02.03.2014 | Bremen - HSV im Liveticker
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Apocalypse HSV

Für den HSV wurde das hundertste Nordderby zur Reise ins Herz der Finsternis. Verloren im Dschungel der eigenen Unzulänglichkeit ist man dem Abgrund näher denn je. Oscar-Material mit Aaron Hunts Hacke als Captain Willard und Marlon Brando als Mirko Slomkas Nase. Mit Popcorn in der ersten Reihe: der Ticker.

Text: Stephan Reich und Alex Raack Bild: Imago
Bremen
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HSV

Erster Papierkugelwurf der Redaktion:

Samstag, 15 Uhr 15!

15:20 Uhr

So, Freunde, Nordderby, los geht`s. Bzw. so halb, denn Raack kämpft noch mit der neuen Sky-Box. "Früher hat man die scheiß Glotze einfach angemacht", großvatert Raack maulend und verspeist vor Wut eine Fernbedienung. Zur Not tickere ich einfach, wie er vor Zorn die Redaktion zerlegt...

15:23 Uhr

»Kein Antennenkabel angeschlossen«, insistiert die Sky-Box. Dabei ist Karneval und Raack und ich sitzen hier in unseren Telebtubbie-Verkleidungen. Ironie des schicksals.

15:28 Uhr

Andererseits: Vielleicht liegt's auch nicht an der Technik sondern an Raack. Er sieht heute ohnehin irgendwie desorientiert aus...

15:29 Uhr

Gleich ist Anpfiff. In der Redaktion schon jetzt mehr technische Fehler als beim Ballstop-Training mit Jürgen Klinsmann. Den nächsten Anpfiff gibt's dann am Montag vom chef.

1.

So, wir sind jetzt in den begehbaren Redaktions-Schuhschrank umgezogen und gucken auf Raacks Atari. Aber wenigstens das Spiel geht los. Die Bremer Fans gleich mit den ganz harten Geschützen: »Bremen ist toll, Hamburg nicht«. Gegner verhöhnen für Waldorf-Schüler.

3.

Werder-Fan Raack immer noch auf 180, fordert vehemen »blutende Hamburger Oberschenkel«, reibt sich kriegslüsten seinen Votava-Schnauz und ext dann ansatzlos einen Eimer Fischköpfe. Das ist die richtige Einstellung.

6.

Hunt, der alte Fuchs, gerade erst von seiner Verletzung genesen, versucht es mit einem Lupfer aus vierzig Metern. Klappt natürlich nicht. Und irgendwo in Madrid schießt Diego einen Fußball in die untergehende Sonne.

10.

Jetzt Calhanoglu beim Freistoß, etwa vierzig Meter vom Tor entfernt an der Außenlinie. Wolf zieht sich trotzdem vorsorglich einen Helm auf und fängt schonmal an, ein wenig zu weinen. Aber Calhanoglu wichst den Freistoß überraschenderweise nicht mit 800 K/mh in den Knick, sondern flankt in die Mitte. Hat wahrscheinlich in den Boden getreten.

13.

Ecke HSV, im Strafraum Szenen wie bei einer Dorfkirmes-Schubeserei. Lasogga und Rajkovic ochsen einmal durch den Sechzehner, gehen dann ans Bierzelt, suchen Streit und ordern einen Meter. Aber: Foul. Bzw. Prost.

18.

TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOORRRR!!!!!!!!!!!! 1:0 für Werder! Durch Junuzovic! Die Vorlage von Hunt ist das Schönste, was Bremen seit 2004 gesehen hat: Als Johan Micoud Miss Bremen mit einem Okocha aussteigen ließ, Miss Hamburg tunnelte und der schöne Hansi Müller mit einem 40-Meter-Scherenschlag in den Winkel traf. Oder so ähnlich. Mit der Hacke! Hinter dem Rücken! Volley! In den Lauf von Junuzovic! Wir weden dann kurz maal ohnmächtig.

23.

Nächste Chance für Petersen. Der zeigte sich in dieser Saison phasenweise hüftsteif mit ein gichtkranker Kriegsveteran, nun katiwittelt er durch den Hamburger Strafraum, als wäre sein Rumpf eine einzige Congaschlange. Adler pariert seinen Schuss. Und zieht Werder die Löcher ausm Käse.

29.

Der HSV in der Ringecke wie einst Max Schmeling gegen Joe Louis. Obwohl: Ging der nicht nach dem ersten Schlag k.o.? Bleiben wir lieber beim Fußball: Die Bremer aggressiv wie ein Kampfhund, dem gerade gekündigt wurde, die Frau weggelaufen ist und die Teenagertochter gebeichtet hat, dass sie mit dem schnöseligen Pudel von nebenan im Bett war. Knurr bzw. wuff.

33.

Die Hamburger haben bislang nur ein Mittel, um den Ball mal in den Strafraum der Bremer zu bringen: Weite Freistöße aus dem Halbfeld von Calhanoglu. Der schneidet die Dinger zwar an, das Manni Kaltz die Banane aus dem Mundwinkel fällt, aber auch eben auch so gefährlich wie das ausgekaltzte Bananenstück: Irgendwie gammelig.

37.

Eben Rafael van der Vaart in Großaufnahme. Ganze 119 mal habe der Holländer bereits für den HSV in der Liga auf dem Platz gestanden, informiert uns der Sky-Mann. Fast so oft, wie er auf dem Cover der »Gala« war

40.

Wir haben nochmal recherchiert: Bei seinen 119 Einsätzen für den HSV hat Van der Vaart ganze 28 Mal auch wirklich Fußball gespielt.

43.

Jungejunge, vor dem Spiel dachten wir, das einzige Risiko in diesem Risikospiel sei das Risiko, vor Langeweile einzupennen oder sich erbrechen zu müssen bei all der Dilletiererei. Aber das ist ein richig geiles Fußballspiel hier. Schäbige Fouls, eine Torvorbereitung mit der Hacke, eben schießt Calhanoglu an die Latte - fehlt nur noch ein Abrissbirnen-Fallrückzieher von Lasogga, dann lassen wir uns einen Fußball über das Steißbein tätowieren.

45.

Oh, so sieht ein Abrissbirnen-Fallrückzieher von Lasogga aus. Ein Bewegungsablauf wie eine Lavalampe, gefüllt mit Backsteinen. Enttäuschend.

16:20 Uhr

So, Halbzeit, Pinkelpause. Oder wie Mo Idrissou sagen würde: Zeit, die Bude zu streichen.

16:26 Uhr

Christoph Metzelder und Michael Leopold beim Expertengespräch in der Pause, analysieren knallhart das Spiel. Hier exklusive Bilder aus dem Studio:

16:31 Uhr

Aber gut, wenigstens kein Beckmann. Die 35 Euro monatlich zahlt man dann ja doch irgendwie gern...

16:34 Uhr

So, weiter gehts. Für den HSV läuft es bisher ja in etwa so gut wie für die Ludolfs auf der Abendschule. Sie strengen sich an aber so richtig klappen will es auch nicht.

46.

Oha, kaum geht's los, zünden die Bremer Pyro im Fanblock. Wir können nur inständig hoffen, dass keine Johannes B. Kerners zu Schaden kommen...

48.

Boah. Wir erleben eine kleine Revolution. Ein deutlich hörbarer Teil des Bremer Anhangs singt Richtung Ultras: Ihr seit scheiße, wie der HSV. Sonst eigentlich nur Gästefans aus Gelsenkirchen, München oder Braunschweig vorbehalten. Der Sky-Mann spricht von Selbstreinigung, das Wort können wir auch nicht mehr hören. Gibt es höchstens auf hochmodernen Flughafentoiletten und nicht im Stadion. Und wir so? Reich zündet sich eine Kippe mit einer Seenotfackel an und ich werfe mir noch etwas Rauchpulver ins Bierglas.

51.

Ok, Spiel läuft wieder. Fazit: Die ganze Pyroscheiße geht uns derbe auf den Sack. Und zwar alle, die daraus regelmäßig den Dritten Weltkrieg machen: Fans, die zündeln, obwohl sie wissen, dass die Partie unterbrochen wird und ihr Klub Kohle zahlen muss, Reporter, die mit Hasssabber im Mundwinkel von »Chaoten« sprechen und dickbäuchige Funktionäre und Politiker, die sich mit Kerners Feuerpuppe in den Schlaf weinen.

55.

PS: Geiler Stammtischscheiß von uns, wir wissen das und lassen beim Wirt anschreiben. Reich verzockt sein Monatsgehalt zur Strafe am Automaten mit den drei Kirschen.

56.

Ignovski mit einer Grätsche, die Horst-Dieter Höttges Tränen in Stollenform (angespitzt) aus den Augen kullern lässt. Werder bissig wie ein Krokodil mit der Kleinhirnrinde von Mike Tyson.

60.

Was auch immer Mirko Slomka seinen Jungs in der Pause gesagt hat: es wirkt. Hier geheime Aufnahmen:

 

63.

Der HSV jetzt mit neuer adipöser Taktik: 4-4-2 mit Extra-Sauce. Ergebnis: Übergewicht für die Gäste.

65.

Heftiger Zusammenstoß zwischen Adler und Petersen. In der Ehrenloge muss sich Sylvester Stallone mit zwei schnellen Haken selbst ins Reich der Träume schlagen, um den Anblick zu ertragen.

67.

Das Spiel jetzt wie fauler Polen-Wodka: Bitter. Raijkovic knickt im Zweikampf gegen Gebre Selassie um und zwar auf Kniehöhe. Bleibt liegen, greift sich ans Gelenk und wird mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz getragen. Unsere durch vier Medizin-Aufnahme-Prüfungen durchgefallenen Fachaugen erkennnen gleich: Da ist was passiert. Und zwar was Schlimmes. Gute Besserung, Mann! Dir zu Ehren schreiben Reich und ich jetzt nur noch mit unserem Meniskus: saaGFS&/(&/§"NKLL LL//&%% JSASh.

71.

Sobiech im Spiel, gleich mit dem Riesenbock aber Junuzovic macht nichts draus. Passend zu Fasching Lasse Sobiechs Abwehrverhaltens-Motto heute: Wollen mer se reinlasse?

75.

Bis hierhin ein alptraumhaftes Spiel für den HSV. Rajkovic mit Kreuzbandgulasch raus, Null Eins hinten und Werder drückt auf das zweite Tor. Da droht der Absturz. Apocalypse HSV. Mit Aaron Hunt als Captain Willard und Marlon Brando als Mirko Slomkas Nase.

78.

Kurze Liveschalte zum HSV-Fanclub Itzehoe-Ost. Stimmung war auch schonmal besser:

80.

Kurze Liveschalte ins Innere von Lasse Sobiechs Kopf:

83.

Elia jetzt drin, macht direkt mehr Dampf als Ailtons Mama am Feijoada-Topf, kocht Diekmeier ab, rührt noch ein wenig und will dann flanken, wird aber gefoult. Der anschließende Freistoß: ungenießbar.

86.

Jetzt gilt's, HSV, vier Minuten noch. Jetzt sind echte Kerle gefragt. Männer, die vorangehen, die gegnerische Schienbeine brechen wie Salzstangen, wenn's sein muss, schnauzbärtige  Haudegen, die sich die Haare mit der Käsereibe schneiden und die Zähne mit Zwiebelmett putzen. Effenbergige Anführer, mit Hoden, so groß wie zwei Fiat Puntos. Auf dem Platz allerdings nur Marcell Jansens und Rafael van der Vaarts. So wird das nix.

89.

Noch eine Minute. Wann bringt Magath endlich Dirk Weetendorf?

92.

Armer Lasogga, völlig abgemeldet. Er könnte heute abend auf die Reeperbahn gehen, selbst da würde er heute keinen Stich machen.

94.

Taktik der Bremer für die Nachspielzeit: Nicht zur Eckfahne laufen sondern zu Lasse Sobiech.

95.

Die letzte Minute läuft. Ist Mirko Slomka noch zu halten, wenn das hier schiefgeht?

17:30 Uhr

Van der Vaart nochmal mit dem schlechten Scherz eines Torschusses. Hat der Mann wirklich mal bei Real Madrid gespielt? Könnte er mittlerweile nicht mal mehr auf der PlayStation. Dann pfeifft Meyer ab. Das Weserstadion feiert, Raack plantscht ailtonhaft durch das Redaktions-Entmüdungsbecken und schlürft einen Monte Vecchio Chianti Reserva vom Micoudschen Weingut. Auf Sky wirbt Markus Merk derweil mit dem Slogan »Wir brauchen deine Stimme«. Bizarr. Jetzt macht Sky schon die Scherze für uns. Andererseits bedeutet das, dass wir Feierabend machen können. Ab auf die Faschingsparty, als Oli Reck verkleidet Dinge fallen lassen. In diesem Sinne: Bremen Alaaf.


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