21.03.2012 | Fürth–Dortmund im 11FREUNDE-Liveticker
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Letztes Tor entscheidet

Es war ein 120-minütiger Witz mit einer bitteren Pointe. Dortmund lacht. Fürth nicht. Denn das Tor in letzter Sekunde erzielte der Rücken des eben erst eingewechselten SpVgg-Keepers. Das glaubt ihr nicht? Der Ticker erst recht nicht.

Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago

19:43 Uhr
Das Hemd heißt Hemd, weil es hemmt. Das Pferd heißt Pferd, weil es fährt. Heißt Fürth Fürth, weil es führt? Noch steht es 0:0. Über die aktuellen Hochrechnungen informieren wir euch. 

19:48 Uhr
Wenn das Spiel in Dortmund stattfände, wäre die Sache klar: Dortmund-Fürth. Fragt sich nur, wie hoch. So aber heißt es: Fürth-Dortmund. Woher soll ich das wissen?

19:58 Uhr
Und was wenn Dortmund führt? Dortmundet Fürth dann? Ich geb's auf. Und zieh' nach Fucking (Bayern).

20:18 Uhr
»Das ist das, was wir DFB-Pokal nennen«, sagt Michael Steinbrecher zur Begrüßung, bleibt aber die Erklärung schuldig, was »das« denn nun ist. Die Vase da? Die eigenen Gesetze? Die mit Ibiza-Fickmucke unterlegten ZDF-Trailer? Ich weiß »das« doch auch nicht. 

20:21 Uhr
In Liga 2 ist ja alles ein bisschen kleiner. Zum Beispiel Mike Büskens. Jürgen Klopp muss sich erst genau umschauen, wer da mit ihm spricht. Ist es diese arg männlich aussehende ZDF-Moderatorin mit dem Leutheusser-Schnarrenberger-Scheitel? Oder der nassforsche Balljunge? Dann aber identifiziert er den Kollegen, erschrickt kurz, findet aber doch noch ins Gespräch. Bezeihungsweise »Gespräch«. Das ist »das«, was wir DFB-Pokal nennen.

20:25 Uhr
Klopp hat offenbar eine Scherzbrille auf, auf die Augen gedruckt sind. Schläft er sich dahinter fit für den Meisterschaftsendspurt? Und wenn ja: Wer spricht da? Norbert Dickel?

20:26 Uhr
Wie kann man ein Pokal-Halbfinale marginalisieren? Man lässt es einfach Wolf-Dieter Poschmann kommentieren. »Dann wollen wir mal alle zusammen genießen, was hier passiert in den nächsten 90 Minuten«, sagt er, als wäre er die stoppelige Nenn-Tante, die einem den verkohlten Topfkuchen in den Mund zwängt. Hoffentlich läuft Usain Bolt gleich irgendwo Weltrekord, dann sind wir den Mann los.

20:30 Uhr
Anstoß vor Jack-Wolfskin-Werbebanden. ZDF-Zuschauer kaufen Regenjacken ja gern im Doppelpack, um damit über Nordseeinseln spazieren zu gehen, er mit dem Fernglas um den Hals, sie auf Antidepressiva. Und Poschmann kommentiert mit sich selbst im Partnerlook. Es gibt kein falsches Wetter, es gibt nur falsche Kommentatoren.

3.
Schon hat Poschmann dreizehn von zweiundzwanzig Karteikarten vorgelesen. Zum Beispiel: »Roman Weidenfeller ist noch nie in einem Finale gewesen.« Ich auch nicht. Also, Herr Poschmann: Wenn Ihnen in Minute 5 die Karteikarten ausgehen, ich hätte da noch was vorbereitet.

5.
Büskens wird eingeblendet, und Poschmann analysiert blitzschnell: »Jürgen Klopp!« Wie sagt schon die Bandenwerbung: »Kurze Bremswege, wenn es drauf ankommt!«

7.
Asamoah in Grün, das ist für mich noch immer, als wäre der Weihnachtsmann blau. Obwohl... damals Onkel Hans-Werner, der roch immer so nach... Ach, das geht ja auch niemanden etwas an. Ich sage es lieber, wie Poschmann es sagen würde: »Tolle Atmosphäre damals bei uns an Heiligabend!«

9.
Und jetzt: Nasenbluten in Fürth. Das klingt wie ein Kapitel aus Christian Krachts »Faserland«. Hat aber ganz andere Gründe.

11.
Dass der 50-jährige Kehl hier immer noch mitspielt, macht auf gespenstische Weise eine Rückkehr Hans-Peter Briegels denkbar. Nur der Vorname zerflimmert den würdevoll matten Glanz des Gestrigen: Sebastian. Affig. Briegel heißt ja auch nicht Chantal.

13.
»Der Ball muss mit vollem Umfang im Aus sein«, weiß Poschmann. Aber was ist mit Kommentatoren, die mit vollem Umfang im Aus sind?

15. 
Die erste Chance des Spiels. Ein Freistoß, ein Kopfball. Dann die zweite. Ein Großkreutz, ein Foulspiel. Niemand pfeift. Niemand applaudiert. Dieses Spiel weiß, wie Haddaway sich auf seiner Comeback-Tour durch Unterfranken gefühlt haben muss.

19.
Wie Poschmann immer wieder »Occean« sagt, »Occean«, »Occean« und noch mal »Occean«, das klingt wie ein spätes Fluxus-Gedicht von Yoko Ono. Wenn er anfängt, nur noch die Rückennummern aufzuzählen, wissen wir, ohne es zu sehen, dass er mit Andrea Kiewel in einem Bett liegt und für den Erhalt des ZDF-Fernsehgartens demonstriert. 

24.
Wieder mal Freistoß, die Standardsituation also, die unserem neuen Bundespräsidenten am meisten am Herzen liegt.

27.
An der Seitenlinie flirtet Kloppo derweil mit Mister Fürth 1992: »Wer führt?« – »Na, ich!« – »So siehst du aus!« – »Das haben sie aber schön gesagt, Herr Pöhler.«

29.
»Sararer«, so Poschmann nun, »oft ein bisschen mit dem Kopf durch die Wand – da kommt das Temperament durch.« Ob das genetisch bedingt ist? Und wann schafft sich Poschmann endlich ab?

31.
Shinji Kagawa beim Kopfball, das ist wie Astrid Kumbernuss beim Synchronschwimmen: Man will es einfach nichts sehen. Abstoß.

34.
Gelb für einen x-beliebigen Fürther. Das ist eigentlich alles.

41.
»Engelhard und Co. Sicherheit« müssten ja eigentlich auch fürs Abtasten zuständig sein, von wegen gefährliche Gegenstände. Stattdessen tun das aber die beiden Mannschaften, und das seit nunmehr 41 Minuten. Wie ich Pornos mit Handlung hasse.

39.
Die Firma »Engelhard und Co. Sicherheit« passt, wie dem Logo auf den etwas billig aussehenden Trainingsjacken entnehmen, auf Mike Büskens auf. Wenn sie das so gut können, wie ihre Web-Präsenz aussieht, dann gute Nacht, lieber Mike.

43.
Das Publikum klingt wie eine zufällig anwesende Gruppe von Hausfrauen, wenn im Einkaufszentrum in Fürth ein reisender Scharlatan die neue Gemüseschneidewundermaschine vorstellt. Haben sie schon mal so fein geschnitzte Möhrchen gesehen? Und Poschmann kauft gleich drei.

45.
Geteiltes Spiel ist halbes Spiel. Ein leidvolles 0:0 liegt hinter uns. Hier Fürth niemand. Beängstigend.

21:26 Uhr
Niedlich: Die Nationalmannschaft singt für Joachim Gauck, nennt sich »Thomanerchor«. Erstaunlich tiefe Stimmen, die wir da hören. Bass: Philipp Lahm. 

21:28 Uhr
Paul Breitner zu Gast bei Markus Lanz. Das ist ein Pokalfinale Salmrohr gegen Worms. Oder ein Halbfinale Fürth gegen Dortmund. Oder wie Joachim Löw sagen würde: »Jungs, jetzt macht mal das Licht aus.«

21:29 Uhr
Noch mal die Lowlights der ersten Halbzeit. Wenn das ZDF ehrlich wäre und sich nicht so hysterisch an die drei Spiel klammern würde, die es pro Jahr übertragen darf, würde er jetzt ein Testbild zeigen.

21:30 Uhr
Klopp späht aus der Wäsche wie ein Habicht, der sich um seine Brut sorgt. Kommt der schlimme Mike ins sein Nest geklettert und klaut ihm die Eier? Er bräuchte welche, soviel steht fest.

46.
Es geht weiter. Mit einem Anstoß. Und mit Poschmanns Satz: »Gesichtsverletzungen sind nicht lustig.« Kommt ganz drauf an, wem das Gesicht gehört und wem die Faust. 

49.
Möglichkeit für Fürth. Flanke, dann versucht einer, den Ball mit der Brust reinzumachen. Sagen wir also besser: Unmöglichkeit für Fürth.

52.
Wenn die Generation Karohemd eine Stimme hat, dann ist es die von Wolf-Dieter Poschmann. Und als bedürfte das noch eines Beweises, blendet das ZDF nun ein Bild von ihm ein. Darauf trägt er... ein Karohemd. Ich zieh mir jetzt auch eins an, vielleicht spüre ich dann nichts mehr.

55.
Kehl joggt durchs Mittelfeld wie Beckenbauer bei der WM 1970 gegen Italien, beide Arme in unsichtbaren Schlingen. Ja, wenn der Ball oder auch nur die Kamera in seiner Nähe ist, dann ver g  e     h       t            d    i  e          Z      e       i   t              a      u   f        e    i     n     m     a    l           v    iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii           iiiiiiiiiiiiii    eeee l       l aaaaaaaaaaaaaaaa    aaaaaaaaaa     n        g       s     a     a m e r. Und wenn Kehl weg ist, ist alles wieder normal. Faszinierend.

57.
»Kaaaagaaaawaaaa!« Was klingt wie ein Huhn, das sich vorm Fuchs fürchtet (siehe auch 21:30 Uhr), ist Poschmann, der eine Chance des BVB kommentiert. Ich wollt', er wär' kein Huhn.

60.
»Klaus drängt in die Mitte«, so heißt es nun. Ein Satz, der auf jeder ZDF-Weihnachtsfeier, wenn die Karaoka-Maschine »Griechischer Wein« spielt, seine Gültigkeit behält. 

62.
Chance für Occean. Oder heißt es »Cchance für Occean«? Schickt mir eine Mail. Und nehmt Occean in CC.

66.
Nachdem Poschmann nun die Biographien fast aller Spieler bis in die F-Jugend zurück verlesen hat und sich dabei auch nicht von dem zufällig stattfindenden Spiel stören lässt, erhärtet sich der Verdacht, dass seine Informationen ihm nicht auf Karteikarten reingereicht werden, sondern auf Endlospapier. Ja, es rollt seit Jahren durch die Kommentatorenbox, und egal, wer da sitzt, Poschmann, Rethy, Wark – es rollt. Irgendwo in Finnland werden Bäume gefällt und zu ZDF-Papier verarbeitet, in China schreiben Bettelstudenten Sätze wie »Schmidtgal hat 2007 ein Spiel für den VfB Stuttgart gemacht, unter Armin Veh, und darf sich somit Deutscher Meister nennen« drauf, dann werden sie verlesen, in Fürth, in Berlin, in Aserbaidschan und auf Island, und am anderen Ende brennt die Rolle lichterloh und befeuert die Hölle, in der wir schmoren. Und dann macht Guido Knopp eine Sendung drüber. Mit unseren Familien vor dem Bluescreen.

69.
Barrios kommt. Wohin fürth das? 

71.
Büskens kuschelt sich in seine Billo-Regenjacke wie Roberto Mancini sich in seinen Kaschmir-Schal. Aber es bleibt eine Billo-Regenjacke. Und er Mike Büskens. Und es beim 0:0. 

74.
»Jetzt wäre der Raum frei«, sagt Poschmann. Und wir hoffen leise, dass er das zu der Reisegruppe sagt, die eigentlich die Loge gemietet hat, aus der er kommentiert. Lässt er sie nun rein und uns allein?

77.
Ich leg mich fest: Wenn Asamoah heute noch ins Spiel kommt, muss ein anderer raus.

78.
Occean mit der Ccopfballcchance. Zu hocch. Schccade. 

79.
»Jede fünfte Großchance führt zum Tor«, raunt Poschmann in »Aktenzeichen XY«-Manier. Und die Dunkelziffer?   

81.
Bender muss runter. Poschmann vermutet eine Blessur. Benderriss?

83.
Poschmann dämpft nun seine Stimme. Da muss eine Ansage aus dem Ü-Wagen gekommen sein: »Poschi! Mein Lieber! Toll, wie du schreist bei jedem Einwurf, aber denk' ans Elfmeterschießen! Da musst du noch was draufsatteln können, Champion!« So oder so ähnlich war es. Wahrscheinlich genau so.

85.
Asamoah kommt. Der Mann, mit dessen Schwester ein Bekannter von mir mal Bong geraucht hat. Also bin ich es auch ein bisschen selbst, der das Tor schießt, wenn, ja wenn »Asa« eines schießt. Ich bin ergriffen. 

86.
»Lüdenscheid-Nord, wie sie in Dortmund sagen«, sagt das schwarze Schaf, wie sie in der Familie Poschmann sagen. 

90.
»Vielleicht dann doch 'ne Verlängerung«, so Poschmann jetzt. Schlimm genug, wenn er mal recht hat. Wie er hier aber die Wahrscheinlichkeit, dass er recht hat, aufs Perfideste erhöht, zehn Sekunden vor Abpfiff des regulären Spiels, das schmerzt regelrecht körperlich. Und wenn ihr es genau wissen wollt: Es schmerzt in den Eiern.

22:19 Uhr
Die kleine Pause vor der Verlängerung, reicht nicht, wir wissen das aus der Schule, um eine rauchen zu gehen. Was macht man also? Man bildet Liebeskreise. Aber was macht man, wenn man allein ist, so wie ich? Man schaut zu, wie andere Liebeskreise bilden. 

22:21 Uhr
Michael Zorc: »Es steht 0:0.« Boris Büchler: »Dankeschön!« Wolf-Dieter Poschmann: »Genauso ist es! Beide wollen hier gewinnen.« Ich: »Ich möchte sterben!« Boris Büchler: »Dankeschön!«

91.
Der dritte Anstoß dieser Partie. Das sind mindestens zwei zuviel.

93.
Jetzt schnellen auf dem Endlospapier (siehe 66. Minute) auch noch Informationen über die Linienrichter vorbei. Der eine da hinten sei, so Poschmann bzw. das Endlospapier, Diplomverwaltungsfachwirt. Wen das interessiert, weiß der Teufel. Und den könnten wir ja gleich mal fragen. Der wohnt ja schließlich hier.

95.
»Barrios! BARRIOS!«, schreit Poschmann, als suchte er einen Wein in seinem Keller. »Aber Wolfi, der heißt doch Barolo«, flötet die Gattin von der Treppe. Egal. Hauptsache, er ballert.

98.
Occean mal wieder. Gibt's den auch in still?

100.
Freistoß Fürth. Was sagt unser Bundespräsident dazu? »Wir haben den Freistoß ersehnt, er hat uns angeschaut, wir sind aufgebrochen, und er hat uns nicht im Stich gelassen.« Schön gesagt. Trotzdem Abstoß.

105.
Die zweite Halbzeit dieser Partie. Also ist die Zeit ja wieder ganz! Proust kann aufhören zu suchen. Und alle extrasensiblen Studenten können aufhören, so zu tun, als hätten sie sein Buch gelesen.

22:39 Uhr
Merkt Perisic, der jetzt eingewechselt wird, dass sein Einsatz, wenn alles normal gelaufen wäre, von Klopp nicht geplant gewesen wäre? Und wenn ja: Freut er sich trotzdem? Wahrscheinlich schon. Wie ein junger Hund, den sein Besitzer zwei Stunden in den Kofferraum sperren kann, und wenn er den Deckel wieder öffnet, leckt er ihm trotzdem das Gesicht ab vor Freude. Ja, Fußball ist ein hündischer Sport. Ich habe es immer gewusst.

105.
Weiter, immer weiter. So weit ist es jetzt schon gekommen, dass selbst ein Oliver Kahn längst eingeschlafen wäre.

109.
Noch eine Minute bis zur 110. Minute.

110.
Herzlich willkommen in der 110. Minute!

112.
Kehl mit dem Heber. Das ist als wenn Tante Marion nachts um drei die Wandergitarre rausholt und »Nothing else matters« zupft.

113.
Stockholm-Syndrom? Poschmann glaubt offenbar, dass er uns nach dieser Ewigkeit, die dieses Spiel nun schon andauert, duzen darf: »Wenn du jetzt einen kriegst, bis du weg!« Schön wär's. Dann müsste ich mich auch nicht mehr duzen lassen.

115.
Ich bin für beide.

117.
Das Transparent offenbart es: »Borsti« ist auch da, hinter Weidenfellers Tor. Was soll er auch machen, wenn seine Freunde alle Fußball gucken und er nicht auf »Die größten Flugzeugträger aller Zeiten« umschalten darf? 

119.
Büskens bringt einen neuen Torwart, Jasmin Fejzic. Das wir sich rächen (siehe 120. Minute).

120.
Tor. Für Dortmund. Gündogan schießt, der Ball springt an den Pfosten, von dort an Fejzics Rücken – und rein. »Das ist ein bisschen tragisch«, meint Poschmann. Wir meinen: Das ist so übertrieben tragisch, dass sich Hera Lind zu schade gewesen wäre, es aufzuschreiben. Es ist die Pointe eines 120-minütigen Scheißwitzes. Dortmund lacht. Fürth nicht.

22:59 Uhr
Noch mal zusammengefasst: Mike Büskens wechselt den Torwart aus, der berührt den Ball genau einmal, mit dem Rücken, von da fliegt der Ball ins Tor. Das ist lächerlich. Wenn man das mit Mike Büskens Satz »So ist Fußball« zusammenbringt, ist Fußball also lächerlich. Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts mehr zu sehen.

23:04 Uhr
»Gedanken hin und her«, sagt Gerald Asamoah. Es ist das Fazit, das wir mit ins Bett nehmen. Hin und her. Gedanken. So funktioniert Wahnsinn. Sparen wir uns vor diesem Hintergrund das Interview mit Jürgen Klopp. Wir wissen, was kommt. Gute Nacht, liebe Fans.


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