Kiel-Dortmund im 11FREUNDE-Liveticker
Gutzeit, Schlechtzeit
Text: Dirk Gieselmann und Fabian Jonas Bild: Imago
Sorry, Kiel: Es hat nicht sollen sein. Wobei die Frage bleibt, was »es« hätte sein sollen. Eine Sensation? Etwas derart Exotisches war im Permafrost des hohen Nordens absolut unvorstellbar. Mit 4:0 siegt der BVB, cooler als die Holstein-Rasenheizung. Uncool: der Ticker.
20:05 Uhr
Guten Abend, liebe Fans. Gleich geht es hier »los«. Pokal. Sensation. Wunder. Was ihr wollt. Oder halt ein Dortmunder Sieg. Uns soll’s recht sein, kommen wir früher nach Hause. Trotzdem essen wir jetzt erst noch mal schnell ein paar Happen Fischpfanne, damit klar ist, wie hier die Sympathien verteilt sind. Bis gleich.
20:15 Uhr
Und los geht es. Wir sehen eine Superzeitlupe von Rodelwuchtbrumme Susi Erdmann im Eiskanal. Glauben wir. Dann die Enttäuschung: Es ist Delling im eiskalten Ostseewind. Ach, Susi. Warum hast du uns verlassen?
20:20 Uhr
Scholls Expertise, kurz zusammengefasst: Kiel kommt weiter, wenn Kiel gewinnt. Und er selbst, Scholl, ist der etwas andere Experte. Hammer. Im Sinne von: Luftdübel.
20:22 Uhr
Nichts gegen Kiel. Aber: Wie ich Bilder aus Außenseiterkabinen hasse, wenn Provinzler Sauflieder singen, der Zeugwart halbnackt aus der Dusche schniedelt, und die Kamera vor Scham beschlägt. Oder ist es meine Seele? Wahrscheinlich.
20:25 Uhr
Was ich immer schon mal sagen wollte: Sorry, BVB.
20:26 Uhr
Jürgen Klopp sitzt da in diesem Stadion rum, das bei Eingeweihten wahrscheinlich als Kultstadion gilt, mir aber aus ganz persönlichen Gründen egal ist, Klopp also sitzt da rum wie ein Fischer vom Stettiner Haff, der 1945 vorm Russen nach Schleswig-Holstein fliehen musste. Ohne Kutter. Ohne Netz. Und die Fische gehören eh jemand anderem. Die Vorentscheidung? Mir egal.
20:29 Uhr
Herrmann, Berzel, Jürgenssen, Poggenberg. Die Kieler Verteidiger heißen, wie Verteidiger hießen, als Kollege Gieselmann noch selbst einer war. Reist deswegen sofort nach Kiel, will »Holstein helfen, wenn der Verein mich braucht«, nimmt auf der Ersatzbank neben Wulff Platz, dem Wirt vom Dorfkrug.
20:30 Uhr
Was mir gefällt: Dass der Boden gefroren ist. Egal, ob und wie viele Rasenheizungen die da haben. Genauso gefroren wie alles in meinem Leben auch. Sorry, BVB.
1. Minute
Anstoß, unterklassig, von Holstein Kiel, aber egal, der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Und ich bringe jetzt in Erfahrung, ob diese Gesetze ein bisschen Körperverletzung an Fußballkommentatoren eventuell gutheißen, zumindest nicht sanktionieren. Mann in Gefahr: Tom Bartels.
2.
Perisic flankt hinters Tor, Bartels sieht »den ersten guten Angriff«, ich arbeite mit der Führhand.
5.
Erste Enttäuschung: Die Holsteiner Verteidiger heißen zwar wie früher, sehen aber genauso aus wie alle anderen bezahlten Fußballer in diesem Land auch. Bin jetzt doch auch für Gieselmanns Einwechslung.
6.
»Welche Bälle kann ich heute spielen, und welche lass' ich lieber sein?«, rappt Tom Bartels plötzlich. Da melden sich Fettes Brot: »Soll ich's wirklich machen, oder lass' ich's lieber sein?« 11FREUNDE meint: Lass es lieber sein. Egal, was.
8.
Chance für einen Mann namens Heider. Laut Bartels »die erste für Kiel«. Das macht eine hundertzwölftel Chance pro Jahr des Bestehens dieses Klubs. Noch immer freut sich ganz Holstein, dann das: Seitfallzieher Perisic, Kagawa im Abseits, fummelt irgendwie auch am Ball rum, was aber aufgrund der infernalischen Kälte mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen ist, Lewandowski hängt sich rein – TOOOOR! 1:0. Irregulär. Sorry, BVB. Aber zählt ja trotzdem. Also: Sorry, Holstein. Sorry, alle.
12.
Gemein: Als wären die Außenseitervokabeln »beherzt« und »mutig« nicht schon herabwürdigend genug, droht Bartels den Kielern jetzt mit Meppen: »Am 12. Februar müssen sie dorthin.« Als wäre dieses ominöse Meppen eine Besserungsanstalt für alle Verlierer des deutschen Fußballs. Aber wer bessert dann Meppen? Salmrohr?
16.
Sofien Chahed, ehemals Hannover 96, spielt jetzt offenbar in Kiel. Oder wie Kollege Jonas weiß: »Von denen gibt es zwei.« Wie auch von den BVB-Toren: Kagawa trifft aus dem Rücken der Abwehr. 2:0. Sorry, alle, die an eine Überraschung geglaubt haben.
21.
Ich leg mich fest: Das wird zweistellig. Kagawa mit der nächsten Chance, lupft knapp drüber, und ich möchte gar nicht weiter zuschauen, weil die Kieler jetzt, wie es im Skript steht, »mit dem Mute der Verzweiflung anrennen«, wie ich den Regisseur kenne aber gleich »eiskalt ausgekontert werden«. Und das nicht nur, höhö, aufgrund der Temperaturen. Scheiß Film.
25.
Dortmund jetzt schon seit vier Minuten ohne Chance, Kiel wittert Morgenluft, wird dann informiert, dass der BVB auch vier Minuten in Unterzahl gespielt hat, weil Piszczek Frisurenprobleme hat.
28.
Was auch nervt: Dieser pastorale Beerdigungssingsang, den Bartels schon jetzt anstimmt und den wir also noch 62 Minuten plus Nachspielzeit ertragen müssen. 62 Minuten, in denen wir uns schämen sollten, Dortmunder Spieler für technische Unzulänglichkeiten auszulachen und nur hoffen, dass sich keiner verletzt.
30.
So! Wer hat nicht genug gehofft? Na? Vortreten! Lewandowski hat sich wehgetan. Wo man sich ungern wehtut. Andererseits auch nicht am ungernsten. Ich persönlich steh auf Schmerzen ganz generell nicht. Nur diesem Ziepen beim Nasenhaar-Ausreißen kann ich was abgewinnen. Falls es euch interessiert. Nicht? Na gut, dann halt nicht.
32.
Das 11FREUNDE-Anti-Langeweile-Quiz. Wie viele Zähne hat Jürgen Klopp? Und wie viele davon sind »echt«? Schreibt uns an online@11freunde.de, Stichwort »The Dentist.« Zu gewinnen gibt es eine leere Flasche »Odol«.
34.
Dass der BVB mit Klopp verlängert habe, sei, so Bartels, ein »Kuup«. Wenn er »Coup« gesagt hätte, wär’s ein Coup gewesen. Aber so...
38.
Bartels experimentiert nun mit Ernst-Jandl-Lyrik. Das klingt ungefähr so: »Hopp... Äch... Ja! Vau... Kotz. Spotz!« Kollege Jonas legt einen Beat-Box-Rhythmus drüber, das Ganze beginnt mir zu gefallen. Doch dann nennt die ARD es gänzlich unmusikalisch »Tonstörung«, drückt Bartels ein Telefon in die Hand. Der klingt nun wie Rolf Kramer bei der WM 1986, bloß dass das hier nicht die WM 1986 ist, sondern Langeweile 2012. Ich zähl noch mal Kloppos Zähne.
45.
Wenigstens vermeidet es Bartels, das Wort »Pausentee« zu benutzen. Dafür wird nun auch die Werbung per Telefon übertragen, die ostfriesischen Inseln sind, wie wir aus den »Tagesthemen« erfahren, von der Außenwelt abgeschnitten. Da haben wir was gemeinsam, Juist und ich. Ach, Juist. Ich »liebe« dich.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Borussia Dortmund, Holstein Kiel



