18.05.2014 | Fürth-HSV: Die Relegation im Liveticker
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Dino(t) gegen Elend

Der Arzt ist ohnmächtig, doch der Patient lebt: In einem phasenweise einschläfernden Relegationsrückspiel springt der HSV gerade nochmal dem Dinosterben von der Schippe. Wartet gespannt auf die nächste Chaos-Saison: der Liveticker.

Text: Benjamin Kuhlhoff und Alex Raack Bild: Imago
Fürth
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HSV

16:25 Uhr

Live von der Kreide-Tertiär-Grenze: Alex »Tyrannosaurus« Raack und Benjamin »Protoceratops« Kuhlhoff

16:41 Uhr

Hummelhummel, liebe Leser. Wir melden uns vom Dinosterben aka der Relegation aus Fürth. Und wäre es nicht ein Treppenwitz der Geschichte, wenn der Bundesliga-Dino ausgerechnet in einem Stadion absteigen würde, dass Trolli-Arena heißt. Und mal Playmobil-Stadion hieß. Und damit die Ausgeburt des Kommerzes ist. Wir freuen uns schon auf das Pokalfinale 2017: »Autohaus Huber und Söhne Köln« gegen »Arslans Dönerpoint Potsdam«. Wird geil. Für wen auch immer.

16:43 Uhr

Um mal etwas Positives zu berichten: Auswärts hat der HSV das letzte Mal vor sieben Monaten gewonnen. Und das ist noch die beste Nachricht.

16:45 Uhr

Matthias »Opdi« Opdenhövel nimmt Mirko Slomka in die Verbalmangel. Sein bester Auftritt seit: (Link)

16:49 Uhr

Kurz vor dem Anpfiff fragen wir den Fußballgott. Was wird aus dem HSV? Leider war Mel Gibson schneller. Sehen sie also bald in den Kinos »HSV – Sterben auf Raten« mit Bernd Stelter als Olive Kreuzers Dialekt.

16:50 Uhr

Breaking News: Raack spendiert Capri Sonne für lau. Früher war auch mehr Party.

16:51 Uhr

Gute Nachrichten für Greuther Fürth: Der Stadionsprecher hat sich heute beim Autoscooter frei genommen und brüllt den Verein schon vor dem Anpfiff in die Erste Liga. Und: Heiko Westermann spielt!

16:53 Uhr

Jetzt Frank Kramer im Interview. Wirkt immer ein bisschen sonderschullehrerhaft übermotiviert. Steht wissbegierig am Tageslichtprojektor: der Liveticker. 

16:58 Uhr

Kurz vor dem Anpfiff stehen die Kapitäne zum Shakehand bereit. Der Schiri richtet mahnende Worte an beide Spielführer. Wir schalten mal rein. (live)

1.

Schiri Knut Kircher sorgt für das erste Highlight der Partie: Lässt die Münze bei der Platzwahl fallen. Erleben wir heute die Rückkehr der »Wir sind Männer und trinken keine Fanta«-Unparteiischen? Andere Frage: Warum hat Pepsi diesen Satz noch nie als Werbeslogan eingesetzt?

2.

Gerd Gottlob, einer dieser sogenannten Kommentatoren, beschwert sich über die kleine Pyroshow aus dem Hamburger Block, denn, na klar, »das braucht keiner«. Irgendwo in Hamburg fackelt gerade Johannes B. Kerner die Lieblingspuppe seiner Tochter ab. Der Taliban unter den Familienvätern.

4.

Kuhlhoff ätzt: »Wenn das hier ein Flutlichtspiel wäre, hach, das wäre was! So: Sonntag, 17 Uhr, kein Flutlicht, pah.« Dann schließt er sich auf dem Klo ein, lässt das Licht aus und leuchtet sich den Tag mit einer Taschenlampe munter. Hoffnungsloser Nostalgiker, denke ich, und gehe Lachshäppchen essen mit dem modernen Fußball.

8.

Rafael van der Vaart beim Freistoß. Der verdient sich eigentlich auch deshalb so dumm und dusselig in Hamburg, damit er in solchen Spielen die dicksten Eier zeigt und mit seinem Talent, das in der Tat an guten Tagen so groß ist, wie der Fürther Kader zusammen, den HSV in der Ersten Liga hält. Doch wie schon im Hinspiel schleicht der Holländer über den Rasen, als wäre er gestern kastriert worden. Was ist eigentlich das Gegenteil von »Leitwolf«? »Haltefuchs«?

12.

Bereits seit zehn Minuten singen die HSV-Fans zwanghaft von der Ersten Liga und ihrem HSV. Das hat etwas Rainmanhaftes. Wenn dem Capo gleich beim Anzünden des nächsten Seenotfeuers die Schachtel mit den Streichhölzern zu Boden fällt, wollen wir Ergebnisse sehen!

13.

BREAKING NEWS ++++ BREAKING NEWS ++++
Tier im Wohnzimmer von Alex Raack entdeckt, dass genauso schön ist wie die Saison des Hamburger SV!

14.

Tooooooooor. Kein Witz. Tooooor. Für den HSV. Nachdem die halbe Mannschaft zuvor mal aufs Tor bolzen durfte, schnibbelt Van der Vaart eine Ecke rein, dann steigt Lasogga hoch und nutzt das, was er am wenigsten hat: Köpchen. 1:0. HSV. Das wir das noch erleben dürfen.

19.

So, vollkommen neues Spiel also. Gottlob packt bereits die Karteikärtchen mit den Verlängerungsphrasen weg. Mach es gut, »Nervenschlacht«. Adios, »Von Krämpfen geschüttelt«. Bis zum nächsten Mal, »Der ultimative Showdown«.

21.

Es läuft also für den HSV. Apropos:

23.

Fragen am Vorabend: Hat Mirko Slomkas Stirnschlitz eigentlich einen Vertrag für ein weiteres Jahr Erste Liga?

25.

Freistoß HSV. Hakan Calhanoglu, der Hami Mandirali von der Elbe, steht bereit. Denkt er sei Ronaldo, schießt aber wie ein Pferd auf Morphium. Drüber!

27.

Azemi und Djourou im Luftzweikampf. Sieht in der Zeitlupe aus, als würden zwei Vierzigtonner ungebremst aufeinander zurasen. Djourou bleibt regungslos liegen und muss vom Feld getragen werden. Keine Pointe.

31.

Wieder schlechten Nachrichten: Es manciennt beim HSV.

33.

Was Greuther Fürth jetzt bräuchte, wäre mal etwas Überraschendes. Apropos:

35.

Der HSV überspringt spontan drei Klassen und spielt jetzt wie in der Champions League. Arslan mit Zidane-Trick, Jansen mit Hacken-Assist, Lasogga mit Roberto-Carlos-Gedächtnishuf. Wüssten wir es nicht besser, würde wir sagen Aus der Mannschaft kann noch was werden.

37.

Jaroslav Drobny groß im Bild. Sieht aus wie eine Mischung aus Uni-Bibliothekar, Hausmeister und Bare-Knuckle-Champion. Krude Mischung? Möglich. Aber wir möchten euch eben teilhaben lassen, welche Assoziationen in unseren Hundehirnen (siehe Foto) aufblitzen.

40.

Großchance für Fürth, genauer gesagt: für Azemi. Der ist 3 Meter groß, wiegt eine Tonne und bewegt sich trotzdem mit der Eleganz eines Soul-Musikers durch den Strafraum. Goovt um die Hamburger Gegenspieler, jazzt den Ball Richtung langes Eck – und kriegt dann doch den Blues: vorbei.

43.

Klar, das hier ist Relegation und nicht Pokalfinale, aber der Unterschied in Sachen Geschwindigkeit ist wirklich eklatant. Selbst die Werbebanden in Fürth laufen so langsam von rechts nach links, das jeder übergewichtige Trunkenbild im Rentenalter mit Speck-Lederweste dagegen wie ein 100-Meter-Sprinter wirkt. Herr Ober, noch ein Herrengedeck, bitteschön!

45.

Drei Minuten Nachspielzeit. Kommentator Gerd beschwert sich. Gottlob.

46.

Also entweder hat sich ein dicker Stadionfotograf auf die ARD-Außenmikrofone gesetzt, oder die Stimmung ist wirklich so mau in Fürth. Den lautesten Fangesang der Gastgeber haben wir beim »HSV«-Singsang der Gäste gehört: »Hurensöhne!« Bezeichnend.

Halbzeit

Pause. Tja. Der HSV führt, und das verdient. Aber so wirklich Stimmung will dort in Fürth und bei uns im Wohnzimmer noch nicht so aufkommen. Kuhlhoff hält es nicht mehr aus und zieht sich eine Line weiche Butter. Ich schmiere ihm eine. Lecker.

17:56 Uhr

Halbzeit. Opdenhövel am Labertresen. Wir schalten mal live rein: (Link)

17:58 Uhr

Opdenhövel interviewt die beiden Präsidenten. HSV-Mann Edgar Jarchow und Fürths Helmut Hack. Frage: Was hat Hack eigentlich je für Fürth geleistet?

18 Uhr

Hammerfrage von Opdenhövel: »Herr Hack (hihi), beinahe hätte ihre Mannschaft nach dem Gegentor selbst einen Treffer erzielt. Wie wichtig wäre das gewesen?« Antwort (in einer idealen Welt) von Hack: »Ach, Herr Opdenhövel, eine sehr gute Frage. Selbstverständlich wäre der Zeitpunkt für ein Tor unsererseits extrem schlecht gewesen. Generell ist es ja auch nie wichtig, wenn überhaupt ein Tor fällt. Und, Herr Opdenhövel, was ich auch noch sagen möchte, bevor sie mich das fragen: Meine Gefühlswelt ist momentan eine ganz besondere. Ich lasse sie gerne daran teilhaben. Denn erst neulich starb mein Hamster Rüdiger, zu dem ich eine ganz besondere Beziehung hatte, und...(unverständlich)« Fazit: Ächz.

46.

Geht weiter. Im Stadion immer noch eine Stimmung wie beim Celler Schützenfest. Wenn die letzten Schnapsleichen nach Hause gebracht sind, der Autoscooter abgebaut ist und die Reinungskräfte die Besen eingepackt haben. Liebe Fürther: Ihr wisst schon, was das heute für ein Spiel ist?

49.

Fußballer von Greuther Fürth, die sich aus dem Mund von Gerd Gottlob anhören wie ein ehemaliges Jahrhunderttalent aus Tschechien, das für Dortmund und Arsenal spielte: Prosinski. Immerhin ein wenig Spitzenfußballgeschmäckle.

51.

Liebe Ultras dieser Welt: Sollte ich irgendwann mal für den Geheimdienst arbeiten und von den Chinesen/Russen/Nordkoreanern gefangen genommen werden, diese mich jedoch selbst mit den allerfiesesten Foltermethoden nicht dazu zwingen können, Vaterland und Mutterchen zu verraten, dann spielt den Kollegen doch bitte eine halbstündige Version eurer Dauergesänge ein – ich würde sofort auspacken.

52.

Flanke Calhanoglu, Kopfball Lasogga – gehalten! Wolfgang Hesl mit dem schnellsten Schulterzucken seit dem jungen Muhammad Ali das erste Mal etwas egal war. Immer noch 1:0 für den HSV. Slomkas Taktik jetzt klar: Float like a butterfly, sting like a Beere Michel Lasogga.

56.

Rudelbums an der Außenlinie. Lasoggas Sprungelenk wird von Fürstner auf Belastbarkeit getestet, danach rempelt einfach jeder mal jeden an. Lasogga redet in Lasogga-Sprache auf alles ein, was in Spuckweite ist. Nur Knut Kircher bleibt in seiner ganzen knutkircherhaftigkeit ruhiger als ein Cello ihne Saiten. Klassisch.

58.

ToOoOoOoOoOoOr. Stieber, der Ronaldinho für Halbstarke, steckt den Ball auf Fürstner durch. Der rudivöllert das Ding mit der offenen Sohle ins Tor. 1:1. Dem Dino geht es plötzlich wieder schlecht.

61.

Und was sagen sie zu diesem Gegentor, Oliver Kreuzer?

62.

Fürth jetzt mit mehr Aufwind als weiland Mark Keller in »Sterne des Südens«. Wann kommt, Winfried Glatzeder?

65.

Der HSV wirkt ängstlich, gehemmt, ja, kopflos. Apropos:

:

68.

»Der HSV hat seinen Spielfluss komplett verloren«, sagt Gottlob. Seit 2009, ergänzen wir.

69.

Wunderwelt Fußball. Noch vor ein paar Minute lag Greuther Fürth auf Intensiv und bettelte nach einer Sonderration Morphium. Und jetzt? Der Zweitligist quietschfidel wie nach zehn Litern Lachgas. Findet das gar nicht lustig: Mirko Slomka.

73.

Noch zwanzig Minuten. Zeit, sich in die Gefühlswelt der HSV-Fans zu denken. Was wir da sehen, macht uns Angst.

75.

Gedanken am Vorabend II: Wir besoffen müsste man eigentlich gerade sein, um sich als HSV-Fans auf die nächste Saison zu freuen?

76.

Van der Vaart geht raus. Seine beste Szene bisher.

76.

Die Schweiz hat heute gegen einen Mindestlohn von 18,50 Euro abgestimmt. Achtzehneurofünfzig. Mindestlohn. Bei diesen Zahlen kriegt man als 11FREUNDE-Mitarbeiter Schreikrämpfe. Und dennoch: Wir zahlen jedem Menschen 18,50 Euro, der eine Volksabstimmung auf den Weg bringt, die Spiele wie dieses hier verbietet. Fürth-HSV, dieses sogenannte Spiel macht uns den schönen Fußball kaputt.

77.

Ihre Meinung zum Spiel des HSV, Uwe Seeler?

80.

Ein Gegentor, dann ist der HSV abgestiegen. Frage: Steht eigentlich im Volksparkstadion ein Techniker und drückt im worst case dann exakt zum Abpfiff auf den Stoppknopf der Uhr?

82.

Der HSV wie weiland George Foreman gegen Axel Schulz: Schwankt und wankt und ist schlechter, aber wird vermutlich am Ende als Sieger den Ring verlassen. Und die armen Fürther müssen dann den Rest ihres Lebens mit Fackelmann-Mützen durch die Gegend rennen.

84.

Fürth jetzt wie ein dicker alter Mann mit Verdauungsproblemen: Drückt und drückt und drückt. Was Bauchschmerzen macht: Bislang ohne Ergebnis.

85.

Jetzt kommt´s richtig dicke für alle Hamburger Hausfrauen: Nicht nur, dass der HSV so beschwingt Fußball spielt wie Mutter Beimer, jetzt wird auch noch die »Lindenstraße« auf 19.30 Uhr verschoben. Life´s a bitch bzw. a Hafennutte.

87.

»Die Spannung jetzt zum greifen nahe!«, röchelt Gottlob. Kuhlhoff macht den langen Arm des Gesetzes, greift trotzdem ins Leere. Die Spannung ist einfach an uns vorbei gedüst, ohne uns mit dem Arsch anzugucken. Arrogante Ziege.

88.

Azemi im Strafraum, muss nur ablegen und tritt sich dann gegen den eigenen Fuß. Vielleicht der Fehlpass der Saison. Und plötzlich kehrt die Spannung reumütig zurück.

90.

Boah! Freistoß Fürth, Kopfball - Drobny hält! Und packt anschließend den Dikembe Mutombo-Notinmyhouse-Finger aus. Draußen klatscht Kramer mit sich selbst ab. Shaq? O´Neill!

90.+3.

Letzte Minute. Noch ein Einwwurf, noch ein langes Eisen. Noch eine lange Flanke, noch ein letzter Kopfball, noch eine Parade von Drobny. Aus. Vorbei. Der Hamburger SV ist tatsächlich gerettet. Wie, das fragt übermorgen eh kein Schwein mehr. Und doch wollen wir es einmal laut aussprechen: Diese Relegationsspiele waren genauso peinlich für diesen ehemals großen Klub wie die komplette Saison. Das Unentschieden glücklicher als Foreman gegen Schulz anno 1995. Aber, wie gesagt: Warten wir bis übermorgen. Und fressen unsere Worte.

Abpfiff

Der HSV spielt zweimal Unentschieden und steigt doch nicht ab. Fürth war zweimal besser und steigt doch nicht auf. Und um all die Hässlichkeit dieser HSV-Saison auf drei Sekunden zu verdichten, jubelt Pierre Michel Lasogga doch tatsächlich nach dem Abpfiff provokant vor der Fürther Bank und kriegt dafür vollkommen zurecht beinahe auf die Fresse. Ach, was solls, der Dino ist gerettet. Die Uhr läuft weiter. Auf weitere 50 Jahre. Macht es gut, liebe Leser. Wir trinken jetzt ein paar Holsten, denn das saufen die Vollsten. Auf bald!


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