Die JHV von Schalke 04 im 11FREUNDE-Ticker
Glück raus!
Text: Dominik Drutschmann Bild: Imago
Presse-Ausschluss statt Gruppenkuscheln. Die Jahreshauptversammlung des FC Schalke endete für die Medienvertreter nach rund zwei Stunden. 1542 Schalker stimmten für den Antrag, nur Mitglieder bei der Veranstaltung zuzulassen. 11FREUNDE gefällt das nicht.
10:43 Uhr
Die JHV soll um 11:30 Uhr beginnen, Einlass war um halb elf. Der Grund: Jeder sollte die Möglichkeit bekommen, sich mit dem DFB-Pokal abzulichten. Nur wo ist der Pokal? Kaputt? Rudi, bist du da?
10:39 Uhr
Heute Knappen, wird's was geben. Bestimmt! Vielleicht. Wahrscheinlich eher nicht? Alles ist möglich bei Schalkes Jahreshauptversammlung 2011. Und damit herzlich Willkommen zum 11FREUNDE Liveticker aus der Emscher-Lippe-Halle. Hinter den Schalkern liegt eine Saison wie eine Politiker-Ehe: Für die Gattin Bundesliga gab es einen Strauß verwelkter Blumen, während mit der Geliebten in Berlin unter Goldregen getanzt wurde. Zwischendurch noch ein paar Scharmützel in Mailand und Manchester. Dazu zwei harte Trennungen: Lebensabschnittspartner Felix Magath flüchtete zur alten Flamme, Jugendliebe Manuel Neuer verliebte sich in München. Der ganz normale Schalker Wahnsinn.
10:46 Uhr
Nicht alle Mitglieder wollen sich indes vom Glanze des güldenen DFB-Pokal blenden lassen. Fangruppierungen bemängeln im Vorfeld die schlechte Außendarstellung, fordern Kontinuität. Seit über fünf Jahrzehnten ohne Salatschüssel durchs Leben zu gehen, ist zumindest konsequent.
10:52 Uhr
Langsam füllen sich die Ränge. Etwa 3000 Plätze bietet die Emscher-Lippe-Halle. Schalke hat 96.919 Mitglieder. Hmmm.
10:56 Uhr
Pikantes Detail: Die Bestuhlung im Oberrang ist quietschgelb, die Stühle im Innenraum grau und - aufgepasst - schwarz. Schwarz-gelbe Kulisse für königsblaue Debatten.
11:00 Uhr
Auf den riesenhaften LED-Videowänden flackern zwei Bilder im Takt: das Schalke-Logo und dieses hässliche Nichtraucherzeichen. Dazu Robbie Williams' Escapology. Ein Album aus erfolgreicheren Tagen.
11:07 Uhr
Bis es hier losgeht, wagen wir einmal einen Blick in die bewegte Schalker JHV-Historie. 1987 kam es auf der JHV zu einem Eklat: Ein Schalke-Mitglied war so voll, dass er es für eine gute Idee hielt, seinen Colt mitzunehmen. Man weiß ja nie. Als er den aber zum Einsatz bringen wollte, wurde er abgeführt. Zur Sicherheit hab ich mein Schweizer Taschenmesser dabei. Man sollte immer ein gewisses Understatement wahren.
11:14 Uhr
JHV-Historie II:
Rekorde machen sich in der Vereinschronik gemeinhin gut. Auf diesen könnte Schalke wohl getrost verzichten: Michael Zylka war ganze drei Tage Präses. Die Bild-Zeitung hatte den ehemaligen Mitarbeiter des Verteisigungsminiszeriums kurzerhand zum Ruhrpott-007 gemacht, der schmissim Anschluss die Brocken hin.
11:17 Uhr
Es tut sich was. Der heilige Marcelo (Bordon), der neben Otto Tibulsky in die Schalker Ehrenkabine aufgenommen werden soll, hat den Saal betreten. Das erste Mal Jubel. Ich befürchte, dass er gleich sein Shirt hebt, um Werbung für eine obskure brasilianische Freikirche zu machen. Bitte nicht!
11:21 Uhr
Viele Plätze sind nicht mehr frei. Bevor es noch voller wird, kauf ich mir mal ne Wurst – die sind hier ja Chefsache. Überlebenspaket für den Tickermarathon.
11:27 Uhr
Eine Schulglocke erklingt und die Hoffnung, dass es einigermaßen pünktlich losgeht, wächst. Die wichtigen Herren haben sich allmählich auf der Bühne eingefunden, die LED-Leinwände zeigen jetzt Live-Bilder aus der Halle, was bei der geringen Größe eher lächerlich wirkt.
11:29 Uhr
Mittlerweile ist auch der DFB-Pokal da. Ich sehe 234256356 Mobiltelefone und zwei Fotoapparate. Facebook-Profilbilder für die Ewigkeit.
11:33 Uhr
Wenn wirklich alle die Chance bekommen sollen, a) den DFB-Pokal anzupacken oder b) Bordon anzuschmachten, dann beginnt das Ding hier in etwa 48 Stunden.
11:35 Uhr
Und da die Gewissheit. Es geht später los. Etwa 15 Minuten. Peter Peters schafft es in drei Sätzen gefühlte zehn Mal »Glück Auf« zu sagen.
11:38 Uhr
BTW: Ich schließe mich der Meinung von User»El Buitre« an. Peters sieht wirklich aus wie Olaf Thon 2022. Ich würde auch noch eine Prise Hendrik Nachtsheim (Badesalz) vermuten.
11:42 Uhr
Die wichtigen Herren sitzen mittlerweile auf der Bühne. Allein die Pressetribüne ist im letzten Winkel der Halle untergebracht. Ich zähle 14 Ameisen.
11:44 Uhr
Das Licht wird gedimmt, ich erwarte Dramatisches. Countdown auf der LED-Wand. WOW!
11:47 Uhr
Jetzt Bilder von Schalkes Saison. Erst Magath, der 30 Millionen fordert. Buhrufe. Dann: Raul. Jubel, was auch sonst. Thematisch fein säuberlich getrennt durch Bilder einer Achterbahn. Das ist nicht innovativ, aber unmissverständlich. Achterbahn-Saison. Meine ganzen Ersparnisse gehen ins Phrasenschwein.
11:49 Uhr
Die Schlagzahl wird erhöht. Ausschnitte aus der PK zur Magath-Trennung lassen den Saal kurz erbeben. Felix gefällt das wahrscheinlich nicht.
11:52 Uhr
Es geht aber noch lauter: Manuel Neuers tränenreiche Abschieds-PK finden die Mitglieder heuchlerisch. Lauteste Rufe: »Heul doch!«
11:53 Uhr
Begrüßung durch Clemens Tönnies. Der erzählt das, was der Einspieler gerade gezeigt hat. Eine Achterbahnfahrt. Allein er nennt es »Achterfahrt«. Was das ist, keine Ahnung. Den Film fand Tönnies übrigens »geil«. Hatte mir eigentlich vorgenommen, zu zählen, wie oft das Wort »geil« heute fällt, habe aber nur einen Block dabei. Nicht geil.
11:57 Uhr
Vorab ein Antrag. Verwirrung! Alle Gäste sollen von der Mitgliederversammlung ausgeschlossen werden. Einzig Mitglieder sollen teilnehmen. Das würde auch die Presse ausschließen. Vielleicht der letzte Ticker von einer Schalke-JHV.
12:00 Uhr
Dieser Antrag wurde offensichtlich schon häufiger gestellt. Die Schalker Bosse empfehlen, den Antrag abzulehnen. Die Presse würde schon fair berichten. Großes Gelächter.
12:04 Uhr
Geil: Der Antrag zum Ausschluss der Medien spaltet die Versammlung. Tönnies versucht noch, es als Ablehnung zu deuten, kann die »Auszählen«-Rufe aber nicht überhoren.
12:10 Uhr
So hab ich mir das hier vorgestellt: Noch ist die JHV eine zarte Pflanze, doch die Gemüter sind schon ordentlich erhitzt. Tönnies verwurschtelt sich: »Wir nehmen den roten Zettel«, sagt er. Einen roten Zettel gibt es aber nicht. Das reicht, um alle Klarheiten zu beseitigen. All diejenigen, die für den Ausschluss der Presse sind, sollen mit »Nein« stimmen. Etwa zwei Minuten später: Kommando zurück, »Ja« ist die Antwort, wenn man NICHT will, dass die Presse weiterhin hier ist. Alles klar soweit? Es folgt: Gelächter und Urnengang. Ich sach ma: Dat wird heut wat länger.
12:17 Uhr
Der Urnengang nähert sich dem Ende. Auch Tönnies droht: »Wir haben ja Zeit, heut ist ja Sonntag.« Um trotzdem etwas Sinvolles mit der Zeit anzufangen, sollen nun die Ehrungen folgen. Macht mal!
12:23 Uhr
Alle zu ehrenden Mitglieder werden auf die Bühne gebeten. Darunter auch ein Mann, der mir schon am Hauptbahnhof Gelsenkirchen aufgefallen war. Wäre »Macho Man«Randy Savage nicht vor wenigen Wochen von uns gegangen, ich würde meinen rechten Daumen darauf verwetten, dass er heute zum Ehrenmitglied bei den Knappen ernannt würde. Das Outfit ist definitiv Champions-League. Ganz in weiß (nunja: dunkelweiß, so wie Gips) mit feschen königsblauen Highlights. Dazu der passende Cowboy-Hut und Schnäuzer. Geiler Typ. Was verwundert: Neben Schalke-Aufnähern hat er ebenso viele Logos vom 1.FC Nürnberg auf den Klamotten.
12:27 Uhr
Der »Macho Man« muss jetzt sogar Autogramme geben. Doch nicht etwa für den Pöbel - Peters und Co. wollen seinen Otto. Was verwundert: Der gute Mann hat seine eigenen Autogrammkarten dabei. Ich leg mich fest: Randy Savage ist nicht tot, er ist hier. Leibhaftig!
12:32 Uhr
Nach der Ehrung der Jubiläums-Mitglieder (50 Jahre im Verein) folgt das Gedenken an die kürzlich verstorbenen Schalker. Tönnies Stimme zittert, die Stille ist angemessen. Bewegender Moment.
12:35 Uhr
Es soll die Aufnahme in die Schalker Ehrenkabine folgen. Tönnies hat den Namen Marcelo Bordon noch nicht ganz ausgesprochen, da flippt der Saal hier schon aus. »Marcelo - Ohooo, Marcelo - Ohohohooo«. Der Bejubelte scheint gerührt, Standing Ovations. So dreht man die Stimmung.
12:38 Uhr
Otto Tibulsky soll ebenfalls in Schalkes Ehrenkabine aufgenommen werden. Es folgen zwei Filmchen. Der Tibulsky-Clip zeigt junge Greise in ulkigen Hosen. Wieder Applaus, Marcelo heult. Nicht auf der Leinwand, sondern in Real Life. Das kann man verstehen. Warum der Herr hinter ihm einsteigt, weiß ich nicht.
12:47 Uhr
Der Vorsitzende des Schalker Fan-Club-Dachverbandes Rolf Rojek tritt ans Rednerpukt und möchte über Tradition reden. Ein Thema, das hier so gern besprochen wird, wie das »Mia san mia«-Gefühl in München. Er nennt sich den »Traditions-Kümmerer«. Die Karriere von Bordon und Tibulsky lässt Rojek Revue passieren.
12:51 Uhr
Tönnies und die Farben II: Der rote Zettel soll gehoben werden, wenn die beiden Ex-Kicker in die Ehrenkabine auufgenommen werden sollen. Eine rote Karte gibt es allerdings immer noch nicht. Lakonischer Kammentar aus dem Publikum: »Der is doch Farbenblind.«
12:53 Uhr
Beide werden - Surprise, Surprise - aufgenommen. Bordon entschuldigt sich für seine Tränen und versichert, »keine Schwule« zu sein. Hat zwar keine Titel gewonnen, dafür ist er aber in der Schalker Familie. Das geht runter wie Butter.
12:56 Uhr
So: Die Abstimmung ist durch. Die Medienvertreter müssen gehen. JETZT. »Skandalös«, echauffiere ich mich um des Echauffierens Willen. Tschüss.
Die Journalisten tuschelten schon vor Beginn der Jahreshauptversammlung. »Ich glaub, da kommt gleich ein Antrag. Die wollen das Ding ohne uns durchziehen.« Clemens Tönnies meinte lakonisch, dass das ja nicht das erste Mal sei, dass die Presse ausgeschlossen werden solle. Nur: Diesmal wurde der Antrag angenommen. Der Schalke-Boss hatte die Empfehlung ausgesprochen, die Medienvertreter teilnehmen zu lassen. Er warf Worte wie »Transparenz« in die Waagschale.
Doch auch der Schalke-Boss sorgte für Verwirrung: Es sollten rote Zettel benutzt werden, die es nicht gab. Ja bedeutete erst Nein und dann doch Ja. Über 100 Zettel waren letztlich ungültig. Die Mitglieder klopften sich gegenseitig auf die Schulter, als hätten sie das erste Mal dem Phänomen »Demokratie« beigewohnt.
Was bleibt von der JHV 2011? Mit knapp 3000 Mitgliedern war die Emscher-Lippe-Halle bis unters Dach gefüllt. Diejenigen, die da waren, mögen Felix Magath nicht. Manuel Neuer auch nicht. Marcelo Bordon dafür umso mehr. Der quittierte die dargebrachte Liebe mit »keine-schwulen« Tränen, wie er selbst sagte. Soweit so wenig Neues. Einzig die Auferstehung vom »Macho Man« Randy Savage war ein Highlight. Vielleicht auch nur für mich, ich weiß es nicht. Gerne hätte ich weiter berichtet. Aber: Watt willste machen?!



