29.01.2011 | Die Nachlese: Werder-Bayern im 11FREUNDE-Liveticker
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Auf dem Schmerzensacker

1:0, 1:1, 1:2, 1:3, alle Hoffnung fallen lassen – das ist das Strickmuster des Spiels Werder gegen Bayern. Werder spielt nächstes Jahr in Osnabrück, Bayern in Cluj. Was wiederum das Gleiche ist. Der 11FREUNDE-Liveticker steigt auf und ab.

Text: Dirk Gieselmann und Andreas Bock Bild: Imago

Werder: Wiese - Pasanen , Mertesacker , Prödl , Silvestre - Frings , Bargfrede - Fritz , Hunt , Marin - Pizarro. Trainer: Schaaf



Bayern: Kraft - Lahm , Tymoshchuk , Badstuber , Luiz Gustavo - Ottl , Pranjic - Robben , Schweinsteiger , T. Müller - Gomez. Trainer: Van Gaal



Stadion: Weserstadion

Zuschauer: 36300 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne)

Die Nachlese: Werder-Bayern im 11FREUNDE-Liveticker
Werder Bremen
1
:
3
Bayern München







15:12 Uhr
Hallo, Fans! Hallo, Schaaf! Der Werder-Schmerzensmann sagt zum SKY-Schmerzensmann Rollo Fuhrmann: »Es ist eine Stimmung da, die ein bisschen verunsichert ist, weil die Ergebnisse nicht da sind.« Stimmung da, Ergebnisse nicht – klingt wie bei einem FDP-Parteitag nacht um drei, wenn Rainer Brüderle den Schlips lockert. Schafft Werder heute die 5-Prozent-gewonnene-Zweikämpfe-Hürde? Die Ulrich Deppendorfs vom 11FREUNDE-Ticker werden das hochrechnen. Viel »Spaß«.

15:17 Uhr
Top-News aus der St.-Pauli-Coachingzone. Holger Stanislawski verkündet: »Im Urlaub fahr ich manchmal weg.« Bevor Kölns Dauer-Interim Frank Schaefer noch sagt: »Manchmal dusch ich nackt«, schalten wir ab. Das hält doch kein Mensch aus. Und wir auch nicht.

15:22 Uhr
Da blättern wir also in unserer Lieblingspostille »BZ«, um runterzukommen – dann das: »Charly Sheen – drei Nächte mit DIESEM Pornostar: KOLLAPS!« Andreas Bock – dreimal DIESE Schlagzeile gelesen: KOLLAPS!

15:25 Uhr
Jetzt die 1&1-Werbung. Wo ist eigentlich Marcell Davies, der volksnächste Kundenberater der Welt? Liegt wahrscheinlich in der 11FREUNDE-Redaktion und repariert die Steckdose. Auch volksnah: Klaus Allofs. Der Werder-Kundenberater stellt sich vors Mikro und sagt: »Sowohl mein Kopf als auch mein Bauch sind optimistisch.« Und der Verstand verliert den Verstand (Peter Maffay).

15:29 Uhr
Die Mannschaften mühen sich aufs Feld. Dummerweise wurden die Einlaufkinder vertauscht. Heute hier: Kids mit VW-Shirts. Heute in Wolfsburg: Kinder in Targo-Bank-Logo.

1.
Anstoß Werder. Ballbesitz 100 Prozent. Heimdominanz. Die Bayern hamstern dem Ball hinterher. Müssen aber feststellen: Werder ist wieder wer.

3.
Was für ein Beginn! Wir maniküren noch unsere Nägel, da steht Pizarro schon vor dem Bayern-Tor. Kraft faustet mit rechts fast so gut wie Ali mit links. Der Sound zum Schuss: Zusch! Und nochmal: Zuuuusch!!!

4.
Nun mal der FC Bayern. Robben zirkelt den Ball elegant wie eine Homepage von 1&1 in den Strafraum. Ball wird länger und länger und länger, bis er aussieht wie ein Feuerwehrschlauch, doch dann: nichts.

6.
Pizarro über links, will flanken, doch da steht ein kleiner Mann. Kommentator Kai Dittmann, heute richtig funny drauf: »Pizarro will flanken, da steht der kopfballstarke Marin. Und deshalb winkt er ab.«

8.
Wir verdauen noch das Gag-Feuerwerk. Und legen ebenfalls abgehangenen Witzen nach: »Kommt ein Cowboy zum Frisör. Kommt's raus – Pony weg.« Das Bayern-Spiel indes ohne Witz: Ball hoch nach vorne, da wartet Gomez wie Omma Gerti an der Bushaltestelle. Wartet. Zwei Tage. Drei. Vielleicht mehr.

10.
Die Werder-Fans finden das Spiel bislang so klasse, dass sie im Block um die Wette hüpfen. Wir finden Prödl bislang so klasse, dass wir uns Autogrammkarten aus dem Internet runterladen und prompt eine private Tauschbörse eröffnen.

12.
Werder hat eine neue Taktik bei Ecken, die lautet: Kurze Ecke. Bislang so hitverdächtig wie ein Lied von John Cage.

15.
Nun aber: Große Kofballchance für Silvestre. Fast im Gegenzug: Ottl schießt aus 20 oder 25 oder 45 Metern aufs Tor. Wiese streichelt den Ball über die Latte. Ein flottes Spiel. Fast so flott wie eine Rollschuhparty in den 50ern. Vielleicht sogar noch flotter.

18.
Derweil auf bild.de: »BILD stellt die verbotene Schaaf-Frage.« Wie kann die bloß lauten? Vielleicht: »Määääh?«

19.
Lange Ecken sind offenbar aus der Mode gekommen, ja: sie sind die Grunge-Ziegenbärte der Bundesliga. Wir sehen hier nach wie vor nur die kurze Variante, die allermeistens direkt zu einem Einwurf führt. Rätselhaft.

23.
Über die Außenmikros hören wir: Irgendwo im Werder-Stadion singt die kleinste Ultra-Gruppierung der Welt (Mitglieder: 1) seit Spielbeginn: »Olé! Hier kommt der SVW!« Oder ist es Willi Lemke? Auch das: Rätselhaft.

26.
Todesgrätsche von Merte! Gegen Gomez! Sekunden, ja Stunden der Ungewissheit: Elfmeter? Schwalbe? Weder! Noch! Die Slomo zeigt: Gomez wird zusehends müde, legt sich dann hin, macht Schlummi. Ist aber auch anstrengend, dieses andauernde »Ich bin der geile Torero«-Gehabe.

28.
Gomez ist jetzt wieder wach, schießt! Wiese! Glanztat, obwohl er fast im Mittelkreis steht, wo er gerade begeisterten Realschülerinnen Autogramme gab.

30.
Freistoß nun für die Bayern nach kriegsähnlicher Grätsche von Silvestre. »Ein Traum für jeden, der gern Freistöße schießt«, schwärmt Kollege Bock. Schläft ein, träumt von Freistößen. Ein Alptraum: Der Freistoß von Robben. Wie ich es hasse, wach zu sein!

33.
Wenn ein Spiel je rauf und runter ging, dann das hier. Jetzt wieder Werder, abgewehrt. »Immerhin Ecke«, sagt Ditmann, ein Satz, der das ganze Werder-Elend zusammenfasst. Wie auch diese Ecke, die schon wieder kurz ausgeführt wird, wobei der Frings, der den Ball stoppt, im Abseits steht. Immerhin Abseits. Und kein Gegentor. Mein Gott, sind wir runtergekommen.

35.
Hunt geht jetzt allein aufs Tor zu. Dann das: Weiß nicht mehr, ob er Hunt oder Hant heißt, und auch nicht, ob man Kommissar Hanter oder Hunter sagt, verliert den Faden, abgelaufen. Buh bzw. Bah.

38.
Auf und ab und ab und auf. Wir sitzen vor dem Spiel wie bei einem Endlos-Ballwechsel zwischen Michael Chang und Thomas Muster bei den French Open. Und: Sind begeistert. Fußball kann so schön sein. (Anm.: Positive Zwischentöne in diesem Ticker können vom Wetter bedingt sein. In Berlin: Blauer Himmel, gefühlte 25 Grad, leichtbekleidete Menschen, Freibad-Atmosphäre).

41.
»Ein Nullzunull der besseren Sorte«, würde Jörg Wontorra jetzt sagen, säße er nicht bereits in seinem Doppelpass-Studio, wiese die alte Dixieland-Jazz-Kapelle ein und zapfe Bier vor.

43.
Da denkt man, beide Mannschaften würden kurz vor der Halbzeit ein wenig das Tempo rausnehmen, da pflügt sich Aaron Hunt als menschgewordener Mähdrescher über die linke Seite. Doch wie so häufig bei ihm: Der Ball wir einfach wegedroschen. Heraus kommt ein heuartiger Ballon, der irgendwo gen Stadiondach oder Bremerhaven geweht wird.

45.
Ein Tempo wie bei einem Trash-Metal-Konzert 1983. Wir kommen nicht hinterher, wir verstehen das auch nicht mehr. Marin auf links im Strafraum, ein Bein dazwischen. Danach Duracell-Robben mit einem Konter. Schuss, gehalten. Wiese völlig perplex, würde auch gerne laufen, sprinten, einfach los, weg vom Leder, rein in den Rock, schnell, rasant, Usain-Bolt-mäßig, hinfor mit dem statischen Dasein. Es ist zum verrückt werden. Halbzeit. Ein Glück. Das Herz.

16:19 Uhr
Irgendwie deprimierend: Werder spielt durchaus ansehnlich. Bayern auch. Und dann der ernüchternde kurze Blick auf die Anzeigetafel: Der BVB führt schon wieder 2:0. Und dann der noch ernüchterndere Blick in die Halbzeitwerbung von SKY: Fritz von Thurn und Taxis mit Hundeaugen und dem Satz: »Wissen Sie, auf was ich mich im Februar freue?« Dass er nur 28 Tage hat? Dass David Bryan, Keyboarder in der Band Bon Jovi, am 7. Februar Geburtstag hat? Nein. Fritz freut sich auf Golf, Motorrennen und Jessica Kastrop. Ach, wie schön.

16:25 Uhr
Wie viele Tage diese Halbzeitpause wohl noch hat? Highlights, die keine sind, sondern bloß verstolperte Chancen von Gerry Asamoah. Dazu Schlips-Model Dieter Nickles in seinem Zukunftsstudio, der »Derby« genauso ausspricht, wie einst Prince Ital Joe »United« sang. Featuring Marky Mark. Bzw. featuring Hass. [page]

16:28 Uhr
Historiker der Zukunft werden die Dieterbohlenfizierung Deutschlands zu Beginn des 21. Jahrhunderts wohl am ehesten festmachen können, wenn sie alte SKY-Trailer auswerten. Herzlich Willkommen in der Synthesizer-Hölle. Cherry, Cherry, Fußball.

16:31 Uhr
Es geht offenbar weiter. Bayern-Manager Christian Nerlinger haut Müller auf den Rücken, als müsste der jetzt gleich bei Windstärke 27 auf der Gorch Fock die Segel setzen. Schaaf sieht aus wie Fridtjof Nansen. Ahoi.

47.
TOOOOOOOOOOOR! Merte kommt auf halblinks an den Ball, denkt: »Jetzt mach ich mal was, womit keiner rechnet und was ich, genau genommen, auch gar nicht kann!« Und das macht er dann auch: Schnibbelt! Keine Chance für Kraft! Drin! 1:0! Die Bundesliga hat ihre eigenen Gesetze!

48.
Mertes Jubel: Wie Carlo Tränhardts Anlauf zum Siegsprung bei der Hallen-EM 1987.

49.
Werders Krise: das längste Täuschungsmanöver aller Zeiten. Und die Bayern fallen drauf rein, verlieren gegen diese Weltklassemannschaft. Wird Werder jetzt doch noch Meister? Ich sage: vielleicht! Schwitzt Kloppo? Ich sage: Sowieso!

52.
Tor? Für Bayern? Sieht so aus. Aber: Kinhöfer wertet den Rempler von Schweini gegen Frings als Foul. Was einerseits natürlich gut ist für Werder. Andererseits aber auch ganz schön deprimierend für Frings, der sich vom jungen, kraftvollen, irgendwie moderneren und cooleren Schweini hier hat wegschieben lassen wie einen Einkaufswagen am Kühlregal.

55.
Bayern nun fast ein bisschen verzweifelt. Schweinsteiger dribbelt sich an Fritz fest, Müller an der Eckfahne und Gomez hängt in der zweiten Halbzeit ab wie Stalaktiten.

58.
Werder indes mit neuem Selbstbewusstein. Bargrede hüpft filigran wie eine Seiltänzerin durchs Mittelfeld. Andere heißen deswegen schon »Brasilianer«. Wir nennen ihn ihn einfach »Phil«.

60.
Und auch Fritz erkennt das Spiel an sich. Dann wieder Bargfrede, Hunt, Prödl. Mit Verlaub: Gegen Robben, Schweinsteiger, Gomez klingt das wie ein Duell Kastanienmännchen gegen Hulk.

63.
Luiz Gustavo spielt übrigens auch mit. Welche Aufgabe er genau hat, weiß niemand so genau. Er selbst übt sich jedenfalls im Sagaland-Spiel mit sich selbst. In Gedanken.

65.
TOR! Ein bisschen wie nach drei Stunden Vera-Int-Veen-Gucken: Ein bisschen aus dem Nichts. Robben drückt die Flanke von Pranjic ins Tor und fliegt danach acht Meter durch den Fünf-Meter-Raum.

67.
Plötzlich hat Bayern wieder Oberhand. Schießen aus allen Lagen, sogar vom Stadiondach aus. Tim Wiese wachsen acht neue Hände, ohne Pomade und Stirnband und Bräune sieht er jetzt ein bisschen aus wie Kalima.

70.
Bei Werder kommt Trinks. Trinks... Trinks kommt von trinken. Kommt Frings von fringen? Was bedeutet fringen? Kraftvoll in Zweikämpfe gehen und sie verlieren? Sich selbst hochheben können? Frings: Grenzfälle des FBI.

72.
1:1, das 0:0 für Fortgeschrittene. Oder das 2:2 für Anfänger? Robben will mehr, Merte will weniger. Bargfrede will eine zeitgemäßere Frisur, nicht diese Lackmütze, die zuletzt bei GZSZ-Heartbreaker Andreas Elsholz beschissener aussah. Wer kriegt, was er will? Bleiben Sie dran.

75.
Eigentor! Von Andreas Elsholz? Nein. Von Mertesacker. Schmerzensacker. Der schlechteste Witz seit der WM-Vergabe an Katar. »Da machen sie den einen Fehler mehr, als ihnen gut tut«, sagt Dittmann den einen Satz mehr, als mir gut tut. Lieber Gott, wann wechselst Du mich endlich aus?

77.
Was macht Trinks? Der Mann, den niemand kennt, wird hier Zeuge des schlimmsten Tags meines Lebens. Sind wir jetzt seelenverwandt? Wären wir, wenn ich noch eine Seele hätte.

79.
Für Werder wird es jetzt so eng wie in einer Telefonzelle, wenn der Bulle von Tölz seine Mutter anruft. St. Pauli zieht vorbei, gleich zieht auch noch der FSV Salmrohr vorbei, Heinz-Harald Frenzen setzt schon zum Überholmanöver an, und selbst Eddie The Eagle rechnet sich noch Chancen aus. So tief wie, Werder unten drin hängt, können die Bayern nicht mal sinken, wenn Van Gaal sich in Frauenkleidern fotografieren lässt.

82.
Ob die Menschen in Bremen jetzt auf die Straße gehen wie in Tunesien und Ägypten? Verbietet Schaaf dann das Internet? Nie wieder tickern? Freie Wochenenden? Hurra! Wir sind das Volk!

84.
»Werder rennt die Zeit weg«, erkennt Dittmann fachmännisch. »In der Tat«, würde der Doktor aus der Alpecin-Werbung antworten. Wir zählen 6 kurze Minuten. Immerhin: Besser als vier lange Minuten.

87.
Werder versucht, sein Bötchen irgendwie wieder in die Hälfte der Bayern zu manövrieren. Verrudert sich dabei immer wieder. Dann ein Gegenzug: Müller und Klose rennen alleine auf Wiese zu. Das ist wie damals auf dem Käfig-Bolzplatz bei Zwei-gegen-eins. 1:3. Klose. Werders Papierdampfer versinkt im Waschbecken.

89.
Werder löst sich komplett auf: Wiese kommt aus seinem Tor und hackt
Müller um wie Toni Schumacher anno 1982 den Franzosen Battiston. Das jedenfalls behaupten die Hooligans in dem dunklen Ticker-Keller. Doch Gemach, so schlimm war es nicht. Erinnerte eher an Daniel Son im Kampf gegen die Holzpuppe. Gewinner: Holzpuppe. Wiese bekommt Rot.

92.
Abpfiff. Was zu wenig ist. Statt der Pfeife müsste Kinhöfer eigentlich die Posaune von Jericho rausholen. Nicht mal das gönnt der DFB dem einst so stolzen Werder Bremen noch. Game Over. Thomas Schaaf, der Heiner Brand der Bundesliga: beliebt, aber erfolglos. Mit Schnauz, aber Schnauze voll. Nächste Saison also Lokalderby gegen den VfL Osnabrück. Bremen an der Bremer Brücke. Das ist, als würde Obama eine Rede vorm Freiheitsstatuenimitat im Heide Park Soltau halten.

17:25 Uhr
Montag bringt Lothar Matthäus sich bei Werder ins Gespräch. Und Willi Lemke sagt: »Lothar kann uns weiterhelfen.« Und in letzter Sekunde wird Harry Decheiver verpflichtet. Und Frings wird Sportdirektor beim HSV. Und ich bleibe im Bett liegen und stehe nie wieder auf.17:28 Uhr
Ciao, Fans. Wir sehen uns in der Zweiten Liga bzw. in der Champions League. In Osnabrück bzw. in Cluj, dem Osnabrück Siebenbürgens. Es bleibt sich alles gleich. Das Leben ist ein langer, gelber Fluss. Pisse. Alles Pisse. Gute Nacht.


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