Gladbach-Bayern im 11FREUNDE-Ticker
Von Pfohlen emfohlen
Text: Dirk Gieselmann und Andreas Bock Bild: Imago
Gladbach – das hatte lange einen Klang wie Karthago, Pompei, Babylon. Doch die Zeiten ändern sich – bzw. ändern sich nicht, wenn man seit den 70ern gepennt hat: Gladbach besiegt Bayern mit 3:1. Geht Netzer trotzdem nach Madrid? Der Ticker weiß es.
20:08 Uhr
Herrlich, die Winterpause ist vorbei. Das heißt: Nach 495 Tagen gibt es endlich wieder diese Sache namens Fußball. Das beschwingt uns so sehr, dass wir glatt die Außentemperaturen vergessen. Wir hüpfen in Unterhemd, weißen Tennissocken und Sandalen durch Berlin-Kreuzberg. Prompt wird uns der Eintritt in verschiedene Lokalalitäten verwehrt. »No entry for spanish hipsters«, sagen wichtige in schwarz gekleidete Männer. Dabei sind wir Fußballfans aus, äh, irgendwoher. Ach, scheiß Mode. Los geht's mit den Aufstellungen...
20:11 Uhr
Gladbach: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Brouwers, Daems - Nordtveit, Neustädter - Herrmann, Arango - Hanke, Reus
Bayern: Neuer - Boateng , van Buyten , Badstuber, Lahm - Tymoshchuk , Schweinsteiger - Robben, Kroos, T. Müller - Gomez
Rückblick: Gladbach gewann das Hinspiel in München mit 1:0. Torschütze war damals De Camargo, der heute nur auf der Bank sitzt. Der FC Bayern legte nach diesem Spiel eine Serie mit ungefähr 28 bis 32 Zu-Null-Spielen hin. Exakte Zahl reichen wir nach. Morgen. Übermorgen. 2013. Vielleicht.
20:15 Uhr
Beim FC Bayern fehlt heute übrigens Franck Ribéry (Gelb-Rot-Sperre). Ansonsten Top-Besetzung. Mehr wissen wir momentan noch nicht. Die Fernbedienung unseres TV-Geräts ist verschollen, daher gucken wir gerade N24, es läuft eine Doku über über Schiffe. Die Stimme aus dem Off verriet eben: »Schiffbau funktioniert wie Lego.« Kollege Gieselmann kündigte nach diesem Satz – in einem Anfall von Nostalgie und Euphorie – seinen Redakteursjob und heuerte unter seinem neuen Namen Lütt Fiete in einem Dock bei Flensburg an.
20:30 Uhr
Entwarnung: Fernbedienung und alles weitere (Gieselmann) wieder aufgetaucht. Dazu gibt es noch Steffen Simon, Bayern, Gladbach und Fähnchenschwenker im Borussia-Block. Kann ein Freitagabend schöner beginnen? Wir weinen vor Freude, ein bisschen.
1.
Bei all der guten Stimmung macht es auch nichts, dass das Spiel drei Minuten zu spät angepfiffen wird. Der Ball ist immer noch rund, Bayern immer noch Rot, Gladbach immer noch Weiß, Simon immer noch der Albert Camus unter den Sportreportern. Und ja, auch immer noch heißt immer noch immer noch.
4.
Faszinerend, dieses Spiel. Man schaut Drei-Meter-Pässe an, und sie sind schön. Schön wie der Morgentau. Schön wie ein Eiszapfen im Bart. Schön wie die Taste #. Könnten wir den Fernseher drücken, würde auf dem Bildschirm »Gefällt mir« erscheinen. Doch er steht zu weit weg.
6.
Nun aber mal zum Spiel. Kroos am Ball, Lahm am Ball, Gomez am Ball. Boateng am Ball. Boateng mit Diagonalpass ins Nichts. Wir applaudieren. Schöner Versuch. Es ist wie mit Atomphysik: Praktiziert man diese einige Zeit nicht, klappt am Anfang nicht alles einwandfrei.
7.
Erstaunlich allerdings, wieviele Sachen beim Alten sind: Die Frisur von Gomez, die Tattoos von Reus, die Gesichtsröte von Heynckes, die Atemtechnik von Simon. Luft - holen - Luft - holen. Luft - holen - Luft - holen. Luft - holen - Luft - holen. Luft - holen - Luft - holen.
11.
TOOOR! Ein kapitaler Fehler von Manuel Neuer. Oder wie es heute in der modernen Facebook-Welt heißt: Epic Fail. Dem Torwart verunglückt ein Abschlag, er landet auf dem Fuß von, natürlich, Marco Reus. Das kleine Wiesel bzw. der wieselige Kleine schießt direkt, aus 30 Metern, ins nun leere Tor. Prompt kritzeln U14-Ultras neue Pappen voll und halten diese in Luft. Koan Neuer.
12.
»Das müssen die rot gekleideten Herrschaften erst mal aus den Knochen schütteln«, dichtet Simon. Den Satz merken wir uns. Für den Fall, dass wir mal beschreiben müssen, wie das Ehepaar Gottschalk in Bayreuth aus dem Ring der Nibelungen gewankt kommt.
14.
Abseits Müller. »Das wäre eine Riesenchance für Müller gewesen«, so Simon. Faszination Konjunktiv II: Wenn ich nicht hier wäre, wäre ich woanders.
15.
Ecke, Ecke, Ecke, Ecke: Wäre dieses Spiel ein Kreis, die Quadratur wäre gelungen.
17.
Hermann nun angeblich mit einem »kapitalen Bock«. Dieses geheimnisvolle Tier würde ich nach all den Jahren nun wirklich gerne mal sehen. Ist immer da, wenn Fehler geschehen, bleibt aber unsichtbar. Ich persönlich stelle ihn mir ja vor wie einen sehr dicken Hammel mit dem Kopf von Heiner Brand. Und dem Grinsen von Rolf Eden. Plus Hörner. Verrückt: Jetzt hab ich Angst. Hoffentlich macht niemand mehr einen Fehler.
19.
»Böklunder«, behauptet die Bandenwerbung, »die Nummer 1 bei Wurst.« Ich habe so meine Zweifel, ob die Werbefuzzis da die richtige Präposition gewählt haben, weiß es aber auch nicht besser. »In« jedenfalls ist nicht besser. »Für« wohl auch nicht. »Durch«? Bis auf Weiteres schlage ich »trotz« vor. Hmmm... Wurst!
23.
Arango auf Daems, das klingt, als würde bei »Let's Dance« ein entschieden drittklassiger MDR-Showmaster eine Latino-Schönheit zur Hebefigur emporstemmen, um ihr heimlich unter den Rock zu linsen. Für nichts und wieder nichts will ja niemand »Riverboat« moderieren.
25.
Nun argumentiert Simon einen gewissen Toni Jantschke in den WM-Kader. Die Rechtsverteidigerposition sei vakant. »Ich hätte Zeit!«, trompetet Kollege Bock. Dann lieber Böklunder, die Nummer 1 trotz Wurst.
27.
Mit der Laxheit eines sechzehnjährigen Realschülers, der im Sportstudio an der Torwand steht, kickt Stranzl Tymoshchuk den Ball in die Fresse. Gewinnt er jetzt eine dieser tollen Sportstudio-Airbrush-Grafiken aus Dieter Kürtens Hobbykeller? Verdient wär's.
31.
»Ballverlust Nordtveit« – das klingt nach Kesselschlacht in Stalingrad. Wird dieses Spiel jetzt von Guido Knopp verfilmt? Mir wird kalt.
32.
Abseits Bayern. Und zwar passiv. »Wenn der Ball reingeht, ist es kein Problem«, so Simon. Stimmt immerhin zu 50 Prozent.
35.
Steffen Simon orakelt für Gladbach eine fantastische Rückrunde herbei. Trotz all der Schreckensnachrichten ist das durchaus erstaunlich. Ähnlich erstaunlich ist übrigens, dass Tymoshchuk den Ball noch nicht einmal am Fuß hatte. Einmal hat er ihn ins Gesicht bekommen, ein anderes Mal versuchte er den Ball mit dem Knie zu köpfen. Sah interessant aus, mehr aber auch nicht. Ähnlich also wie moderne Kunst.
38.
Kinder, wir nähern uns dem Ende der ersten Halbzeit. Zeit für ein fachkundiges Zwischenadjektiv: Flott.
40.
TOOOOOOOOOR! 2:0 für Gladbach. Hanke bedient Herrmann, der steht allein vor Neuer und netzt ein. Patrick Herrmann! Meine Güte! Patrick Herrmann! Der sieht aus wie 18 oder 19, ist aber schon 20. Fantastischer Spieler! Die Zukunft des deutschen Fußballs, ach was reden wir, die Zukunft des Sports! Bevor wir es vergessen: !
43.
Gomez versucht es jetzt alleine. Schnappt sich den Ball in der eigenen Hälfte und läuft los. Läuft, läuft, läuft. Man nannte ihn den Joey Kelly des FC Bayern. 5, 10, 15 Meter. Wo ist der hautenge Funktionsanzug, wo die Joggingschuhe? 15, 20 Meter. Schluss. Auch hier: Fantastisch! Fantastischer Spieler! PS: !
45.
Und Schluss. Zumindest vorerst. Wir sehen: Schweini schleicht missmutig in die Kabine. Wir vermuten: So mancher Bayern-Profi würde bestimmt lieber Ramona Leiß beim Skorpione-Essen zuschauen, als Jupp Heynckes zuzuhören. Wir sagen: Ramona Leiß – die Nummer 1 beim Skorpione-Essen.
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