So lief Gladbachs Jahreshauptversammlung
Er hat's fast allen gezeigt
Text: Dominik Drutschmann Bild: Imago
Bei der Jahreshauptversammlung von Borussia M'gladbach stimmten nur 335 der 4769 anwesenden Mitglieder für die Anträge der Oppositionsgruppe um Stefan Effenberg. Präsident Königs und Sportdirektor Eberl bleiben im Amt. Wir waren (fast) live dabei.
Vorab entschuldigen wir uns für unsere Server-Probleme, die 11freunde.de heute für mehrere Stunden lahmlegten. Unser Mann in Gladbach, Dominik Drutschmann, tickerte dennoch unerschrocken weiter. Hier könnt ihr das komplette Protokoll der Jahreshauptversammlung von Borussia Mönchengladbach lesen.
11:50 Uhr
»Highnoon im Borussia-Park« titelt Deutschlands großlettriges Revolverblatt. Wir sagen »Was nun im Borussia Park«. Das Ding scheint gelaufen, noch bevor es angepfiffen ist. Vielleicht aber überrascht der Tiger heute alle, bringt seine »Big Buddies« mit und reißt die Macht an sich. Wie damals 1982. Am Autoscooter auf der Frühjahrskirmes in Hamburg-Niendorf. Viva la Revolucion. Bzw. Nicht. Ohne Che Guevara-Shirt dabei: Der 11FREUNDE Ticker.
11:59 Uhr
Es beginnt zehn Minuten später. Der Andrang ist riesengroß. Vor dem Stadion Bilder wie aus dem Flüchtlingslager. Rein kommt nur, wer Ausweis und Mitgliedskarte dabei hat. Und rein wollen viele.
12:04 Uhr
Wer drin ist, der sieht eine in schwarz und weiß getünchte Bühne, Platz für ein gutes Dutzend wichtiger Personen. Noch allerdings verwaist. Die Ruhe vor dem Sturm? Lucien Favre ist vor einer guten viertel Stunde angekommen. Standing Ovations für den Retter. Der war sichtlich gerührt.
12:10 Uhr
Weil noch nichts passiert, ist man gezwungen sich die Zusammenschnitte der Borussia aus der vergangenen Saison anzuschauen. Es sind die Highlights einer, nunja, mäßigen Saison. Will heißen: Fünf Szenen in Dauerschleife. Dazu die Rolling Stones »Don't Stop«. Hier wird mit allen Mitteln gekämpft. Psychokrieg der unterschwelligen Sorte. Würde gerne das Idrissou-Champions-League-Lied grölen, traue mich aber nicht.
12:15 Uhr
Um die Stimmung unter den Mitgliedern im Vorfeld aufzuschnappen, bin ich mit öffentlichen Verkehrtmitteln angereist. Schöne Unterhaltung: »Sag mal, warum hat der Effenberg eigentlich nicht den Loddar mitgebracht? Das würd passen.«
»Pass auf, Du! Wenn das irgendwo passiert, dann hier.« Das macht Angst. Mich freut es.
12:19 Uhr
Aus zehn Minuten werden dreißig. Der Dame, die die Verzögerung durchgibt, schlägt unbändige Liebe ins Gesicht. Oder so etwas ähnliches. Oder was ganz anderes. Der Mob ist aufgebracht, doch mit einem einzigen Zwinkern bringt Lucien Favre seine Schäfchen zum Schweigen. Weiter Highlights. Weiter Stones.
12:24 Uhr
Öffentliche Verkehrsmittel II:
An der Bushaltestelle bangen vier Gladbach-Anhänger. Ihre Angst: Die Lautesten sind die Dümmsten. Kaum einer im (Fan-)Umfeld scheint für Effenberg und seine Initiative Borussia zu sein. Die aber, die es sind, sind laut. Später im Bus sitze ich auf der Rückbank. Wie in der Schule sitzen die Lauten ganz hinten. Für sie ist Effenberg ein hervorragend vernetzter Mann. »Der kennt se doch alle. In Spanien und Italien. Dann Bayern«. Na dann.
12:28 Uhr
Das Warten dauert an. Gestresste Kollegen, die sich auf der Pressetribüne um genau sechs Steckdosen kloppen müssen, erzählen von Bürgerkriegsähnlichen Zuständen vor dem Stadion.
12:37 Uhr
Um Euch und mir noch einmal vor Augen zu führen, worauf wir uns hier eingelassen haben. In den nächsten Stunden (und Tagen?) stehen folgende Punkte auf der Tagesordnung:
1. Begrüßungng
2. Ehrung der verstorbenen Mitglieder
3. Ehrungen
4. Bericht der Vereinsführung
5. Bericht des Wirtschaftsprüfers
6. Jahresbericht des Aufsichtsrates
7. Jahresbericht der Abteilungen
8. Anträge
9. Entlastung des Aufsichtsrates
10. Entlastung des Präsidiums
11. Entlastung der Abteilungen
12. Wahlen
13. Verschiedenes
12:41 Uhr
Wieder tritt die nette Dame vor die Massen. Wieder mit schlechten Neuigkeiten. Etwa 600 Mitglieder stehen noch vor der Tür und bitten um Asyl. Sie bittet »herzlich« um Verständnis, wobei sich ihr »herzlich« wie eine Drohung anhört. Vereinzelte Eberl-Raus-Rufe; eher aus Langeweile, denn aus Überzeugung. So scheint es.
12:45 Uhr
Wer sich die Zeit bis es hier endlich losgeht (voraussichtlich April 2014 - vielen Dank für Ihr Verständnis), vertiefend in das Thema einlesen möchte: User Andreas Blenke hat unten in den Kommentaren eine vorbildliche Auflistung aller Beteiligten, interessanten Artikeln uvm. aufgelistet. Eins Plus mit Sternchen. Vielen Dank!
12:48 Uhr
Wieder wird es laut. Warum? Lucien Favre winkt. Das reicht. Jetzt aber füllt sich die Bühne mit den Verantwortlichen. Favre hat dabei sein Grinsen aufgesetzt, der Sonnyboy. Mit ihm auf der Bühne machen sich die Bosse zumindest nicht unbeliebter.
12:51 Uhr
Präsident Königs begrüßt 4998 Mitglieder - Rekord bei der Borussia. Die feiern sich direkt mal selbst. Sollen sie. Königs spricht davon, dass diese Saison endlich vorbei ist. Das feiern die Mitglieder nicht.
12:54 Uhr
Oh, peinliche Stille. Was ist passiert: Königs will den Relegations-Joker ziehen und den Fans einen Zusammenschnitt von den Feierlichkeiten letzter Woche präsentieren. Allein die Technik streikt. Diese 60 Sekunden müssen sich für den Präsidenten wie eine quälende Ewigkeit anfühlen.
12:57 Uhr
Dann aber klappt es. MAZ ab, Jubel bricht aus - auf derLeinwand und im Stadion. Weiterer guter Schachzug. Lucien Favre wird vor das Rednerpult geschoben. Der erntet viel Applaus, bedankt sich artig. Favre dankt auch Königs und Eberl. Das finden die meisten Mitgleider nur so mittelgut. Pfiffe, vereinzeltes Klatschen. Dann mehr Klatschen als Pfiffe. Warum? Keine Ahnung.
13:03 Uhr
Jetzt tritt Herbert Laumen ans Rednerpult. Er schlägt Andreas Heinen als Versammlungsleiter vor. Götz Allsmann würde jetzt sagen: »Ich sehe 8.739.879.887 grüne Karten. Das stimmt nicht ganz, im Kern aber schon. Klares Ja von den Mitgliedern. Die Zahl der anwesenden Mitglieder wird noch einmal nach oben korrigiert: 5086 haben den Weg in den Borussia Park gefunden. Kommt wohl nix gutes im Fernsehen.
13:05 Uhr
Jetzt kritische Reaktion vom Publikum. Pfiffe und Buh-Rufe. Heinen hat gerade verkündet, dass es sich um eine Nichtraucher-Veranstaltung handelt. Buh!
13:10 Uhr
Immer wieder fällt das Wort »Wahlkampf«. Heinen freut, dass dieser heute endet. Auf dem Weg zum Stadion war das überdeutlich. Alle 20 Meter hing ein Plakat der Mitgliederoffensive 2007/2010. Aufschrift entweder »Gemeinsam für unsere Borussia« oder »Borussia statt Königsreich oder Tigerstaat«. Ich hab Lust auf eine Tierdoku. Die laufen doch immer am Sonntag. Das wird wohl nichts. Wir sind bei Punkt zwei, Ehrung der Verstorbenen.
13:14 Uhr
Vor den Ehrungen appellierte Heinen noch einmal an alle: Borussia Mönchengladbach sei immer ein Verein gewesen, der in der Öffentlichkeit positiv aufgenommen wurde. Das hätte sich durch diesen »Wahlkampf« geändert. Ganz unrecht hat er nicht.
13:16 Uhr
Punkt drei: Ehrung derer, die schon seit 25 Jahren im Verein sind. Dafür sehen die Herrschaften noch sehr fit aus. Die ein oder andere Sorgenfalte, aber ich hätte es mir schlimmer vorgestellt. Lucien Favre gibt jedem die Hand, einigen klopft er aufmunternd auf die Schulter.
13:20 Uhr:
Unfassbar! Hier werden Menschen geehrt, deren Klubtreue bis weit über jegliche Schmerzgrenzen hinausgeht. Stellvertretend soll Heinz Portz genannt werden. 65 Jahre Mitglied, In Worten: Fünfundsechzig Jahre. Abgefahren. A-B-G-E-F-A-H-R-E-N.
13:25 Uhr
Es folgt der Jahresbericht - Königs lobt noch einmal Trainer Favre. Der sei heute um 4 Uhr nachts aufgestanden, der Arme. Und er will heute auch wieder zurück in die Schweiz. Das macht der umstrittene Präsident ganz clever. Er will das hier schnell über die Bühne bringen, schickt den Liebling Favre vor. Recht platt, aber es funktioniert.
13:27 Uhr
Königs rekapituliert die Saison. Highlights wie der Sieg gegen Leverkusen und Dortmund, aber auch Trainerentlassung und eine fürchterliche Hinrunde. Dann immer wieder Favre. Königs nennt ihn »unseren Freund«.
13:30 Uhr
Der Präsi - stilecht mit Gladbach-Krawatte - erntet überraschend viel Beifall für seine Worte. Nur, dass er bis 2013 weitermachen will, finden die Anwesenden diskussionswürdig.
13:35 Uhr
Das System Königs, so Königs über sein System, gibt es nicht. Das verwundert. Dann aber auch wieder nicht. Die Stimmung kippt jetzt. Königs muss immer wieder über vereinzelte Zwischenrufe hinweghören. Macht er.
13:37 Uhr
Präsident Königs kriegt dann doch noch die Kurve. »Keine Anteilsverkäufe, keine Verkäufe von TV-Rechten« - das kommt an! Kleine Schritte sollen zum Ziel führen. Ein Stadionausbau wäre eine Möglichkeit. Königs bringt es auf den schmissigen Satz: »Wir investieren erst in Steine, um dann in Beine zu investieren zu können«. Klingt krum. Andererseits: Littis Beine waren auch krumm. Krumm und gut. Krut.
13:42 Uhr
Es geht ans Eingemachte: Die Satzung, um deren Änderung es unter Punkt acht geht, ist vom DFB als vorbildlich bezeichnet worden - so, wie sie jetzt ist. Damit kann Königs punkten.
13:46 Uhr
Das Lieblingsthema des Präsidentens aber ist das Stadion. Selbst die großen Bayern hätten bei ihrem Stadionbau abgekupfert. Die Mitglieder wenden sich genervt ab. Ist wohl nicht das erste Mal, dass der gute Mann über seinen Tempel spricht.
13:52 Uhr
»Borussia Mönchengladbach soll Borussia Mönchengladbach bleiben« - ein schöner Satz, der leider untergeht, weil König mehr Zuspruch und Jubel bekommt, als er es wohl selbst gedacht hätte.
13:55 Uhr
Max Eberl löst Präsident Königs am Rednerpult ab. Das finden viele im Borussia Park nach eigener Aussage eher »scheiße«. Eberl aber legt in einem Tempo los, das so gar nicht zu seinem knubbeligen Äußerem passt. Er redet so schnell, dass einigen Kollegen schon die Finger abfallen. Auchichbekommeschonkrämpfe. Was man versteht ist der Ausdruck »süßes Gift«. So nennt Eberl die Erwartungshaltung, die nach dem Spiel gegen Leverkusen in der Vorrunde aufflammte.
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