04.07.2014 | Brasilien - Kolumbien im Liveticker
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Luiz auf mehr

Angenehm wenig Geheule, dafür ein Freistoß von der Urgewalt eines Kanonenschlags. Brasilien entdeckt den Ruhrpott in sich und lernt das Kratzen, Beißen, Spucken, mit James Rodriguez verliert die WM aber einen Kicker, von dem Brasilien derzeit nur träumen kann. Hat trotzdem Luiz auf mehr: der Liveticker.

Text: Stephan Reich und Moritz Herrmann Bild: Imago

Brasilien: 12 Júlio César - 23 Maicon, 3 Thiago Silva, 4 David Luiz, 6 Marcelo - 5 Fernandinho, 8 Paulinho - 7 Hulk, 11 Oscar, 10 Neymar - 9 Fred. Trainer: Scolari

Kolumbien: 1 Ospina - 18 Zúñiga, 2 Zapata, 3 Yepes, 7 Armero - 11 Cuadrado, 8 Aguilar, 6 Sánchez, 10 James Rodríguez - 9 Téofilo Gutiérrez, 21 Jackson Martínez. Trainer: Pekerman

Schiedsrichter: Velasco (Spanien)

Spielort: Estadio Castelao, Fortaleza

Brasilien
2
:
1
Kolumbien

21:40 Uhr

Guten Abend, liebe Fans, die ihr ja gar nicht da seid, weil SCHLAND gewonnen hat, weil WIR gewonnen haben, die ihr deshalb direkt von der Fanmeile auf den Rathausmarkt gezogen seid, die ihr deshalb die Bahnen verstopft, behüpft, vollkotzt, die ihr heute mal so richtig einen drauf macht. Was, das sind abgeschmackte Klischees? Aber wir wissen es doch nicht besser.

21:42 Uhr

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Endlosschleife Weltmeisterschaft. Wie kann ich dieser Spirale entkommen? Ich mag nämlich nicht mehr, WM-Burnout, will aussteigen. Ich glaube, ich trete morgen zum konfessionslosen Klostergang an, als nach außen getragenes Zeichen für eine Zäsur im Leben. Oder ich mache eine Ayurveda-Kur oder fange Yoga an, egal, irgendwas, das zeigt, hey, mir ist das alles zu viel geworden, ich brauche eine Auszeit, macht ihr gerne weiter, ihr Sommermärchensklaven, aber ohne mich. Ich bin dann mal weg. Ich komme niemals wieder. Außer im nächsten Tick.

21:44 Uhr

Bis hierhin von der ARD gelernt: Scholli hat Heimweh, Franzi van Almsick findet »die Stimmung im Team einfach supersupergut, und das ist supersuperwichtig«, Neymar und James Rodriguez sind »kleine Helden mit dünnen Schultern«. So viel Erkenntnisgewinn überfordert mich fast. Ich möchte meine Gebührenzahlung aufstocken. 

21:47 Uhr

Hallo, Reich hier. Schuldigung, war noch bis eben auf dem WM-Club Partyschiff und hab das Becken vollgekotzt. Kann jetzt losgehen.

21:48 Uhr

Nein, nur Spaß. Die haben mich nicht reingelassen, weil ich kein ärztliches Attest über eine erfolgreiche Lobotomie vorweisen konnte.

21:50 Uhr

Bin ich eigentlich der einzige, dem dieses Geflenne auf den Nerv geht? Nicht falsch verstehen, bitte, ich weine wirklich gerne. Und oft. Aber immer mit Anlass. Wenn die Cornflakes alle sind. Wenn ich mir den Zeh stoße. Wenn ich meinen Teddy nicht finde. Wenn mich jemand beim Schlummi stört. Wenn ich auf die Bahn warten muss. Aber die Brasilianer? Kommt mir so vor, als müsste man denen nur das Wort »Elfmeterschießen« oder »WM« zuflüstern oder die Hymne summen, und schon liegen sich alle heulend in den Armen.

21:53 Uhr

Erste Livebilder von Neymar aus dem Kabinengang. Ergreifend:

21:55 Uhr

Ach, die Fifa-Musik. Bin mir sicher, dass jedesmal, wenn die Fifa-Musik irgendwo gespielt wird, irgendwo anders ein Geldsack platzt.

21:57 Uhr

Thiago Silva liest eine Erklärung vor. Wenn mein Portugiesisch mich nicht täuscht, dann sagt er, dass da an den Lippen nichts gemacht ist, dass das alles echt ist und dass das sein kann, dass das mit der neuen Haarfarbe vielleicht ein bisschen voller aussieht als sonst....

21:58 Uhr

Jetzt die brasilianische Hymne. Hier der Text zum Mitsingen: »Mimimimimimimimimimimi«

21:59 Uhr

Ach, ich unk hier rum. Aber wenn die Fans da gemeinsam die Hymne ohne Begleitmusik weiterschmettern, das ist schon irgendwie toll. Hab da was im Auge gerade, kleinen Moment...

22:00 Uhr

Gleich geht's los. Die Brasilianer bilden noch kurz einen Mannschaftskreis:

1.

Carballo mit dem Anpfiff. Dabei haben wir gar nichts gemacht.

2.

Bei Brasilien übrigens Maicon statt Dani Alves. Ja, der Maicon! 56 Jahre alt. Hat sich im Kampf um die Rechtsverteidigerposition knapp durchgesetzt. Gegen Cafú.

5.

Die Stimmung in Fortaleza oszilliert zwischen maximalem Druck und absoluter Erwartung. Es ist ein Setting wie vor dem ersten Sex, schön und scheiße zugleich. Neymar mit dem Freistoß. Aber er kriegt ihn einfach nicht hoch.

6.

Die Taschentuchproduktion in Brasilien schlägt aus. Weil der Ball einschlägt, im Tor der Kolumbianer nämlich, Thiago Silva war es, nach einer Ecke, aus einem halben Meter Entfernung, mit dem Knie, fast im Fallen. Ein Tor so schön wie Chiara Ohoven. Da haben sich zwei gefunden.

8.

Felipe Scolari trägt heute das typische Kreisklassenoutfit. Polohemd, Regenjacke, Jogginghose. Wenn er sich gleich noch Rothändle aus der Bauchtasche fingert und mit Kneipenstimme ruft, dass man bißchen ruhiger reingehen soll, weil der morgen wieder zur Arbeit muss, fühle ich mich wirklich heimisch.

13.

Kleine Randnotiz: Guarin ist so schnell, dass er kurz persönlich vorbeikommt, anstatt eine Email zu schreiben. Geht schneller.

15.

Ätzend, so ein Gegentor. Und wahnsinnig unnötig. Ist doch bekannt, dass man sich bei Ecken der Brasilianer einfach gesammelt an den zweiten Pfosten stellt und dann nix passiert. Wer ist da bei den Kolumbianern der Spielanalyst? Stevie Wonder?

18.

Maicon gegen Yepes, was ein Duell. Aber alles fair, schließlich kennen und schätzen sich die beiden. Haben schon gemeinsam in den Südamerikanischen Bauernkriegen gekämpft. In allen.

20.

Schlechte Laune auch auf der kolumbianischen Bank. Alles schaise...

24.

»Er überzeugt nicht mit Schnelligkeit, sondern vor allem mit Stellungsspiel«, so Bartels. Ein Kommentar, den man in dieser Fassung auch jedem Pornodarsteller ins Zeugnis schreiben könnte.

26.

Bartels will bis hierhin aber auch ein gutes Spiel ausgemacht haben. Wie er zu dieser exklusiven Meinung gekommen ist, erschließt sich uns leider nicht. Dialektik der Verklärung, Adorno wäre stolz. Es gibt eben kein richtiges Spiel im falschen.

27.

Müsste man den brasilianischen Fußball anno 2014 mit einer Szene beschreiben, es wäre diese: Hulk, wie er auf dem linken Flügel neun Übersteiger macht und dann den Ball mit der Hacke verstolpert. Marcelo, wie er Hulks Pass aufnimmt, zu weit vorlegt und in Rückwärtslage torwärts prügelt. Fred, wie er sich in diesen Schuss von Marcelo duckt und das Leder via Hinterkopf ins Aus befördert. Was ist eigentlich das Gegenteil von joga bonito? Joga feio? Ächz.

29.

Felipe Scolari verständlicherweise angespannt. Hier die Liveschalte:

30.

David Luiz fasst sich ein Herz, reitet auf einer Utopie in die kolumbianische Hälfte ein, vorbei am ersten, am zweiten, am dritten Rothemd, stolpert dann über die eigene Frisur. Stützt sich schwer auf die Knie, nach Luft pumpend. Ball- und Gesichtsverlust.

32.

Brasilien trotz Führung immer noch schlampig, verspult, unverbindlich, wie nach einem großen Joint. Kichert sich durch die erste Halbzeit, fängt hier mal einen Angriff an, bricht da mal einen Konter ab. Neymar, wo ist mein Auto?

34.

Neymar tritt Cuadrado um. Hässliche Szene.

37.

Riesen-Trara um einen kolumbischen Freistoß, Gezeter, Geschiebe, Reklamationen, und als James dann ausführt, haut er ihn trocken in die Mauer. Viel Lärm um nichts. Würde Shakespeare noch leben, über diesen Freistoß würde er eine Tragödie schreiben. Nicht.

40.

Apropos James. Kommt bisher noch nicht so recht ins Spiel. Aber trotzdem: James, James, James. Was ein Spieler. Wenn der sich mit Bimsstein die Hornhaut vom Außenrist schmirgelt, ist das ein eigenes Porno-Genre. Und ich würd's kaufen.

42.

Kolumbien jetzt ein bisschen aktiver. Wäre ich ein holländisches TV-Sternchen und würde twittern, würde ich vermuten, dass die Kolumbianer mit der Nase ein bisschen am Freistoßspray genascht haben.

44.

Standard. Aber Neymar schießt drüber. Standard.

45.

Was ist eigentlich passiert? Warum heißen brasilianischen Stürmer plätzlich Hulk und Fred und Jo und sehen aus wie laufende Bauernschränke? Wo sind die ganzen leichtfüßigen -os und -inhos, mit mehr Gefühl in den Füßen als in der gesamten Discografie von Barry White? Wo? Bzw. Woinho?

22:50 Uhr

Mehmet Scholl nähert sich in seiner Physiognomie immer mehr Matthias Obdenhövel an. Diese Geheimratsecken, diese Touristenhaut, das Hemdkragenhafte. Eines Tages werden die beiden zu einer Person verschmelzen und in Union Bundestrainer und Chefreporter sein. Ich bin dann hoffentlich schon tot.

22:54 Uhr

Auch Thomas Oppermann sorgt sich um das brasilianische Auftreten. »Ich erwarte, dass das vollständig aufgeklärt wird, und zwar von allen Personen«, inquisitioniert er in die Mikros. Will beim deutschen Geheimdienst in einem persönlichen Telefonat Näheres erfragen, wird aber von Konstantin von Notz abgegrätscht. Die Grünen sind wieder wer!

22:58 Uhr

Vielleicht machen uns die Brasilianer auch nur was vor, vielleicht ist das eine riesige Parodie auf das eigene Potenzial, die absolute Ironisierung des Fußballs, und sitzen sie lachend in der Kabine, knuffen sich in die Seite, den Ball jonglierend wie anno dazumal, wenn die wüssten! Wissen wir doch. Verdammte Selbstironie.

23:01 Uhr

»Das Prinzip ist relativ simpel«, kommentiert Mehmet Scholl jetzt seine eigene Leistung. Keine Widerrede.

23:05 Uhr

Scolari brieft Fred an der Seitenlinie. »Am Ende des Rasens, da steht so ein Ding, eckig, rechteckig, comprende? Da musst du rein, also nicht du, aber der Ball, ja? Ja?« - »Ich kann es ja mal probieren, Trainer. Aber ich kann nichts versprechen.«

46.

So, weiter gehts. Hier das Motivationsvideo, das Scolari seinem Team in der Halbzeit gezeigt hat.

50.

Tja, sieht nicht so gut aus für Kolumbien. Kommt jetzt Valderrama?

53.

Maicon gegen James, tritt dem Jungstar direkt mal in die Hacken. Ob der Mann Buch führt über seine Fouls? Wahrscheinlich. Hat betsimmt ein altes, speckiges Moleskin zuhause unter dem Kopfkissen, in dem er für jedes Foul Striche macht.

Gebrochene Schienbeine: 12
Wadenbeine: 15
Menisken: 53 1/2
Achillessehnen: 22
Kreuzbänder: 18
Prellungen: 7352

54.

Marcelo am Ball, für mich auch nur ein brasilianisches Plagiat von Marouane Fellaini.

55.

Tolles Wort, »Plagiat«. Hab ich gerade erfunden.

57.

Maicon mit dem Flankenlauf, spielt in die Mitte, aber Fehlpass. Tja, so is das: Maicon der Pass an, Maicon er eben nicht an.

59.

Bartels Moderatorenkabine verwandelt sich plötzlich in eine Betty-Ford-Klinik, im blütenweißen Schwesternkittel dosiert er uns jetzt seine Lebenshilfen. »Das sieht ganz gut aus, das wird schon wieder.« Brasilien gegen Kolumbien - das ist der Cold Turkey des Fußballs.

61.

Pekerman war, erfahren wir, der Trainer, der den Argentiniern bei der WM 2006 das Viertelfinale kaputtgewechselt hat. Musste dafür reichlich Prügel in seiner Heimat einstecken. Wechselt seitdem gar nicht mehr, nichts. Seine Spieler nicht, nicht seine Gesichtsausdrücke, kein Kleingeld, nicht mal Unterwäsche. Die größte Bußübung der Welt. Es riecht streng.

64.

Thiago Silva stellt sich in den Abstoß von Torwart Ospina und sieht dafür Gelb. Damit fehlt der Innenverteidiger gegen Deutschland. Die sinnloseste Aktion seit der Erfindung des WLAN-Kabels.

67.

Ein Satz wie aus einem Marvel-Comic: James legt Hulk. Und wir so: Bääääm!

69.

Und dann das: Goooooooool David Luiz. Freistoß aus 30 Metern, in den Knick. Zwei Null. Alle am Flennen. Schnüff.

73.

Wahnsinn, die Spieler der Selecao werden hier abgefeiert, wenn sie Bälle auf die Tribüne holzen, Gras fressen und die gute alte Grätsche rausholen. Fehlt nur der Ballonbeseidete Kreisliga-Kiebitz an der Seite, der Bier trinken »Richtig sooooo« oder »Mannmannmann, doh...« reinblökt. Brasilien entdeckt den Ruhrpott in sich.

75.

James, dieser Gigant, eine tragische Figur. Denn er weiß nicht, was er tut. Zieht den Kamm aus der Arschtasche, richtet sich die Tolle und steht lässig im Mittelfeld rum. Der Mann ist schon jetzt ein Klassiker. Heute aber nur Nebendarsteller. Wenn auch der beste.

77.

Nochmal David Luiz' Tor in der Wiederholung, wallende, volle Locken in der Zeitlupe. Und irgendwo im Alpecin-Gebäude kämpft Dr. Klenk mit einer Erektion.

80.

Aber dann: Elfmeter. Arjen Robben segelt völlig theatral.., äh, quatsch. James mit Traumpass auf Bacca, der wird von Julio Cesar fast aus dem Leben gegrätscht, Elfer. James tritt an und entdeckt den Goldjungen in sich wieder. Nur noch 1:2.

83.

Aber gut, kein Wunder, dass der Julio Cesar den nicht hält. Der is platt. Eben noch Heiko Lässig nassgemacht und gegen Uerdingen genetzt, jetzt schon hier zwischen den Pfosten. Das schlaucht.

85.

Die ARD zeigt brasilianische Topfrauen auf der Tribüne. Das joga bonita hat sich verlagert.

86.

Brasilien kontert. In der NDR-Radiokonferenz würde Sabine Töpperwien nun krakeelen: »Und das IM EIGENEN STADION!« So aber, so krakeelt niemand, Bartels nicht, ist der überhaupt noch da, Stille, er hat auch keine Lust mehr, schlürft längst seine Kokosnuss an der Copacabana, mit Mehmet Obdenhövel, egal. Alles egal.

89.

Neymar verletzt raus, aber Scolari hat noch ein Ass im Ärmel. Ronaldinho kommt.

90.

Fünf Minuten noch. Will noch nicht aufstehen, Mutti.

93.

Na gut, wenn es dieses Jahr nicht klappt, der Yepes hat ja noch zwei oder drei Weltmeisterschaften.

90.+3

Nochmal Freistoß. Kolumbien mit allen vorne. Sogar Ospina, sogar Shakira, sogar Escobar. Aber sie bringen den Ball nicht ins Tor. K.O.-lumbien.

00:00 Uhr

Das Spiel ist aus. James Rodriguez weint bittere Tränen, die er mit der Brust annimmt und unter die Latte zimmert. Wir weinen ein wenig mit, denn der WM ist gerade ein Wahnsinns-Fußballer verloren gegangen.

00:04 Uhr

Scholli derweil in Rage. Die Kleinen müsse man schützen, die wuseligen Techniker, Spieler, die uns alle Freude machen. Einen Neymar, einen James, einen Scholl. Legt zum Beweis seinen Meniskus auf den Tisch, Obdenhövel erbricht sich direkt in einen seiner flotten Sprüche. Herrmann und ich, beide per Ellbogenschlag gezeugt und auf Ascheplatz groß geworden, sehen das naturgemäß anders und grätschen uns jetzt gegenseitig in den Schlaf. Deutschland gegen Brasilien heißt das erste Halbfinale. Klingt doch ganz gut. In diesem Sinne: Seht zu, dass ihr Schland gewinnt..-


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