Argentinien
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Bosnien

Argentinien-Bosnien im Liveticker

Im Messi was Neues

Er kann es doch noch: Argentiniens bester Messi seit Maradona hat nach acht Jahren mal wieder ein WM-Tor für sein Land geschossen. Dazu noch ein historisches Tor vom besten Messi Bosniens. Und Hunderte gelber Sitzschalen klatschten sich die Rückenlehnen wund. Das alles und noch viel weniger: im 11FREUNDE-Ticker.

16:46 Uhr

Noch einmal ein bisschen vorschlafen, dann geht es hier schon los. Anstoß um Mitternacht, der High-Noon des Brasilianers.

23:25 Uhr

Maracana. Camamamachen.

23:31 Uhr

Der Weg ins Maracana führt für Brasilien durchs ganze Land. Der Weg ins Maracana, für uns führt er erst mal über Rudi Cerne. Hat sich Lutz Pfannenstiel eingeladen, den Oliver Kahn der Backpacker-Szene. Der wirkt auf der ZDF-Glitzerterrasse in Rio seltsam fehl am Platz. Wie, sagen wir: Honduras bei einer WM. War das eine Treterei gerade, mein lieber Mann. Es kann nur besser werden. Bzw: bosnier.

23:35 Uhr

Guten Abend. Hier Herrmann. Leise begrüße ich den Kollegen Ehrmann. Es ist dies auch ein schamhaftes Wiedersehen. Am Freitag lagen wir uns noch weinend in den Armen, es war auf der Aftershowparty beim Reporter-Forum, in der Hand der fünfte Gin-Tonic, wir glaubten, dass wir England gegen Italien tickern, es fiel der fatale Satz: »Wenn wir so tickern wie wir trinken, dann sind wir unantastbar.« Und heute? Sprüht Ehrmann erstmal mit Sahne über den Redaktionsteppich, damit ich Abstand zu ihm halte. 9,15 Meter. Aber zwischenmenschliche Distanz bemisst sich ja sowieso nicht in Metern. Sondern in Tränen. Und die sind mir schon vor langer Zeit versiegt.

23:34 Uhr

Wenn man die Augen schließt, wie ich es gerade am liebsten machen würde, könnte der bayrische Singsang von Pfannenstiel auch aus dem Mund von Schorsch Hackl kommen. Der sich dann mit Cerne auf dem Bauch eine Riesenrutsche zur Copacabana hinunterstürzt. Eiskanal im brasilianischen Winter. Bzw: World Record Split.

23:42 Uhr

Lionel Messi war noch mal schnell bei Papst Franziskus. Kann nicht schaden, logo. Pfannenstiel ungerührt: »Er konn a Schtohr der Wää-Ämm wärden!« Ich bin ein Lutz, holt mich hier raus!

23:43 Uhr

Das ZDF sendet den sechsten Beitrag über La Pulga binnen zwei Minuten. Vielleicht ist Lionel Messi auch so klein, weil der Druck so groß ist.

23:44 Uhr

Argentinien gegen Bosnien. Das klassische Duell Groß gegen Klein, das sich bei näherem Hinsehen (Messi) als nicht mehr ganz so eindeutig erweist. Coach Sabella lässt den Knirps aus Rosario vorsichtshalber noch mal auf die Streckbank legen. WM-Star - ein dehnbarer Begriff.

23:51 Uhr

Geht ja gut los: Bosnien ist zu spät. Will sich mit seinem Debüt noch ein bisschen Zeit lassen. Den Moment noch mal ein bisschen auskosten. Aber die FIFA hat was dagegen. Offizielle drängeln, deuten missmutig auf die Uhr. Nicht dass der asiatische Markt abschaltet. Und Seppl ein paar Kröten durch die Lappen gehen.

23:56 Uhr

Hymnen. Bei Argentinien singen gefühlt 80.000 Leute mit. Standleitung nach Buenos Aires? Oder der völlige Triumph auf dem Schwarzmarkt? Ist hier schon die Vorentscheidung gefallen?

23:57 Uhr

Jetzt Bosnien. Weihevolle Stille. Gesungen wird nicht. Macht nichts: Coach Safet Susic, ein Doppelgänger des großen Zico, steht mit funkelnden Äuglein am Seitenrand. Schaut er schon bis ins Maracana? Wer weiß.

23:58 Uhr

Argentinien wie immer mit bombastischer Offensive. Und einer Defensive, die nach Tangoverein Herne-Süd klingt. Mehr Diskrepanz zwischen dem, was vorne ist, und dem Rest hinten war zuletzt bei Anna Nicole-Smith.

23:59 Uhr

Die Aufstellungen. Und wir korrigieren die Spielpaarung: Argentinien gegen Bundesliga. Zuhause notieren die Sky-Redakteure den Slogan für die neue Saison: »Die bosnischste Liga aller Zeiten.« Klingt schmissig. Gekauft.

1.

Anpfiff. Und für Bosnien gilt gleich das alte Kämpfer-Motto: Gegner muss. Bal kan.

3.

Das traurigste WM-Debüt aller Zeiten geht: an den FC Schalke. Sead Kolasinac wurschtelt den Ball über die eigene Linie. Messi meckert. Wie soll er so »WM-Schtoar« werden, wie Pfannenstiel gefordert hat?

5.

Erstmal durchatmen. Wie? Zum Beispiel mit dem Style-Pass von Cathy Fischer. »Heute gibt es die besten Tipps zur Entgegenwirkung des Schättläggs von mir«, sagt die Hummelsdame in ihrer Videokolumne. Das ist, ich lege mich fest, jetzt schon der großartigste Satz dieser WM. Denn da steckt ja alles drin, der ganze Wahnsinn, die Tragik, das Superlative bei gleichzeitiger Absolutbanalität des Turniers. Man sollte bitte schön Anthologien mit diesem Satz vollschreiben, ihn zur verpflichtenden Lehrplaneinheit in den Gymnasien machen, über mehrere Schuljahre hinweg. Ich will diesen Satz auf Transparenten lesen und über breite Oberarme tattowiert. Ich will dieser Satz sein, an den Himmel getupft von Cathy Fischer. Danke, Cathy. Für alles bzw. »alles«.

6.

Schade. Man ist ja gerne für den Underdog. Aber das ist dann doch ein bisschen viel Under und ein bisschen zu wenig Wuff. Jetzt aber doch der erste Torschuss für die Bosnier. Wow. Bzw: wau.

10.

Junge, ist das laut da. Sicher, dass die Partie nicht doch in Buenos Aires stattfindet? Das würde auch die Anwesenheit von Maxi Rodriguez erklären. Der alte Mann dürfte doch nicht mehr transportfähig sein.

11.

Aguilar pfeift dieses Nachtspiel übrigens, ihm assistieren Zumba und Torres. Für Letztgenannten gibt es beim spanischen Weltmeister anscheinend keine Verwendung mehr. Warum auch nicht, ist ja gelaufen, das Turnier. Trifft El Niño auf dem zweiten Bildungsweg wieder ins Tor? Und was, wenn in dem Tor nur der Zonk steht? Fragen über Fragen. Antworten: hier. Vielleicht.

13.

Gegen Jetleg empfiehlt Cathy Fischer: Lesen. Am besten ein spannendes Buch. Denn das hält nämlich ganz, ganz, ganz lange wach. Und man macht dann erst spät die Augen zu. Auch das ist uns total aus der Seele gesprochen. Nur deshalb sitzen wir ja noch hier, wie dressiert auf die Tastatur hackend, für euch, damit ihr was zu lesen habt, bei Nacht, nach 0 Uhr. Ihr Fans, ihr. Nicht wahr? Hallo? HALLO? KANN UNS JEMAND HÖREN?

14.

Schlau, diese Argentinier. Ziehen sich jetzt zurück, als wären sie eigentlich doch das Kaninchen und nicht die Schlange. Dann aber plötzlich ein Bosnier völlig frei vor Keeper Romero. Und die Taktik wirkt mit einem Mal nur noch so mittelschlau.

16.

Ballverlust vom Floh, Bosnien kommt auf. Vielleicht ist dieses konsequente Formtief, das Messi bei Weltmeisterschaften über den Rasen spaziert, auch eine total subversive Form des Protest. Gegen die unmenschlichen Anforderungen der Hochglanzfußballwelt, gegen die bunten Projektionen, gegen all die Leistungsträgeridioten, Kernarbeitszeitstrottel, Kalendersklaven. Vielleicht ist Messi ein kleiner Held der Prokrastination. Dann würde ich ihm gratulieren. Aber nur dann.

 

17.

Bosnien hat offenbar gleich in mehreren Sportarten gemeldet: Hajrovic mit Handball-Einlage auf Rechtsaußen. Der Schiedsrichter deutet ihm an, dass er sich bitte zwei Jahre gedulden möge. Dann ist Olympia. Gleicher Ort.

19.

Kolasinac sieht aus wie ein trauriger Spartaner aus »300«. Noch nie hätte kein Tor einem Spieler so gut getan.

20.

Habe mir jetzt die bosnische Aufstellung angeeignet. Und hernach den Redaktionshospitanten geschickt, noch ein paar C-Tasten zu organisieren. Macht er auch prima. Im Zeugnis wird stehen: Erledigte die ihm aufgetragenen Verantwortlichkeiten zur vollsten Zufriedenheit. Degeneration Praktikum.

21.

ZDF-Mann Oliver Schmidt verteilt jetzt schon Leckerlis an den sympathischen Unterhund: »Fein gemacht!« Eher eine grobe Masche.

23.

Eine Meldung aus dem Bewusstseinsstrom von Bild.de, die uns nachdenklich gemacht hat: Wann war der Weg das Ziel? Und ist es nicht unverantwortlich von Jogi, so knapp vor dem Auftakt noch irgendwelche »ganz großen Trainer« zu besuchen?

24.

Bosnien versucht, das Spiel zu machen. Unterdessen zeigt die Bildregie eine weitere Slowmotion des Eigentors. Kolasinac, der Arme, steht einfach da, schaut nicht mal hin, und dann macht er ein Tor mit dem Knie, wie es Toni Polster oder Michael Preetz nicht schöner hätten hinkriegen können. Vielleicht spielt er ja nur auf der völlig falschen Position?

26.

Freistoß Bosnien. Und Zwetschge so: Gib mich die Kirsche. Das Resultat: Eher so obstsalatig.

27.

Messi trabt. Ein Spaziergänger wie außer ihm vielleicht noch Robert Walser. Hätten wir nicht gedacht. Aber wir denken sowieso nicht viel.

28.

Argentinien behäbig. Ungenau. Schlecht. »Am Klima kann's nicht liegen«, sagt Schmidt. Bisschen skurril, jetzt hier Uwe Klimaschewski ins Spiel zu bringen.

29.

Argentinien wurde uns als ganz großes Spektakel angekündigt. Ist bis hierhin aber eher Cirque du Soleil minus Eskapismus. Bosnien hat das Trapez angesägt und die weiße Schminke mit Backpulver gestreckt. Die Sonne müsste nachts scheinen - bei Tag ist es doch sowieso hell.

30.

Die argentinischen Fans tanzen und singen. Die bosnischen Fans pfeifen und buhen. Bzw.: Keine Ahnung eigentlich, wer da so genau was macht. Zusammen ergibt das jedenfalls eine Tonspur, als würde man eine Thrash-Metal-Platte rückwärts abspielen. Wie man das aushalten kann, ist mir slayerhaft.

32.

Mein Freund war bei der WM in Brasilien. Aber alles, was er mitbrachte, war dieser Scheiß-Sonnenbrand.

33.

Die bosnische Offensive bislang wie das Versprechen auf ein Topmodel, das sich dann aber doch als zahnlose Alte entpuppt. Dzeko mit Drehung, mit Schuss - weit drüber.

35.

Gegen Jetleg empfiehlt Cathy Fischer übrigens drittens: eine Dinnerparty zu veranstalten, mit Motto, zum Beispiel: Cathy goes Brazil, man feiert so lange wie es geht, und dann schläft man auch im Flugzeug. Es wäre sehr einfach, diese Idee durch den Dreck zu schleifen. Stattdessen ein Zitat: Tot sein möchte ich schon. Nur sterben mag ich nicht.

37.

Bicakcic räumt Aguero ab. Beziehungsweise umgekehrt. Sieht jedenfalls fies aus. Der Mord zum Sonntag.

39.

Wo ist eigentlich Diego Maradona, Argentiniens Edelfan? Im Stadion scheint er nicht zu sein. Wo auch immer er sich aufhält: für den Mann mit den zwei Rolex hat gerade schon die 78. Minute begonnen.

41.

»Gegen Ball und Gegner machen sie das sehr gut«, lobt Schmidt die Bosniaken. Das gegen betont er dabei sehr. Im Umkehrschluss heißt das also: Mit Ball und eigenen Mitspielern läuft es eher nicht. Nie stand ein Ausgleich unter komplizierteren Vorzeichen.

43.

Die Argentinier unverändert mit einem Tempo wie ein sedierter Dackel. Schnarchen in der eigenen Hälfte herum. Aber bisher reicht das, so leid es mir tut, ihr sympathischen, tapferen Bosnier.

44.

Ehrmann: »Es ist schon zu spät.« - Herrmann: »Aber noch nicht früh genug.« - Ehrmann: »Haben wir Vollmond?« - Herrmann: »Soll ich googeln?« - Ehrmann: »Egal.« - Herrmann: »Ja.«

45.

Vielleicht machen die Argentinier es aber auch genau richtig, die Zeitverschiebung berücksichtigt. Der Schlaf vor Mitternacht soll ja der gesündeste sein.

00:51 Uhr

Und Halbzeit. Wie Mozart, der die Overtüre zu Don Giovanni erst eine Stunde vor Premiere fertiggestellt haben soll, hat Sabella seine Aufstellung offensichtlich ausgewürfelt, in der Kabine erst. Bei den Argentiniern läuft nämlich wenig zusammen. Und auch nichts auseinander. Es läuft also, genau genommen, gar nichts. Dabei hat mein Kreisligatrainer immer gerufen: »Junge, Fussball ist ein Bewegungssport!« Ich habe das damals natürlich auch bezweifelt. Jetzt hoffe ich, dass du mitliest, Coach. Ich möchte mich entschuldigen. Du hast Recht. Du hattest immer Recht. Es tut mir leid.

00:56 Uhr

Ehrmann setzt sich, ich entkorke einen Wein. Zeit für Lagebesprechung, auch nach den technischen Problemen zu Beginn. Wir wollen nun, da sind wir uns einig, mal was ausprobieren. Mit neuen Formen experimentieren, den Ticker auf das nächste Level hieven. »Nur wie, Herrmann? Wie?«, schreit Ehrmann hysterisch. Ich schlage die Metaebene vor: »Wir sollten all das, was wir machen, genau dokumentieren, ab diesem Moment jetzt, wo wir uns zur Halbzeit gesetzt haben. Ein Echtzeitstück, wir machen uns völlig offen, totale Transparenz.« Ehrmann nickt begeistert, er schreibt den nächsten Tick: »Ich setze mich, Herrmann entkorkt den Wein. Zeit für Lagebesprechung. Wir wollen, da sind wir uns einig, heute mal was ausprobieren. Mit neuen Formen experimentieren, den Ticker auf das nächste Level hieven. »Nur wie, Herrmann? Wie?«, schreie ich hysterisch. Herrmann schlägt die Metaebene vor: »Wir sollten all das, was wir machen, genau dokumentieren, ab diesem Moment jetzt, wo wir uns zur Halbzeit gesetzt haben. Ein Echtzeitstück, wir machen uns völlig offen, totale Transparenz.« Ich nicke begeistert, schreibe den nächsten Tick: »Ich setze mich, Herrmann entkorkt den Wein...« Ehrmann blickt auf. »Das geht so nicht. Wir sind gefangen in der Zeitschleife.« Hat er Recht. Schade. Also doch normales Tickern: Das ZDF sendet das heute-Journal. Der nachfolgende Beitrag bringt nichts ein.

0:57 Uhr

45 Minuten hat der WM-Neuling noch, sein erstes Tor zu erzielen. Dürfte sich dann offiziell in der FIFA-Broschüre »Bosimmerhinmanchmaln« nennen. Man wächst mit den Aufgaben.

0:58 Uhr

Pfannenstiel mit seinem Höhlenforscher-Slang spricht passenderweise von einer »Verkettung unglücklicher Umstände« beim 0:1. Das schwächste Glied mal wieder: der Ticker.

01:00 Uhr

Fussball, Fussball, Fussball. Diese Dauerbeschallung birgt natürlich die Gefahr des Overkills. Und man könnte in solchen neunzig Minuten ja auch tatsächlich anderweitiges erledigen. Zum Beispiel Kim Gloss zehnmal dabei zusehen, wie sie sich eyelinert. Leute, was ist das für eine Farbe? Keine Ahnung. Wenn ich raten dürfte, würde ich sagen: Hass.         

46.

Weiter geht's. Mittelgroß gegen Mittelklein. Tendenz: nivellierend.

47.

Es geht also weiter. Die Mannschaften haben die Seiten gewechselt. Aber was, wenn es so einen Seitenwechsel auch sonst im Leben gäbe, außerhalb des Spielfeldes? Etwa: Bei Ihnen zu Hause. Wenn die, die sich sonst bedienen lassen, auf einmal selbst aufstehen müssen, um das Bier aus dem Kühlschrank zu holen – weil ihre Frau mit dem Poolboy durchgebrannt ist? Sehen Sie! Schön ist das nicht! Und so einen Seitenwechsel, den kann man sich natürlich auch noch viel brisanter vorstellen. Wenn dem Violinisten mitten in Dvoraks Serenade das Instrument reißt und neu bespannt werden muss – was dann? Oder, ja, wie wäre es denn, wenn auf einmal die Gentrifizierer die Seiten wechseln müssen, die Prenzlberger plötzlich in Karlshorst, Hellersdorf und Lichterfelde wohnen – dann ist es doch Essig mit dem Latte Macciatto plus kostenfrei WLAN. So ein Seitenwechsel, uff, der jagt uns allen richtig Angst ein. Da mag man gar nicht drüber nachdenken. Tun Sie sich also lieber noch ein Bier rein und vergessen das Ganze. Spiel läuft schon! Geil!

47.

Neu mit dabei: Gonzalo Higuain. Für Maxi Rodriguez. Der kann nicht mehr. Die Knochen. Der Rücken. Das Herz. Ruh dich aus, alter Mann. Ruh dich aus.

48.

Gago mittlerweile im Spiel. Galt mal als neue Juan Verón. Hat mal bei Real Madrid gespielt. Früher, ganz früher. Quasi: A long time gago.

50.

Auch bei diesem Spiel im ehrwürdigen Maracana sehen wir wieder einige unbemannte Sitze. Die horrenden Eintrittspreise der FIFA leeren die Stadien. Mit anderen Worten: Entweder man hat Geld oder man hat Keynes.

51.

Achso: Die gelben Tupfer, die ich da hinten auf der Gegengerade bis eben für begeisterte brasilianische Fans gehalten habe, sind in Wahrheit leere Sitzschalen. Ist das die eigentliche Metapher auf diese Weltmeisterschaft? Wenn ja, dann kann ich sie - so spät am Abend - nicht entschlüsseln.

52.

Okay, cool sind sie: Rojo schießt jetzt im eigenen Sechzehner den Ball hinterm eigenen Standbein weg. So geht Defensive 2014. Jogi Löw springt im deutschen Teamhotel hektisch auf und notiert sich was.

53.

Eben Freistoß für Bosnien, aber Romero parierte sicher. Was sagt dazu der Experte der freien Stöße, Markus Waxenegger? »In ein Arschloch zu spucken, ist privat eher selten.« Dann sind wir ja beruhigt.

55.

Artet momentan in Torschusstraining für Romero aus. Es sind schon ziemlich viele Bälle, die er aufs Tor bekommt, aber eher so Andy-Köpke-komm-Manu-ich-schieß-dich-schonmal-warm-Style. Sprich: direkt auf den Mann.

56.

Aguero! Wäre frei durch gewesen, wenn Messi den Ball früher gespielt hätte und genauer. So aber: drüber. Argentinien, das ist seit 28 Jahren eben auch ein Weltmeister im Konjunktiv.

58.

Wahnsinn, was für eine Fantasiegruppe Argentinien da gezogen hat. Fiel mir gerade nochmal auf. Die beiden anderen Gegner: Iran und Nigeria. Da scheint das heute schon fast die schwerste Aufgabe zu sein. Vielleicht reicht es dann statt mit 50 Prozent demnächst auch mit 30 oder 20? Aktive Erholung auf dem Weg ins Achtelfinale.

62.

zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz. Oh sorry. Bin gerade auf die Schlaftaste gekommen. (Strg+Alt+Del+Esc)

63.

Das ist schon ziemlich cool, wie das ach so kleine Bosnien das ach so große Argentinien einschnürt, berennt, ins Wanken bringt. Jetzt wieder Misimovic. Nimmt den Ball an, als wäre er immer noch der Misimovic aus Wolfsburgs Meistersaison. Passt dann aber weiter, als wäre er der Misimovic, der aus finanziellen Gründen in China angeheuert hat. Schade.

65.

Was mich seit längerer Zeit fasziniert: Das Ü von Kun Agüero, das ja irgendwie keins ist. Wie man diesen Buchstaben wohl in Argentinien nennt? »Maradona-sein-Schwiegersohn-sein-Umlaut«?

64.

Eine Bosniake sieht Gelb für seinen Tritt gegen Aguero. »Er nimmt diese Karte wie ein Mann«, lobt Schmidt. Und wir erinnern uns an all die Anderen, die an dieser Verwarnung völlig zerbrochen sind.

65.

Messi as Messi can. Plötzlich erwacht der Floh aus seiner Trance, wie auf Ritalin läuft er los, halbrechts, hinein in die Mitte, ins bosnische Herz, vom Innenpfosten prallt der Schuss ins Netz. Don't cry for him, Argentina.

68.

Hat ja auch was Schönes für Kolasinac: So oft wird er wohl nicht mehr in einem Spiel zusammen mit Messi treffen. Fürs gleiche Team.

70.

In der langen Reihe von guten Entscheidungen der FIFA zur WM ist diejenige, bei wirklich jedem Tor die Torlinientechnologie aufzuführen, definitiv die beste. Auch wir messen nochmal nach. Ja, doch, Treffer, mit vollem Umfang. (via @whoateallthepies)

72.

Habe lange überlegt, an wen mich der argentinische Trainer erinnert. Jetzt hab ich's!

Good old Benjamin Franklin.

75.

Wenn man schon so neues Zeug einführt wie diesen Freistoßschaum, dann könnte man von FIFA-Seite ja mal über wirklich nützliche Neuregelungen nachdenken: Weiße Fahne bei Aussichtslosigkeit zum Beispiel. Insbesondere bei Spielen mit Anstoß mitten in der Nacht.

76.

Am Ende wird, wenn es bei diesem Ergebnis bleiben sollte, der Floh das Spiel entschieden haben. Mit zwei Aktionen, die in der sonstigen Lethargie strahlen wie zwei helle Sterne. Und ich erinnere mich an den Anruf meines Onkels (60, Kettenraucher), der mir neulich ins Telefon nuschelte: »Messi? Das ist für mich ein Schmalspurganove im Körper eines halben Hähnchens. Lecker, Hähnchen!

78.

Wir machen das jetzt hier wie die Argentinier. Bringen das Ding über die Zeit. Ist doch keine Schande, oder?

79.

Gerade kurz weggenickt und davon albgeträumt, dass Oliver Schmidt ins Mikrofon ölt: Aufwachen! Nachts ist die schönste Zeit des Tages.

80.

Das hat mit Fußball nichts zu tun. Meine Meinung. 

81.

Es gibt Gespräche in der 11FREUNDE-Redaktion, die mich traurig stimmen. Zum Beispiel dieses: »Ich habe noch nicht ins Turnier gefunden, also stimmungsmäßig«, so vertraute ich mich dem Kollegen an. »Du bist doch für deine Scheißstimmung selbst verantwortlich«, antwortete Ehrmann. Keiner macht mich mehr an.

82.

Erkenntnis des Tages, bzw. der Nacht: Der Under war willig, nur der Dog war schwach.

83.

Nun, da diese Partie ja eigentlich entschieden ist, können wir den Blick nach vorne richten. Auf Schland, morgen, 18 Uhr. Und eine Republik wirft sich in Schale... (via @peetkeel)

85.

Von wegen Schnarch: Jetzt wird es, auf den letzten Drücker, um kurz vor zwei, doch noch historisch: Vedad Ibisevic macht das erste WM-Tor Bosniens. Koinzidenz der Ereignisse: Er macht auch das erste Jokertor Bosniens bei einer WM. Und den ersten Anschlusstreffer Bosn... ach, lassen wir das.

88.

Agüero geht raus. Gibt Sabella die zwei Punkte freiwillig aus der Hand?

89.

»Naaaaaaa«, greint Schmidt wie der Opa am Gartenzaun, dessen liebste (und einzige) Beschäftigung es ist, den heimwärtsspazierenden Grundschülern Schokolade anzubieten. Wir lehnen dankend ab. Machen gerade Marshmellowdiät.

89.

News, die man um 1:47 Uhr dann wirklich noch braucht: »Martin Kaymer hat die US Open gewonnen.« Danke, Oliver Schmidt. Bzw.: Was machen Sie eigentlich beruflich?

92.

Bosnien stehend k.o. Was immerhin besser ist als liegend k.o. Aber nicht so gut wie stehend noch ziemlich fit (Argentinien)

01:54 Uhr

Aus, aus, das Spiel ist aus. Argentinien krampft sich zum Auftaktsieg, weil Messi zweimal erinnert, dass er Messi ist. Wir gehen jetzt auf die Dinnerparty von Cathy Fischer. Motto: Cathy goes debil. Seid dabei oder noch besser: Bleibt weg. 

1:56 Uhr

Beim nächsten Kun ist es 1:57 Uhr. Beim nächsten Kun ist es 1:57 Uhr. Beim nächsten...

Liebe Fans, wir gehen jetzt ins Bett. Denn morgen ist auch noch ein Tag. Bzw.: heute. Gute Nacht sagen Johannes »Zwetschge« Ehrmann und Moritz »Pfannenstiel« Herrmann!

Und nicht vergessen: Abschalten.

1:56 Uhr

Beim nächsten Kun ist es 1:57 Uhr. Beim nächsten Kun ist es 1:57 Uhr. Beim nächsten...

Liebe Fans, wir gehen jetzt ins Bett. Denn morgen ist auch noch ein Tag. Bzw.: heute. Gute Nacht sagen Johannes »Zwetschge« Ehrmann und Moritz »Pfannenstiel« Herrmann!

Und nicht vergessen: Abschalten.

01:54 Uhr

Aus, aus, das Spiel ist aus. Argentinien krampft sich zum Auftaktsieg, weil Messi zweimal erinnert, dass er Messi ist. Wir gehen jetzt auf die Dinnerparty von Cathy Fischer. Motto: Cathy goes debil. Seid dabei oder noch besser: Bleibt weg. 

92.

Bosnien stehend k.o. Was immerhin besser ist als liegend k.o. Aber nicht so gut wie stehend noch ziemlich fit (Argentinien)

89.

News, die man um 1:47 Uhr dann wirklich noch braucht: »Martin Kaymer hat die US Open gewonnen.« Danke, Oliver Schmidt. Bzw.: Was machen Sie eigentlich beruflich?

89.

»Naaaaaaa«, greint Schmidt wie der Opa am Gartenzaun, dessen liebste (und einzige) Beschäftigung es ist, den heimwärtsspazierenden Grundschülern Schokolade anzubieten. Wir lehnen dankend ab. Machen gerade Marshmellowdiät.

88.

Agüero geht raus. Gibt Sabella die zwei Punkte freiwillig aus der Hand?

85.

Von wegen Schnarch: Jetzt wird es, auf den letzten Drücker, um kurz vor zwei, doch noch historisch: Vedad Ibisevic macht das erste WM-Tor Bosniens. Koinzidenz der Ereignisse: Er macht auch das erste Jokertor Bosniens bei einer WM. Und den ersten Anschlusstreffer Bosn... ach, lassen wir das.

83.

Nun, da diese Partie ja eigentlich entschieden ist, können wir den Blick nach vorne richten. Auf Schland, morgen, 18 Uhr. Und eine Republik wirft sich in Schale... (via @peetkeel)

82.

Erkenntnis des Tages, bzw. der Nacht: Der Under war willig, nur der Dog war schwach.

81.

Es gibt Gespräche in der 11FREUNDE-Redaktion, die mich traurig stimmen. Zum Beispiel dieses: »Ich habe noch nicht ins Turnier gefunden, also stimmungsmäßig«, so vertraute ich mich dem Kollegen an. »Du bist doch für deine Scheißstimmung selbst verantwortlich«, antwortete Ehrmann. Keiner macht mich mehr an.

80.

Das hat mit Fußball nichts zu tun. Meine Meinung. 

79.

Gerade kurz weggenickt und davon albgeträumt, dass Oliver Schmidt ins Mikrofon ölt: Aufwachen! Nachts ist die schönste Zeit des Tages.

78.

Wir machen das jetzt hier wie die Argentinier. Bringen das Ding über die Zeit. Ist doch keine Schande, oder?

76.

Am Ende wird, wenn es bei diesem Ergebnis bleiben sollte, der Floh das Spiel entschieden haben. Mit zwei Aktionen, die in der sonstigen Lethargie strahlen wie zwei helle Sterne. Und ich erinnere mich an den Anruf meines Onkels (60, Kettenraucher), der mir neulich ins Telefon nuschelte: »Messi? Das ist für mich ein Schmalspurganove im Körper eines halben Hähnchens. Lecker, Hähnchen!

75.

Wenn man schon so neues Zeug einführt wie diesen Freistoßschaum, dann könnte man von FIFA-Seite ja mal über wirklich nützliche Neuregelungen nachdenken: Weiße Fahne bei Aussichtslosigkeit zum Beispiel. Insbesondere bei Spielen mit Anstoß mitten in der Nacht.

72.

Habe lange überlegt, an wen mich der argentinische Trainer erinnert. Jetzt hab ich's!

Good old Benjamin Franklin.

70.

In der langen Reihe von guten Entscheidungen der FIFA zur WM ist diejenige, bei wirklich jedem Tor die Torlinientechnologie aufzuführen, definitiv die beste. Auch wir messen nochmal nach. Ja, doch, Treffer, mit vollem Umfang. (via @whoateallthepies)

68.

Hat ja auch was Schönes für Kolasinac: So oft wird er wohl nicht mehr in einem Spiel zusammen mit Messi treffen. Fürs gleiche Team.

65.

Messi as Messi can. Plötzlich erwacht der Floh aus seiner Trance, wie auf Ritalin läuft er los, halbrechts, hinein in die Mitte, ins bosnische Herz, vom Innenpfosten prallt der Schuss ins Netz. Don't cry for him, Argentina.

64.

Eine Bosniake sieht Gelb für seinen Tritt gegen Aguero. »Er nimmt diese Karte wie ein Mann«, lobt Schmidt. Und wir erinnern uns an all die Anderen, die an einer Verwarnung völlig zerbrochen sind.

65.

Was mich seit längerer Zeit fasziniert: Das Ü von Kun Agüero, das ja irgendwie keins ist. Wie man diesen Buchstaben wohl in Argentinien nennt? »Maradona-sein-Schwiegersohn-sein-Umlaut«?

63.

Das ist schon ziemlich cool, wie das ach so kleine Bosnien das ach so große Argentinien einschnürt, berennt, ins Wanken bringt. Jetzt wieder Misimovic. Nimmt den Ball an, als wäre er immer noch der Misimovic aus Wolfsburgs Meistersaison. Passt dann aber weiter, als wäre er der Misimovic, der aus finanziellen Gründen in China angeheuert hat. Schade.

62.

zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz. Oh sorry. Bin gerade auf die Schlaftaste gekommen. (Strg+Alt+Del+Esc)

58.

Wahnsinn, was für eine Fantasiegruppe Argentinien da gezogen hat. Fiel mir gerade nochmal auf. Die beiden anderen Gegner: Iran und Nigeria. Da scheint das heute schon fast die schwerste Aufgabe zu sein. Vielleicht reicht es dann statt mit 50 Prozent demnächst auch mit 30 oder 20? Aktive Erholung auf dem Weg ins Achtelfinale.

56.

Aguero! Wäre frei durch gewesen, wenn Messi den Ball früher gespielt hätte und genauer. So aber: drüber. Argentinien, das ist seit 28 Jahren eben auch ein Weltmeister im Konjunktiv.

55.

Artet momentan in Torschusstraining für Romero aus. Es sind schon ziemlich viele Bälle, die er aufs Tor bekommt, aber eher so Andy-Köpke-komm-Manu-ich-schieß-dich-schonmal-warm-Style. Sprich: direkt auf den Mann.

53.

Eben Freistoß für Bosnien, aber Romero parierte sicher. Was sagt dazu der Experte der freien Stöße, Markus Waxenegger? »In ein Arschloch zu spucken, ist privat eher selten.« Dann sind wir ja beruhigt.

52.

Okay, cool sind sie: Rojo schießt jetzt im eigenen Sechzehner den Ball hinterm eigenen Standbein weg. So geht Defensive 2014. Jogi Löw springt im deutschen Teamhotel hektisch auf und notiert sich was.

51.

Achso: Die gelben Tupfer, die ich da hinten auf der Gegengerade bis eben für begeisterte brasilianische Fans gehalten habe, sind in Wahrheit leere Sitzschalen. Ist das die eigentliche Metapher auf diese Weltmeisterschaft? Wenn ja, dann kann ich sie - so spät am Abend - nicht entschlüsseln.

50.

Auch bei diesem Spiel im ehrwürdigen Maracana sehen wir wieder einige unbemannte Sitze. Die horrenden Eintrittspreise der FIFA leeren die Stadien. Mit anderen Worten: Entweder man hat Geld oder man hat Keynes.

48.

Gago mittlerweile im Spiel. Galt mal als der neue Juan Verón. Hat mal bei Real Madrid gespielt. Früher, ganz früher. Quasi: A long time gago.

47.

Neu mit dabei: Gonzalo Higuain. Für Maxi Rodriguez. Der kann nicht mehr. Die Knochen. Der Rücken. Das Herz. Ruh dich aus, alter Mann. Ruh dich aus.

47.

Die Mannschaften haben die Seiten gewechselt. Aber was, wenn es so einen Seitenwechsel auch sonst im Leben gäbe, außerhalb des Spielfeldes? Etwa: Bei Ihnen zu Hause. Wenn die, die sich sonst bedienen lassen, auf einmal selbst aufstehen müssen, um das Bier aus dem Kühlschrank zu holen – weil ihre Frau mit dem Poolboy durchgebrannt ist? Sehen Sie! Schön ist das nicht! Und so einen Seitenwechsel, den kann man sich natürlich auch noch viel brisanter vorstellen. Wenn dem Violinisten mitten in Dvoraks Serenade das Instrument reißt und neu bespannt werden muss – was dann? Oder, ja, wie wäre es denn, wenn auf einmal die Gentrifizierer die Seiten wechseln müssen, die Prenzlberger plötzlich in Karlshorst, Hellersdorf und Lichterfelde wohnen – dann ist es doch Essig mit dem Latte Macciatto plus kostenfrei WLAN. So ein Seitenwechsel, uff, der jagt uns allen richtig Angst ein. Da mag man gar nicht drüber nachdenken. Tun Sie sich also lieber noch ein Bier rein und vergessen das Ganze. Spiel läuft schon! Geil!

46.

Weiter geht's. Mittelgroß gegen Mittelklein. Tendenz: nivellierend.

01:00 Uhr

Fußball, Fußball, Fußball. Diese Dauerbeschallung birgt natürlich die Gefahr des Overkills. Und man könnte in solchen neunzig Minuten ja auch tatsächlich anderweitiges erledigen. Zum Beispiel Kim Gloss zehnmal dabei zusehen, wie sie sich eyelinert. Leute, was ist das für eine Farbe? Keine Ahnung. Wenn ich raten dürfte, würde ich sagen: Hass.         

0:58 Uhr

Pfannenstiel mit seinem Höhlenforscher-Slang spricht passenderweise von einer »Verkettung unglücklicher Umstände« beim 0:1. Das schwächste Glied mal wieder: der Ticker.

0:57 Uhr

45 Minuten hat der WM-Neuling noch, sein erstes Tor zu erzielen. Dürfte sich dann offiziell in der FIFA-Broschüre »Bosimmerhinmanchmaln« nennen. Man wächst mit den Aufgaben.

00:56 Uhr

Ehrmann setzt sich, ich entkorke einen Wein. Zeit für Lagebesprechung, auch nach den technischen Problemen zu Beginn. Wir wollen nun, da sind wir uns einig, mal was ausprobieren. Mit neuen Formen experimentieren, den Ticker auf das nächste Level hieven. »Nur wie, Herrmann? Wie?«, schreit Ehrmann hysterisch. Ich schlage die Metaebene vor: »Wir sollten all das, was wir machen, genau dokumentieren, ab diesem Moment jetzt, wo wir uns zur Halbzeit gesetzt haben. Ein Echtzeitstück, wir machen uns völlig offen, totale Transparenz.« Ehrmann nickt begeistert, er schreibt den nächsten Tick: »Ich setze mich, Herrmann entkorkt den Wein. Zeit für Lagebesprechung. Wir wollen, da sind wir uns einig, heute mal was ausprobieren. Mit neuen Formen experimentieren, den Ticker auf das nächste Level hieven. »Nur wie, Herrmann? Wie?«, schreie ich hysterisch. Herrmann schlägt die Metaebene vor: »Wir sollten all das, was wir machen, genau dokumentieren, ab diesem Moment jetzt, wo wir uns zur Halbzeit gesetzt haben. Ein Echtzeitstück, wir machen uns völlig offen, totale Transparenz.« Ich nicke begeistert, schreibe den nächsten Tick: »Ich setze mich, Herrmann entkorkt den Wein...« Ehrmann blickt auf. »Das geht so nicht. Wir sind gefangen in der Zeitschleife.« Hat er Recht. Schade. Also doch normales Tickern: Das ZDF sendet das heute-Journal. Der nachfolgende Beitrag bringt nichts ein.

00:51 Uhr

Und Halbzeit. Wie Mozart, der die Overtüre zu Don Giovanni erst eine Stunde vor Premiere fertiggestellt haben soll, hat Sabella seine Aufstellung offensichtlich ausgewürfelt, in der Kabine erst. Bei den Argentiniern läuft nämlich wenig zusammen. Und auch nichts auseinander. Es läuft also, genau genommen, gar nichts. Dabei hat mein Kreisligatrainer immer gerufen: »Junge, Fussball ist ein Bewegungssport!« Ich habe das damals natürlich auch bezweifelt. Jetzt hoffe ich, dass du mitliest, Coach. Ich möchte mich entschuldigen. Du hast Recht. Du hattest immer Recht. Es tut mir leid.

45.

Vielleicht machen die Argentinier es aber auch genau richtig, die Zeitverschiebung berücksichtigt. Der Schlaf vor Mitternacht soll ja der gesündeste sein.

44.

Ehrmann: »Es ist schon zu spät.« - Herrmann: »Aber noch nicht früh genug.« - Ehrmann: »Haben wir Vollmond?« - Herrmann: »Soll ich googeln?« - Ehrmann: »Egal.« - Herrmann: »Ja.«

43.

Die Argentinier unverändert mit einem Tempo wie ein sedierter Dackel. Schnarchen in der eigenen Hälfte herum. Aber bisher reicht das, so leid es mir tut, ihr sympathischen, tapferen Bosnier.

41.

»Gegen Ball und Gegner machen sie das sehr gut«, lobt Schmidt die Bosniaken. Das gegen betont er dabei sehr. Im Umkehrschluss heißt das also: Mit Ball und eigenen Mitspielern läuft es eher nicht. Nie stand ein Ausgleich unter komplizierteren Vorzeichen.

39.

Wo ist eigentlich Diego Maradona, Argentiniens Edelfan? Im Stadion scheint er nicht zu sein. Wo auch immer er sich aufhält: für den Mann mit den zwei Rolex hat gerade schon die 78. Minute begonnen.

37.

Bicakcic räumt Aguero ab. Beziehungsweise umgekehrt. Sieht jedenfalls fies aus. Der Mord zum Sonntag.

35.

Gegen Jetlag empfiehlt Cathy Fischer übrigens drittens: eine Dinnerparty zu veranstalten, mit Motto, zum Beispiel: Cathy goes Brazil, man feiert so lange wie es geht, und dann schläft man auch im Flugzeug. Es wäre sehr einfach, diese Idee durch den Dreck zu schleifen. Stattdessen ein Zitat: Tot sein möchte ich schon. Nur sterben mag ich nicht.

33.

Die bosnische Offensive bislang wie das Versprechen auf ein Topmodel, das sich dann aber doch als zahnlose Alte entpuppt. Dzeko mit Drehung, mit Schuss - weit drüber.

32.

Mein Freund war bei der WM in Brasilien. Aber alles, was er mitbrachte, war dieser Scheiß-Sonnenbrand.

30.

Die argentinischen Fans tanzen und singen. Die bosnischen Fans pfeifen und buhen. Bzw.: Keine Ahnung eigentlich, wer da so genau was macht. Zusammen ergibt das jedenfalls eine Tonspur, als würde man eine Thrash-Metal-Platte rückwärts abspielen. Wie man das aushalten kann, ist mir slayerhaft.

29.

Argentinien wurde uns als ganz großes Spektakel angekündigt. Ist bis hierhin aber eher Cirque du Soleil minus Eskapismus. Bosnien hat das Trapez angesägt und die weiße Schminke mit Backpulver gestreckt. Die Sonne müsste nachts scheinen - bei Tag ist es doch sowieso hell.

28.

Argentinien behäbig. Ungenau. Schlecht. »Am Klima kann's nicht liegen«, sagt Schmidt. Bisschen skurril, jetzt hier Uwe Klimaschewski ins Spiel zu bringen.

27.

Messi trabt. Ein Spaziergänger wie außer ihm vielleicht noch Robert Walser. Hätten wir nicht gedacht. Aber wir denken sowieso nicht viel.

26.

Freistoß Bosnien. Und Zwetschge so: Gib mich die Kirsche. Das Resultat: Eher so obstsalatig.

24.

Bosnien versucht, das Spiel zu machen. Unterdessen zeigt die Bildregie eine weitere Slowmotion des Eigentors. Kolasinac, der Arme, steht einfach da, schaut nicht mal hin, und dann macht er ein Tor mit dem Knie, wie es Toni Polster oder Michael Preetz nicht schöner hätten hinkriegen können. Vielleicht spielt er ja nur auf der völlig falschen Position?

23.

Eine Meldung aus dem Bewusstseinsstrom von Bild.de, die uns nachdenklich gemacht hat: Wann war der Weg das Ziel? Und ist es nicht unverantwortlich von Jogi, so knapp vor dem Auftakt noch irgendwelche »ganz großen Trainer« zu besuchen?

21.

ZDF-Mann Oliver Schmidt verteilt jetzt schon Leckerlis an den sympathischen Unterhund: »Fein gemacht!« Eher eine grobe Masche.

20.

Habe mir jetzt die bosnische Aufstellung angeeignet. Und hernach den Redaktionshospitanten geschickt, noch ein paar C-Tasten zu organisieren. Macht er auch prima. Im Zeugnis wird stehen: Erledigte die ihm aufgetragenen Verantwortlichkeiten zur vollsten Zufriedenheit. Degeneration Praktikum.

19.

Kolasinac sieht aus wie ein trauriger Spartaner aus »300«. Noch nie hätte kein Tor einem Spieler so gut getan.

17.

Bosnien hat offenbar gleich in mehreren Sportarten gemeldet: Hajrovic mit Handball-Einlage auf Rechtsaußen. Der Schiedsrichter deutet ihm an, dass er sich bitte zwei Jahre gedulden möge. Dann ist Olympia. Gleicher Ort.

16.

Ballverlust vom Floh, Bosnien kommt auf. Vielleicht ist dieses konsequente Formtief, das Messi bei Weltmeisterschaften über den Rasen spaziert, auch eine total subversive Form des Protest. Gegen die unmenschlichen Anforderungen der Hochglanzfußballwelt, gegen die bunten Projektionen, gegen all die Leistungsträgeridioten, Kernarbeitszeitstrottel, Kalendersklaven. Vielleicht ist Messi ein kleiner Held der Prokrastination. Dann würde ich ihm gratulieren. Aber nur dann.

14.

Schlau, diese Argentinier. Ziehen sich jetzt zurück, als wären sie eigentlich doch das Kaninchen und nicht die Schlange. Dann aber plötzlich ein Bosnier völlig frei vor Keeper Romero. Und die Taktik wirkt mit einem Mal nur noch so mittelschlau.

13.

Gegen Jetlag empfiehlt Cathy Fischer: Lesen. Am besten ein spannendes Buch. Denn das hält nämlich ganz, ganz, ganz lange wach. Und man macht dann erst spät die Augen zu. Auch das ist uns total aus der Seele gesprochen. Nur deshalb sitzen wir ja noch hier, wie dressiert auf die Tastatur hackend, für euch, damit ihr was zu lesen habt, bei Nacht, nach 0 Uhr. Ihr Fans, ihr. Nicht wahr? Hallo? HALLO? KANN UNS JEMAND HÖREN?

11.

Aguilar pfeift dieses Nachtspiel übrigens, ihm assistieren Zumba und Torres. Für Letztgenannten gibt es beim spanischen Weltmeister anscheinend keine Verwendung mehr. Warum auch nicht, ist ja gelaufen, das Turnier. Trifft El Niño auf dem zweiten Bildungsweg wieder ins Tor? Und was, wenn in dem Tor nur der Zonk steht? Fragen über Fragen. Antworten: hier. Vielleicht.

10.

Junge, ist das laut da. Sicher, dass die Partie nicht doch in Buenos Aires stattfindet? Das würde auch die Anwesenheit von Maxi Rodriguez erklären. Der alte Mann dürfte doch nicht mehr transportfähig sein.

6.

Schade. Man ist ja gerne für den Underdog. Aber das ist dann doch ein bisschen viel Under und ein bisschen zu wenig Wuff. Jetzt aber doch der erste Torschuss für die Bosnier. Wow. Bzw: wau.

5.

Erstmal durchatmen. Wie? Zum Beispiel mit dem Style-Pass von Cathy Fischer»Heute gibt es die besten Tipps zur Entgegenwirkung des Schättläggs von mir«, sagt die Hummelsdame in ihrer Videokolumne. Das ist, ich lege mich fest, jetzt schon der großartigste Satz dieser WM. Denn da steckt ja alles drin, der ganze Wahnsinn, die Tragik, das Superlative bei gleichzeitiger Absolutbanalität des Turniers. Man sollte bitte schön Anthologien mit diesem Satz vollschreiben, ihn zur verpflichtenden Lehrplaneinheit in den Gymnasien machen, über mehrere Schuljahre hinweg. Ich will diesen Satz auf Transparenten lesen und über breite Oberarme tätowiert. Ich will dieser Satz sein, an den Himmel getupft von Cathy Fischer. Danke, Cathy. Für alles bzw. »alles«.

3.

Das traurigste WM-Debüt aller Zeiten geht: an den FC Schalke. Sead Kolasinac wurschtelt den Ball über die eigene Linie. Messi meckert. Wie soll er so »WM-Schtoar« werden, wie Pfannenstiel gefordert hat?

1.

Anpfiff. Und für Bosnien gilt gleich das alte Kämpfer-Motto: Gegner muss. Bal kan.

23:59 Uhr

Die Aufstellungen. Und wir korrigieren die Spielpaarung: Argentinien gegen Bundesliga. Zuhause notieren die Sky-Redakteure den Slogan für die neue Saison: »Die bosnischste Liga aller Zeiten.« Klingt schmissig. Gekauft.

23:58 Uhr

Argentinien wie immer mit bombastischer Offensive. Und einer Defensive, die nach Tangoverein Herne-Süd klingt. Mehr Diskrepanz zwischen dem, was vorne ist, und dem Rest hinten war zuletzt bei Anna Nicole-Smith.

23:57 Uhr

Jetzt Bosnien. Weihevolle Stille. Gesungen wird nicht. Macht nichts: Coach Safet Susic, ein Doppelgänger des großen Zico, steht mit funkelnden Äuglein am Seitenrand. Schaut er schon bis ins Maracana? Wer weiß.

23:56 Uhr

Hymnen. Bei Argentinien singen gefühlt 80.000 Leute mit. Standleitung nach Buenos Aires? Oder der völlige Triumph auf dem Schwarzmarkt? Ist hier schon die Vorentscheidung gefallen?

23:51 Uhr

Geht ja gut los: Bosnien ist zu spät. Will sich mit seinem Debüt noch ein bisschen Zeit lassen. Den Moment noch mal ein bisschen auskosten. Aber die FIFA hat was dagegen. Offizielle drängeln, deuten missmutig auf die Uhr. Nicht dass der asiatische Markt abschaltet. Und Seppl ein paar Kröten durch die Lappen gehen.

23:44 Uhr

Argentinien gegen Bosnien. Das klassische Duell Groß gegen Klein, das sich bei näherem Hinsehen (Messi) als nicht mehr ganz so eindeutig erweist. Coach Sabella lässt den Knirps aus Rosario vorsichtshalber noch mal auf die Streckbank legen. WM-Star - ein dehnbarer Begriff.

23:43 Uhr

Das ZDF sendet den sechsten Beitrag über La Pulga binnen zwei Minuten. Vielleicht ist Lionel Messi auch so klein, weil der Druck so groß ist.

23:42 Uhr

Lionel Messi war noch mal schnell bei Papst Franziskus. Kann nicht schaden, logo. Pfannenstiel ungerührt: »Er konn a Schtohr der Wää-Ämm wärden!« Ich bin ein Lutz, holt mich hier raus!

23:34 Uhr

Wenn man die Augen schließt, wie ich es gerade am liebsten machen würde, könnte der bayrische Singsang von Pfannenstiel auch aus dem Mund von Schorsch Hackl kommen. Der sich dann mit Cerne auf dem Bauch eine Riesenrutsche zur Copacabana hinunterstürzt. Eiskanal im brasilianischen Winter. Bzw: World Record Split.

23:35 Uhr

Guten Abend. Hier Herrmann. Leise begrüße ich den Kollegen Ehrmann. Es ist dies auch ein schamhaftes Wiedersehen. Am Freitag lagen wir uns noch weinend in den Armen, es war auf der Aftershowparty beim Reporter-Forum, in der Hand der fünfte Gin-Tonic, wir glaubten, dass wir England gegen Italien tickern, es fiel der fatale Satz: »Wenn wir so tickern wie wir trinken, dann sind wir unantastbar.« Und heute? Sprüht Ehrmann erstmal mit Sahne über den Redaktionsteppich, damit ich Abstand zu ihm halte. 9,15 Meter. Aber zwischenmenschliche Distanz bemisst sich ja sowieso nicht in Metern. Sondern in Tränen. Und die sind mir schon vor langer Zeit versiegt.

23:31 Uhr

Der Weg ins Maracana führt für Brasilien durchs ganze Land. Der Weg ins Maracana, für uns führt er erst mal über Rudi Cerne. Hat sich Lutz Pfannenstiel eingeladen, den Oliver Kahn der Backpacker-Szene. Der wirkt auf der ZDF-Glitzerterrasse in Rio seltsam fehl am Platz. Wie, sagen wir: Honduras bei einer WM. War das eine Treterei gerade, mein lieber Mann. Es kann nur besser werden. Bzw: bosnier.

23:25 Uhr

Maracana. Camamamachen.

16:46 Uhr

Noch einmal ein bisschen vorschlafen, dann geht es hier schon los. Anstoß um Mitternacht, der High-Noon des Brasilianers.

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