Deutschland
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Niederlande

Deutschland-Niederlande im 11FREUNDE-Liveticker

Schland des Lächelns

Welch ein Spiel! Man müsste es in Stein meißeln. Und heraus käme wohl der David von Michelangelo Löw: Mario Gomez. Zwei Tore, die in die Kunstgeschichte eingehen werden. Ist Mehmet Scholl etwa ein Banause? Das würde nie behaupten: der Ticker.

13:34 Uhr

Vor dem Brandenburger Tor laufen niederländische Fans mit ihrer Fahne auf und ab. »Schau an«, sagt ein Passant. »Die Masochisten warten auf den Anstoß.« Da fällt mir der alte Witz ein: Was sagt ein Sadist zum Masochisten? »Ich schlag dich nicht!« Denkt mal drüber nach.

13:37

Die Unterstützung aus Übersee ist Deutschland auch heute wieder sicher. Seht! (PS: Das Originalbild kommt natürlich nicht von uns. Sondern von Bembers. Danke für Geistesblitz)

13:46 Uhr

»Löw tobt vor dem wichtigen Spiel gegen Holland«, meldet bild.de. Angeblich habe ihn ein Fehlpass von Hummels im Training aufgeregt, heißt es, und er habe gebrüllt: »80 Prozent reichen nicht!« Wahnsinn, was heutzutage so alles unter »toben« und »brüllen« fällt. Darüber bin ich so wütend, dass ich meine Büropflanze heute nicht gießen werde. Irgendwen muss mein heiliger Zorn ja treffen.

15:43 Uhr

Damals, in meinem Hanuta-Sammelalbum zur WM 1986 gaben die deutschen Nationalspieler ja noch einige private Informationen preis. Briegel etwa aß gern Fleisch (»In allen Variationen«), Magath mochte am liebsten Sahnehering, Matthäus Hasenbraten mit Knödeln. Dazu hörten sie Lieder von Roland Kaiser, Peter Maffay und Willy Michl, dem bayrisch-indianischen Barden. Das war volksnah. Eine Umfrage in meiner Verwandtschaft hätte wohl Ähnliches zutage gefördert. 

Soviel verraten sie heute längst nicht mehr von sich, die Lahms und Schweinis. Es könnte der Öffentlichkeit ja ein falsches Bild bieten oder gar mit Werbeverträgen kollidieren. Man muss da sehr vorsichtig sein. Heute essen sie alle Pasta und Salat, trinken dazu stilles Wasser, mal ein Schörlchen, und Musik hören sie nur noch über monströse Nasa-Kopfhörer, mit denen sie sich vor uns abschotten. Signal nach außen: Was ich mir reinziehe, ist Privatsache. 

Man ahnt zwar, dass Kaiser, Maffay, Michl aus der Mode gekommen sein dürften, wüsste aber schon gern ein mehr über den Musikgeschmack der Stars: Hören sie Heavy Metal, wenn sie vor dem Anstoß, den Rasen prüfend, über den Platz schreiten? Immer noch Xavier Naidoo? Oder den Sampler mit Vogelgezwitscher aus dem Drogeriemarkt?

Das hätten wir wohl nie erfahren, wenn der Mannschaftsbus der Nationalmannschaft über einen Anschluss für MP3-Spieler verfügen würde. Er nimmt aber nur CDs, wie früher, als Mario Götze noch nicht geboren war. Die hat natürlich niemand mehr dabei, zu schwer, zu unhandlich, zu uncool. 

Und so saßen sie gestern da im Mannschaftsbus mit ihren Stöpseln, die nicht passten. Jetzt einfach wieder die Nasa-Kopfhörer aufziehen, das ging nicht, Deutschland ist ja eine Turniermannschaft, eine Einheit, da braucht es auch das gemeinsame Hör- und Singerlebnis. An diesem Ritual wenigstens hat sich nichts geändert, seit Sepp Herberger seinen Männern Plattenspieler in die Doppelzimmer stellte. 

Schließlich half ein Team des WDR: Es brannte zwei CDs mit 40 Liedern, auf Wunsch der Spieler mit Superhits von Casper, Coldplay und den Toten Hosen, wie der Sender selbst berichtete. »Das haben wir gern gemacht«, sagte WDR-Teamleiterin Sabine Töpperwien. »Mit Musik geht halt alles besser.

Und so wissen wir endlich wieder, was unsere Lieblinge gern hören, und können uns der Vorstellung hingeben, wie in einem durch die Ukraine preschenden Bus »Eisgekühlter Bommerlunder« aus den Boxen dröhnt. Podolski brüllt: »Lauter!«, Hummels und Badstuber singen Wange an Wange den Refrain, selbst Löw und Flick lassen sich schließlich mitreißen und schunkeln auf der vordersten Sitzbank mit wie einst Maria und Margot Hellwig.

Mit Musik geht halt alles besser. 

15:48 Uhr

Apropos: Hier die Elftal beim Warmsingen. (»Will man einmal Fußball spielen gehen / muss man lernen, und das ist nicht schön«)

15:52 Uhr

»Die Komplexe von Euch Deutschen gegenüber den Holländern«, schreibt und eine Leserin, »sind ja noch schlimmer als die der Österreicher hier gegenüber den Deutschen.« Ist mir zu kompliziert. Jetzt krieg ich Komplexe.

16:04 Uhr

Das ZDF überträgt das Spiel. Uns bleibt auch nichts erspart. Nichts bleibt uns erspart! Was nicht heißt, uns bliebe Bela Rethy erspart. Wir erinnern uns noch immer mit Grauen ans 3:0 im Herbst:

88. Minute

Ach, Rethy. Das Spiel ist toll, aber wenn dieser Mann redet, geht gar nichts mehr. Stellen Sie sich mal vor, liebe Fans, Sie hätten Beischlaf mit Ihrem Traumpartner, alles gelingt Ihnen, doch auf dem Nachtschränkchen sitzt Rethy und sagt: »Jaaaaa, das ist ein toller Jahresausklang für ihn.«

16:24 Uhr

11FREUNDE: Frau Amado, wer ist eigentlich Ihr Lieblingsdeutscher?

Marijke Amado: Na, DER hier.  

11FREUNDE: Wie fänden Sie es, wenn Arjen Robben heute einen Elfmeter schießen würde?

Marijke Amado: Na, so wie ich HIER gucke. 

11FREUNDE: Was verstehen Sie unter »Eier, wir brauchen Eier«?

Marijke Amado: DAS hier. Wieso?

11FREUNDE: Och, nur so. Tschü-hüs!

16:32 Uhr

Bild.de dichtet, etwas unrund: »Lahm muss Robben stoppen!« Muss aber nicht vielmehr Hummels mit van Persie per Sie sein? Boateng Kuyt häuten? Müller Mathijsen verspeisen? Schweini van Bommel pommeln? Bild.de? Hallo? Aufgelegt. Hmmm, pommeln!

17:10 Uhr

Dieses Spiel, man kann es nicht anders sagen, elektrisiert Gesamteuropa. Sekündlich erhalte ich nun Nachrichten von Kontaktmännern und -frauen aus allen Teilen dieses Kontinents. So sendet eine Freundin (deutsch) aus den Niederlanden bereits Klopfzeichen einer aufkommenden Panik: »Ist Krieg hier in Holland. Ich habe ein bisschen Angst um mein Haus.« Was nur bedeuten kann, dass sie sich mit einer Deutschlandflagge zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Schlechte Idee. Aber so kann man den eigentlich erloschenen Hass auch wieder schüren. Nun sitzt sie da also im Großraum Amsterdam und muss hoffen, dass der Krieg vorbeizieht: oder den holländischen Wölfen die Puste ausgeht. Kleiner Tipp aus Berlin, um mal wieder die Klischee-Keule rauszuholen: Mit einem Wohnwagen wäre das nicht passiert.

17:15 Uhr

Nun Post aus Kiew. Es schreibt ein befreundeter ukrainischer Dichter. Auf Deutsch. Worte des Zuspruchs: »Heute werde ich für Deutschland verwurzeln.« Das ist vielleicht das größte Bekenntnis für unser Land und seine junge Mannschaft seit dem Start dieses Turniers. Wenn sich nun schon die Ukrainer für Deutschland verwurzeln, kann tatsächlich nicht mehr viel schief gehen. Dagegen ist das öffentliche Daumendrücken der Kanzlerin nur lächerlicher Show-Patriotismus. Das wiederum aber eben von Angela Merkel, einer Frau wie eine Wurzel. Geht also schon wieder. 

17:20 Uhr

Für alle Freunde sinnloser Statistiken. Zwischenstand in Charkiw noch immer 0:0. 

18:00 Uhr

TOR!

Das hat mein Opa immer aus seinem Passat gebrüllt, wenn meine Oma die Garage nicht rechtzeitig aufgemacht hatte. Nur schon mal so als Test für eure Nerven, liebe Fans.

18:05 Uhr

Nachtrag zum Tor.

»Ein Tor oder töricht ist sinngemäß eine Person, die etwas nicht nachvollziehen kann, bevor sie es nicht selbst erlebt hat.« Klingt nach Mario Gomez, bevor er gegen Portugal getroffen hat. Wusste bis dahin ja auch nicht, wie es sich anfühlt, bei einem großen Turnier zu treffen. War also, bildzeitungsmäßig gesprochen, ein »Tor-Tor«. Ist jetzt aber, sollte er heute Abend dennoch nicht spielen, trotz Tor ein Tor. Wahnsinn! Aber wenn das stimmt, bin ich eines ganz bestimmt nicht: torgeil. 

19:00 Uhr

Halbzeit drüben beim Spiel der Portugiesen gegen Dänemark. Portugal führt mit 2:1, jene Portugiesen also, gegen die Deutschland mit 1:0 gewonnen hat. Gegen jene Dänen, die Holland überraschend 1:0 geschlagen haben. Wir rechnen kurz nach und kommen zu einem klaren Zwischenergebnis: Momentan steht es demnach 3:0 für Deutschland. Genial. Jetzt haben wir die Holländer schon ohne eine einzige Ballberührung vorgeführt. Wunderwelt Mathematik. 

19:10 Uhr

Bin ja verdammt froh, dass es heute gegen Holland und nicht schon gegen Dänemark geht. Nicht nur, weil dann heute plötzlich Sonntag wäre und ich mich fragen müsste, wo schon wieder die ganze Woche hin ist. Sondern auch, weil mir so, erstmal, der alte Witz meines Vaters erspart bleibt. Der fragte früher immer, Blick nach Norden: »Weißt Du, warum Dänemark so teuer ist, Lucas?« Ich, kindlich naiv, die Pointe nicht kommen sehend, schüttelte den Kopf. Und mein Vater, ohne Rücksicht auf das Kind in seinem Sohn, sagte dann, jedesmal: »Na, da gibst Du den 'ne Mark und den 'ne Mark.« Irgendwann aber ging das nicht mehr. Mit der D-Mark wurde auch dieser Witz aus unserer Familie getilgt. Allein dafür hat sich die Einführung des Euro schon gelohnt. 

19:25 Uhr

Hammer-News jetzt bei bild.de: »Jogis Jungs fahren ins Stadion!« Selbstverständlich in Großbuchstaben, also »JOGIS JUNGS FAHREN INS STADION«. Gleich dann, von den Machern von »Jogis Jungs fahren ins Stadion«, auch »Jogis Jungs steigen aus dem Mannschaftsbus« und, natürlich, Ehrensache, der Oberhammer: »Jogis Jungs ziehen sich ihre Trikots an«. Details dazu gibt es zeitnah im Newsflash des BILD-Partnersenders RTL II. Ist das hier spannend, bzw. SPANNEND!

19:35 Uhr

Höre gerade von einigen sich unaufgefordert zu Wort meldenden Experten, dass die Angst auch mitspielt. Sie sagen also mit besorgter Experten-Miene: »Die Angst spielt auch mit«. Okay, kann ja sein. Nur für wen? Für Podolski, den Mann, der auszog, das Fürchten zu lernen? Oder doch für Gomez? Sicher ist: Beide müssen zittern. Aus Angst vor der Angst selbst. 

19:45 Uhr

Höre im ZDF folgende Nachricht: Der DFB twittert, dass Löw mit derselben Aufstellung beginnen wird wie gegen Portugal. Weiß jetzt nicht, was schlimmer ist. Die Nachricht, dass der DFB neuerdings twittert, oder dass Gomez wieder spielt. Werde mein Unbehagen mal in die Welt posaunen. Via Twitter. Was der DFB kann, kann ich schon lange. Spiele ja heute auch mit derselben Aufstellung wie seit 26 Jahren schon.

19:56 Uhr

Portugal gewinnt 3:2 gegen Dänemark. Eine Sensation, so groß wie das Saarland, wie Marietta Slomka jetzt sagen würde. 

19:58 Uhr

O Gott. Ich habe vor der ZDF-Insel so viel Angst wie ein weiblich aussehender Straftäter vor Alcatraz. Hat Kahn eigentlich lebenslänglich?

20:11 Uhr

Hier ist, ohne Witz, gerade eine Frau in einer orangefarbenen Burka vorbeigelaufen. Lässt das ZDF jetzt Thilo Sarrazin einfliegen? 

20:21 Uhr

Es ist ein gespenstischer Kult: Wie konnte ich als Kind, vor 25 Jahren, mit Figürchen spielen, die aussahen wie der heutige Bundestrainer? Bin ich etwa Azteke? O großer Playmobil, ich bete dich an! Nimm das Blut dieser Ziege!

20:32 Uhr

Die KMH sieht, vor dem Meer, in ihrem Astronautenanzug, aus wie Charlton Heston in »Planet der Affen«. Ist Kahn die in den Sand gestürzte Freiheitsstatue?

20:33 Uhr

Irre: Noch 13 Minuten bis zum Anpfiff – und das ZDF spielt »Kick Off II«. 

20:33 Uhr

»Dieses Spiel ist Löws bisher größte Herausforderung bei diesem Turnier«, lässt uns einer dieser Vorberichte wissen. Eine mutige Prognose, wenn man bedenkt, dass es erst das zweite Spiel bei diesem Turnier ist. Sicher ist damit aber in jedem Fall: Das war der beste Vorbericht der ZDF seit dem davor. Und heute ist der beste Mittwoch seit letzten Donnerstag.

20:34 Uhr

Kahn tippt »ein ganz klares 2:1«. Und die Rentner auf der Geronto-Insel machen: »Jööööööh!« Was sie halt immer machen, wenn irgendwer was sagt. Warum bloß hat er sie nicht gefragt, ob sie mit ihm untergehen wollen?

20:37 Uhr

Manuel Neuer steht der Schweiß auf der Stirn. Schaut sich leicht angewidert auf die Hände. Sieht aus wie ein Schlachter, der eine halbe Stunde lang die Kuh nicht tot gekriegt hat. Und der könnte er ja tatsächlich auch sein, wenn er nicht so hoch und weit springen würde. Fußball, du soziales Vehilkel! Warum hast du mich nicht mitgenommen, als ich den Daumen rausgehalten habe? 

20:41 Uhr

Die Hymnen. Stimmung wie in Taizé. Wenn der Fußballgott das noch erlebt hätte!

20:42 Uhr

Klar ist leider jetzt schon: Deutschland ist chancenlos, weil numerisch hoffnungslos überlegen. Schließlich erreichten uns aus Charkiw gerade schockierende Bilder. Dort auf dem Platz tanzten hier, wenige Minuten vor dem Anpfiff gut fünfzig Holländer über den Rasen. Dehnten sich synchron. Löws Jungs aber sind immer noch zu elft. Wie sagt man so schön: Die Zahlen sprechen gegen uns.

20:43 Uhr

Es ist weihevoll, es ist fantastisch, es ist ein geiler Alptraum, ich fühle mich todesnah. Und Rethy labert, labert, labert, labert. So will ich aber bitte dann doch nicht sterben.

1. Minute

Spiel läuft. Und hört sich gleich nach dem Jahreskongress der Unsympathen an: »Nigel de Jong, Van Bommel«, sagt Rethy, der diese Veranstaltung natürlich mitorganisiert hat.

3.

»Gomez gegen zwei Mann«. Könnte ein Filmtitel aus den 80ern sein. Mit Marius Müller-Westernhagen als Gomez. Und Ottfried Fischer als die zwei Mann. Ist aber nur brotlose Kunst. Hat also nichts mit Ottfried Fischer zu tun.

4.

Foul von de Jong. Im Mittelfeld. So überraschend wie Post von Wagner. 

5.

Kein schlechter Start hier. Viel los. Würde mich jetzt über Unterstützung freuen. Aber Kollege Gieselmann kann nicht, macht »in Aufstellungen.« Ein Satz wie man ihn sonst nur in Italien hört. Wetten, irgendjemand?

8.

Schüsse. Viele. Van Persie, Özil, Pfosten, wieder van Persie. Namen. Viele. Gefühle. Viele.  

10.

Van Persie hat Hummels im Arsch. Kann trotzdem schießen. Respekt. 

12.

»Sharp«, schreibt die Bande – scharf. Da ist sie aber noch zurückhaltend. Was muss geschehen, damit sie das Spiel »hot« findet. Und seit wann sprechen Banden zu uns? 

13.

Özil hat sich, gleich nach seinem »Huf« (Paul Schockemöhle) über seine weit augerissenen Hans-Rosenthal-Augenpartie gewischt. Schade, sagten diese Augen. Egal, sagen wir, das war Spitze! Ein Lob aus einem Land vor unserer Zeit.

14.

So weit hat Robben es also mit seinem Eigensinn getrieben: Jetzt wollen sie noch nicht mal mehr seine Einwürfe entgegennehmen. 

15.

Hup, Holland, Hup – Ich kann es nicht mehr hören! Nicht hupen – Fahrer träumt vom Sieg für Deutschland!

17.

Van Persie. Vor dem hab ich Angst wie früher vor den französischen Austauschschülern: Die wollten mir auch immer was wegnehmen, Mädchen, Status im Freibad, servile Bewunderer. Wenn er auf dem Platz eine raucht, verpetze ich ihn. 

19.

»Robben, van der Wiel. Robben, van der Wiel«, sagt Rethy immer wieder. Was sich ja tatsächlich so anhört, als würde er einen Nachmittag im Sea World Rotterdam kommentieren, oder unaufhörlich den Namen eines niederländischen Minnesängers aus dem 16. Jahrhundert vor sich hinmurmeln. Beides spräche nicht für seine geistige Gesundheit. Aber es ist ja auch heiß dort in Charkiw.

20.

Der Beweis: Löw ist doch kein Gutmensch! Schlägt einem hilflosen Balljungen einfach den Ball aus der Hand, lacht dann auch noch gehässig. Der Generalablass für uns Otto-Normal-Arschlöcher. Hätte er dem Kind jetzt noch einen Popel an die Stirn geschmiert, könnte ich morgen beim Kaiser's eine Oma mit Mettwurst einseifen, und niemand würde daran Anstoß nehmen. Wahrscheinlich würde die Oma sogar sagen: »Ja, mei. Der Jogi macht's ja auch.« Högschd fragwürdig.

20.

Badstuber gegen Robben, Stirn gegen Hinterkopf. Robben blutet, Badstuber nicht. »Wieso bleibt da jetzt nur einer liegen?«, fragt eine anwesende Gelegenheitszuschauerin. »Hinten tut's mehr weh als vorne«, erkläre ich. Altherrenhaftes »Höhöhöhö« der Kenner im Raume. Achso. Ja. So kann man's natürlich auch verstehen. Ich mit roter Birne. Das ich das noch erleben darf.

24.

TOR! ICH LIEG MICH WUND!

25.

Gomez, der »sich wund liegt« (Fußball-»Experte« Mehmet Scholl), er legt vielmehr die Holländer wund, er legt meine Augen wund, denn ich kann mich nicht satt sehen! Welch ein Tor! Pass Schweini! Und dann die Drehung! Wie von Rudolf Nurejew! »Und der Rudi«, sagte Franz Beckenbauer, »war ja von einer anderen Fakultät.« Wie auch dieses Tor. Von einer anderen Fakultät auf einem anderen Planeten, den sich ein anderes Gehirn vorstellt als meines. 1:0. Das heißt, wir führen mit acht Toren. Oder? 

28.

Sorry, Freunde. Lange nichts mehr von mir gehört. Normal. Ich war eben kurz drüben in Holland, um im Vorgarten von Ronald Koeman meinen Arsch zu entblößen. Schöne Grüße!

29.

Und Gomez, er lächelt. Erleichtert. Über die Zweifel erhaben. Das Lächeln des Schlandes. Das Schland des Lächelns.

31.

Chance vorhin für uns, irgendwie halbgar. Soll ich das überhaupt noch erwähnen? Ich möchte mit euch, liebe Fans, eigentlich nur noch über Kunst reden, Ballett, Malerei, Gomez. Wer hat Lust, ihn mit mir in Stein zu meißeln? Morgen halb elf an der Volkshochschule Clausthal-Zellerfeld.

32.

Alles großartig hier. Schwarzrotgeil und so. Gomez großartig, Löws Intuition großartig, Zwischenstand großartig. Nur, denkt hier auch jemand mal an Miroslav Klose? Der sitzt dort draußen, mit einem lachenden und einem, tatsächlich, weinenden, weil blutunterlaufenen Auge. Und muss nun durch den roten Nebel mit ansehen, wie sich seine ehemalige Stammplatzgarantie Mario Gomez in die Liga der Unverzichtbaren schießt. Und das bei dem Turnier in der Heimat seiner Eltern. Wie wird er reagieren? Klatschen, weil er ja auch das Fairplay in Menschenform ist. Oder weinen, weil er auch das Sensible in Menschengestalt ist. Oder er macht, Übersprungshandlung, einen inneren Salto aus dem Stand. Den traurigsten Salto aller Zeiten.

35.

Chance Badstuber, was Martin Kree mit dem Fuß tat, tut er mit dem Kopf, doch gehalten. Was Erstaunliches zu Tage fördert: Wenn er enttäuscht ist, sieht er aus wie Mertesacker.

38.

TOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! DAS TOOOOOOOOOOOR ZUM HIMMEL!

39.

Und schon wieder der David von Michelangelo Löw! Mario Gomez, Statue, Held, der beste Mensch aller Zeiten, trifft aus spitzem Winkel, Vorlage von Schweinsteiger, der bitte jetzt nicht mehr so heißt, sondern Gottsteiger. Denn nicht vergessen in dieser Stunde: Wir stehen auf den Schultern von Göttern – Netzer, Schuster, Sammer. Lasst uns ihnen diesen Titel bringen. Und Mehmet Scholl muss von der Hölle aus zugucken.

41.

Ich habe es ja gesagt: Die liegen uns, die Holländer. Aber vor allem liegen sie Mario Gomez, bei dem man sehen kann, was Selbstbewusstsein aus einem Stürmer machen kann. Und auch, was ein Stürmer dann, gegen eine Mannschaft, die ihm liegt, aus diesem Selbstbewusstsein machen kann. Ich lege mich aber auch fest: 70 Prozent des zweiten Tores gehören Mehmet Scholl.

43.

Gegen wen spielen wir hier noch mal? Hessen Kassel? Wenn ja: Seit wann werden die von einer Orangensaftfirma gesponsert?  

45.

Was macht Robben? Fern ab vom Ball versucht er, mit Philipp Lahm zu schmusen. Der tut so, als kenne er ihn nicht. »Ich gebe keine Autogramme, Sie Arsch.« – »Aber wir duzen uns doch, Philipp!« 

47.

Jetzt Robben doch im Zentrum des Geschehens: Schweinsteiger mit dem Freistoß, »Ich will auch wieder mitmachen!«, schreit Robben, geht in diese Flanke mit dem Schädel, lenkt den Ball aufs Tor, rauft sich den Flaum. Keine Ecke. Bezeichnend. Stattdessen Halbzeit. Und der Schiri versucht, sein Trikot mit Gomez zu tauschen. Verständlich.

21:34 Uhr

Die Nachrichten. Moderiert von Maybrit Illner, die sich als Mario Gomez verkleidet hat. Sie redet ausnahmslos von Gomez. Lieblingsspeise, Lieblingsplatten, Lieblingsfilme. Und ich habe noch nie etwas derart Spannendes gesehen.

21:40 Uhr

Nun die Lottozahlen. Sie lauten. 2 zu 0. Zusatzzahl: 23. Reicht. Ganz Deutschland ist Millionär. Zumindest für heute Abend. Herzlichen Glückwunsch.

21:43 Uhr

Erstaunlich, wie erträglich selbst Rethy wird, wenn man sich ohnehin schon freut. Bin ich jetzt Modefan?

21:45 Uhr

Anruf bei Mehmet Scholl. Freizeichen, dann: »Hier Mehmet Schmoll!« Verwählt.

21:45 Uhr

Und nun muss Kahn auch noch »was zu Mario Gomez sagen«, findet Kathrin Müller-Hohenstein. Kahn sagt dann irgendwas über dessen brasilianische Technik. Geht aber alles im Heringsdorfer Jubel unter. Jubelrentner, ist auch mal was Neues. Ein Blick auf die Burberry-Klamotten aber offenbart: Die haben auch alle einen Perser zu Hause. Bodenbelag sponsored by Niebel

21:46 Uhr

»Wer soll die Niederländer jetzt noch führen, ich weiß es nicht«, fragt sich Kahn im Interview mit sich selbst. Antwort: Erstmal niemand. Deutschland stößt an.

46.

Huntelaar kommt. Der Hunter. Aber wen soll er jagen? Etwa Gomez? Das ist, als wollte ein Wiesel einen Elefanten anfallen.

47.

Holland braucht jetzt vor allem einen Leader. Und: Aggressivität. Van Marwijk aber nimmt erstmal van Bommel runter. Holland also jetzt mit umgekehrter Psychologie. Wenn's hilft.

48.

Die Bayern. Wenn ich nur wüsste, wie die Mehrzahl von Phoenix ist. Phoenixe? Phoenen? Egal: aus der Asche! Schweinsteiger – genial wie Wolfgang Amadeus Mozart. Müller – juvenil wie Billy the Kid. Gomez – cool wie Miles Davis. Lahm – zuverlässig wie Tom Buhrow. Der letzte Vergleich war nicht glamourös, schon klar. Aber hey: Was wären wir ohne Tom Buhrow? Eben. 

50.

Gomez nun dort, wo die Niederländer längst sind. Am Boden. Die Pantomime einer falsch interpretierten Völkerverständigung.

51.

Hummels, Hummels! Taucht jetzt vorn auf, wie auch Spaniens Piqué es immer mit brachialer Verdrängung tut, bloß skalpellartig präzise, schneidet tief ins Fleisch der niederländischen Abwehr. Mats' cut is the deepest.

54.

Wohnwagen zu Hohnwagen!

55.

Rethy hat nun den Fehler im System der Holländer gefunden: »Sie verkörpern zwei Mannschaften in einer. Sechs Spieler kümmern sich um die Defensive, vier um den Aufbau. Und dann ist da noch van der Vaart als Schaltstation.« Aha. Heißt also demnach: Holland spielt zu Zwölft, aber ohne Sturm. Das Negativ des Voetbal Totaal. Unschön. Unschöner nur, dass es Rethy als erstem aufgefallen ist. Ähnlich unschön, als würde man gegen den Klassenstreber bei Cluedo verlieren.

57.

Wie sehr Angela Merkel wohl ihren Boykott bereut? Den schweißnassen Heroen Schweinsteiger abbusseln, noch ein paar perlen am Kostüm mit nach Hause nehmen: Das wäre Ihr Preis gewesen, Kanzlerin! Stattdessen: ZDF-Gucken mit Ramsauer. Das ist die Staatstrauer.  

58.

Die Niederländer drücken, deshalb das Spiel jetzt offener, findet Rethy. Eine Analyse wie ein Besuch beim Proktologen. Und jetzt mal kurz husten, Bela!

63.

Mesut wie das Messer durch die Buttermilch. Hmm, Buttermilch. Hmm, Özilch.

64.

Boateng spielt auch mit. Bisher unauffällig, nicht zu sehen. Was das größte Lob für einen Abwehrspieler ist. Kann man bis hierhin auch sagen, hatte seine aufälligste Szene bei der Hymne. Wenn jetzt nicht noch Gina-Lisa Lohfink eingewechselt wird, kann das hier auch sein Spiel werden.

65.

»Continental«, schreibt die Bande nun auf sich selbst. Schon wieder untertrieben: Astral müsste es heißen. 

67.

Deutschland gönne sich eine »Verschnaufpause«, so Rethy nun. Das klingt nach Trimm-Dich-Pfad und Rheumaliga. Ich fordere ein neues Vokabular: Ätherische Phase, Minuten des Innehaltens – sie gedenken, dass sie sterblich sind. 

70.

Schürrle, Kroos und Klose laufen sich warm. Das ist, rein namentlich, der SPD-Vorstand der frühen Neunziger. Wann kommt Scharping? 

69.

Rethy ist geradezu ekelhaft überzeugt davon, dass hier nichts mehr passiert. Mit der Führung im Rücken spielt er sich jetzt auf, als hätte er beide Tore erzielt und sei zudem des Hellsehens fähig. Das Erste stimmt in keinem Fall. Das Zweite können wir nicht beurteilen. Sollte er aber tatsächlich in die Zukunft schauen können, sieht es nicht gut aus für uns. Denn dann kennt er all seine noch kommenden Reportagen bereits jetzt. Und wird nie wieser zu sprechen aufhören.

70.

Die erste Jahrhundertchance dieses noch so jungen Turniers. Robben im Strafraum. Macht, was er immer macht. Zieht mit links ab. Aber Boateng, der Jesus der Grätsche, wirft sich mit seinem Körper in diesen Schuss, wie er sich zuletzt nur in die Peinlichkeiten des Boulevards geworfen hat. Klärt den Ball mit der Rippe zur Ecke. Bleibt dann liegen. Hält sich die Rippe, aus der ihm der Fußballgott nach dem Spiel eine Frau schnitzen wird. Damit er nie wieder nachts nach Köpenick fahren muss.

72.

Konter. Ich schaue mir das ganz genau an, denn ich werde einige Konterbiere brauchen morgen früh. Und dann geht Gomez vom Platz, den man hoffentlich sofort in Eselsmilch badet und ihm in Riedlingen eine Pyramide baut.

74.

Tor. Ein gewisser van Persie. Durch Badstubers Badstube. Gut gemacht. Kann kein Holländer sein. Nur noch 2:1. Ein Zwischenergebnis, das so wenig repräsentativ ist wie eine Straßenumfrage in der Fuzo von Marzahn.

75.

Özil gegen irgendeinen Schnözil, vorbei, noch mal vorbei, will schießen, kann nicht, »korrekt vom Ball getrennt«, buchhaltert Rethy. Korrekt! Pah! 

76.

Isch gib disch gleisch korrrrekt, Alda: Mesut schlägt zurück. Foult einen Holländer, raus aus seinem Ghetto.

78.

Hektik, Hektik, Hektik. Ich atme wie ein gerade geborener Welpe. Jetzt müsste einer kommen wie so'n 40-jähriger Bauer bei den Alten Herren, der einfach mal sagt: »Ruuuuuuuuuuuuuuhig!« Es kommt Kroos. Kann der überhaupt schon sprechen?

80.

Ja, er spricht. »Gegen wen spielen wir?«, fragt er Schweini. Auch 'ne Art von Coolness.

82.

Es ist das hier nun eine Schlacht. Wütende Angriffe der Niederlande, großes Konfuzius-Theater in der deutschen Abwehr. Aber immerhin: Endlich ist hier wieder die Hitze drin, die man von dieser Paarung erwarten kann. Das war nach dem 2:0 zuvor schon so harmonisch still, dass wir kurz davor standen, uns selbst in die Locken zu rotzen. Damit wir zumindest irgendetwas spüren, was sich nach Deutschland-Holland anfühlt.

83.

Kuyt kommt, Robben geht, nein, er geht nicht, er rennt, springt über die Bande, seine tödlichen Blicke auf van Marwijk präziser als seine letzten zwanzig Elfmeter. 

85.

Wir wollen den Holländern nicht zu nahe treten. Sagen deshalb aus einigem journalistischen Abstand: Einige unter ihnen sehen schon aus wie die Jungs, die mit Autoscootern oder anderen Fahrgeschäften durch die Provinz tingeln. Wie die Dänen aus »Bang Boom Bang« oder die »New Kids«, nachdem sie sich den Schnauzer und die Vokuhila abrasiert haben. Kuyt nun mit dem nächsten Angriff. Genau: Und dann noch eine Runde über Kopf. Und im Hintergrund dröhnt »Snap!«.

86.

Sneijder, der blasse Brasilianer. Macht jetzt auch mal was. Schuss. Aha. So fühlt sich Angst an. Ganz vergessen. Danke dafür, blasser Brasilianer.

88.

Zeichen, wie integriert Boateng ist: Rethy nennt ihn »Boatenk«. Wir aber nennen ihn »Boah-Ey-Tank«.

89.

»Löw ist erschöpft von seinen Kommandos«, erfindet Rethy jetzt einen nicht nachzuweisenden Gemütszustand des Bundestrainers. Ersetzt man allerdings »Löw« durch »der Zuschauer« und »seinen Kommandos« durch »meinen Kommentaren«, dann ist es eine so kaum zu erwartende Selbstanalyse Rethys. Ersetzt man nun noch Rethy durch Nichts, ist auch niemand mehr erschöpft.

90.

Stekelenburg will nicht mehr, kann nicht mehr, gibt Klose einfach den Ball, da, nimm ihn, erlöse mich, aber Klose, der Bescheidene, lehnt ab, es wäre auch affig gewesen: Wir wollen die Gomez-Tore in Erinnerung behalten, keine Gummibälle, die holländischen Dauercampern aus dem Wohnwagen kullern. Gut so, Miro, dein Tor wird kommen!

91.

Löw bringt nun Bender. Den Mann, der bekanntlich 17 Kilometer pro Halbzeit laufen kann. Den Marathon-Mann. Spekuliert der Bundestrainer auf Verlängerung?

93.

Pfeif ab, Junge, pfeif ab. Wir wissen, du komponierst den Schlusspfiff noch, er soll was Besonderes sein, aber ein einfaches, scharfes »Piiiiiiep« reicht, wäre das Schönste jetzt, und da ist es, »Piiiiiiep«, »Piiiiiiep«, »Piiiiiiep«, ich hab Schland lieb.

22:37 Uhr

Deutschland 6 Punkte, Niederlande 0 – dennoch haben die Statistiker einen Witz für uns parat: Unter Voraussetzungen, die in etwa so klingen, als müsste Eddy the Eagle das olympische Schanzenspringen gewinnen, kann Deutschland noch rausfliegen und können die Niederlande weiterkommen. Egal, ihr Nerds. Feuerwerk über Berlin. Auf einer Rakete reitet Cacau vorbei. Winkt. Wäre gern dabei gewesen. Aber jetzt macht er das Beste draus. Feiner Kerl. Guten Flug noch, Cacau. Guten Flug noch, Deutschland.

22:39 Uhr.

Rethy schmeißt den ersten seiner nun folgenden Schluss-Sätze in die Freude nach dem Pfiff: »Deutschland zittert sich hier zum Sieg.« In der Hitze von Charkiw ist das ein kühnes Bild. Wobei mich Rethy sofort frösteln lässt. Er kann es immer noch: Mit wenigen Worten die Hölle zufrieren lassen. Wenn jetzt in Usedom die Wellen vereist sind, dann kann Roland Emmerich Rethys Biographie verfilmen, Arbeitstitel: »Blindependance Day«.

22:42 Uhr

Gomez im Interview über den Druck vor dem Spiel: »Es waren ein paar hundert Kilo auf den Schultern.« Aber Scholl wiegt doch höchstens 51. 

22:43 Uhr

Boateng, der wie immer so zerbrechlich-bockig klingt, wie ein Achtjähriger, der nicht wahrhaben will, dass er für seine zehn Cent keine Mickey Maus kriegt: »Und dann und dann und dann und dann und dann und dann ist das Wichtigste, dass wir gewonnen haben.« Welch ein schüchterner, dünnhäutiger Junge, der sich hier immer wieder für uns mit den Eiern zuerst in die Schüsse wirft. Ich muss weinen. Ganz im Ernst.

22:48 Uhr

Schweinsteiger im Interview, nur noch Haut und Knochen, wischt sich über die Wange, hört nicht, was er sagt, spult ab, sagt dann: »Bitte!« Haben wir überhaupt schon Danke gesagt?

22:50 Uhr

Van Bommel sieht aus wie Boris Spasky, nachdem er von Bobby Fischer besiegt wurde. Dann, in einer Wiederholung, die eigentlich schönste Szene des Spiels: Schweini tröstet ihn, hält ihn minutenlang, lässt ihn gar nicht mehr los. Man müsste es, wiederum, in Stein meißeln.

22:55 Uhr

Kathrin Müller-Hohenstein, die sich in der emotionalen Eiswüste auf Usedom die alte Skisprungexperten-Jacke von Dieter Thoma übergezogen hat, holt jetzt einen von ihr selbst verfassten Almanach (Poesiealbum mit Diddel-Motiv) aus der Tasche und lässt uns wissen. »Jetzt hat die deutsche Nationalmannschaft das zweite Spiel in einem Turnier gewonnen - Das gab es noch nie!« Kahn sagt erstmal lieber nichts. Schweigt. Sagt dann aber noch: »Die Mannschaft hat viele Lehren aus dem letzten Spiel mitgebracht.« Stimmt. Bleibt für uns nur festzuhalten: Das ZDF hat aus dem letzten Turnier überhaupt keine Lehren mitgebracht. Nur Leere. Eine Leere in Skisprungjacke.

23:00 Uhr

In Usedom gehen die Lichter aus, in Berlin aber »ist die Party noch lange nicht vorbei« wie uns die ZDF-Fanmeilen-Reporterin wissen lässt. Dort auf dem 17. Juni stand früher mal Anne Will und führte Interviews mit nicht nur von Liebe zugedröhnten Ravern. Ach, damals. Wie die Zeit vergeht. Allerdings wäre es damals, in den Dr.-Motte-Jahren, nahezu ausgeschlossen gewesen, dass eine deutsche Nationalmannschaft die Niederländer aus dem Weg räumt. So aber war es in diesem Heute in Charkiw, dem Gomez-Heute, ein Sieg wie in Stein gemeißelt. Und auch wir machen die Lichter aus und uns auf die Suche nach dem Schland des Lächelns, der Party, die »noch lange nicht vorbei« ist. Vorbei, ein dummes Wort! Aber auch das macht uns nicht. Tanzen wir mit der Dummheit. Vielleicht kommt Anne Will vorbei, bzw. »vorbei«. Vorbei auch wir. Gute Nacht!

23:00 Uhr

In Usedom gehen die Lichter aus, in Berlin aber "ist die Party noch lange nicht vorbei" wie uns die ZDF-Fanmeilen-Reporterin wissen lässt. Dort auf dem 17. Juni stand früher mal Anne Will und führte Interviews mit nicht nur von Liebe zugedröhnten Ravern. Ach, damals. Wie die Zeit vergeht. Allerdings wäre es damals, in den DR. Motte Jahren, nahezu ausgeschlossen gewesen, dass eine deutsche Nationalmannschaft die Niederländer aus dem Weg räumt. So aber war es in diesem Heute in Charkiw, dem Gomez-Heute, ein Sieg wie in Stein gemeißelt. Und auch wir machen die Lichter aus und uns auf die Suche nach dem Schland des Lächelns, der Party, die "noch lange nicht vorbei" ist. Vorbei, ein dummes Wort! Aber auch das macht uns nicht. Tanzen wir mit der Dummheit. Vielleicht kommt Anne Will vorbei, bzw. "vorbei". Vorbei auch wir. Gute Nacht!

22:55 Uhr

Kathrin Müller-Hohenstein, die sich in der emotionalen Eiswüste auf Usedom die alte Skisprungexperten-Jacke von Dieter Thoma übergezogen hat, holt jetzt einen von ihr selbst verfassten Almanach (Poesiealbum mit Diddle-Motiv) aus der Tasche und lässt uns wissen. "Jetzt hat die deutsche Nationalmannschaft das zweite Spiel in einem Turnier gewonnen - Das gab es noch nie!" Kahn sagt erstmal lieber nichts. Schweigt. Sagt dann aber noch: "Die Mannschaft hat viele Lehren aus dem letzten Spiel mitgebracht." Stimmt. Bleibt für uns nur festzuhalten: Das ZDF hat aus dem letzten Turnier überhaupt keine Lehren mitgebracht. Nur Leere. Eine Leere in Skisprungjacke.

22:50 Uhr

Van Bommel sieht aus wie Boris Spasky, nachdem er von Bobby Fischer besiegt wurde. Dann, in einer Wiederholung, die eigentlich schönste Szene des Spiels: Schweini tröstet ihn, hält ihn minutenlang, lässt ihn gar nicht mehr los. Man müsste es, wiederum, in Stein meißeln.

22:48 Uhr

Schweinsteiger im Interview, nur noch Haut und Knochen, wischt sich über die Wange, hört nicht, was er sagt, spult ab, sagt dann: »Bitte!« Haben wir überhaupt schon Danke gesagt?

22:43 Uhr

Boateng, der wie immer so zerbrechlich-bockig klingt, wie ein Achtjähriger, der nicht wahrhaben will, dass er für seine zehn Cent keine Mickey Maus kriegt: »Und dann und dann und dann und dann und dann und dann ist das Wichtigste, dass wir gewonnen haben.« Welch ein schüchterner, dünnhäutiger Junge, der sich hier immer wieder für uns mit den Eiern zuerst in die Schüsse wirft. Ich muss weinen. Ganz im Ernst.

22:42 Uhr

Gomez im Interview über den Druck vor dem Spiel: »Es waren ein paar Kilo auf den Schultern.« Aber Scholl wiegt doch höchstens 51. 

22:39 Uhr.

Rethy schmeißt den ersten seiner nun folgenden Schluss-Sätze in die Freude nach dem Pfiff: "Deutschland zittert sich hier zum Sieg." In der Hitze von Charkiw ist das ein kühnes Bild. Wobei mich Rethy sofort frösteln lässt. Er kann es immer noch: Mit wenigen Worten die Hölle zufrieren lassen. Wenn jetzt in Usedom die Wellen vereist sind, dann kann Roland Emmerich Rethys Biographie verfilmen, Arbeitstitel: "Blindependance Day".

22:37 Uhr

Deutschland 6 Punkte, Niederlande 0 – dennoch haben die Statistiker einen Witz für uns parat: Unter Voraussetzungen, die in etwa so klingen, als müsste Eddy the Eagle das olympische Schanzenspringen gewinnen, kann Deutschland noch rausfliegen und können die Niederlande weiterkommen. Egal, ihr Nerds. Feuerwerk über Berlin. Auf einer Rakete reitet Cacau vorbei. Winkt. Wäre gern dabei gewesen. Aber jetzt macht er das Beste draus. Feiner Kerl. Guten Flug noch, Cacau. Guten Flug noch, Deutschland.

93.

Pfeif ab, Junge, pfeif ab. Wir wissen, du komponierst den Schlusspfiff noch, er soll was Besonderes sein, aber ein einfaches, scharfes »Piiiiiiep« reicht, wäre das Schönste jetzt, und da ist es, »Piiiiiiep«, »Piiiiiiep«, »Piiiiiiep«, ich hab Schland lieb.

91.

Löw bringt nun Bender. Den Mann, der bekanntlich 17 Kilometer pro Halbzeit laufen kann. Den Marathon-Mann. Spekuliert der Bundestrainer auf Verlängerung?

90.

Stekelenburg macht will nicht mehr, kann nicht mehr, gibt Klose einfach den Ball, da, nimm ihn, erlöse mich, aber Klose, der Bescheidene, lehnt ab, es wäre auch affig gewesen: wir wollen die Gomez-Tore in Erinnerung behalten, keine Gummibälle, die holländischen Dauercampern aus dem Wohnwagen kullern. Gut so, Miro, dein Tor wird kommen!

89.

Löw ist erschöpft von seinen Kommandos, erfindet Rethy jetzt einen nicht nachzuweisenden Gemütszustand des Bundestrainers. Ersetzt man allerdings "Löw" durch "der Zuschauer" und "seinen Kommandos" durch "meinen Kommentaren", dann ist es eine so kaum zu erwartende Selbstanalyse Rethys. Ersetzt man nun noch Rethy durch Nichts, ist auch niemand mehr erschöpft.

88.

Zeichen, wie integriert Boateng ist: Rethy nennt ihn »Boatenk«. Wir aber nennen ihn »Boah-Ey-Tank«.

86.

Sneijder, der blasse Brasilianer. Macht jetzt auch mal was. Schuss. Aha. So fühlt sich Angst an. Ganz vergessen. Danke dafür, blasser Brasilianer.

85.

Wir wollen den Holländern nicht zu nahe treten. sagen deshalb aus einigem journalistischen Abstand: Einige unter ihnen sehen schon aus wie die Jungs, die mit Autoscootern oder anderen Fahrgeschäften durch die Provinz tingeln. Wie die Dänen aus Bang Boom Bang oder die New Kids, nachdem sie sich den Schnauzer und die Vokuhila abrasiert haben. Kuyt nun mit dem nächsten Angriff. Genau: Und dann noch eine Runde über Kopf. Und im Hintergrund dröhnt Snap!

83.

Kuyt kommt, Robben geht, nein, er geht nicht, er rennt, springt über die Bande, seine tödlichen Blicke auf van Marwijk präziser als seine letzten zwanzig Elfmeter. 

82.

Es ist das hier nun eine Schlacht. Wütende Angriffe der Niederlande, großes Konfuzius-Theater in der deutschen Abwehr. Aber immerhin: Endlich ist hier wieder die Hitze drin, die man von dieser Paarung erwarten kann. Das war nach dem 2:0 zuvor schon so harmonisch still, dass wir kurz davor standen, uns selbst in die Locken zu roten. Damit wir zumindest irgendetwas spüren, as sich nach Deutschland-Holland anfühlt.

80.

Ja, er spricht. »Gegen wen spielen wir?«, fragt er Schweini. Auch 'ne Art von Coolness.

78.

Hektik, Hektik, Hektik. Ich atme wie ein gerade geborener Welpe. Jetzt müsste einer kommen wie so'n 40-jähriger Bauer bei den Alten Herren, der einfach mal sagt: »Ruuuuuuuuuuuuuuhig!« Es kommt Kroos. Kann der überhaupt schon sprechen?

76.

Isch gib disch gleisch korrrrekt, Alda: Mesut schlägt zurück. Foult einen Holländer aus seinem Ghetto.

75.

Özil gegen irgendeinen Schnözil, vorbei, noch mal vorbei, will schießen, kann nicht, »korrekt vom Ball getrennt«, buchhaltert Rethy. Korrekt! Pah! 

74.

Tor. Ein gewisser van Persie. Durch Badstubers Badstube. Gut gemacht. Kann kein Holländer sein. Nur noch 2:1. Ein Zwischenergebnis, das so wenig repräsentativ ist wie eine Straßenumfrage in der Fuzo von Marzahn.

72.

Konter. Ich schaue mir das ganz genau an, denn ich werde einige Konterbiere brauchen morgen früh. Und dann geht Gomez, den man hoffentlich sofort in Eselsmilch badet und ihm in Riedlingen eine Pyramide baut.

70.

Die erste Jahrhundertchance dieses noch so jungen Turniers. Robben im Strafraum. Macht, was er immer macht. Zieht mit links ab. Aber Boateng, der Jesus der Grätsche wirft sich mit seinem Körper in diesen Schuss, wie er sich zuletzt nur in die Peinlichkeiten des Boulevards geworfen hat. Klärt den Ball mit der Rippe zur Ecke. Bleibt dann liegen. Hält sich die Rippe, aus der ihm der Fußballgott nach dem Spiel eine Frau schnitzen wird. Damit er nie wieder nachts nach Köpenick fahren muss.

69.

Rethy ist geradezu ekelhaft überzeugt davon, dass hier nichts mehr passiert. Mit der Führung im Rücken spielt er sich jetzt auf, als hätte er beide Tore erzielt und sei zudem des Hellsehens fähig. Das Erste stimmt in keinem Fall. Das Zweite können wir nicht beurteilen. Sollte er aber tatsächlich in die Zukunft schauen können, sieht es nicht gut aus für uns. Denn dann kennt er all seine noch kommenden Reportagen bereits jetzt. Und wird nie wieser zu sprechen aufhören.

70.

Schürrle, Kroos und Klose laufen sich warm. Das ist, rein namentlich, der SPD-Vorstand der frühen Neunziger. Ohne Scharping. 

67.

Deutschland gönne sich eine »Verschnaufpause«, so Rethy nun. Das klingt nach Trimm-Dich-Pfad und Rheumaliga. Ich fordere ein neues Vokabular: Ätherische Phase, Minuten des Innehaltens – sie gedenken, dass sie sterblich sind. 

65.

»Continental«, schreibt die Bande nun auf sich selbst. Schon wieder untertrieben: Monumental müsste es heißen. 

64.

Boateng spielt auch mit. Bisher unauffällig, nicht zu sehen. Was das größte Lob für einen Abwehrspieler ist. Kann man bis hierhin auch sagen, hatte seine aufälligste Szene bei der Hymne. Wenn jetzt nicht noch Gina-Lisa Lohfink eingewechselt wird, kann das hier auch sein Spiel werden.

63.

Mesut wie das Messer durch die Buttermilch. Hmm, Buttermilch. Hmm, Özilch.

58.

Die Niederländer drücken, deshalb das Spiel jetzt offener, findet Rethy. Eine Analyse wie ein Besuch beim Proktologen. Und jetzt mal kurz husten, Bela!

57.

Wie sehr Angela Merkel wohl ihren Boykott bereut? Den schweißnassen Heroen Schweinsteiger abbusseln, noch ein paar Perlen am Kostüm mit nach Hause nehmen: Das wäre Ihr Preis gewesen, Kanzlerin! Stattdessen: ZDF-Gucken mit Ramsauer. Das ist die Staatstrauer.  

55.

Rethy hat nun den Fehler im System der Holländer gefunden: "Sie verkörpern zwei Mannschaften in einer. Sechs Spieler kümmern sich um die Defensive, vier um den Aufbau. Und dann ist da noch van der Vaart als Schaltstation." Aha. Heißt also demnach: Holland spielt zu Zwölft aber ohne Sturm. Das Negativ des Fußball Totaal. Unschön. Unschöner nur, dass es Rethy als erstem aufgefallen ist. Ähnlich unschön, als würde man gegen den Klassenstreber bei Cluedo verlieren.

54.

Wohnwagen zu Hohnwagen!

51.

Hummels, Hummels! Taucht jetzt vorn auf, wie auch Spaniens Piqué es immer mit brachialer Verdrängung tut, bloß skalpellartig präzise, schneidet tief ins Fleisch der niederländischen Abwehr. Mats' cut is the deepest.

50.

Gomez nun dort, wo die Niederländer längst sind. Am Boden. Die Pantomime einer falsch interpretierten Völkerverständigung.

48.

Die Bayern. Wenn ich nur wüsste, wie die Mehrzahl von Phoenix ist. Phoenixe? Phoenen? Egal: aus der Asche! Schweinsteiger – genial wie Wolfgang Amadeus Mozart. Müller – juvenil wie Billy the Kid. Gomez – cool wie Miles Davis. Lahm – zuverlässig wie Tom Buhrow. Der letzte Vergleich war nicht glamourös, schon klar. Aber hey: Was wären wir ohne Tom Buhrow? Eben. 

47.

Holland braucht jetzt vor allem einen Leader. Und: Aggressivität. Van Marwijk aber nimmt erstmal van Bommel runter. Holland also jetzt mit umgekehrter Psychologie. Wenn's hilft.

46.

"Wer soll die Niederländer jetzt noch führen, ich weiß es nicht", fragt sich Kahn im Interview mit sich selbst. Antwort: Erstmal niemand. Deutschland stößt an.

21:46 Uhr

Huntelaar kommt. Der Hunter. Aber wen soll er jagen? Etwa Gomez? Das ist, als wollte ein Wiesel einen Elefanten anfallen.

21:45 Uhr

Und nun muss Kahn auch noch "was zu Mario Gomez sagen", findet Kathrin Müller-Hohenstein. Kahn sagt dann irgendwas über dessen brasilianische Technik. Geht aber alles im Heringsdorfer Jubel unter. Jubelrentner, ist auch mal was Neues. Ein Blick auf die Burberry-Klamotten aber offenbart: Die haben auch alle einen Perser zu Hause. Bodenbelag sponsored by Niebel.

21:45 Uhr

Anruf bei Mehmet Scholl. Freizeichen, dann: »Hier Mehmet Schmoll!« Verwählt.

21:43 Uhr

Erstaunlich, wie erträglich selbst Rethy wird, wenn man sich ohnehin schon freut. Bin ich jetzt Modefan?

21:40 Uhr

Nun die Lottozahlen. Sie lauten. 2 zu 0. Zusatzzahl: 23. Reicht. Ganz Deutschland ist Millionär. Zumindest für heute Abend. Herzlichen Glückwunsch.

21:34 Uhr

Die Nachrichten. Moderiert von Maybrit Illner, die sich als Mario Gomez verkleidet hat. Sie redet ausnahmslos von Gomez. Lieblingsspeise, Lieblingsplatten, Lieblingsfilme. Und ich habe noch nie etwas derart Spannendes gesehen.

47.

Jetzt Robben doch im Zentrum des Geschehens: Schweinsteiger mit dem Freistoß, »Ich will auch wieder mitmachen!«, schreit Robben, geht in diese Flanke mit dem Schädel, lenkt den Ball aufs Tor, rauft sich den Flaum. Keine Ecke. Bezeichnend. Stattdessen Halbzeit. Und der Schiri versucht, sein Trikot mit Gomez zu tauschen. Verständlich.

45.

Was macht Robben? Fern ab vom Ball versucht er, mit Philipp Lahm zu schmusen. Der tut so, als kenne er ihn nicht. »Ich gebe keine Autogramme, Sie Arsch.« – »Aber wir duzen uns doch.« 

43.

Gegen wen spielen wir hier noch mal? Hessen Kassel? Wenn ja: Seit wann werden die von einer Orangensaftfirma gesponsert?  

41.

Ich habe es ja gesagt: Die liegen uns, die Holländer. Aber vor allem liegen sie Mario Gomez, bei dem man sehen kann, was Selbstbewusstsein aus einem Stürmer machen kann. Und auch, was ein Stürmer dann, gegen eine Mannschaft, die ihm liegt, aus diesem Selbstbewusstsein machen kann. Ich lege mich aber auch fest: 70 Prozent des zweiten Tores gehören Mehmet Scholl.

39.

Und schon wieder der David von Michelangelo Löw! Mario Gomez, Statue, Gott, der beste Mensch aller Zeiten, trifft aus spitzem Winkel, Vorlage von Schweinsteiger, der bitte jetzt nicht mehr so heißt, sondern Gottsteiger. Denn nicht vergessen in dieser Stunde: Wir stehen auf den Schultern von Göttern – Netzer, Schuster, Sammer. Lasst uns ihnen diesen Titel bringen. Und Mehmet Scholl muss von der Hölle aus zugucken.

38.

TOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! DAS TOOOOOOOOOOOR ZUM HIMMEL!

35.

Chance Badstuber, was Martin Kree mit dem Fuß tat, tut er mit dem Kopf, doch gehalten. Was Erstaunliches zu Tage fördert: Wenn er enttäuscht ist, sieht er aus wie Mertesacker.

32.

Alles großartig hier. Schwarzrotgeil und so. Gomez großartig, Löws Intuition großartig, Zwischenstand großartig. Nur, denkt hier auch jemand mal an Miroslav Klose. Der sitzt dort draußen, mit einem lachenden und einem, tatsächlich, weinenden, weil blutunterlaufenen Auge. Und muss nun durch den roten Nebel mit ansehen, wie sich seine ehemalige Stammplatzgarantie Mario Gomez in die Liga der Unverzichtbaren schießt. Und das bei dem Turnier in der Heimat seiner Eltern. Wie wird er reagieren? Klatschen, weil er ja auch das Fairplay in Menschenform ist. Oder weinen, weil er auch das Sensible in Menschengestalt ist. Oder er macht, Übersprungshandlung, einen inneren Salto aus dem Stand. Den traurigsten Salto aller Zeiten.

31.

Chance vorhin für uns, irgendwie halbgar. Soll ich das überhaupt noch erwähnen? Ich möchte mit euch, liebe Fans, eigentlich nur noch über Kunst reden, Ballett, Malerei, Gomez. Wer hat Lust, ihn mit mir in Stein zu meißeln? Morgen halb elf an der Volkshochschule Clausthal-Zellerfeld.

29.

Gomez lächelt. Das Lächeln des Schlandes. Das Schland des Lächelns.

28.

Sorry, Freunde. Lange nichts mehr von mir gehört. Normal. Ich war eben kurz drüben in Holland, um im Vorgarten von Ronald Koeman meinen Arsch zu entblößen. Schöne Grüße!

25.

Gomez, der »Wundlieger« (Fußball-»Experte« Mehmet Scholl), er legt tatsächlich die Holländer wund, er legt meine Augen wund, denn ich kann mich nicht satt sehen! Welch ein Tor! Pass Schweini! Und dann die Drehung! Wie von Rudolf Nurejew! »Und der Rudi«, sagte Beckenbauer, »war ja von einer anderen Fakultät.« Wie auch dieses Tor. Von einer anderen Fakultät auf einem anderen Planeten, den sich ein anderes Gehirn vorstellt als meines. 1:0. Das heißt, wir führen mit acht Toren. Oder? 

24.

TOR! ICH LIEG MICH WUND!

20.

Badstuber gegen Robben, Stirn gegen Hinterkopf. Robben blutet, Badstuber nicht. »Wieso bleibt da jetzt nur einer liegen?«, fragt eine anwesende Gelegenheitszuschauerin. »Hinten tut's mehr weh als vorne«, erkläre ich. Altherrenhaftes »Höhöhöhö« der Kenner im Raume. Achso. Ja. So kann man's auch sehen. Ich mit roter Birne. Das ich das noch erleben darf.

20.

Der Beweis: Löw ist doch kein Gutmensch! Schlägt einem hilflosen Balljungen einfach den Ball aus der Hand, lacht dann auch noch gehässig. Der Generalablass für uns Otto-Normal-Arschlöcher. Hätte er dem Kind jetzt noch einen Popel an die Stirn geschmiert, könnte ich morgen beim Kaiser's eine Oma mit Mettwurst einseifen und niemand würde daran Anstoß nehmen. Wahrscheinlich würde die Oma sogar sagen: "Ja, mei. Der Jogi macht's ja auch." Högschd fragwürdig.

19.

"Robben, van der Wiel. Robben, van der Wiel", sagt Rethy immer wieder. Was sich ja tatsächlich so anhört, als würde er einen Nachmittag im Sea World Rotterdam kommentieren, oder unaufhörlich den Namen eines niederländischen Minnesänger aus dem 16. Jahrhundert vor sich hinmurmeln. Beides spräche nicht für seine geistige Gesundheit. Aber es ist ja auch heiß dort in Charkiw.

17.

Van Persie. Vor dem hab ich Angst wie früher vor den französischen Austauschschülern: Die wollten mir auch immer was wegnehmen, Mädchen, Status im Freibad, servile Bewunderer. Wenn er auf dem Platz raucht, verpetze ich ihn. 

15.

Hup Holland Hup! Ich kann es nicht mehr hören! Nicht hupen – Fahrer träumt vom Sieg für Deutschland!

14.

So weit hat Robben es also mit seinem Eigensinn getrieben: Jetzt wollen sie noch nicht mal mehr seine Einwürfe entgegennehmen. 

13.

Özil hat sich, gleich nach seinem "Huf" (Paul Schockemöhle) über seine weit augerissenen Hans-Rosenthal-Augenpartie gewischt. Schade, sagten diese Augen. Egal, sagen wir, das war Spitze! Ein Lob aus einem Land vor unserer Zeit.

12.

»Sharp«, schreibt die Bande – scharf. Da ist sie aber noch zurückhaltend. Was muss geschehen, damit sie das Spiel »hot« findet. Und seit wann sprechen Banden zu uns? 

10.

Van Persie hat Hummels im Arsch. Kann trotzdem schießen. Respekt. 

8.

Schüsse. Viele. Van Persie, Özil, wieder van Persie. Namen. Viele. Gefühle. Viele.  

5.

Kein schlechter Start hier. Viel los. Würde mich jetzt über Unterstützung freuen. Aber Kollege Gieselmann kann nicht, macht "in Aufstellungen." Ein Satz wie man ihn sonst nur in Italien hört. Wetten, irgendjemand?

4.

Foul von de Jong. Im Mittelfeld. So überraschend wie Post von Wagner. In der Bild.

3.

"Gomez gegen zwei Mann". Könnte ein Filmtitel aus den 80ern sein. Mit Marius Müller-Westernhagen als Gomez. Und Ottfried Fischer als die zwei Mann. Ist aber nur brotlose Kunst. Hat also nichts mit Ottfried Fischer zu tun.

1. Minute

Spiel läuft. Und hört sich gleich nach dem Jahreskongress der Unsympathen an: "Nigel de Jong, Van Bommel", sagt Rethy, der diese Veranstaltung natürlich mitorganisiert hat.

20:43 Uhr

Es ist weihevoll, es ist fantastisch, es ist ein Alptraum, ich fühle mich todesnah. Und Rethy labert, labert, labert, labert. So will ich nicht sterben.

20:42 Uhr

Klar ist leider jetzt schon: Deutschland ist chancenlos, weil numerisch hoffnungslos überlegen. Schließlich erreichten uns aus Charkiw gerade schockierende Bilder. Dort auf dem Platz tanzten hier, wenige Minuten vor dem Anpfiff gut fünfzig Holländer über den Rasen. Dehnten sich synchron. Löws Jungs aber sind immer noch zu elft. Wie sagt man so schön: Die Zahlen sprechen gegen uns.

20:41 Uhr

Die Hymnen. Stimmung wie in Taizé. Wenn der Fußballgott das noch erlebt hätte!

20:37 Uhr

Manuel Neuer steht der Schweiß auf der Stirn. Schaut sich leicht angewidert auf die Hände. Sieht aus wie ein Schlachter, der eine halbe Stunde lang die Kuh nicht tot gekriegt hat. Und der könnte er ja tatsächlich auch sein, wenn er nicht so hoch und weit springen würde. Fußball, du soziales Vehilkel! Warum hast du mich nicht mitgenommen, als ich den Daumen rausgehalten habe? 

20:34 Uhr

Kahn tippt »ein ganz klares 2:1«. Und die Rentner auf der Geronto-Insel machen: »Jööööööh!« Was sie halt immer machen, wenn irgendwer was sagt. Warum bloß hat er sie nicht gefragt, ob sie mit ihm untergehen wollen?

20:33 Uhr

"Dieses Spiel ist Löws bisher größte Herausforderung bei diesem Turnier", lässt uns einer dieser Vorberichte wissen. Eine mutige Prognose, wenn man bedenkt, dass es erst das zweite Spiel bei diesem Turnier ist. Sicher ist damit aber in jedem Fall: Das war der beste Vorbericht der ZDF seit dem davor. Und heute ist der beste Mittwoch seit letzten Donnerstag.

20:33 Uhr

Irre: Noch 13 Minuten bis zum Anpfiff – und das ZDF spielt »Kick Off II«. 

20:32 Uhr

Die KMH sieht, vor dem Meer, in ihrem Astronautenanzug, aus wie Charlton Heston in »Planet der Affen«. Ist Kahn die in den Sand gestürzte Freiheitsstatue?

20:21 Uhr

Es ist ein gespenstischer Kult: Wie konnte ich als Kind, vor 25 Jahren, mit Figürchen spielen, die aussahen wie der heutige Bundestrainer? Bin ich etwa Azteke? O großer Playmobil, ich bete dich an! Nimm das Blut dieser Ziege!

20:11 Uhr

Hier ist, ohne Witz, gerade eine Frau in einer orangefarbenen Burka vorbeigelaufen. Lässt das ZDF jetzt Thilo Sarrazin einfliegen? 

19:58 Uhr

O Gott. Ich habe vor der ZDF-Insel so viel Angst wie ein weiblich aussehender Straftäter vor Alcatraz. Hat Kahn eigentlich lebenslänglich?

19:56 Uhr

Portugal gewinnt 3:2 gegen Dänemark. Eine Sensation, so groß wie das Saarland, wie Marietta Slomka sagen würde. 

19:45 Uhr

Höre im ZDF folgende Nachricht: Der DFB twittert, dass Löw mit derselben Aufstellung beginnen wird wie gegen Portugal. Weiß jetzt nicht, was schlimmer ist. Die Nachricht, dass der DFB neuerdings twittert, oder dass Gomez wieder spielt. Werde mein Unbehagen mal in die Welt posaunen. Via Twitter. Was der DFB kann, kann ich schon lange. Spiele ja heute auch mit derselben Aufstellung wie seit 26 Jahren schon.

19:35 Uhr

Höre gerade von einigen sich unaufgefordert zu Wort meldenden Experten, dass die Angst auch mitspielt. Sie sagen also mit besorgter Experten-Miene: »Die Angst spielt auch mit«. Okay, kann ja sein. Nur für wen? Für Podolski, den Mann, der auszog, das Fürchten zu lernen? Oder doch für Gomez? Sicher ist: Beide müssen zittern. Aus Angst vor der Angst selbst. 

19:25 Uhr

Hammer-News jetzt bei bild.de: »Jogis Jungs fahren ins Stadion!« Selbstverständlich in Großbuchstaben, also »JOGIS JUNGS FAHREN INS STADION«. Gleich dann, von den Machern von »Jogis Jungs fahren ins Stadion«, auch »Jogis Jungs steigen aus dem Mannschaftsbus« und, natürlich, Ehrensache, der Oberhammer: »Jogis Jungs ziehen sich ihre Trikots an«. Details dazu gibt es zeitnah im Newsflash des BILD-Partnersenders RTL II. Ist das hier spannend, bzw. SPANNEND!

19:10 Uhr

Bin ja verdammt froh, dass es heute gegen Holland und nicht schon gegen Dänemark geht. Nicht nur, weil dann heute plötzlich Sonntag wäre und ich mich fragen müsste, wo schon wieder die ganze Woche hin ist. Sondern auch, weil mir so, erstmal, der alte Witz meines Vaters erspart bleibt. Der fragte früher immer, Blick nach Norden: "Weißt Du, warum Dänemark so teuer ist, Lucas?" Ich, kindlich naiv, die Pointe nicht kommen sehend, schüttelte den Kopf. Und mein Vater, ohne Rücksicht auf das Kind in seinem Sohn, sagte dann, jedesmal: "Na, da gibst Du den 'ne Mark und den 'ne Mark." Irgendwann aber ging das nicht mehr. Mit der D-Mark wurde auch dieser Witz aus unserer Familie getilgt. Allein dafür hat sich die Einführung des Euro schon gelohnt. 

19:00 Uhr

Halbzeit drüben beim Spiel der Portugiesen gegen Dänemark. Portugal führt mit 2:1, jene Portugiesen also, gegen die Deutschland mit 1:0 gewonnen hat. Gegen jene Dänen, die Holland überraschend 1:0 geschlagen haben. Wir rechnen kurz nach und kommen zu einem klaren Zwischenergebnis: Momentan steht es demnach 3:0 für Deutschland. Genial. Jetzt haben wir die Holländer schon ohne eine einzige Ballberührung vorgeführt. Wunderwelt Mathematik. 

18:05 Uhr

Nachtrag zum Tor.

»Ein Tor oder töricht ist sinngemäß eine Person, die etwas nicht nachvollziehen kann, bevor sie es nicht selbst erlebt hat.« Klingt nach Mario Gomez, bevor er gegen Portugal getroffen hat. Wusste bis dahin ja auch nicht, wie es sich anfühlt, bei einem großen Turnier zu treffen. War also, bildzeitungsmäßig gesprochen, ein »Tor-Tor«. Ist jetzt aber, sollte er heute Abend dennoch nicht spielen, trotz Tor ein Tor. Wahnsinn! Aber wenn das stimmt, bin ich eines ganz bestimmt nicht: torgeil. 

18:00 Uhr

TOR!

Das hat mein Opa immer aus seinem Passat gebrüllt, wenn meine Oma die Garage nicht rechtzeitig aufgemacht hatte. Nur schon mal so als Test für eure Nerven, liebe Fans.

17:20 Uhr

Für alle Freunde sinnloser Statistiken. Zwischenstand in Charkiw noch immer 0:0. 

17:15 Uhr

Nun Post aus Kiew. Es schreibt ein befreundeter ukrainischer Dichter. Auf Deutsch. Worte des Zuspruchs: »Heute werde ich für Deutschland verwurzeln.« Das ist vielleicht das größte Bekenntnis für unser Land und seine junge Mannschaft seit dem Start dieses Turniers. Wenn sich nun schon die Ukrainer für Deutschland verwurzeln, kann tatsächlich nicht mehr viel schief gehen. Dagegen ist das öffentliche Daumendrücken der Kanzlerin nur lächerlicher Show-Patriotismus. Das wiederum aber eben von Angela Merkel, einer Frau wie eine Wurzel. Geht also schon wieder. 

17:10 Uhr

Dieses Spiel, man kann es nicht anders sagen, elektrisiert Gesamteuropa. Sekündlich erhalte ich nun Nachrichten von Kontaktmännern und -frauen aus allen Teilen dieses Kontinents. So sendet eine Freundin (deutsch) aus den Niederlanden bereits Klopfzeichen einer aufkommenden Panik: »Ist Krieg hier in Holland. Ich habe ein bisschen Angst um mein Haus.« Was nur bedeuten kann, dass sie sich mit einer Deutschlandflagge zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Schlechte Idee. Aber so kann man den eigentlich erloschenen Hass auch wieder schüren. Nun sitzt sie da also im Großraum Amsterdam und muss hoffen, dass der Krieg vorbeizieht: oder den holländischen Wölfen die Puste ausgeht. Kleiner Tipp aus Berlin, um mal wieder die Klischee-Keule rauszuholen: Mit einem Wohnwagen wäre das nicht passiert.

16:32 Uhr

Bild.de dichtet, etwas unrund: »Lahm muss Robben stoppen!« Muss aber nicht vielmehr Hummels mit van Persie per Sie sein? Boateng Kuyt häuten? Müller Mathijsen vereisen? Schweini van Bommel pommeln? Bild.de? Hallo? Aufgelegt. Hmmm, pommeln!

16:24 Uhr

11FREUNDE: Frau Amado, wer ist eigentlich Ihr Lieblingsdeutscher?

Marijke Amado: Na, DER hier.  

11FREUNDE: Wie fänden Sie es, wenn Arjen Robben heute einen Elfmeter schießen würde?

Marijke Amado: Na, so wie ich HIER gucke. 

11FREUNDE: Was verstehen Sie unter »Eier, wir brauchen Eier«?

Marijke Amado: DAS hier. Wieso?

11FREUNDE: Och, nur so. Tschü-hüs!

16:04 Uhr

Das ZDF überträgt das Spiel. Uns bleibt auch nichts erspart. Nichts bleibt uns erspart! Was nicht heißt, uns bliebe Bela Rethy erspart. Wir erinnern uns noch immer mit Grauen ans 3:0 im Herbst:

88. Minute

Ach, Rethy. Das Spiel ist toll, aber wenn dieser Mann redet, geht gar nichts mehr. Stellen Sie sich mal vor, liebe Fans, Sie hätten Beischlaf mit Ihrem Traumpartner, alles gelingt Ihnen, doch auf dem Nachtschränkchen sitzt Rethy und sagt: »Jaaaaa, das ist ein toller Jahresausklang für ihn.«

15:52 Uhr

»Die Komplexe von Euch Deutschen gegenüber den Holländern«, schreibt und eine Leserin, »sind ja noch schlimmer als die der Österreicher hier gegenüber den Deutschen.« Ist mir zu kompliziert. Jetz krieg ich Komplexe.

15:48 Uhr

Apropos: Hier die Elftal beim Warmsingen. (»Will man einmal Fußball spielen gehen / muss man lernen, und das ist nicht schön«)

15:43 Uhr

Damals, in meinem Hanuta-Sammelalbum zur WM 1986 gaben die deutschen Nationalspieler ja noch einige private Informationen preis. Briegel etwa aß gern Fleisch (»In allen Variationen«), Magath mochte am liebsten Sahnehering, Matthäus Hasenbraten mit Knödeln. Dazu hörten sie Lieder von Roland Kaiser, Peter Maffay und Willy Michl, dem bayrisch-indianischen Barden. Das war volksnah. Eine Umfrage in meiner Verwandtschaft hätte wohl Ähnliches zutage gefördert. 

Soviel verraten sie heute längst nicht mehr von sich, die Lahms und Schweinis. Es könnte der Öffentlichkeit ja ein falsches Bild bieten oder gar mit Werbeverträgen kollidieren. Man muss da sehr vorsichtig sein. Heute essen sie alle Pasta und Salat, trinken dazu stilles Wasser, mal ein Schörlchen, und Musik hören sie nur noch über monströse Nasa-Kopfhörer, mit denen sie sich vor uns abschotten. Signal nach außen: Was ich mir reinziehe, ist Privatsache. 

Man ahnt zwar, dass Kaiser, Maffay, Michl aus der Mode gekommen sein dürften, wüsste aber schon gern ein mehr über den Musikgeschmack der Stars: Hören sie Heavy Metal, wenn sie vor dem Anstoß, den Rasen prüfend, über den Platz schreiten? Immer noch Xavier Naidoo? Oder den Sampler mit Vogelgezwitscher aus dem Drogeriemarkt?

Das hätten wir wohl nie erfahren, wenn der Mannschaftsbus der Nationalmannschaft über einen Anschluss für MP3-Spieler verfügen würde. Er nimmt aber nur CDs, wie früher, als Mario Götze noch nicht geboren war. Die hat natürlich niemand mehr dabei, zu schwer, zu unhandlich, zu uncool. 

Und so saßen sie gestern da im Mannschaftsbus mit ihren Stöpseln, die nicht passten. Jetzt einfach wieder die Nasa-Kopfhörer aufziehen, das ging nicht, Deutschland ist ja eine Turniermannschaft, eine Einheit, da braucht es auch das gemeinsame Hör- und Singerlebnis. An diesem Ritual wenigstens hat sich nichts geändert, seit Sepp Herberger seinen Männern Plattenspieler in die Doppelzimmer stellte. 

Schließlich half ein Team des WDR: Es brannte zwei CDs mit 40 Liedern, auf Wunsch der Spieler mit Superhits von Casper, Coldplay und den Toten Hosen, wie der Sender selbst berichtete. »Das haben wir gern gemacht«, sagte WDR-Teamleiterin Sabine Töpperwien. »Mit Musik geht halt alles besser.

Und so wissen wir endlich wieder, was unsere Lieblinge gern hören, und können uns der Vorstellung hingeben, wie in einem durch die Ukraine preschenden Bus »Eisgekühlter Bommerlunder« aus den Boxen dröhnt. Podolski brüllt: »Lauter!«, Hummels und Badstuber singen Wange an Wange den Refrain, selbst Löw und Flick lassen sich schließlich mitreißen und schunkeln auf der vordersten Sitzbank mit wie einst Maria und Margot Hellwig.

Mit Musik geht halt alles besser. 

13:46 Uhr

»Löw tobt vor dem wichtigen Spiel gegen Holland«, meldet bild.de. Angeblich habe ihn ein Fehlpass von Hummels im Training aufgeregt, heißt es, und er habe gebrüllt: »80 Prozent reichen nicht!« Wahnsinn, was heutzutage so alles unter »toben« und »brüllen« fällt! Darüber bin ich so wütend, dass ich meine Büropflanze heute nicht gießen werde. Irgendwen muss mein heiliger Zorn ja treffen.

13:37

Die Unterstützung aus Übersee ist Deutschland auch heute wieder sicher. Seht!

13:34 Uhr

Vor dem Brandenburger Tor laufen niederländische Fans mit ihrer Fahne auf und ab. »Schau an«, sagt ein Passant. »Die Masochisten warten auf den Anstoß.« Da fällt mir der alte Witz ein: Was sagt ein Sadist zum Masochisten? »Ich schlag dich nicht!« Denkt mal drüber nach.

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