Atletico Madrid

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B. Leverkusen

Atletico-Bayer im 11FREUNDE-Liveticker

Drüberkusen

Ein Elfmeterschießen wie eine Solidaritätsbekundung für Uli Hoeneß: Leverkusen schießt zwei Mal über die Latte. Verabschiedete sich in den Belgrader Nachthimmel: der Ticker.

20:30 Uhr

Guten Abend. Im Studio: Armin Veh. Will sich wohl ins Gespräch bringen. Und ist auch schon mitten drin. Moderator: »Wer kommt weiter?« Veh: »Monaco!« Erinnert mich an einen Witz. Der arme Sünder kommt in die Smalltalk-Hölle. Fragt der Teufel: »Na, wie geht’s?«   

20:31 Uhr

Geht so.

20:35 Uhr

In der Werbung: Steuerfachgehilfinnen, die wie von Sinnen um Kleinwagen herumdancen wie bei einem archaischen Fruchtbarkeitsritual. Was wir uns jetzt, dadurch angeregt, kaufen sollen, bleibt freilich vollkommen offen. Im Zweifel alles. 

20:37 Uhr

Marcel Reif meldet sich aus Madrid. Wie das klingt: Marcel Reif meldet sich aus Madrid! Nach Welt, irgendwie. Zumindest nach dem, was ich dafür halte. Würde mich auch gern mal von irgendwo melden. Aber alles was ich mir vorstellen kann, ist dies: »Dirk Gieselmann für HALLO NIEDERSACHSEN, Studio Diepholz.« Mit dramatischen Bildern von einem geschlossenen Schlecker-Markt. 

20:42 Uhr

»Sie kommen heraus, sie kommen heraus!« (Albert Camus, »Die Pest«)

20:42 Uhr

Die Madrilenen sehen aus wie Leute, die mein Opa früher »Karussellbremser« nannte. Wahrscheinlich meinte er dieselben, die von Schaustellern als »junge Männer zum Mitreisen« gesucht wurden. Wohin reisen die bloß mit?, fragte ich mich, Schokoweintrauben essend. Jetzt weiß ich es: nach Madrid. Leverkusen bremsen.

1.

Anstoss. Oder wie man in Madrid sagt: »A lo dicho, hecho.«

2.

Das Spiel schon jetzt hitziger als ein Toaster auf Speed. Dann Einwurf Hilbert. Für Roger Schmidt der derzeit beste Rechtsverteidiger des Landes. Bringt den Ball auch tatsächlich zum eigenen Mann. Ich lege mich fest: Deutschland auf Jahre hinaus unschlagbar. Aber was heißt das bloß für dieses Spiel? Bisher: Nichts.

3.

»Keinem Zweikampf aus dem Wege gehen« – diese Wendung, die nun auch von Reif benutzt wird, bereitet mir seit jeher Kopfzerbrechen: Ist ein Zweikampf, dem man aus dem Wege geht, überhaupt noch ein Zwei- oder vielmehr ein Ein-, also gar kein Kampf? Oder ist ein Dritter gemeint, ein Passant, der zufällig vorbeischlendert und denkt: »Ach, du Scheiße, da kämpfen ja zwei Jugendliche, ich müsste mich einmischen, Zivilcourage ist gefragt, aber ich bin gerade auf dem Weg zum Rendezvous, also schnell weg«? Nachdenkliches, allzu Nachdenkliches in dieser nunmehr 5. Minute.

5.

Die, die wir immer alle von der Stimmung in den Bundesligastadien schwärmen, müssen bereits nach wenigen Minuten konstatieren, was für voreingenommene, selbstherrliche Meinungsfinder wir sind. Das ganze Stadion springt, singt und sabbert die Gier nach einem Sieg in die Abendluft, dass es einem die Pelle zieht. Wer bisher nicht für Leverkusen war, ist es jetzt, so er es mit den Schwachen hält. Oder eben Atletico-Fan.

7.

Drmic: Ein Name wie der »engste Raum«, von dem immer alle reden. Und in einem Winkel dieses engsten Raums steht eine Kerze, das »i«. Sie flackert.

10.

Dass spanische Stadionbesucher auch immer gleich aussehen müssen wie Statisten in einem Film von Almodovar: irgendwie manieristisch. War es Reifs Idee?

12.

In der Abwehr spielt Atletico mit der klassischen Wiesel-Taktik. Alle Mann auf den Ball, als wären sie seit Wochen ausgehungert und die Pille ihre Nahrung. Die artigen Tierschützer aus Leverkusen zeigen Herz und geben den Ball in schöner Regelmäßigkeit und so zügig wie möglich ab. Putzig.

13.

Reif nennt Fernando Torres jetzt das »Maskottchen« von Atletico. Wenn das stimmt, ist er selbst aber der Armaturbrett-Wackelelvis von SKY.

14.

Man wird das Gefühl nicht los, dass Madrid Leverkusen nicht als Gegner, sondern einzig als Last ansieht. Wie eine Matheprüfung kurz vor dem Abitur. Und die Zuschauerränge sind die Großfamilie, die wissen, dass es nur irgendwie vollbracht werden muss. Der Junge ist doch eigentlich ein guter.

16.

Faszination Eckstoß: Son mit der Chance! Brandgefährlich, der Koreaner. Oder wie Armin Veh ihn nennt: »der Kinese«. 

17.

Einwurf Madrid, Großaufnahme Bender. Will Männlichkeit beweisen, da ihn drei Atletico-Spiel mit ihren stierenen Blicken avisieren, packt sich beherzt in den Schritt. Seine Augen verraten den Griff ins Leere. Doch noch schlägt sich der Knaben-Chor der Bayer-Werke ganz anständig. Singt hoch, verschüchtert, aber unisono.

18.

»Bellarabi. Drei Mann bei ihm«, raunt Reif mit der Synchronstimme von Rutger Hauer in irgendeinem B-Movie, dessen Name mir zum Glück entfallen ist. Beschattet er das Spiel vom Parkplatz aus?

20.

Konter! Bender entdeckt seine Männlichkeit, zur Überraschung aller in seinem rechten Fuß, schüttelt einen Superhelden-Pass in den Lauf von Son, der das so aus dem Training allerdings nicht zu kennen scheint und mit der Ballannahme ungefähr so überfordert ist, wie Superman am Waschtag.

21.

Atleticos Keeper Moya muss raus. Hat sich irgendwas Wichtiges gezerrt. Der Ersatztorhüter Jan Oblak macht sich hektisch bereit. Saß bis dahin auf der Bank wie Eric Jelen beim Davis Cup: unbeteiligt optimistisch, ab und zu mal ein Gatorade trinkend, hoffend, dass es im Doppel nicht auf ihn ankommt. Doch jetzt schickt ihn Niki Pilic auf den Court. New Balls, please.

23.

Arda Turan dringt in den Strafraum ein, vor sich eigentlich nur noch Bernd Leno, wenn der Winkel auch spitz wäre. Doch aus dem Nichts, der Tiefe des Raumes, der Haltestelle »Leverkusen Zentrum«, kommt Bender heran, dieses Mannsbild, und checkt den Türken weg, wie eine Hausfrau beim Kampf um den Einkaufswagen. »Aber da ist mein Chip drin«, will Turan noch rufen, doch da ist Bender längst wieder von dannen geritten.

25.

Emir Spahic, der Quastenflosser unter den Innenverteidigern. 

27.

Tor. Mario Suarez. Einfach mal draufgehauen aus anderthalbter Reihe – ein Schuss, der auch auf die Tribüne gehen kann, aber trotzdem immer »RICHTICH« ist, wie es auf deutschen Kreisklassenplätzen zwangsläufig heißen würde. Hier geht er aber rein. 0:1. Fühlt sich irgendwie falsch an. 

30.

Arda Turan mit Jahrhundersteckpass auf den durchstartenden Mandzukic. Man will schon fluchen ob des 2:0, doch dann kommt der Quastenflosser aus seinem Versteck, gibt die vollendete Mimikry auf und grätscht die sauberste Grätsche auf den Rasen, seitdem es Waschmittel gibt. Spahic - die schlaue Art zu klären. 

32.

Von einer »Reifeprüfung« sprach Gonzalo Castro vor dem Spiel. Aber wann wäre sie bestanden? Wenn sie hier weiterkommen? Sich nicht den Schneid abkaufen lassen? Mit Mrs. Robinson durchbrennen? Für den Moment scheint sich Leverkusen für die zweite Option entscheiden zu haben. Immerhin.

35.

Atletico dominiert, Simeone wird milde. An der Seitenlinie entschuldigt er sich nun bei Schmidt für die Aggression im Hinspiel. Auf seine Art.

37.

Wäre das Spiel der Leverkusener Musik, dann wohl ein Walzer. Im 4/4-Takt. Die Absicht ist edel und gut, die Schritte sitzen, nur zusammen gehen will es nicht recht.

40.

Roger Schmidt wirkt wie ein Studiosus-Reiseleiter, wenn einem Opa aus seiner Gruppe auf dem Plaza de Cibeles der Brustbeutel geklaut wurde: will den Dieb ergreifen, rennt ziellos umher, ahnt aber die Aussichtslosigkeit des Unterfangens. Tolle Bilder.

43.

Jetzt erst gesehen: Atletico wirbt für »Baku 2015«. Dort finden, wie intensive Recherchen erweisen, die so genannten European Games statt. Könnte aber auch eine Rassehundeausstellung in Clausthal-Zellerfeld sein. Wir drücken allen Teilnehmern gleichermaßen die Daumen!

45.

Bayer bemüht, stand- und wehrhaft. Doch unser Menschen- und Fußballverstand sagt uns,  bei allem was wir hier sehen, dass es so nicht reichen wird. Andererseits sagt uns unser Menschenverstand auch, bei allem was wir hier sehen, dass die Erde eine Scheibe ist. Und da man das schreibt, zuckert Son auf den links durchstartenden Wendell, der hinein zu Calhanoglou, der nur ach, zu kleine Füße hat. So kullert der Ball lediglich in die Arme von Torhüter Oblak, statt ins Bayer-Glück. 

47.

Und vorbei ist die erste von zwei Hälften. Fein säuberlich voneinander getrennt durch eine Pause. Und den längsten Mittelscheitel aller Zeiten.

21.45 Uhr

So. Wir haben uns kurz frisch gemacht, Klamotten gewechselt und neuen Mut geschöpft. Auf geht's Freunde, auf geht's Bayer! Wir sind bereit!




21:46 Uhr

Hans-Peter Lehnhoff im Interview mit Esther Sedlaczek: Sieht aus wie Sascha Hehn bei »Let’s Dance«. 

21:48 Uhr

In den Katakomben. Schmidt (emphatisch): »Jungs, denkt dran: Auswärtstore zählen doppelt!« Drmic (murmelnd): »Zweimal Null... ist Nullnull. Doppelnull. Hätte ich noch mal für kleine Ex-Nürnberger gehen sollen? Schaff ich’s noch? Schaff ich’s noch? Jetzt gehen die schon los! Verdammt. Hallo! Ich muss mal.« Wem sagt er das. Müssen: das Motto der zweiten Halbzeit. Anstoß. 

47.

Die zweite Halbzeit läuft also, die erste grüßt nochmals in Richtung der Leverkusener Bank. »Wir sehen uns wieder«, säuselt sie. »Warum«, fragt die Bank zurück. 

48.

Koke wurde übrigens ausgewechselt. Zumindest in Reifs Sprachzentrum. Dort spielt jetzt ein Mann namens »Kochäää« eine tragende Rolle. Wollen mal sehen, welche exotische Aussprache ihm noch für »Schmidt« einfällt. 

50.

»Griezmann, hoher Fuß« – eine Szene in dieser 50. Minute. Eine Szene aber auch in einem deutschen Behördenbüro, wenn der faule »Griezi« aus der KFZ-Zulassungsstelle um 14:30 Uhr sein Bein auf den Schreibtisch wuchtet, um den Feierabend einzuläuten. Mein lieber Schwan, das Gulasch in der Kantine war aber auch wieder fettig! 

53.

Was mir das Daumen drücken für Leverkusen ein bisschen schwer macht: Arda Turan. Was für ein geiler Kicker, was für ein geiler Typ. Zockt wie eine Mischung aus Pirlo und Scholl, dabei in jeder Sekunde mit der Leichtigkeit des Seins im Bunde. Hier ein Bild seines letzten Dribblings gegen Roberto Hilbert.

56.

Calhanoglu will einen Elfer, kriegt aber einen Freistoß gegen sich. Lässt sich vom Mannschaftsarzt an Ort und Stelle »Thug Life« auf den Steiß tätowieren.

58.

Weiter 1:0. Und so richtig hat hier für den Moment keine der Mannschaften ein Tor in der Glaskugel. Es duftet nach Verlängerung. Was das für eine Spannung gibt, weiß selbst der sonst mit gänzlich anderen Problemen behaftete Bibi Netanjahu.

60.

Was für Optionen hat das Schmidteinander auf der Leverkusener Bank noch? Marcel Reif säuselt Kießling ins Gespräch, der könne schließlich »Bälle festmachen«. Die Frage ist nur: Für wen? Da sich die Bayer-Spieler dem Strafraum des Gegners nähern, wie eine Schnecke auf der Beerdigung einer anderen.

63.

Fun Fact: Hakan Calhanoglu war mal Achter bei einem Mesut-Özil-Ähnlichkeitswettbewerb in einer Mannheimer Disco. Sieger: Hans Rosenthal. Neunter: Mesut Özil.

65.

Quastenflosser Spahic jetzt mit allem was er hat, nur ohne jeden Verstand. Macht auf Höhe der Mittellinie auf Sensenmann und verkennt, dass höchstens seine Zeit gekommen wäre, wenn er nicht sofort aufhört mit des Wahnsinns fetter Grätsche. Mit ihm ist es ein wenig wie mit meinem letzten Besuch beim Hautarzt. Es sei nichts Schlimmes mit mir, nur helfen könne er auch nicht.

67.

Auf der Tribüne sitzt Pep Guardiola: Wie ein Opernfreund, der auf einem Kassierer-Konzert gelandet ist. Hoffentlich kriegt er die Flecken wieder raus. Aus seinem Gedächtnis.

70.

Auf der Leverkusener Bank jetzt langsam Unruhe. »Gibt es da nicht was von Ratiopharm«, fragt Schmidt in Richtung seiner Untergebenen. Die schütteln ungläubig den Kopf und zeigen im Verbund auf Kießling, den Siegfried der Bayer-Elf, mit dem Lindenblatt in Form einer Frisur.

71.

Ein Mann namens Jesus holzt innerhalb einer Sekunde zwei Leverkusener um. In Reifs Sprecherkabine fällt die Bibel vom Regal, aufgeschlagen ist der Vers: »Wenn du den linken Mittelfeldspieler erwischst, dann erwischst du garantiert noch auch den rechten.« (Matthäus 5,39)

74.

Griezman macht sich auf dem linken Flügel auf in Richtung französischer Grenze, als wäre er auf der Flucht, nimmt, für die Atletico-Fans erfreulich, dabei immerhin den Ball mit. Kurz vor der Grenze setzt er den Blinker und passt auf den großzügig frei durch den Strafraum flanierenden Arda Turan. Zum Glück ist der ein Künstler, mit eben solchen Launen. Malt einen Hackentrick in die Landschaft, an jeder Leinwand und jedem Mitspieler vorbei. 

76.

Schmidt setzt auf Routine, bringt Klaus Täuber, Rüdiger Vollborn und Tita, verwandelt sich selbst in Erich Ribbeck. Und wir sitzen in Schlafanzügen vor dem Fernseher und müssen vorm Elfmeterschießen ins Bett. 

78.

Wären wir Kriegsreporter, würden wir schreiben: Die Einschläge kommen näher. Tickerer, die wir sind, schreiben wir: Die Einschläge kommen näher. Diesmal ist es Griezman, der nach Pass von Mandzukic und fünf Meter vor Leno an den Ball kommt. Schießt zum Glück nur mit Platzpatronen.

80.

Kießling hat die Haare gelb.

81.

Simeone holt die Brechstange raus. Was natürlich als Metapher gemeint ist. Jedoch: »Metapher?«, grunzt Simeone. »Ist das nicht dieser ukrainische Scheißverein, den wir aus der Gruppenphase geschmissen haben?« Rennt auf den Parkplatz, zu seinem rostigen Opel Ascona, öffnet den Kofferraum und holt – eine Brechstange heraus. Metapher geht’s nicht. 

83.

Turan schickt den eingewechselten Torres. Der sucht seine Form von 2008, sucht Lahm. Findet Spahic. Im Paartanz geht es ins Seitenaus. Dort kommt es zum Gespräch. Torres zu Spahic: »Und, wann hattest Du Deine beste Zeit.« »Heute!« »Arme Sau.« »Abwarten.«

85.

In diesem Moment ergeht Guardiolas Urteil: Beide Mannschaften scheiden aus. Bayern gegen Bayern II im Viertelfinale. Dem vorweg genommenen Finale.

87.

Es riecht nach Verlängerung. Ach was. Es stinkt. 

89.

Normalerweise lösche ich ja alles, wo in der Betreffzeile »Verlängerung« steht. 

90. +1

Liebe Werkself. Wir waren bereit Dir jede unserer noch gesunden Herzkammern zu vermachen für diesen Abend. Aber..wie sollen wir es sagen? Vielleicht so:

90. +3

Bender hält sich den Oberschenkel. Verdacht auf Benderdehnung. 

90. +4

Und in irgendeiner Fußgängerzone, unter einem Heizpilz beim Public Viewing fallen sich ein Einwurffan und ein Verlängerungsfan in die Arme und weinen vor Glück. 

22.42 Uhr

»Also nochmals zwei mal 15 Minuten äh..« stutzt Reif ins Mikrofon. Recht hat er, äh. Seien wir ehrlich: Diese Verlängerung ist Mist. Wir müssen doch morgen alle wieder arbeiten. Oder wie sagte ein Klugscheißer einst: Es gibt Wichtigeres als den Frieden — die Freiheit. Unsere Freiheit. Und damit rufen wir sie ins Leben, die Initiative »Abpfiff jetzt!«

91.

Aber stattdessen: Anpfiff. Nochmals 30 Minuten Äh. Wenn mein bruchstückhaftes Sci-Fi-Wissen mich nicht im Stich lässt, muss es irgendwo da draußen ein Paralleluniversum geben, wo dieses Spiel gerade abgeht wie ein Zäpfchen. Wir wären gerne dort. Oder irgendwo anders als hier.

93.

»Torres fällt wie ein Blatt im Herbstwind«, dichtet Reif jetzt. Hat das mit dem Paralleluniversum doch geklappt? Ne. Das Spiel gurgelt weiterhin mit der Spannung einer gerissenen Armbrust vor sich hin.

95.

Reif regt sich furchtbar über die Schauspielkünste von Raul Garcia auf, prustet sein Unverständnis in den Abend. Dann Großaufnahme Raul Garcia. Blutet unter dem Auge. Wie unser Fußballherz.

98.

Nachtrag: Natürlich ist es auch nur Theaterblut, das da aus unseren Herzen tropft.

100.

Kein Zweifel: Reif würde auch diese strittige Szene auf Anhieb als Schauspielerei entlarven.

102.

Schmidt kann noch mal wechseln. Was macht er? Er entscheidet sich für ein frisches Hemd. Sensationell.

104.

Bender geht, Papadopoulos kommt. Typisch Grieche: Stellt gleich mal ein paar Reparationsforderungen. 

105. +1

Wäre dieses Spiel ein Liedtext, dann spätestens jetzt dieser: »Gib mir mein Herz zurück, Du brauchst meine Liebe nicht. Je eher, jeher Du gehst, umso leichter, umso leichter wird's für mich.« 

23:01 Uhr

Schmidt zu Spahic: »Ich dachte, du wärst ausgestorben!« Spahic zu Schmidt: »Ich dachte, du wärst Möbelverkäufer!«

106.

Sollte es hier tatsächlich zu einem Elfmeterschießen kommen, müssen wir mit schlechten Neuigkeiten aufwarten. Der Torwart Atleticos ist Slowene und heißt Oblak. Nicht schlimm, murrt ihr? Aber murrt ihr auch, wenn wir verraten, dass Oblak »Wolke« heißt?! Eben. Oder nicht. Ist uns jetzt auch egal. Alles. Anstoß zum vierten Viertel. Oder in Worten: puh.

107.

Leno! 

108.

Gäbe es einen Strafgerichtshof der Fußballästhetik und wir wären seine Ankläger, wir plädierten auf kaltblütigen Gefühlsmord.

110.

Was haben die ebengesehene Flanke und Che Guevaras Büro nach seinem plötzlichen Verschwinden 1965 gemeinsam? Auf beide passt Reifs Kommentar: »Castro! Aber da ist niemand.« 

111.

Die gefühlte 713. Minute. Beide Mannschaften geben nochmals Vollgas. Zu blöd, dass der Tank leer ist. Vielleicht war er auch nie voll. Was wissen wir schon. Nur Rolfes hat offenbar noch einen Reservetank, schaltet zu und zieht aus gefühlt 713 Metern ab. Schöne Flugbahn, wie ein Schwarm militärisch gezüchteter Gänse. Nur das Visier ist um einen Meter falsch eingestellt. Aber was will man erwarten, von einem Schwarm militärisch gezüchteter Gänse? Eben.

113.

»Werbung für den Fußball« sei ja manches Spiel, hört man immer wieder. Dieses Spiel hingegen ist Werbung fürs Gewichtheben. Rumänische Regionalmeisterschaft. Der »Frauen«. 

116.

Simeone wirkt mittlerweile wie ein Vorstadtschläger, der hier seit fast zwei Stunden auf seinen Widersacher wartet. Er tigert auf und ab, spuckt aus, bringt sich immer wieder in Wallung, spannt den Bizeps an, tritt gegen Mülltonnen. Komm raus, du Arsch. Komm raus. Und wenn nicht, na: dann schlägt er sich halt selbst zu Brei. Aus Leidenschaft.

118.

Gieselmann und ich, so mein Gefühl, sind mit diesem Spiel längst eins. Der Tank ist leer. Wir verwarnen uns gegenseitig, zücken gelbe Karten im Akkord. Nur weil wir nicht wissen, wer Atletico und wer Bayer ist, klöppeln wir hier weiter in die Tasten, ganz ohne jede Ahnung warum. Der Ticker als Nirvana. Wenn sich Fußballer so fühlen, möchten wir nie wieder behaupten, tauschen zu wollen.

119.

Also, WIR müssen morgen tatsächlich wieder arbeiten. Wen’s interessiert.

23:19 Uhr

Elfmeterschießen also. Simeone zu Schmidt: »Können wir uns auch auf die Fresse hauen?« Schmidt: »Hast du eine Vorstellung, was meine Haare gekostet haben?« 

23:21 Uhr

Leno entspannt. Wie ein Wehrdienstleistender auf dem Weg ins Wochenende. Stellt er gleich seinen aufgemotzten Golf »Bon Jovi« ins Tor?

1:1

Atletico beginnt. Drüber!!! Raul Garcia und: DRÜBER!!! Gutes Duo.

1:1

Calhanoglu tritt an. Kann er seinen achten Platz beim Özil-Ähnlichkeitswettbwerb toppen? Jein: Er passt (!) den Ball in die Mitte, Oblak kann nicht ausweichen. Ein Elfmeter wie ein Wildunfall.

2:1

Jetzt Griezmann. Souverän oben rechts.

2:2

Rolfes mit einem Rolfes-Elfmeter. Eingeparkt. Pünktlich zur Sportschau zu Hause.

3:2

Leno hält gegen Koke! Ruft ihm ein Koke Zero hinterher.

3:2

Toprak. Drüber. Um nicht zu sagen: Drübber!

3:2

Mario Suarez mit der gleichen Ecke wie Griezmann und Rolfes. Leider auch genauso präzise. Drin.

3:3

Castro. Streberhaft. Verwandelt gleich zwei Mal.

4:3

El Nino! Einfallslos. Nimmt die Ecke des Abends, rechts oben. Auch drin.

4:3

Kießling. Unterwirft sich auf seine alten Tage dem Jugendtrend: DRÜBER! Jogi Löw im Blitzinterview: »Ich hab’s immer gewusst.« 

23:31 Uhr

Weinende Leverkusen-Fans: Eine emotionaler Zustand, der mich ähnlich befremdet wie sexuelle Erregung auf einem Howard-Carpendale-Konzert. Also zum rein Sportlichen: Das Spiel war unterirdisch, das Elfmeterschießen hingegen überirdisch. Selten so viele Schüsse gesehen, die so weit drüber gingen. Gespenstisch. Vielleicht eine Solidaritätsbekundung für Uli Hoeneß? Wenn ja: warum? Beziehungsweise: warum eigentlich nicht? Irgendwas muss man ja gegen diese bleierne Langeweile unternehmen. Schießt nächstes Mal auch drüber: euer 11FREUNDE-Liveticker. Gute Nacht, liebe Fans.

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