Spanien
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Niederlande

Best of 2010: Niederlande-Spanien im 11FREUNDE-Liveticker

Zicke zacke, Tiki Taka!

Best of 2010: Niederlande-Spanien im 11FREUNDE-Liveticker

20:12 Uhr
Willkommen also zu diesem Trauerspiel, liebe Fans. Wir waren mit den Holländern verabredet, stattdessen knutschen die jetzt hier mit den spanischen Iglesiassen. Ich habe Seitenstechen vor Liebeskummer, Kollege Jonas erscheint als matte 2D-Grafik. »Ein Finale ist ein Finale«, lässt uns Jose Mourinho via ZDF wissen. Gertrude Stein fügt hinzu: »Ist ein Finale.« Es bleibt dabei: Wir gucken auf dieses Endspiel wie aus einer Vergangenheit, in der wir hängen geblieben sind, in eine Gegenwart, in der wir keine Rolle mehr spielen. Nichts Neues eigentlich für Jonas und mich, aber heute besonders schmerzlich. Nur Fabio Cannavaro, der in einem Walpenislederkoffer den WM-Pokal ins Stadion schleppt, könnte nachfühlen, wie es uns geht, tut es aber offenbar nicht. Er grient, er smilet, er platzt vor Legendenhaftigkeit. Oh, Thomas Müller – dürfen wir mit Dir Urlaub im Freibad machen? Wir holen auch immer die Pommes! 

20:19 Uhr
Die holländische Aufstellung. Das gesamte Mittelfeld sieht aus wie Heiner Geißler, als er von Helmut Kohl weggemobbt wurde. Dann die Spanier mit Sesamstraßen-Monster Del Bosque als Obermotz. Bela Rethy, der unseren Ohren erneut nicht erspart bleibt, sieht »Schwachpunkte auf den Außen« und bezeichnet Xavi und Iniesta als »Zauberzwerge«. Und da wird er von aufmerksamen Sicherheitsgorillas auch schon aus dem Stadion getragen. Silence is Golden. Wie der Pokal. Kriegen wir einen Pokal, wenn wir den ganzen Abend die Schnauze halten? Sagt bitte leise »Ja«, liebe Fans.

20:24 Uhr
Es ist, wie Kollege Jonas und ich übrigens vorhin ausgerechnet haben, die achte WM unseres Lebens. An fünf davon hat Lothar Matthäus teilgenommen. Das MUSS doch irgendwas mit uns gemacht haben! Passend dazu erklingt jetzt die älteste Hymne der Welt, die holländische nämlich. Und obwohl sie so alt ist, kennt offenbar niemand den Text. Mark van Bommel rappt seine Gehaltsforderungen in Richtung Bayern-Manager Christian Nerlinger, Giovanni van Bronckhorst ist zu klein, um auf den Textzettel linsen zu können. Dann die spanische. Schmissig wie immer, erinnert mich ans Schützenfest, früher, als ich Kinderkönig werden wollte, aber das Gewehr war so schwer, und ich habe immer daneben geballert, »Was soll's«, hat mein Vater gesagt. »Den ganzen Pennern einen auszugeben, hätte mich eh' 1000 Mark gekostet.« Ach, Papa. Ach, Spanien. Ach, Anstoß.

1.
Anstoß. Los geht’s. 11 Juli 2010. WM-Finale. Wir wissen das seit Jahren, zumindest haben wir dieses Datum seit Monaten auch in den Kalendern dick angestrichen stehen. Und irgendwie kommt es jetzt doch sehr schnell, dieses Spiel mit seinem Anstoß. Wir wissen noch nicht mal, für wen wir sein sollen. Sollten vielleicht öfter auch mal in den Kalender reinschauen.

5.
JAAAAAA bzw. NEIN, es wird Zeit sich zu entscheiden. Freistoß scharf vors holländische Tor, Stekelenburg faustet zur Seite, Xabi Alonso dann aus einem Winkel, der schon gar nicht mehr existiert, so spitz ist er.

8.
Warum jetzt, Busquets? Warum nicht am Mittwoch? Der spanische Sechser mit einem Selbstmordfehlpass. Nach allem, was man uns in acht Turnieren über Fußball erzählt hat, muss sich sowas rächen, auf diesem Niveau, in einem WM-Finale. Aber von wegen Niveau. Stattdessen de Kuyt. Schlonzt den Ball in Casillas Arme. Wir hätten den reingemacht. Gieselmann und ich. Irgendwie.

11.
Wenigstens Sergio Ramos macht da weiter, wo er am Mittwoch aufgehört hat, als Rechtaußen nämlich und nicht als das, was er eigentlich ist, Verteidiger wäre das. Dribbelt sich aber wie am Mittwoch in den Strafraum, zieht wie am Mittwoch ab, im Gegensatz zu Mittwoch bin ich enttäuscht, als der Ball wieder nicht reingeht.

14.
Nur Sekunden nach Ramos haut Villa den Ball ans Außennetz. Bela Rethy hat inzwischen haarscharf beobachtet, dass die Spanier jedes Mal nach der Ballannahme kucken, wo die anderen stehen. Faszinierend, welche Möglichkeiten sich dadurch im Zusammenspiel ergeben. Wenn Löw hinschmeißt, sollte Rethy übernehmen. Meine Meinung.

15.
Van Persie haut jetzt Capdevilla um, der schreit wie eine rollige Katze nachts um drei. »Ich kann nicht einschlafen«, jammert Jonas, ich kaufe ihm einen Hund, und Van Persie sieht Gelb. Wie übrigens auch Puyol, der Hund, den Del Bosque sich vor der WM aus ähnlichen Gründen angeschafft hat, weil er Robben ans Bein pinkelt. Wau. 

18.
Bislang ist das hier wie Karpov gegen Kasparov: Rochaden, viel Gegrübel, schlechte Laune. Und wir fühlen uns irgendwie matt.

19.
So wie Capdevillas rolliges Gemaunze vorhin gelangt unerfreulich viel über die Außenmikrofone in unsere gute Stube: Anweisungen, Flüche, Entsetzensschreie. Und das alles mit ziemlichen Piepsstimmchen, so oder so eines Weltmeisters unwürdig. Wir finden: Für Holland muss Vadder Abraham die Interviews geben, für Spanien Sancho, der Frosch. Und Ihr, liebe Fans? 

21.
Van Bommel jetzt mit dem, wofür er berühmt ist: Anderen von hinten die Beine brechen. Das ist nicht schön, aber das kann er gut, ich meine: Wir könnten das auch, das kann ja eigentlich jeder, aber fast jeder hätte Skrupel. Nicht so Van Bommel. Er hackt Iniesta um wie eine junge Pfingstbirke. Sieht Gelb. Nur Gelb. Erst seine zweite während des Turniers. Das ist so ärgerlich wie verwunderlich. »Du sollst nicht so viele Wörter in einem Satz benutzen, die auf -lich enden«, ermahnt mich Kollege Jonas. Widerlich.  

22.
Jetzt sieht auch Ramos die gelbe Karte, spielt Quartett mit Van Bommel. Sticht.

27.
»Der ästhetische Wert von Fouls wird unterschätzt«, doziert Kollege Jonas nun. Dann aber bricht auch er weinend zusammen, denn was De Jong da gegen Xabi Alonso bringt, ist kein Foul mehr, sondern ein Verbrechen: Er tritt dem heran fliegenden Spanier mit dem steifen Bein auf den Solar Plexus. Die Rippen könnten durch sein. Ein billiger Abklatsch des Minotaurus-Stoßes des Zinedine Zidane vor vier Jahren, es ist, als wollte ein Karussellbremser eine griechische Tragödie inszenieren. Lächerlich. Vielleicht sieht  De Jong deswegen nur Gelb, damit er sich nicht einreihen kann. Vielleicht war es eine Fehlentscheidung von Howard Webb. Vielleicht ist das hier kein WM-Finale, sondern das Welttreffen der Vollärsche.

33.
Angespornt von der Darbietung der Kollegen, hat jetzt auch Casillas Bock auf ne Keilerei. Leider hat sich aber bislang kein Niederländer in seinen Strafraum getraut, weswegen jetzt Puyol noch mal herhalten muss, an dem sich vorher schon van Bommel austoben durfte. Ohne Karte damals. Casillas macht es besser, Puyol bleibt liegen, der Ball muss ins Aus. Als er wiederkommt, verursacht Casillas eine Ecke, nicht mal das Fairplay funktioniert, sollte eine Rückgabe sein. Van Persie hat das Finale noch nicht begriffen, gibt den Ball ein zweites Mal zurück.

38.
Pedro mit einem dieser unglaublich »dynamischen« Dribblings, die sich diese Jungspunde regelmäßig von sich selbst im Computerspiel abschauen, verwechselt dann die Tasten, schießt aus zwanzig Metern und vollem Lauf mit der Innenseite. Rethy wundert sich, dass Stekelenburg nicht reagiert, ich wundere mich, dass er sich wundert, dann fällt es mir wieder ein, ist ja Rethy. Vorbei. Der Ball auch. 

42.
Was wir zum nächsten Turnier unbedingt übernehmen müssen: Porträtbildchen von uns. Gibt es dann zur 5. Minute, zur 40., zur 50. und zur 85. Verlängerung und so müssen wir uns entweder noch abschauen oder spontan entscheiden. Wäre für euch ähnlich interessant wie für uns die von Rethy, die wir jetzt schon zweimal hinter uns haben. Wir versuchen auch, dass uns ein ähnlich debiles Grinsen gelingt, das nach Möglichkeit noch weniger zum Spielgeschehen passt, als das bei ihm der Fall ist.

43.
»Holland lässt Spanien nicht ins Spiel kommen, kommt aber selbst nicht ins Spiel«, streut uns Rethy nun leichtfertig das verwirrendste Paradoxon seit »Ein Kreter sagt: Alle Kreter lügen« in unsere Hirne. Dann doch lieber Johan Cruyff: »Die können gegen uns nicht gewinnen, aber wir können gegen sie verlieren.« 

45.
Kopfball Robben, Glanztat Casillas. Aber das nur am Rande. Wir befinden uns schließlich im Krieg. Rinus Michels sagte ja bereits, Fußball sei die Fortsetzung von Krieg mit anderen Mitteln. Aber diese »anderen Mittel« sind vor allem den Holländern offenbar ausgegangen. Wir sind darauf gefasst, dass in der zweiten Halbzeit Panzer vorfahren, machen uns jetzt auf zu Hamsterkäufen. Sollen wir jemandem etwas mitbringen?
 
21:19 Uhr
Das »heute journal« mit Marietta Slomka, die sogar noch kühl wirkt, wenn sie von überhitzten Zügen berichtet. Das tut gut! Kollege Jonas will nun »wenigstens für den Rest des Sommers mit dieser Eisprinzessin zusammen kommen, so wahr ich Ed von Schleck heiße«. Unlecker.

21:21 Uhr
Soll er doch, der verdammte Jonas. Ich pflege lieber meine Hitzedepression. »Finster droht das Öl in der Tiefe des Meeres«, dichtet ein Reporter nun aus dem Off. Kann er meine Gedanken sehen? Unheimlich. Ach, Zidane, warum hast du mich verlassen, du Größter unter den Großen, du Solitär über allen anderen, du Gott. Kehre zurück und ramme ihnen deinen harten Schädel auf die Brust. Lass sie ihr schelchtes Herz spüren! Weiße Katze von Marseille! Bist du es, die da über die Außenmikrofone so rollig schreit? Und bin ich jetzt eigentlich vollkommen durchgedreht? Zum letzten Mal dabei! Rufen Sie nicht mehr an!

21:26 Uhr
Und noch mal: Wulff, der neue erste Messdiener der Nation und sein Bundesverdienstkreuz für Jogi. Bundesverdienstkreuze für alle! Im Dutzend billiger! Deutschland: Das ist mein Laden! 

21:27 Uhr
Dass Katrin Müller-Hohenstein heute ganz in Latex auftritt führt dazu, dass wenigstens Oliver Kahn noch Hoffnung auf einen großen, ja: sehr großen Fußballabend haben darf. Es ist wie früher, Titan: Rauuus! Rauuuuus! Aber auch: Rein. Kleiner Tipp. Zwinker.

21:30 Uhr
So, jetzt genug Seniorenerotik, Freunde. Guckt mal da oben: 21:30 Uhr! Haaaallo! Finaaale! Auch Johan Cruyff hat seine Halbzeitzigaretten gefressen, scharrt mit den Füßen: »Ein Spiel zu gewinnen ist leichter, wenn man gut spielt als wenn man schlecht spielt«, hustet er. Na, dann: Anstoß.

46.
Und weiter geht's im lustigen Wettgrätschen. Umgehend fliegen wieder Körperteile durch die Gegend, vor allem spanische, in diesem Fall ein Kopf, der von Puyol nach einer Ecke, im Gegensatz zu Mittwoch trifft er die Kugel aber nicht voll, der Kollege, dem er vor die Füße fällt, pennt. Das ganze Spiel ist ein einziger Gegensatz zu Mittwoch. 

50.
Van Bommel ist ja schon ein erstaunlicher Typ. Man hatte ja in der letzten Saison den Eindruck, dass er es jetzt doch noch begriffen hat, dass man mit einem Foul nach dem anderen vor allem Platzverweise und keine Titel sammelt. In diesem Spiel hat er alles vergessen. Der Typ hat schon eine Dunkelgelbe gesehen und noch öfter ordentlich hingelangt, jetzt räumt er Xavi Alonso im Strafraum von hinten mit dem Arm aus dem Weg. Offensichtlich hat er aber mit Webb eine Absprache getroffen. Es gibt Abstoß. Erstaunlich.

54.
Jetzt läuft van Bommel Amok, fordert eine Gelbe für van Bronckhorst, der Ramos über die Klinge hat springen lassen. Mit Erfolg.

57.
Gelb für Heitinga, senst Villa um. Ich hab langsam keinen Bock mehr. Kollege Gieselmann fragt: »Wollen wir ins Kino gehen?« Ich Trottel schüttel nur stumm den Kopf, weil ich zunächst verstehe: »Wollen wir ins Klo gehen?« Muss unbedingt zum Ohrenarzt. Schreibe ich mir gleich in den Kalender. Neben das Finale.

60.
Die Spanier rächen sich jetzt foultechnisch ausgerechnet an Robben, was einerseits deswegen schwachsinnig ist, weil der jedes Mal nach Attacken den Defibrillator bestellt und zum anderen nun wirklich nicht der größte Aggressor ist. AAAAARG. Ganz im Gegenteil sogar, er bewirbt sich für das spanische Verdienstkreuz: Plötzlich ist Robben alleine auf dem Weg zu Casillas, wartet ewig, will, dass Casillas wackelt, der bleibt stehen und kriegt dann noch den Fuß rein. Großchance, tschüssi. Wo ist eigentlich dieses Niveau, auf dem solch spanischen Fehler gnadenlos (O. Kahn) bestraft werden?

65.
Webb pfeift hier mehr als die Pfeif- Vituosin Ilse Werner in ihrer gesamten Karriere. Die hat übrigens auch mal das Bundesverdienstkreuz bekommen, 1981 war das, damals, als Lothar Matthäus noch keine seiner fünf Weltmeisterschaften bestritten hatte und Mark van Bommel noch klein und nett war. Jetzt pfeift Webb übrigens schon wieder, Brutalofoul von Capdevilla, aber was heißt schon »Brutalofoul« in diesem Spiel? »Normalofoul« müsste es heißen. Nur Blatter grinst auf der Tribüne, in seinem Kopf läuft die VHS »Fußballfest« in Dauerschleife. Mann, es muss so schön sein, durch eine Heerschar PR-Füchse von der Realität abgeschirmt zu werden!

68.
Jetzt Weltchance für Villa, Heitinga foult sich selbst aus alter Gewohnheit, weil ja sonst niemand in der Nähe ist, Villa kommt an den Ball, schießt, der Ball ist schon drin, Kollege Jonas benennt sich schon in »Xabi Chonnas« um, doch da ist plötzlich wieder Heitinga, dieser Defensiv-Roger-Rabbit, blockt ab. Menno. Jetzt fühlen wir uns irgendwie noch leerer als zuvor.

72.
Und schon wieder Heitinga. »Eine harmlose Szene«, sieht ZDF-Maulwurf Rethy. Wir sehen, dass dieses Spiel offenbar zur offiziellen WM im fiesen Doppelgrätschen avanciert ist: Erst auf den Schlappen treten, und wenn der Gegner sich nicht mehr weiterbewegen kann, noch die Sense von hinten. Wann sehen wir den ersten Gorilla Press? Wann kommt der Ultimate Warrior? 

76.
Tickitacka, fickificki. Villa wird freigespielt, doch sein Schuss wird abgeblockt. Ecke auf Ramos... Raaaamoooosss! Steigt hoch wie Dietmar Mögenburg bei den Olympischen Spielen 1984, steht in der Luft, grüßt seine Eltern – ganz wie der Mann, der bei »Wer wird Millionär?« in den USA bei der letzten Frage seinen Vater als Joker anrief, die Antwort aber wusste und nur sagte: »Dad, ich hol mir jetzt die Million!« – doch Ramos weiß die Antwort nicht, er köpft drüber, es ist erbärmlich, es ist ätzend, es ist eines Finales nicht würdig. Aber dass das hier gar kein Finale ist, daran haben wir ja zur Genüge gezweifelt. Also: Wir sind raus.

78.
Tätlichkeitchen von Iniesta, er stellt die Hüfte raus, denkt wohl gerade an Shakira, Van Bommel steuert drauf zu, lässt sich fallen wie Andy Möller beim Sommerschlussverkauf. Wie kann ein so hässliches Spiel immer noch hässlicher werden? Und das, wo nicht mal ein Italiener mitspielt? Die Frage fasziniert uns jetzt so, dass wir ganz gespannt sind. Genial.   

82.
Und jetzt geht das hier ab wie Rizinusöl: Robben raketet mit acht Mach durch die spanische Hälfte, überholt alle, aber alle foulen ihn, zum ersten Mal in seiner Karriere lässt er sich nicht fallen, er strauchelt, er sprintet weiter, er strintet und sprauchelt, ja was denn nun, Puyol hat genug Zeit, sich auf einen Platzverweis einzustimmen, das dauert laaange, es ist noch immer eine hochkarätige Chance, dann wirft sich Casillas in den Ball, hält, und ebenso schnell rast Robben nun in die andere Richtung, er hat nämlich keinen Pfiff gehört, Webb versucht zu entkommen, klappt nicht, Gelb für Robben, lächerlich, jetzt foult auch noch der Schiri. Und Blatter, dieser Ernie ohne Bert, grinst sein Blattergrinsen, als wollte er uns persönlich quälen. Verlängerung droht. Die Fifa hat immer den längeren – Atem.

87.
»Riskiert einer noch was?«, will Rethy nun wissen. Ja: Van Persie. Längst ist Abseits gepfiffen, da dribbelt der Unsymapthieträger noch eine halbe Stunde allein vor sich hin und setzt den Ball dann an den Pfosten. Ein lächerlicher Mensch. Ein entsetzlich lächerlicher Mensch. 

90.+2
Die Sonne scheint schon längst nicht mehr, aber es wird immer heißer, immer heißer, der Mond verbrennt die Blumen, Kollege Jonas hat acht Evolutionsstufen übersprungen und fächelt sich nun mit seinen neuen Elefantenohren Luft zu, die es nicht gibt. »Törö!«, sagt er fachmännisch, als Sneijder aus 80 Metern schießt. »Verlängerung in Sucker City«, saugt Rethy. Socc my dick.

22:22 Uhr
Mir egal, wer gewinnt, aber was mich plagt ist die Frage: Ist das hier vielleicht etwas, was Schweini, Özil und Müller cool hätten ausdribbeln können? Wir sehen ein Spiel der schweinsbeinigen Defensivkanten, wie soll es anders stehen als 0:0? Wenn man übrigens aus Versehen die Shift-Taste drückt dann steht da:  =:=  , was irgendwie Ähnlichkeit mit Frank de Boer hat, der da die ganze Zeit von der Bank aus aufs Feld habichtet, als wollte er jedem, der eine Idee hat, persönlich die Augen auskratzen. Gegen das hier ist das Finale von 1994 ja richtig geil gewesen. Ein Spiel zwar auch ohne Eier, aber mit Schwänzchen (Baggio).

91.
Und der dritte Anstoß dieser Partie, nimmt man die vielen Male aus, die Jonas und ich hier schon die Bierflaschen aneinander gehauen haben. Besoffen macht's aber unwesentlich mehr Spaß. Wir können nicht mal mehr darüber lachen, dass Rethy jetzt als einziger Mensch weltweit einen Elfmeter verlangt – weil er verdammt Recht hat: Villa will schießen, Heitinga hält den Schlappen hin. Kann man pfeifen, Webb tut es nicht, so wie er auch die anderen drei Fouls, die dem vorangingen, nicht sah oder nicht sehen wollte. Ist er überhaupt noch da? Oder schon weg? Verständlich wär's.

95.
Fabregas versemmelt die größte Chance aller Zeiten, kann sich alleine vor Stekelenburg alles, aber auch wirklich alles aussuchen: die Ecke, Joghurt, Treueherzen, was er sich für seine Weltmeisterprämie kaufen könnte, auch ein Querpass zu Villa wäre eine Option, aber er schießt Stekelenburg an. Warum, Gott, hast du ihn verlassen? Im Gegenzug dann eine Holland-Ecke, knapp drüber, »bitte nicht Holland«, pressatmet Gieselmann noch, geht dann Hassduschen.

99.
Jetzt Iniesta mehr oder weniger alleine im niederländischen Strafraum, ich will gerade »die größte Chance aller Zeiten« updaten, da fällt mir ein, ist ja Iniesta, der bestimmt noch mal abspielen will. Ins Aus.

101.
Jetzt aber: TOOOOR! Von Jesus! Navas! Aber dann: Na was? Außennetz? Leute, hört mal. Das Helmer-Tor war drei Mal weniger drin als das Ding hier. Ich würde vorschagen, wir einigen uns auf Tor, Golden Goal, Spanien ist Weltmeister, sagen es keinem weiter und gehen Eiswürfel lutschen. Abgemacht?

105.
Dann halt nicht, die Spanier machen ja auch weiter, ist schon recht, gut, gut. Fernschuss, knapp vorbei. Wird aber noch. Wenn irgendetwas, was ich von Fußball weiß und was ich auch, nachdem wir uns jetzt schon sehr lange kennen, von ihm erwarte im Zusammenleben, von Substanz ist, dann kann Holland nicht Weltmeister werden. Grund: Edson Braafheid ist drin. Für Van Bronckhorst, der damit seine Karriere beendet. Beendet von Edson Braafheid. Wenn Braafheid jetzt Weltmeister wird... Ich mag gar nicht dran denken. Ich bin Bayernfan, aber das geht nicht. Geht nicht. GEHT NICHT. FUSSBALL!!! HALLO!

106. 
Und der vierte Anstoß. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.

107.
Und wie aus einer anderen Welt, als würde ich acht Jahre nach einem Atomschlag den ersten Menschen treffen, erreicht mich eine Mail mit diesem Betreff: »Regina Halmich jubelte in Berlin – Virginia Goetz ist die offizielle Fisherman's Friend Jubelweltmeisterin 2010«. Dann lieber doch die totale Einsamkeit.

109.
Und wie das Bundesverdienstkreuz in Deutschland wechselt nun die Kapitänsbinde der Holländer ihren Besitzer wie bei »Der Plumpsack geht um«: Für den ausgewechselten Van Bronckhorst übernimmt sie jetzt der eingewechselte Van der Vaart. Und auch der kann kann nicht verhindern, dass Heitinga jetzt GELB-ROOOOOOOOT sieht. Gehalten, klare Sache, keiner motzt, außer Van Bommel, der offenbar auch duschen will, igitt dieser Schweiß, nicht gut für die Locken, bloß ab in die Kabine, das will auch Van der Wiel, der jetzt Gelb sieht. Webbs Karten müssen inzwischen so aussehen wie ein Führerschein, der noch »Lappen« heißt und 1955 gemacht wurde. Speckig. 

113.
Und auch Robben sehnt sich nach der Nasszelle. Oder ist es die Angst vor dem Elfmeterschießen? Er drischt den Ball trotz Webbs Pfiff ins Tor. »Letzte Ermahnung«, lehrert Rethy. Wann fliegen wir denn endlich vom Platz? 

115.
Die Spanier müssten das hier jetzt irgendwie lässiger ausspielen, aber sie sind nervös, nervööööööööööös. Und jetzt Freistoß für die Holländer, Sneijder, abgefälscht, er fliegt, er fliegt, ist das schon die Superzeitlupe? Nein, aus. Aber keine Ecke. Unfassbar. Gleich zeigt Webb sich selbst Rot. 

117.
Und: TOOOOOOOOOOOOOOOR! Die Erlösung. Für Spanien. Für uns. Nicht für Holland. Iniesta wird von Torres bedient, Braafheid fühlt sich immer noch an Celtic Glasgow ausgeliehen, und Iniesta, so ziemlich der einzige Mann, dem wir das hier noch gönnen, dieser Android des Weltfußballs, dieses Superhirn, er macht das ganz cool, schiebt ein. »GOOOOOOOL!«, würden wir jetzt gern schreien. Aber wir sind Deutsche. Wir gucken ZDF und sind ausgeschieden. Also: Tor. Und: Das war's. Gute Nacht. 

119.
Holland holt sich noch ein paar Karten ab, fürs Sammelalbum der Familien daheim. Robben hat Blähungen, kauert und presst. Das soll es aber nun wirklich gewesen sein. Nein: »Sie müssen jetzt alles nach vorne werfen«, wirft Rethy uns nach hinten. Braafheid (Braafheid!) flankt, Robben wirft ein, Capdevilla drischt den Ball nach Villareal. Und irgendwo dort liegt auch Torres, ist wohl wirklich angeschlagen, dass es Zeit bringt, wird ihn nicht stören, komm, mach Schluss, Howard. Und er macht Schluss! Er macht Schluss! Spanien ist Weltmeister! Herzlichen Glückwunsch! Und Thomas Müller ist Torschützenkönig! Noch herzlicheren Glückwunsch!

23:03 Uhr
Und die Holländer regen sich noch immer über die vor dem Tor nicht gegebene Ecke auf. Van Bommel redet auf Webb ein, der zeitgleich versucht, die Hand des Bayern-Rüpels zu zerquetschen. Aber lag es wirklich daran? Hat der Prager Fenstersturz wirklich den Dreißigjährigen Krieg ausgelöst? Hättet Ihr mal besser aufgepasst, als es im Geschichtsunterricht um den Unterschied zwischen »Auslöser« und »Grund« ging. Der Grund war, das verraten wir euch jetzt mal: Spanien. Diese Mannschaft ist einfach saumäßig gut. Hat schließlich uns geschlagen. Wir wollten sie spielerisch besiegen, Holland wollte sie wegknüppeln. Hat beides nicht geklappt. Einmal auf traurige, einmal auf erfreuliche Weise.

23:08 Uhr
»Es geht darum, Werte aufrecht zu erhalten«, sagt Del Bosque im Blitzinterview. Dann geht es für ihn darum, sich selbst aufrecht zu erhalten, denn seine Jungs wollen ihn nun hochwerfen. Er wehrt sich, er ziert sich, dann hebeln sie ihn aus und werfen ihn tatsächlich einen Zentimeter in die Höhe. Ach, wie hoch wäre Jogi geflogen? Ist er ein Bundestrainer? Ist er ein Vogel? Nein, er ist ein Bundestrainer, der fliegen kann. Oh, holder Traum. Wie oft noch schlafen bis 2014? 

23:11 Uhr
Die Freude über einen gerechten Sieg wird noch von der Freude überwogen, dass wir jetzt gerade nicht auch noch ein Elfmeterschießen über uns ergehen lassen müssen, in dem, wie wir diese WM kennen, auch noch Iniesta verschossen hätte. Vor lauter Glück darüber, dass das nicht nicht so gekommen ist, erfreuen uns auch die seltsamen Hostessen von »Emirates«, die den Holländern jetzt die Medaillen umhängen. Braafheid macht den Geknickten, aber kann jemand wie er allen Ernstes mehr von seiner Karriere erwarten, als dass sie ihm hier den zweiten Platz schenkt? Braafheid, Mann! Wach auf.

23:15 Uhr
Raul, Butragueno, Suarez, di Stefano, Santamaria, Kopa, Kubala: Sie alle spielten für Spanien und starben in Schönheit. Jetzt – endlich – darf Spanien als nunmehr achtes Land den begehrtesten Pokal des Planeten in Empfang nehmen. Blatter trägt, das mag erstaunen, ihn selbst zu Kapitän Casillas, der ihn JETZT in die Höhe stemmt – und sich freut, dass man nicht anders kann, als sich mitzufreuen: Wie ein kleiner Junge. Oder wie ein Mann, der schon als kleiner Junge auf seinem Bett lag und das Poster mit dem Cup hypnotisiert hat. Oder wie dieser kleine Junge, der jetzt wieder da ist, auf der Ehrentribüne von Soccer City steht, inmitten der verhornten Honoratioren, und im Gleißen des Goldes seinen Traum vollendet. Das ist schön. Schön. Sehr schön.

23:21 Uhr
Nicht schön: Dass Shakira jetzt hier noch mal knödeln muss. Es ist wohl das Prinzip der Fifa, uns immer ganz an die diese beknackte Gegenwart zu fesseln, und sei es durch akustische Folter, damit wir ja nicht auf die Gedanken kommen, es gäbe etwas in diesem Spiel, das nicht von ihr, der Fifa, organisiert worden ist. Träume zum Beispiel. Oder wenigstens Schäume. Eben war da noch was. Aber jetzt: Shakira – plopp.

23:34 Uhr
Und jetzt auch noch Feuerwerk. Die letzten lieben Fußball-Gespenster werden hier systematisch verscheucht. Wir entschweben jetzt der Soccer City, liebe Fans, wir entschweben Südafrika, der ganzen WM, so schwer uns der Abschied uns auch fällt. Es war ein langes Turnier, es war ein manchmal zähes und manchmal elastisches Turnier, ätzende Spiele, begeisternde Spiele, wir haben mit Neuseeland geweint und mit Italien nicht geweint. Wir haben Thomas Müller kennen gelernt und uns ganz neu in Arne Friedrich verliebt. Nun geht diese schrecklich-herrliche Klassenfahrt vorbei, die langen Ferien fangen an. Wir werden Euch vermissen, liebe Fans. Macht schön Urlaub. Wir sehen uns im August wieder, im neuen Schuljahr. Und macht Euch darauf gefasst, dass wir dann extra streng sein werden. Noch mal wollen wir ja schließlich nicht Dritter werden. Mit den dritten Zähnen: Euer 11FREUNDE-Liveticker. Gute Nacht.

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