wir jetzt, wo wir den Friedensnobelpreis in der Tasche haben, nicht wieder aufhören damit? 3. Wie verträgt sich der Umstand, dass die deutsche Nationalhymne auf Dudelsäcken gespielt wird, mit diesem Fairplay-Gedanken?

20:45 Uhr

Verblüffend: John O'Shea spricht so schlecht Englisch wie Bastian Schweinsteiger, der wiederum so schlecht Deutsch spricht wie John O'Shea. Noch verblüffender: die deutsche Nationalhymne in einer Dudelsack-Interpretation. Am verblüffendsten: »So habe ich das noch nie gehört«, so Rethy. Dabei hatten wir angenommen, dass der Dudelsack sogar nach ihm benannt ist.

20:46 Uhr

Was, wenn der Schiedsrichter jetzt auch noch mit einem Dudelsack anpfeift? 

20:48 Uhr

Ein Schweigetick für Helmut Haller.

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1.

Anstoß, den der vollkommen entnervte Schmelzer, wenn ich das richtig gesehen habe, sofort zur Ecke klärt. Und in Dortmund drückt Jürgen Klopp vor Zorn die achte Nivea-Tube ins Klo. 

1.

Der erste Ball der Iren ist gleich ein sehr langer. »Die Gastgeber erkennen Sie an den langen Bällen«, so Rethy, der aber nicht preisgibt, woher er diese Information hat, die mich an eine schöne anatomische Beschreibung männlicher Senioren erinnert: Im Alter werden die Glocken länger als das Seil. Marcel Schmelzer erkennen Sie übrigens am ersten Foul bei der ersten Aktion.

3.

Hängt da oben wirklich ein Transparent mit der Aufschrift »Pelzsau«? Dabei ist Margit Mayer-Vorfelder doch gar nicht mehr die First Lady des deutschen Fußballs!

6.

Auf unsrer Wiese gehet was, watet durch die Sümpfe.
Es hat ein schwarzweiß Röcklein an und trägt weiße Strümpfe.
Fängt die Bälle, schnapp, schnapp, schnapp.
Klappert lustig, klapperdiklapp. Wer kann das erraten?

7.

Ihr denkt: das ist der Klapperstorch, watet durch die Sümpfe...

Nein, es war Per Mertesacker bei seiner ersten Aktion.

8.

Der Algorithmus, nach dem Rethy die Attribute »kopfballschwach« und »kopfballstark« vergibt, müsste mal erforscht werden. Hier und heute bedenkt er die Iren mit ersterem, ich bin mir jedoch sehr sicher, dass er sie bei der EM noch »kopfballstark« nannte. Wie auch immer. In einem Willkürstaat wäre er auf jeden Fall eine ganz große Nummer.   

9.

In Dublin auf der Tribüne: Thomas Hitzlsperger. In der 11FREUNDE-Redaktion im Mülleimer: eine sehr alte Banane. Wenn wir beim ZDF arbeiten würden, könnten wir jetzt rufen: »Duplizität der Ereignisse!« 

13.

Was auch mal erforscht werden müsste: Warum wirbt die Firma Hörmann während eines Fußballländerspiels zur besten Zeit am Freitagabend für Garagentore? Das muss doch sauteuer sein, und mal ehrlich, wie viele Menschen in Deutschland sitzen gerade vor dem Fernseher und schauen Fußball, als ihnen siedend heiß einfällt: Scheiße, schon wieder das Garagentor vergessen, was mach ich denn jetzt? Oder ist das etwa für die Spieler, die permanent neue Luxuschlitten kaufen und unterstellen müssen? Das wäre ja, als würde man hier in der Redaktion für Leergutsysteme werben: Genial!

15.

Auf dem Feld passiert übrigens: nichts. 10 junge Männer mit weißen Leibchen joggen ein bisschen rum, die anderen in Grün können wir wegen dieser grünen Trikots auf dem grünen Rasen auf der grünen Insel nicht erkennen.

17.

Chance für die Iren, Boateng muss klären. Der Grund für den Schreckmoment: »Mannomann, wieder Kombinationsschwierigkeiten in der deutschen Viererkette«, knattert Rethy. So messerscharf analysiert wie Udo Lattek, wenn er Schlaf spricht. Über seine Kuckucksuhr-Sammlung. 

20.

Boah, erst die 20. Minute! Wie sagte Samuel Beckett? »Unsere Zeit ist so aufregend, dass man die Menschen eigentlich nur noch mit Langeweile schockieren kann.« In diesem Sinne.  

21.

Wir hatten einen Ticker ohne Euphemismen versprochen und sehen uns deswegen genötigt richtigzustellen, dass es sich beim langen Ball der Iren, den Manuel Neuer schließlich lange vor dem Gegenspieler weggeköpft hat, anders als von Rethy behauptet, keineswegs um einen »Konter« der Iren gehandelt hat.

23.

Bei dem, was Sami Khedira im Gegenzug versuchte, allerdings auch nicht. Trotzdem hebt er natürlich den Daumen, zeigt irgendjemandem an, wie super der Pass war, den er nicht kriegen konnte, von außen gibt es einsamen Beifall von Lukas Podolski.

25.

Schmelzer winkt, will den Ball, sich beweisen, ja, ich kann es, hier bin ich! Hier! Seht Ihr mich denn nicht? Erinnert dabei immer mehr an Gordie Lachance in »Stand By Me«, der von seinen Eltern ignoriert wird. Und fällt in diesem Film nicht auch der Satz: »Warum spielst du nicht so gut Fußball wie dein Bruder?« Jetzt muss ich weinen. 

28.

Langsam dämmert mir auch, warum es anscheinend wirklich unumgänglich war, neben dem an und für sich recht aussagekräftigen Adjektiv »einzig« noch die Steigerung »einzigst« einzuführen. Damit Bela Rethy, nachdem er erklärt hat, dass Irland als einzige Mannschaft bei der EM keinen Punkt eingefahren hat, noch hinzufügen kann: neben Holland. Ach Bela, du bist mein einzigster Freund.

29.

Reus fällt! Der Schiedsrichter pfeift! Zeigt Reus Gelb! Das ist mal unorthodox. Denn nicht erst die Zeitlupe zeigt den Catchergriff von John O'Shea. Und jetzt wird Reus auch noch ausgepfiffen. »Es gibt Menschen, die motiviert so was«, glaubt Rethy. Es steht zu befürchten, dass er nicht zuletzt sich selbst meint. 

31.

Jetzt fällt nicht Reus, sondern ein Tor. 1:0 für Deutschland. Hurra. Doch sofort Sekunden des Bangens: Sieht Reus Gelb-Rot, wenn er beim Jubeln stürzt? 

34.

Reus: Selten war ein Specht so effizient. Den Kippspecht, der die exorbitanten Klickzahlen für 11freunde.de generiert, mal außen vorgelassen.

37.

Deutschland hat den Ball und versucht nun offenbar, Spielzüge der Spanier in der eigener Hälfte nachzustellen. In diesem Sinne: Olé!

38.

Sag ich doch: Reus. Schon wieder. Und so kam es: Ein kaum je erwartbarer Weltpass von Boateng, flach in den Lauf von Reus, der einfach drauf zieht und das Glück hat, dass der irische Torwart gerade an der Eckfahne weilt. Aber ein Tor ist ein Tor ist ein Tor bzw. schon zwei. 2:0. Oder wie Uli Hoeneß sagen würde: Nur 2:0.

42.

Bitterer Beigeschmack: Statt des ergreifenden irischen Gesangs »Fields of Athenry« hören wir derzeit nur ein sehr deutsches »Olé, Olé!« in Dauerschleife. Auch das ergreift uns zwar, aber nicht da, wo wir es so gern haben.

46.

So. 2:0. Das Ding ist durch, und weil die Iren wahrscheinlich nicht mal versuchen werden, daran was zu ändern, weil ihnen noch nie jemand gesagt hat, dass sie es könnten, können wir ja eigentlich auch nach Hause gehen, oder? Erstaunlich: Reus und der Rest tun in diesem Moment genau das, sie gehen. Und draußen, im Berliner Regen, schreit ein Besoffener seine Vaterlandsliebe ins tote Ende von Friedrichshain.

21:38 Uhr

Im »heute-journal« erwartungsgemäß ein riesiges, buntes, lautes und letztendlich dämliches (»Mehr Frieden ist auf jeden Fall gut«, Waltraud B., Hausfrau) Potpourri zur Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU bzw. »uns alle«, wie mir erst jetzt mitgeteilt wird. Und ich bin hier ohne Frack erschienen!

21:38 Uhr

Der Begriff »Brüsseler Monsterbürokratie« wird durch eine Karikatur von Reiner Calmund illustriert. Das ist es also, dieses »Europa«. 

21:40 Uhr

Der frischgebackene Friedensnobelpreisträger Heinz Wolf ist sich nicht zu schade, die Nachricht »Die gesetzliche Krankenkassen haben derzeit Rücklagen in Milliardenhöhe« vorzulesen. 

21:44 Uhr

Ist Günter Grass jetzt eigentlich Doppel-Nobelpreisträger? Es könnte der Tag kommen, an dem das wichtig wird. Bei »Wer wird Millionär?«, zum Beispiel. Oder bei der Lektüre des Gedichts »Was unbedingt noch mal gesagt werden muss«.

21:46 Uhr

Das Wetter wurde Ihnen präsentiert von Ergo-Direkt. Ein Wetter übrigens zum in-den-Puff-Gehen. Bezeichnend.

21:47 Uhr

Kahn versucht offenbar, das Libretto des Tenors im Hintergrund zu imitieren, knödelnd, zirpend, tirilierend rezitiert er seinen Halbzeitsermon. Erinnert mich an einen Besuch in der Staatsoper Unter den Linden. In der Pause versuchte eine kulturbeflissene Pensionärin, eine irgendwie in diese Aufführung geratene Berufsschulklasse zu bekehren: »Hört mal schön zu!«, sprach sie. »Der Sänger wird bald ein Star sein!« Darauf einer der Schüler: »Da muss er sich aber beeilen. Wir sind nur noch diese Woche in Berlin.« 

46. Minute

Was mich für einen kurzen Moment aufheitert, ist die Vorstellung, dass Bela Rethy wirklich »mein Reporter« wäre, wie ja immer behauptet wird, wenn es heißt: »Weiter geht es mit Ihrem Reporter...« Was ich dann alles machen würde. Bzw. was zuerst? Dann ist der Moment vorbei. Anstoß zweite Halbzeit. Viel Spaß mit Euren Reportern Dirk Gieselmann und Fabian Jonas.

48.

Jetzt mal 'ne Chance für die Iren. Schuss aus spitzestem Winkel, Neuer klärt wie einst Andreas Thiel, der Hexer, in Handballmanier. Wechselt Trapattoni jetzt Jochen Fraatz ein?

50.

Trap bringt Long. Damit stehen also jetzt Long und Cox auf dem Feld. Long Cox. Eine Frage der Zeit, bis die Iren einen reinmachen.

51.

Holger Badstuber hat ja in letzter Zeit immer extrem miese Laune. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, hab ich schließlich auch, interessiert sich auch keiner für, erstaunlich ist allerdings, dass für Badstubers Aggressionen jetzt doch tatsächlich die Iren verantwortlich sind.

53.

Friedensnobelpreisträger Miroslav Klose fällt im Strafraum, und das kann, wie schon in der Begründung des Stockholmer Komitees steht, nur Elfmeter geben. Özil läuft und täuscht an, das Ding ist drin. 3:0. Oder wie Rethy sagt: »The cat is in the sack.« Er muss es wissen, denn dort ist er ja schließlich selbst. Und damit zurück nach Mainz.

55.

Und jetzt das 3:0 für Fortgeschrittene: 4:0! Klose! Ist so weit außen, dass man fast schon behaupten könnte, er habe eine Ecke direkt verwandelt. Tolles Tor! Oder wie Uli Hoeneß sagen würde: Zählt nicht, war ja nur gegen Irland. 

60.

Trapattoni schaut drein, als hätte er gerade die Rententabelle von Ursula von der Leyen gesehen. 4:0? Davon kann man bestimmt keine Gehhilfe finanzieren. 

61.

Bela Rethy hofft nun, dass die deutsche Elf sich mit einem Kantersieg vom »Trauma der EM« befreien kann. Wie sich die Bayernspieler ja schon bei der EM vom »Trauma des verlorenen Champions-League-Finales« befreien sollten. Und da vom verlorenen Pokalfinale, natürlich auch dieses: ein Trauma. Was die Frage aufwirft, wer nun ganz schön auf den Hund gekommen ist: Das Trauma, das inzwischen für jede stinknormale Enttäuschung beschworen wird, oder die Beschwörer, denen inzwischen, wahrscheinlich infolge von Traumatisierung, sämtliche Maßstäbe abhanden gekommen bzw. verrutscht sind?

62.

Kroos schreibt seinen Namen in den Dubliner Nachthimmel: KROOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOS. Genauso sieht sein Fernschuss aus, der in diesem Moment ins Netz einschlägt. Ein Kunstwerk. Da kann man doppelt froh sein, dass nicht Michael Rzehaczek (VfL Bochum) geschossen hat. Wie das ausgesehen hätte! Aber so: Mmmmmmh, KROOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOS.

67.

Was macht Uli Hoeneß wohl jetzt gerade? Steht er, der Welt abhanden kommend, am Grill und schubst Würstchen in die Glut, nachdem er jedes einzelne auf den Namen »Joachim« getauft hat? Was meint Ihr, liebe Fans? Schreibt uns an online@11freunde.de! Zu gewinnen gibt es ein angebranntes Würstchen namens »Joachim«.

70.

Löw bringt nun Schürrle, nach Einschätzung von Rethy »ein Topjoker«. Das wird auch höchste Zeit! Kann er das Spiel wirklich noch mal umbiegen? Man soll ja vorsichtig sein mit diesem Wort, aber das wäre ein Wunder.

72.

Das stimmt nachdenklich: Lahm macht auf der Tribüne Masturbationsgesten in Richtung Hitzlsperger. Wir melden uns, wenn wir zu Ende nachgedacht haben. 

74.

Nur noch zwanzig Minuten, bis dieses Spiel uns verbrannte Würstchen in einen längst angebrochenen, verregneten Freitagabend entlässt. Und dann? Nach Hause, Schlummi machen? Noch mal mit Gieselmann die Nationalhymne singen, wie es die Deutschen gerade in Dublin tun, was mich an vieles denken lässt, nicht aber an den Friedensnobelpreis? Oder doch Luxemburg-Israel gucken? Die Welt von heute, sie ist so schwierig zu leben geworden.

75.

Leser Hansjörg Falz reicht uns den Satz von Rethy nach, der uns selbst offenbar so traumatisiert hat, dass wir ihn gleich wieder vergessen haben: »Die Iren haben eine keltische Harfe im Wappen, das haben nicht viele Länder.« Danke, lieber Hansjörg. Wofür noch mal? Vergessen.

80.

Leser Rouven weiß, was Uli Hoeneß macht: Er spielt »Stern des Südens« auf einer keltischen Harfe! Das finden wir so schön, dass wir sofort anfangen, Masturbationsgesten zu machen (siehe 72. Minute).

82.

Deutschland nun mit dem Versuch, spanische Ballstaffetten in der gegenerischen Spielhälfte nachzustellen. Und tatsächlich: tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik, und als man gerade eingepennt ist, steht es 0:6. Aber nicht, weil Iniesta den Ball ins Tor getragen hat, sondern weil KROOOOOOOOOOOOOOOOOOS offensichtlich glaubt, an der Konsole zu sitzen und sich alles, von wo auch immer, erlauben zu können. Was allerdings auch stimmt. Also: tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik tik BUMM.

87.

Irland jetzt mit der besten Chance des Spiels, einem Freistoß aus 45 Metern, der aber nach 9,15 Metern abgeblockt wird. Und dafür gibt’s dann den Friedensnobelpreis.

83.

Was auffällt: Bei allen sechs Toren hat jemand in die Stille hinein, noch vor allen anderen »Woooooaaaaah!« geschrien. Wer war das bloß? Köpke? Wayne Carpendale? Einer von der Ergo-Versicherung?   

85.

Der von der Ergo-Versicherung würde dann doch »Einer geht noch rein« singen. Muss also Köpke sein. Oder halt Wayne Carpendale. So wichtig ist es aber auch nicht. Egal.

90.

Jerome Boateng ist seine wunderbare Vorarbeit zum Tor von Reus (11FREUNDE berichtete) offenbar zu Kopf gestiegen, weswegen er sich nun für den Weltfußballer des Jahres hält, Hackentricks am gegnerischen Strafraum versucht. Immerhin bleibt er unverletzt.

91.

Neuer ist noch mal gefragt. Muss so einen nervigen Wir-geben-niemals-auf-Schuss eines wackeren Iren halten. Und auch das noch: Die nachfolgende Ecke brachte was ein. Kopfball, 1:6. Jetzt wird es noch mal so eng. Wie viele »Topjoker« kann Rethy noch bringen? 

22:40 Uhr

»Warum war das bisher das beste Qualifikationsspiel, Miroslav Klose?« – »Ja, ich stinke.« Warum so selbstkritisch nach diesem tollen Spiel?

22:43 Uhr

Erstaunlich. Mario Götze macht offenbar gerade ein Praktikum beim ZDF, interviewt seinen Vereinskollegen Marco Reus, siezt ihn aber sicherheitshalber. Reus wiederum verblüfft mit der Überzeugung, bei »meinem Elfmeter kann es keine zwei Meinungen geben«. Fakt ist, dass das durch den ausgebliebenen Pfiff höchstens die halbe Wahrheit ist.

22:45 Uhr

Jetzt Schmelzer, zerzaust wie ein junges Küken, das die Glucke Löw persönlich aus dem Nest geworfen hat. »Ich möchte dazu eigentlich nicht so viel sagen«, sagt er. Praktisch: Wir möchten dazu eigentlich auch nicht so viel wissen. 

22:45 Uhr

Schweinsteiger! Wie geil der aussieht. Wie eine Statue seiner selbst. Und auch die Sätze, die er sagt, sind Statuen ihrer selbst: »Wir müssen den einen Schritt mehr gehen.« Der Haken: Statuen können nicht gehen. Was nun?

22:47 Uhr

6:1 – und das am Tag, an dem wir den Friedennobelpreis bekamen! Und jetzt? »Wohin mit dem Hass?« (Jochen Distelmeyer) Dahin: »Ich hatte einen prima Fußballabend. Du auch, Olli?«, zwitschert die Herrentorte vom ZDF. Hass! Hass! Hass! Geht doch. 

22:50 Uhr

Immerhin: Eine Boa constrictor versucht, die KMH zu erdrosseln. Oder ist das Mode? Kahn dazu: »Egal.« Aber so was von. 

22:51 Uhr

Unser Leser Burkhard Passe verschafft uns einen interessanten Einblick, was jenseits der schnöden Statistik von so einem Spiel hängen bleibt: »Nachdem ich grade gesehen habe, was Kroos alles ins Trikot schmiert, kaufe ich nie wieder ein Matchworn-Trikot.«

22:53 Uhr

Nun angeblich die Partie Kasachstan – Österreich in der Zusammenfassung. Stattdessen zeigt das ZDF aber die Aufzeichnung eines Kicks aus dem Jahr 1982, legt lediglich die Tonspur einer willkürlich ausgesuchten aktuellen Bundesligakonferenz darüber. Dem Spiel ist es wurscht, es endet 0:0. I wer’ narrisch.

22:55 Uhr

Der Bundestrainer ist da! Hat eine Fleischwurst ums Mikro gewickelt, oder ist das seine Hand? Sieht jedenfalls ungesund aus, so wie der ganze Mann. Vergiftet von den eigenen Worten. Und dann reibt ihm das ZDF auch noch die stärksten Szenen von Schmelzer unter die erkältete Nase. Darauf Löw: »Schnief! Ich habe gesagt, schnief! Dass ich mir keinen schnitzen kann. Schnief!« Ist das hier etwa Werbung für Grippemittel? Kippt der Bundestrainer sich gleich eine Pulle grüne Flüssigkeit rein und schläft sich gesund? Und wenn ja, schalten wir dann endlich mal um? Wie wir uns kennen, wahrscheinlich nicht. Schnief!

23:00 Uhr

Warum zur Hölle reicht Kahn dem Bundestrainer denn kein Taschentuch? Gnadenlos wird der arme Mann weiter ins Fieber getrieben: »Haben wir zu viele Nebenschauplätze?«, fragt KMH im Stile einer sadistischen Nachtschwester. »Sie vielleicht«, schlägt der schon totgeglaubte Löw mit letzter Kraft zurück. Rambo Löw! Ein letztes »Schnief!«, dann näht er sich selbst die Nase zu. Wir nähen uns jetzt die Augen zu, um nach diesem aufwühlenden Tag (Friedensnobelpreis, Nationalhymne mit Dudelsäcken, 6:1 – und jetzt auch noch die Stimme von Claudia Neumann) irgendwie einschlafen zu können. Gute Nacht, liebe EU! Und immer schön friedlich bleiben!


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