11.05.2014 | Die Abstiegskonferenz im 11FREUNDE-Liveticker
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Nicht mal absteigen können sie

Mirko Slomka und Rafael van der Vaart streiften sich das T-Shirt mit der Aufschrift »Platz 16 – Ich war dabei« über und drehten die kleinste Ehrenrunde aller Zeiten (Radius 0,5 Meter). Der HSV rettet sich in die Relegation. Und fragt sich bang: Reicht eine Niederlage, wenn Fürth gleichzeitig verliert? Der Ticker rechnet nach.

Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Moderne Supertiere
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Dinosaurier

Freitag

Am Samstag um 15 Uhr geht es hier los. Und keine Angst, liebe Nürnberg-, Braunschweig- HSV-Fans: Nach dem Abstieg ist vor dem Aufstieg!

15:00 Uhr

So, dann wollen wir mal absteigen. Immerhin wartet auf Braunschweig, Nürnberg oder den HSV ja die beste Liga aller Zeiten. Das darf man nicht vergessen, auch nicht an einem beschissenen Montagabend im beschissenen November im beschissenen Aue. Am besten vorbereitet sind auf diese Zumutung die Hamburger: »Wetter schlecht, HSV schlecht, anstrengend«, keucht Sebastian Hellmann. Und Heiko Westermann räumt freimütig ein: »Es wird vielleicht nicht mehr so viel gelacht.« Ein Knirps sagt auf die Frage »Wärst du sehr traurig, wenn der HSV absteigt?« fast stimmlos: »Hmmm.« Sogar der Hafen soll vor lauter schlechter Laune seinen Geburtstag abgesagt haben. Was machen die Jack-Wolfskin-Ehepaare aus Bad Segeberg jetzt? Sie hatten sich doch so gefreut.

15:08 Uhr

Franz Beckenbauer hat »das direkte Gespräch mit Uwe Seeler bislang vermieden.« Ist Misserfolg ansteckend? Müssen HSV-Kneipen unter Quarantäne gestellt werden?

15:10 Uhr

»Wer will es mehr?«, fragt SKY. Muss es nicht heißen: »Wer will es noch?« Abstiegskampf: Das hält doch kein Mensch aus.

15:11 Uhr

Mirko Slomka will es »noch«. Er bleibt beim HSV, sagt er jetzt im SKY-Last-Minute-Interview – egal wie und wo. Da fällt mir ein Abstiegswitz ein: »Irren ist menschlich«, sprach der Igel und stieg von der Bürste.

15:14 Uhr

Beckenbauer sitzt da wie der Dalai Lama, redet die Hamburger buddhistisch lächelnd in die zweite Liga. Doch als was wird der HSV wiedergeboren? Hoffentlich nicht als roter Bulle!

15:21 Uhr

Die Aufstellungen. Für den HSV im Sturm: Geheimwaffe LONZO!

15:23 Uhr

50 Jahre, 258 Tage, 33 Stunden, 23 Minuten, 52 Sekunden. So lange macht sich Uwe Seeler also jetzt schon Sorgen um den HSV. Quizfrage: Wie alt ist dieser arme Mann, wenn er an jedem Tag um zwei Tage gealtert ist?

15:26 Uhr

Wie fühlen sich eigentlich die Klubs, die nicht mehr absteigen können, angesichts der Existenzangst? Hoffenheim etwa, Augsburg, Bremen? Ich schätze: Wie ein Schwabe im Prenzlauer Berg, wenn die Wohnung unter seinem Loft zwangsgeräumt und der alte Opa, der seit 50 Jahre, 258 Tage, 33 Stunden, 23 Minuten, 52 Sekunden hier lebt, einfach vom Ordnungsamt rausgetragen wird. Ja, man hat schon Mitleid. Irgendwie. Aber was soll man machen? Es gibt Schlimmeres: Zum Beispiel den Rotweinfleck da auf dem Gussestrich. Schrecklich!

15:30 Uhr

Kurz vorm Anstoß, Jansen und Adler gehen aneinander vorbei. Adler sieht das neue »Brazil 2014 – Carpe Diem«-Tattoo auf Jansens Unterarm. Bin gespannt auf den ersten Rückpass.

1.

Anstöße überall. Dass sie die Kraft dazu noch aufbringen, den Ball überhaupt treffen... erstaunlich. Sind halt Profis.

2.

»Die Hoffnung ist im Gepäck der Eintracht«, meint der Kommentator. Dabei hatte sich der Braunschweiger Busfahrer noch geweigert, die Büchse der Pandora einzuladen!

4.

Wir melden uns vom Abgrund: 1:0 für Schalke. Kopfball Matip. Clemens Tönnies und Wladimir Putin hechten in die Maibowle. Und Günter Koch und Roger Prinzen springen Hand in Hand ins Nichts.

6.

Tor auch für Mainz. So isser, der HSV: Wenn die anderen zurückliegen, kann man selbst ja ruhig auch ein bisschen nachlassen. Und wie: Westermann übt im Strafraum das Annehmen mit der Brust. Kann er noch nicht so gut, aber ein denkbar schlechter Moment, das öffentlich zuzugeben. Adler kann nichts mehr machen, ein zufällig vorbeikommender Mainzer drückt den Ball rein. So sieht er also aus, der Asteroid, der den Dino ausrottet. Hätte ich mir irgendwie hollywoodmäßiger vorgestellt. Übernimmt jetzt Roland Emmerich den HSV?

11.

LASOGGA! 1:1! Reingehasst, reingewütet, mit allen Körperteilen, sogar mit solchen, von denen er selbst gar nichts wusste (Kopf). Ist das spannend. Zu spannend. Sterben heute die Menschen aus?

14.

»Tor in Sinsheim!« ruft jemand. Schnauze, wir interessieren uns nur für die Bundesliga! Achso: Tor für Hoffenheim! Na, dann. Die armen Braunschweiger. Absteigen in Sinsheim: Klingt wie eine Hartz-4-Doku nachts im dritten Programm.

16.

Tor in Salmrohr!

17.

Schock beim Blick nach München: Sind wir plötzlich im Jahr 1994? Was sind das für Trikots? Spielt Alain Sutter? Was plant der irre Guardiola wirklich?

20.

Wir schalten zur Partie Wolfsburg-Gladbach. 0:0. Und dann zu Hertha-Dortmund. Auch 0:0. Ist das zäh. Und plötzlich erscheint die zweite Liga wie eine testosterongetränkte Schlacht der siegeshungrigen Supergladiatoren. Aue, wir kommen! Oder wir gehen halt zum Wrestling. Auch egal.

24.

Jetzt wieder in Mainz. Nanu: Nur noch Rote auf dem Feld. Aha: Kreuzer und Slomka haben sich mit ihrer Mannschaft in den Katakomben verschanzt, wollen sich nun extremst auf die Spiele der Konkurrenz konzentrieren. 

27.

Nur Adler ist noch da, hat sich am Pfosten festgekettet, will erst wieder mitmachen, »wenn der Jogi mich anruft und sich entschuldigt.«

29.

1:0 gegen Gladbach. Wolfsburg spielt, Stand jetzt, in der Champions League. Und in Madrid zertritt Diego Simeone im Kinderzimmer einen VW-Golf von Matchbox.

32.

Leverkusen macht das 1:1 gegen Bremen. »Mann, dooooh!«, ruft Thomas Schaaf, mit dem Tascheradio im Blaumann die Hecke schneidend, daheim in Brinkum. Alte Gewohnheit.

34.

Hoffenheim gegen Braunschweig. Das ist eine Partie, die bei Gründung der Bundesliga nicht vorgesehen war, ja: die es eigentlich nicht geben dürfte. Als würden hier Pinguine gegen Eisbären kämpfen, napoleonische Fußsoldaten gegen Stormtroopers. Aber das nur am Rande. Kein Grund, sich hinterher bei der DFL zu beschweren.

38.

Dagegen Nürnberg gegen Schalke: Das ewige Duell seit den Zwanzigern, Dreißigern. Als würden hier zwei Greise beim Ball der einsamen Herzen den letzten Klammerblues tanzen. Und irgendwann ist einer tot, der andere stützt ihn aber, bis die Musik verstummt. Jetzt muss ich weinen.

40.

»Für hundertprozentige Sicherheit braucht der HSV ein Tor«, so Wolff Fuß. Liest er das jetzt von der Karteikarte ab, die Oliver Kreuzer schon die ganze verdammte Saison über gesucht hat? Er kommt in die Sprecherkabine gestürmt: »Da isses ja, mein Konzept! Her damit! Gleich ist Kabinenpredigt!«

42.

»Tor in Berlin«, ruft jemand. Kenn ich schon. Muss ich immer hin, wenn die Verwandtschaft zu Besuch kommt.

44.

2:0 Schalke. Jetzt sinkt Nürnberg aufs Parkett. Und aus dem Synthesizer des Alleinunterhalters klingt: »Marmor, Stein und Eisen bricht.« Aber unser Zweitligaetat nicht.

45.

Liegt es an den Trikots? Liegt es an der gnadenlosen Bedeutungslosigkeit des Spiels? Wenn ich die Bayern sehe, muss ich an die Harlem Globetrotters denken. Holen Sie für die nächste Saison Jan Koller?

46.

Halbzeit allenthalben. Torsten Lieberknecht weint schon mal das Entmüdungsbecken voll, Roger Prinzen denkt: »Zum Glück kennt mich keiner!« Und Slomka spielt mit Helmut Schmidt Schach. Der Altkanzler: »Er kann es!« Hab ich nie dran gezweifelt.

16:28 Uhr

Das Entsetzliche für alle Absteiger ist ja: Niemand wird sie vermissen. Die SKY-Chargen werden auch ohne sie hyper-hyper-gut-drauf alles wegmoderieren, die Statistiken werden fröhlich aufploppen, die Werbung wird uns glauben machen, alles sei gut. Nicht mal Haarausfall gibt es! Dank Alpe-dingsbums. Ist es richtig, dass Sie sich nicht die Bohne für das Leid der Nürnberger interessieren, Professor Klenk? »In der Taaaaat!«

45.

Wann befreit eigentlich mal jemand Andreas Beck aus Sinsheim?

46.

Nürnberg spielt jetzt gegen die Schalker Traditionsmannschaft. Und immer noch ist der Klassenerhalt unwahrscheinlicher, als dass Klaus Fischer hier gleich das 3:0 macht. Per Fallrückzieher. Aus dem eigenen Strafraum.

48.

Am Bruchweg liegen sich die Mainzer und die Hamburger nur noch in den Armen. Die einen fahren nach Europa, die anderen auch nächstes Jahr wieder nach Mainz. Toll. Hier Livebilder.

52.

»Ein Sieg, und den Leverkusenern kann egal sein, was Wolfsburg macht«, so der Kommentator. Pah! Ich brauche dafür noch nicht mal einen Sieg.

53.

Und da ist es soweit: 2:1 Leverkusen! Und wie sie jubeln! »Jaaaaaa! Endlich kann uns egal sein, was Wolfsburg macht!« Dafür haben sie jahrelang trainiert.

54.

Perisic trifft mit einem Schuss drei Mal den Pfosten. Schade, dass es »Wetten, dass..?« bald nicht mehr gibt. Hätte doch zu gern erlebt, wie Dieter Hecking in der Wolfsburger Stadthalle wettet, dass er das nicht noch mal schafft. Und hinterher in einem VW-Käfer mit Klaus Allofs Lambada tanzen muss.

56.

Ich will ja nicht schon wieder die Euphorie schüren: Aber in dieser Form gehört der HSV in der nächsten Saison zu den Top-Favoriten beim Antalya-Cup.

62.

In Sinsheim jubelt ein Plüschelch. Bundesliga-Historiker des Jahres 2154 werden es nicht leicht haben, dieses Bild zu entschlüsseln. Ich helfe gern, Freunde aus der Zukunft: Braunschweig ist weg.

64.

»Mainz-Fürth«, ruft Wolff Fuß. Muss der FSV jetzt etwa in die Relegation? Nein: Mainz führt! Uwe Seeler persönlich hat versucht, den Ball noch von der Linie zu kratzen, Olaf Scholz wollte den Gegner aus dem Stadion gentrifizieren – doch vergeblich: Der HSV muss wieder auf den Plüschelch hoffen. Und dieser Satz ist noch geschmeichelt.

68.

Nachricht vom Plüschelch: Volland trifft. 3:0 Hoffenheim. Und Torsten Lieberknecht wünschte sich jetzt einen Plüschlöwen herbei, der ihn einfach mal in den Arm nimmt. Oder auffrisst. Egal.

69.

Es ist... naja, befremdlich: Die Kunde vom 3:0 in Sinsheim löst im Block der Hamburger wahre Jubelstürme aus. Und schürt die Hoffnung: Auch nächste Saison bleibt der Dino drin. Mit dann null Punkten. Weil zwei andere Mannschaften noch schlechter sind.

71.

Was, wenn Günter Wallraff im Plüschelch-Kostüm steckt und hinterher aufdeckt, dass Hoffenheim die 50+1-Regelung verletzt hat? Dann bleibt Braunschweig drin! Und alle so: Gün-ter! Gün-ter! Gün-ter!

76.

Schalke-Nürnberg 3:0. Torschütze: Oppa Pritschikowski.

77.

Hannover-Freiburg 2:2. Torschütze: Volker Finkes alter Strandkorb.

78.

Augsburg-Frankfurt 1:1. Sehen Sie dazu im Anschluss einen ARD-Brennpunkt.

80.

Hannover macht das 3:2. Nervt ein bisschen. Wie der Klassenclown auf dem Weg zurück von der Studienreise, wenn der ganze Bus pennen will und er im Gang breakdanct.

81.

Zum Abschied aus Bremen setzt Hunt einen Freistoß in die Mauer. Aber hey: Immer noch besser als so’n Last-Minute-Geschenk von »Nanunana« am Hauptbahnhof!

82.

Mainz-HSV 3:1. Wenn ich die Hamburger Bundesliga-Uhr wäre, ich würde aus Protest rückwärts laufen.

84.

Immerhin läuft jetzt das Ergebnis rückwärts: 3:2-Anschlusstreffer. Und Fuß schaltet wie immer blitzartig vom Grabredner- auf den Laudatoren-Modus um. In diesem Tor will er die Slomka-Hndschrift gelesen haben. Naja, wenigstens einer glaubt noch an den HSV. Ich sehe ihn schon im Autokorso durch Antalya.

87.

Tor. Für Braunschweig. Abwarten. Ich suche schon mal die Tasten W, U, N, D, E und R. Bin halt ’n Profi.

89.

Wie sie einander belauern! Bis zum bitteren Ende: Nürnberg macht jetzt auch das 3:1. Ich tippe schon mal: W. Und warte, dass Lieberknecht und Prinzen sich selbst einwechseln. Mit einem Jetpack auf dem Rücken.

90.

Doch es hilft alles nichts: Nürnberg kassiert noch das 1:4, steigt ab. Wie Braunschweig. Ich kondoliere. Und Hamburg darf in die Relegation. Ich gratuliere. Wie ich jemandem gratuliere, der einen Hunni auf der Straße findet, nachdem er betrunken auf dieselbe gestürzt ist.

93.

Nur die Bayern spielen noch. Sie können es einfach nicht ertragen, wenn sie mal nicht im Mittelpunkt stehen. Und dann fällt auch hier noch das 1:0. Pizarro. Ja, ganz toll. Kriegst ’n Eis.

17:25 Uhr

Der HSV rettet sich in die Relegation. Und fragt sich bang: Reicht eine Niederlage, wenn Fürth gleichzeitig verliert? Während Mirko Slomka und Rafael van der Vaart sich die T-Shirts mit der Aufschrift »Platz 16 – Ich war dabei« überstreifen und eine Ehrenrunde (Radius 0,5 Meter) laufen, steige ich jetzt in den 11FREUNDE-Keller ab und lese mir alte Vereinschroniken von Eintracht Braunschweig und dem 1. FC Nürnberg durch. Mmmmmh, Jörg Dittwar! Ganz unten: Euer 11FREUNDE-Ticker.


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