Deutschland-Spanien im 11FREUNDE-Ticker
Weinen lernen
Text: Dirk Gieselmann und Lucas Vogelsang Bild: Imago
Aus dem Hintergrund hätte Kroos schießen können. Kroos schoss. Gehalten. Aus. Aus. Der Traum ist aus. Deutschland ist nicht Weltmeister. Der 11FREUNDE-Liveticker steigt ab. In die Kreisliga. In den Hades. Dorthin, wo Maradona Urlaub macht. Hallo, alter Kumpel!
20:00 Uhr
Willkommen zum Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien. Die schlechte Nachricht vor dem Anpfiff: Deutschland spielt weder gegen Argentinien noch gegen England. In den Weg nach Johannesburg stellt sich der Europameister aus Spanien. Immer noch ein Gigant.
Die Spanier waren bisher nicht das dominanteste Team dieses Turniers, stehen aber im Halbfinale, weil sie, außer gegen die Schweiz, in jedem Spiel genau dann beschleunigten, wenn es nötig war. Und immer hatte man das Gefühl, dass da noch mehr kommen könnte. Deutschland trifft also auf seinen bisher stärksten Gegner bei dieser WM. Denn anders als die zerrütteten Engländer haben die Spanier mit Iker Casillas einen Weltklassetorhüter in ihren Reihen, der Spiele mit spinnenartigen Paraden alleine gewinnen kann.
Spanien spielt aber auch in einer anderen Liga als die himmelblauäugigen Argentinier und ihr zweiuhriges Trainermaskottchen Diego Maradona, dessen Taktik einzig darin bestand, keine zu haben, zu beten und alle Pässe auf Messi spielen zu lassen. Denn Spanien hat Vicente del Bosque. Einen stoischen Pragmatiker mit der inneren Ruhe eines mallorquinischen Dorfältesten, der, mit dem Kinn auf einen Stock gestützt, die Zeitenwende beobachtet. Als Negativ Maradonas beherrscht er das virtuose Spiel auf der System-Klaviatur.
Und kann sich zudem auf eine über Jahre gewachsene Mannschaft verlassen, die das typisch spanische Spiel, das Tiki-Taka, die totale Ballkontrolle unter ständiger Zirkulation, perfektioniert hat und in der Offensive nicht auf Messi hoffen muss, weil sich dort mit Xavi, Andres Iniesta und David Villa gleich drei unberechenbare Kreisel drehen. Der spanische Stier ist schnell. Ihn bei den Hörnern zu packen dürfte schwierig werden.
20:01 Uhr
Zumutung Tagesschau! Als würde jemanden jetzt noch interessieren, ob morgen die Welt untergeht. Schäuble, Neuverschuldung, Schuldenbremse. Bremse? Ballack? »Lahm: Ich gebe die Binde nicht an Schäuble ab!« Sollte Gysi sich jetzt auf Leverkusen konzentrieren? Lothar Matthäus sagt in seiner »Sport-Bild«-Kolumne: »Die Guantanamo-Häftlinge sind nicht stark genug für die Bundesliga!« Ich kann, ich will nicht mehr. Khedira, zonk ihn rein, mach kurzen Prozess, frag nicht, mach es einfach, ich pfeif aus dem letzten Loch. »Spanien spielt mit zwei Flügeln«, bibbert Kollege Vogelsang. Ein Monster! Vogelsang UND Spanien! Und noch haben wir nicht mal die Tagesschau überstanden.
20:05 Uhr
In der ARD läuft ein Countdown. Noch 25 Minuten. In Gieselmanns Gesicht läuft der Countdown seit heute morgen um Acht. Die vergangenen Stunden ist er durch die Stadt geschlichen wie ein Geist. Aber nicht als Geist von Malente, nicht mal als bezaubernde Jeanny. Ein Flaschengeist ohne Flasche. Ein Poltergeist ohne Polter. Durchsichtig vor Aufregung. Wäre das hier eine Geisterbahn, er würde mich nur zum Lachen bringen. Aber ich kann nicht mehr lachen. Noch 25 Minuten. Nichts als Gespenster.
20:13 Uhr
Piotr Trochowski spiele, so Hansi Flick, »weil er sich angeboten hat«. Das heißt im Umkehrschluss, Marin und Kroos haben sich versteckt. So wie ich jetzt. Im Besenschrank. Aus Angst vor diesen 30 Sekunden, in denen David Villa allein aufs Tor zugeht und man spürt: Neuer wird ihn nicht halten. Hier im Schrank ist meine neue Heimat für die kommenden 90 Minuten. Wo hoffentlich keine Spanier sind. Ich gucke noch mal: Nein. Oder doch? Olé? Spannend, oder? Viele Grüße.
20:17 Uhr
»Mülleri, Müllera, Müllero!«, kaulbarist, kaulbarast, kalubarost Sven Kaulbars, der Till Eulenspiegel der ARD. Warum, bleibt unklar. Dann ein Schlagzeugsolo. Dann fragt der »Daily Mirror«, ob es okay sei, die Deutschen zu unterstützen. »Ja«, sagt einer, der Millwall-Fan sein könnte, »sie sind die Zukunft des europäischen Fußballs.« Ein Alptraum. »Ich krieg Eierschmerzen«, sagt Kollege Vogelsang. »Na, dann«, sagt Sven Kaulbars, »good luck!«
20:20 Uhr
In diesem Moment bekomme ich eine Mail mit dem Betreff »In Confidence: Fredi«. Bobic? Will der Schwabenpfeil mir die geheime Aufstellung durchgeben. Spielt Yogi Löw mit dem »Magischen Dreieck«? Ersetzt Thorsten Legat Jerome Boateng? Bleibt also irgendwie alles beim Alten? Hoffentlich, ich hasse nämlich Veränderungen. Und Niederlagen. Hallo, Fredi?
20:25 Uhr
Tom Bartels am Mikro. Das er benutzt, um uns zu sagen: »Es gab noch ein kleines Motivationsvideo!« Was denn, fragen wir uns. »Die Indianer von Cleveland«? Pilates mit Cindy Crawford, Vogelsangs Lieblings-VHS, die er seit geraumer Zeit vermisst? Nein: »Alle Betreuer sind mit einem kleinen Aufsager vertreten«, weiß Bartels. Etwa Theo Zwanzigers dackeliger Assistent Stephan Brause mit »Die Bürgschaft«? Oh Gott, wir verlieren.
20:27 Uhr
Die Hymnen. Die deutsche: herrlich, siegesgewiss, aber auch in der Lage, Niederlagen einzustecken, irgendwie weihnachtlich. »Gibt's jetzt Geschenke?«, quengelt Vogelsang. Nein, erstmal Kartoffelsalat. Und dann noch mal ab aufs Zimmer, sonst kommt der Weihnachtsmann nicht.
20:28 Uhr
Und nun die spanische. Und da ist Iniesta, dieser Data-artige Android, der ein Buch in 30 Sekunden liest und dann den tödlichen Pass spielt. Ich hasse ihn! Ich hasse Data! Wo ist Worf? Wo ist Briegel?
20:30 Uhr
Noch ein Blick auf das Thermometer deutscher Befindlichkeiten: Siedepunkt, Tendenz steigend. Es wird hier das wichtigste Spiel seit dem Hinspiel im Finale der Europameisterschaft 2008, vielleicht das wichtigste Spiel des vergangenen Jahrzehnts. Und man spürt dieses Fiebrigkeit, die zwischen den Häuserschluchten aufsteigt, die die Gesichter der Menschen glühen lässt. Auch, weil es eine Herkules-Aufgabe wird für diese multikulturellen Davids. Immerhin spielen die Deutschen gegen ihr eigenes Idol. Gegen die Spanier, deren Fußball das Vorbild für Löws Hochgeschwindigkeitswirbel ist. Mit Idolen ist das so eine Sache. Entweder man steht mit offenen Mündern vor ihnen und bittet verschämt lächelnd um ein Autogramm, oder man stößt sie von der Bühne, weil man sich sicher ist, eine bessere Show bieten zu können. Wir sind uns in jedem Fall einig: Niemand braucht spanische Autogramme, aber es wäre so schön, diese Mannschaft beim Stagediven aufzufangen. Und sich ihren Schweiß ins Gesicht zu reiben.
1. Minute
Anstoß. Wenn es jetzt doch nur schon 23 Uhr wäre, dann wüssten wir wie das hier ausgeht, so wissen wir nichts. Nichts. So muss es sich anfühlen, Experte in der ARD zu sein.
3.
Die deutsche Mannschaft hat noch nicht einmal den Ball gehabt. Wollen die Spanier mit Passivität um den Verstand bringen. Das mag in der Ehe klappen, hier ist es ein gefährliches Spiel. Die einzigen, die so den Verstand verlieren werden, sind wir.
5.
Erste Begegnung von Schweinsteiger und Xavi. Ein Zweikampf wie ein vollummanteltes Geschoss. Danach folgende Ansage von Schweinsteiger:
»Du kommst aus Spanien, Xavi? Bullshit! Nur Schwule und Stiere kommen aus Spanien, und wie ein Stier siehst du nicht aus. Da wird die Wahl ja ziemlich eng.« Ein Spiel direkt aus dem wirren Gedanken von Stanley Kubrick. Gieselmann verfolgt das Spiel mit weit geschlossenen Augen.
4.
»Olé, ihr Spanier!«, schimpft bild.de – und gleich daneben: »Moped-Führeschein schon mit 15 Jahren!« – »Brummbrumm, genial!«, quiekt Vogelsang, pustet sein Moped auf, fährt davon. Und was wird aus mir?
5.
Es scheint in den Köpfen angekommen zu sein, dass das hier ein Halbfinale ist. In meinem Kopf nicht. Empfänger unbekannt verzogen.
6.
High Noon jetzt hier. Mann kann Fliegen telefonieren hören. Dann schießt Iniesta als Erster, ein Todespass auf Villa, der allein vor Neuer. Neuer! Hält! Der Mann, den sie Pferd nannten.
9.
Die Deutschen kopieren die spanische Chance, soweit sind wir also schon gekommen, Pass auf Trochowski, der merkt, dass er ziemlich gern Villa wäre, dann merkt, dass er es leider nicht ist, und schließlich merkt, dass er im Abseits ist. Verdammte Identität.
11.
Die Spanier sind sehr oft am Ball, was nicht schlimm wäre, wenn die Deutschen nicht so erschreckend selten am Ball wären. Müller fehlt, seine Hartnäckigkeit, sein Wille, sich zu verbrennen, seine A-Jugendlichkeit. »Du fehlst«, singt auch Herbert Grönemeyer einsam auf dem Balkon. Wie kann ein Mensch hier noch Mensch bleiben? Ach, Herbie.
14.
Die Spanier schleichen auf unser Tor zu wie der Killer in »No Country for olf Men«. Nun Eckenvariante Xavi/Iniesta, Kopfball Puyol, wie aus dem Bolzenschussgerät. Drüber. Noch. Darf ich aufgeben?
15.
Nun Ecke für uns, Casillas faustet wie Florian Silbereisen, wenn es backstage mal Ärger gibt wegen fehlender Weintrauben. Un-sicher-heit! Un-sicher-heit! Un-sicher-heit! Und jetzt alle: Un-sicher-heit! Un-sicher-heit! Un-sicher-heit!
17.
Özil auf Podolski bzw. ins Aus. »Was nicht ist, das kann noch werden«, stickt Oma Bartels uns auf Trommelfell. Aua.
19.
Wie hat die Schweiz das bloß geschafft? Kann Hitzfeld uns nicht helfen, nach allem, was wir für ihn getan haben? Oder wenigstens Michael Henke? Da sehen wir den gesperrten Müller, das ist die schlechte Nachricht, jetzt die gute: Auch Bierhoff ist gesperrt. Wenigstens kein Golden Goal also.
21.
»Müller fehlt immer noch«, ist sich einer der zahlreichen Gäste in Gieselmanns Stadtloft sicher, mit denen er sich sonst im Spandauer Forst zu Fantasyritterspielen trifft und zu Rilke-Gedichten expressionistische Gemälde auf die Körper junger Knaben malt. Aber der Gast hat recht: Müller fehlt. Besonders fehlt er Gieselmann, für den der junge Münchner großer und kleiner Bruder zugleich ist. Für diese 90 Minuten ist Gieselmann wieder Einzelkind. Ein Schicksal, das er mit Klose teilt, der bisher einsam am Strafraum steht.
23.
Keine guten ersten zwanzig Minuten der Deutschen, die zur Beruhigung der Nerven so viel beigetragen haben wie ein fünfminütiges Guckduell mit einem Discozerhacker zur Musik von Iron Maiden. Im Scooter Remix. Gieselmanns Gäste versinken in ihren Sesseln wie zuletzt ihre Eltern im 50-Pfennig-Kino bei »Der Exorzist«. Sie fühlen sich wie Kaugummi, aber nicht virbrierend wie Five Gum, mehr so wie Zahnkaugummis vom Discounter, die nach zwei Minuten keinen Geschmack mehr haben.
24.
Jetzt hat das Schlüsselkind Klose seinen Brustbeutel der Passivität abgestreift wie eine hinderliche Tarnkappe, hetzt einem Steilpass hinterher. Doch Casillas klärt. Deutschland setzt nach, mit Podolski. Özil bekommt den Ball, wieder Klose in der Mitte. Klose gegen alle, dann aber auch gegen sich selbst und die Realität, die eine spanische ist. Klose als Fragezeichen. Die Antwort: Puyol.
26.
Ramos, der mit dem Dieter-Hoeneß-Gedächtnisturban spielt, tritt Podolski auf den Ballack-Gedächtnis-Knöchel. Doch der Schiedsrichter hat nichts gesehen. Trägt die Övrebö-Gedächtnis-Brille.
29.
Klose. Klose! Klooooooose! Er dribbelt, er angelt, dann abgeblockt, aber das bringt Zeit! Das bringt Zeit! Wertvolle Lebenszeit! Ich kann nur noch existieren, wenn die Deutschen in der spanischen Hälfte sind, wenn nicht, erlebe ich alles wie ein Nacktmull in Isolationshaft, wenn die Wärter »Caught in the Act« auf volle Pulle drehen. So wie jetzt also: Villa hat drei Jahre Zeit, den Seitfallzieher anzusetzen, dann Merte – weggestorcht. Dann brüllt Merte – zu Recht. Das deutsche Mittelfeld unaufgeräumt wie die Wichsbude eines Pubertierenden, Bälle, Socken, dubiose Hefte liegen herum. Und mittendrin lümmeln Khedira, Özil, selbst Schweini und träumen von einem Joint und den Brüsten von Scarlett Johansson. Wir können das ja durchaus verstehen, Jungs, aber doch nicht jetzt! Nicht JETZT! Im Halbfinale! Denkt doch auch mal an Morgen! Also Sonntag! An uns! Eure armen Eltern.
31.
»Das blaue Meer und die Liebe warten auf dich«, singt Julio Iglesias. »Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord«, singt Heino. Urlaub machen können die Spanier offenbar besser. Nur mal so. Zum Nachdenken.
32.
Und kaum haben wir das Land zum Nachdenken angeregt, geht ein Ruck hindurch. Schuss Trochowski, dann Ecke. Und noch eine. Dass beide nichts einbringen – wen kümmert's? Solange die Spanier abgelenkt sind und ihre perfiden Pläne nicht ausführen können, bin ich schon ein bisschen weniger tot als vorhin.
34.
Aber was sage ich! Ich lebe! Jetzt sind die Deutschen schon wieder im spanischen Strafraum. Was einzig nervt ist dass Bartels diese Bemühungen rezensiert, als säße er in der Jury eines Malwettbewerbs für minderbemittelte Kaninchen. Das ist Defätismus, Mann! Jetzt sag halt: Hurra! Oder wenigstens: Heidewitzka! Sonst zahle ich die Gebühren erst recht nicht mehr.
36.
Poldi latscht ins Abseits. »Das hat die Spanier vielleicht schon ein bisschen erschreckt«, verniedlicht Bartels. Wir wollen aber keinen Lolli. Wir wollen den Pokal! Und zwar den für Erwachsene! Und dann wollen wir mit Schweini und seinen Cousinen in den Whirlpool! Für immer! Das hat Jogi uns doch versprochen! Menno!
38.
Spielen die Spanier mit uns wie eine Katze mit einem schon halbzermatschten Sperling? Wenn ja: Was macht man in solchen Momenten: Soll man der Natur ihren Lauf lassen? Oder die Katze verscheuchen? Und warum erinnert uns »Xavi« so an ein Katzenfutter? Miau?
40.
Ramos kocht Boateng ab. Bartels tröstet: »Boateng war deutscher B-Jugend-Meister mit der Hertha!« Und ich hab mal ein Lego-Raumschiff beim Ausschreiben gewonnen. Jogi, bring MICH!
42.
»Wir sollten den Spaniern vor der Halbzeit noch einmal richtig Angst machen«, findet das Publikum, das sich benimmt, als würde es Publikumsein als Karaoke-Performance aufführen. Gieselmann will sofort nach Durban fliegen. Als das Gespenst, das er immer noch ist. Bleibt dann aber hier. Will lieber Kette rauchen als mit Ketten rasseln.
43.
Das ist alles schön anzusehen, findet Bartels. und meint das spanische Spiel. Das Schlimme: Er hat recht. Denn die Spanier spielen, wie die Deutschen spielen wollten. Gedankenschnell und ideenreich im Mittelfeld. Ramos ist der bessere Lahm, und Xavi und Iniesta sind eben Xavi und Iniesta. Bisher ist Spanien Deutschland und Deutschland verheddert sich, halb Argentinien, halb England, in einem inneren Falkland-Krieg. Löw betet an der Seitenlinie. Und Hansi Flick trägt plötzlich zwei Flic-Flac-Uhren.
44.
Merte köpft den Ball raus. »Gott sei Dank sind wir hinten größer!«, sagt ein Gast. Und ein anderer: »Kleine Menschen würde ich trotzdem nicht trauen.« Interessanter Gedanke. Aber warum habe ich so viele Gäste?
45.
Plötzlich dann aber noch einmal ein Time-Warp-Angriff der deutschen Mannschaft, die für dreißig Sekunden wieder so spielt wie bisher. Zeit des Erwachens. Özil dringt in den Strafraum ein, wird von Ramos von den Beinen geholt. »Elfmeter!« schreit das Publikum. »Elfmeter!«, schreit Gieselmann. »Elfmeter!«, schreit Berlin. Aber Kassai winkt ab. Nichts. Kein Elfmeter. Deutschland versinkt wieder in Apathie. Doch bevor sie einfach in sich zusammen fallen, pfeift Kassai diese erste Hälfte ab. Die gute Nachricht: Es steht immer noch Null zu Null. Die schlechte: Noch 45 Minuten. Ohne Müller. Dafür mit Xavi, Villa, Iniesta, Ramos und Puyol. Trübe Aussichten. Deshalb geben wir ab zu den Tagesthemen, die sind das, anders als wir, ja gewohnt, mit schlechten Nachrichten umzugehen.
47.
Der Schiedsrichter pfeift also die Deutschen aus. Beziehungsweise: Halbzeit. Was sollen wir sagen? Wir fragen mal den Mann, der gerade am Fenster vorbeifliegt: »Bis hierher ging's ja ganz gut, bis hierher ging's ja ganz gut, bis hierher ging's ja ganz gut.«
21:22 Uhr
Delling nur noch ein Nervenbündel, Netzer macht 'ne Schleife drum, zieht sich dann in seinen Schildkrötenpanzer zurück. Gregor Gysi übernimmt: »In diesem Haushalt fehlt jede Substanz«, mault er, will in Zukunft im linken Mittelfeld spielen. Wir hätten das ja nie gedacht: Aber warum nicht mal PDS?
21:27 Uhr
Einmal noch Netzer, die ARD-Kassiopeia echot aus ihrem Panzer: »Man kann mit denen keinen offenen Schlagabtausch machen.« Dann nimmt er sich noch Salatblatt mit, will »jetzt endlich in Ruhe Snooker auf Eurosport gucken, leckt mich doch alle am Panzer.«
21:30 Uhr
Auf dem Raucherbalkon steht Shakespeare, total relaxed, ist ja schon ausgeschieden, der alte Engländer. Er sagt: »Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt. Die Tapferen kosten einmal nur den Tod.« Klingt plausibel. Anstoß.
46.
Uns Spanien geht gleich ab wie die Feuerwehr. Die Deutschen eher wie Toto und Harry, wenn irgendwo ein Auto falsch parkt.
49.
Und jetzt Xabi Alonso mit dem Fernschuss, knapp daneben. Und schon wieder, der schießt von überall. Elfmeter verschossen, eigensinnige Einzelaktionen – auch Spanien hat seinen Poldi. Ist das jetzt gut oder schlecht? Und wo ist überhaupt der Podolski Deutschlands? Lässt er sich schon in Köln empfangen wie ein Messias? Wo ist Müller? Müller! Wo bist Du?
52.
Jetzt der Wechsel: Jansen kommt für Boateng, der jetzt in Ruhe weiterschlafen kann. Jansen joggt fest entschlossen. Doch wozu? Hat der nicht in der letzten Saison so'n Wundertor für den HSV reingehämmert? Genau dazu soll er jetzt noch mal fest entschlossen sein! Ein 4:0 wird das hier eh nicht mehr – also Brechstange, Jungs! Brechstange! Weil mir eigentlich nichts mehr einfällt, sage ich jetzt alles zwei Mal! Zwei Mal! Alles!
54.
Anruf von einer Ehefrau eines weiteren Gastes: »Du, das Spiel um Platz 3 ist doch auch ganz schön«, flötet sie. »Besser, als im Finale zu verlieren.« Das tröstet uns ungefähr so, als würden wir jetzt »Herbstmilch« lesen und dazu Insektenvernichtungsmittel trinken. Also kaum.
56.
Vielleicht wiegen die Deutschen die Spanier auch in trügerischer Sicherheit. Es sieht aber eher so aus, als würden sie das Spiel der Spanier in Gold aufwiegen, sich daraus eine Fler-Goldkette gießen, sie sich um den Hals legen und so das Genick brechen.
57.
Immer klarer wird: Trochowski ist nicht Müller. Trochwoski ist nur Trochowski. Das ist, als würde man einen intakten Milchzahn durch eine brüchige Krone aus Amalgam ersetzen. Ramos setzt den Bohrer an. Deutschland macht den Mund auf. Zum Staunen.
58.
Xabi! Neuer! Glanztat! Wir! Schreiben! Staccato! Denn! Jetzt! Ist! Iniesta! Im! Strafraum! Und! Keiner! NIEMAND! Haut! Den! Ball! Weg! Flanke! Nicht! Neuer! Ramos! Grätscht! Vorbei! Ich! Sterbe! Und. Ich. Habe. Keine. Kraft. Mehr. Zum. Ausrufezeichen. Zu. Kommen. Sorry.
60.
So viele Chancen jetzt hier wie bei Eurogoals, wenn man die Videokassette ganz schnell vorspult. Deutschland mit dem Rache-Konter, Schweini, Klose, aber wie Rache sieht das Ganze auch aus, genauer gesagt: wie Blutwurst. Unlecker.
63.
Chance Ramos! Und noch schlimmer: Poldi als Vorstopper! Beide glotzen der Iniesta-Flanke hinterher, Poldi grätscht das Real-Pony heimlich um. Keiner merkt's, der Schiri nicht, Bartels nicht, Ramos ein bisschen, wir total und Poldi auch, egal, das bleibt unter uns Pfarrerstöchtern.
65.
Iniesta, du Streber, du blasser Poet, du Schöngeist, der sich auch noch für Mathe interessiert! Warum rennen wir die ganze Zeit in die Muckibude? Damit du uns hier die Chicks abgreifst? Komm, Schweini, klär das jetzt mal wie früher am Auto-Scooter.
67.
Scheiß Zukunft des deutschen Fußballs! Ich hab' keinen Bock mehr auf Zukunft! Vergangenheit jetzt! WM 1982! Hässlicher deutscher Fußball muss jetzt kommen! Ich will nicht weltweit beliebt sein, ich will den Titel!
69.
Aus dem nichtigsten Nichts der Fußballgeschichte taucht Podolski aus seinem kölnischen Phlegma auf, flankt in den Strafraum. Dort steht Toni Kroos. »Komm Toni, schieß aus dem Hintergrund!«, schreien Rolf Kramer und Herbert Zimmermann mit einer Stimme, die durch Gieselmanns Bauchdecke gebrochen ist wie ein nervöses Magengeschwür. Doch Kroos will den Ball ins Tor schieben, mit der Innenseite. Und Casillas hält.
70.
Pflege-Notstand in der Coaching Zone: Löw hält sich an der Stange der Trainerbank fest wie ein duschender Greis. Wann kommt der Zivi? Wann kommt wenigstens Müller-Wohlfahrt mit seinem Müller-Wohlfahrt- Schwamm?
72.
Und Tor. Nach einer Ecke. Puyol steigt hoch, Klose nicht. Es ist das 0:1, das in unseren Seelen schon lange gefallen war. Also das 0:2, in metaphysischer Hinsicht. Also die Entscheidung. Ich leg mich fest.
74.
Jetzt kommt hier jeder Pass der Spanier an, wie am elastischen Bande gezogen. Wir wollen das gut finden, aber wer kann es gut finden, wenn seine Freundin mit dem schönsten Boy der Welt den schönsten Tanz aller Zeiten tanzt? Und im Nacken haben wir der Wunsch aller Kellnerin an der Schinkenstraße auf Mallorca, dass die Deutschen verlieren. Haben wir überhaupt noch eine Chance?
77.
Villa auf und davon – aber Friedrich jetzt! Grätscht! Bravourös! »Tugenden!«, will man brüllen. Aber was heißt das noch mal genau? Vergessen! Haben wir uns hier auf ein Spiel eingelassen, das wir nicht gewinnen können? Wo ist der Schalter? Zum Umschalten? Oder wenigstens zum Realität-Ausknipsen?
80.
Torres für Villa, Bartels total verknallt, drückt dem Krisenstürmer drei Daumen. Von Gomez keine Rede. Warum auch? Konter Pedro! Das sind jetzt die 30 Sekunden, vor denen ich mich so gefürchtet habe... Nein... nein... bitte nicht... Jetzt müsste er auf Torres spielen, doch er will nicht, er tut es nicht, Kroos! Kroos klärt! Daraus MÜSSEN wir uns jetzt einen psychologischen Vorteil schnitzen! Und sei es mit dem Beil!
82.
Zu wenig Platz für die Deutschen, zu wenig Geschwindigkeit, zu viele Spanier, zu viel Angst. In der Summe kommt dabei dieser Rückstand heraus. Deutschland läuft seiner eigenen Steilvorlage aus dem Argentinienspiel hinterher, ist heute aber zu langsam, um sich selbst einzuholen. Und jetzt ist auch noch Gomez im Spiel. Eins muss man Löw lassen: Seinen Humor hat er nicht verloren, nur hängt der jetzt am Galgen.
84.
Aber die Deutschen scheinen jetzt doch noch einmal aufzuwachen. Geweckt durch spanische Ohrfeigen. Mit Tränen in den Augen treiben sie den Ball nach vorne. Sehen aber nur verschwommen. So bleibt der letzte Pass zu ungenau. Dann: Foul an Schweinsteiger. Aber wieder kein Freistoß. Stattdessen der nächste Konter der Spanier. Die nächste Ohrfeige droht. Sie könnte das Gleichgewichtsorgan der Deutschen entscheidend treffen.
86.
Bartels klammert sich an poröse Strohhalme. »Noch ist Deutschland nicht besiegt, noch geht hier was«, geht was bei ihm. Und: Vorne steht Gomez. Würden wir aus diesen Strohhalmen trinken müssen, wir würden verdursten.
87.
Und auch die Zeit rinnt den Deutschen durch die gekreuzten Finger. Die Spanier immer noch, zumindest optisch mit zwei, drei Spielern mehr auf dem Platz. Jetzt mit Silva, der sinnbildlich für die Überlegenheit der Spanier steht. Denn während del Bosque einen weiteren Zauberer bringt, steht bei Deutschland jetzt Gomez ganz vorne. Kein Zauber, nur Stab.
89.
Kroos noch mal. Reißt das Spiel an und Özil mit sich. Kroos und Özil. Doch die Zukunft des deutschen Fußballs scheitert an der Gegenwart, die wie ein Blick in die Vergangenheit wirkt, direkt nach Wien ins Finale von 2008. Nur ohne Ballack, aber das Ergebnis bleibt dasselbe.
22:19 Uhr
Aus dem Hintergrund hätte Kroos schießen können. Kroos schoss. Gehalten. Aus. Aus. Der Traum ist aus. Deutschland ist nicht Weltmeister.
22:20 Uhr
Spanien steht im Finale, Schweinsteiger liegt auf dem Rasen. Das ist die Topographie der Enttäuschung. Die Spanier waren zwingend besser, seien wir ehrlich, ein Demonstration der Ballbeherschung. Offenbar steigern sie sich bei diesem Turnier mit dem Gegner und zeigen hier die gleiche minimalistisch-elegante Vorstellung wie im EM-Finale 2008. Die deutschen Spielerfrauen verweinen sich das Make-Up, Wiese tröstet im Rahmen seiner emotionalen Möglichkeiten seinen Konkurrenten Neuer, vielleicht darf er im Spiel um 3 ran. Das Spiel um Platz 3! Was zuvor ein Erfolg gewesen wäre, ist jetzt eine Ernüchterung. Zwischen diesen Aggregatzuständen gibt es für uns Fußballfans leider nichts. Nichts. Nichts. Trösten wir uns: Die Fanmeile glaubt zur Minute noch immer, dass wir Weltmeister werden.
22:22 Uhr
Claus Lufen zeigt, wie hässlich Empathie sein kann. »Ist das ein Riesentraum für Sie, der da geplatzt ist?«, fragt er Philipp Lahm doch tatsächlich. »Ja, natürlich«, sagt der. Was nicht so verwunderlich ist wie die Tatsache, dass er Lufen nicht einfach umsenst.
22:25 Uhr
Das kleine Finale also. Die große Scheiße. Und draußen trötet der einsame Elefant, der seit Beginn der WM ums Haus schleicht, auf der Suche nach seiner Mama. Nach dem Serbien-Spiel hat er besonders laut trompetet, dann verschwand er für zwei Wochen, jetzt ist er wieder da, wie ein Wetterfrosch des Siebentageregenwetters. Und auf der Tribüne in Durban weint Michel aus Lönneberga, weil er jetzt wieder in seinen Schuppen muss, wo er mit den Uruguayern eine Bronzemedaille schnitzen muss. Gott, ist das traurig. Buller-büüüüüüüühü!
22:30 Uhr
»Nehmen Sie Mut mit in die nächsten Jahre?«, löchert Lufen, der sich auf perfide Weise zu freuen scheint, dass Deutschland raus ist, nun Marcell Jansen. »Ja, auf jeden Fall«, sagt Jansen, als würde ihm gleich Blatter persönlich eine Oblate zwischen die zitternden Lippen schieben. Und Delling unterbricht Netzer »zum wiederholten Male«, wie er zugibt. Denn jetzt spricht Löw. »Kompliument an die Spanier«, sagt er, der wahrscheinlich höflichste Verlierer der Welt. »Wir haben gewissen Hemmungen heute einfach nicht ablegen können.« Hättest du doch was gesagt, Jogi! Von uns aus hättste blank ziehen können.
22:35 Uhr
Löw trägt seine Restwürde als blauen Pullover. Mittlerweile haben die Deutschen das perfektioniert: Den schönsten Fußball spielen, Sympathien sammeln und dann am Ende artig einem anderen Team zum Weltmeistertitel gratulieren. Also wieder Weltmeister der Herzen. Doch was 2006 noch ein märchenhaftes Kompliment war, ist jetzt kein Trost mehr. Herzensweltmeister. Das nervt nur noch wie ein Einkauf bei Kaiser's, wenn die Kassiererin fragt: »Sammeln Sie Herzen?« Und man will ihr einfach das Pfannenset um die Ohren hauen. Löw aber würde das nicht zugeben: »Noch ist dieses Turnier nicht zuende.« Stimmt. Am Samstag geht es um Platz Drei, um das Pfannenset dieser WM.
22:41 Uhr
Netzer jetzt wie pulsierender Muffin direkt aus dem Enttäuschungsofen, regt sich auf, brodelt. Lass gut sein, Jünter. Lass gut sein. Dann Villa, der noch warten will, »bis er Geschichte schreibt«. Wir hier hätten verdammt gern eine andere Geschichte geschrieben. Aber wir lagen vor Madagaskar und hatten das Thema verfehlt.
22:45 Uhr
Weinen lernen: Auf der Fanmeile werden die Tränen rausgepresst. Ja-ha! Nun prallen viele Modefans, deren Biografie bislang nur von Siegen geprägt war (beim Serbien-Spiel waren sie im Solarium), sehr hart auf. Kein Mitleid von uns. Das brauchen wir selbst.
22:51 Uhr
Lufen, der alte ARD-Proktologe, will nun von Bierhoff wissen: »Wie sieht's denn tief drinnen aus?« Bierhoff: »Zur Zeit habe ich keine Meinung.« Damit bin ich um ersten Mal in meinem Leben mit dem Teammanager einer Meinung. Ich fühle nichts mehr, wie kann man jetzt noch senden? Tickern, was ist das? Wir wollten hier auch Weltmeister werden, liebe Fans, aber kein Tick kam an, der Ticker von bild.de hat uns den Schneid abgekauft. Witziger, spritziger, dann stieg Franz-Josef Wagner hoch und soff den Dujardin einfach aus. Das war's. So müssen wir wenigstens nicht mehr berichten, dass Theo Zwanziger den Sieg der Spanier nicht schmälern will und es trotzdem tut, in dem er sich vors Mikrofon stellt, indem er begeistert und trotzdem traurig ist für die Millionen Fußballfans, indem auch er sich nun unter den besten Vier der Welt fühlt, indem er nicht glaubt, was in den Zeitungen steht und eine enge Bindung zu Bierhoff hat. Ist das die Realität, in die Puyol uns zurück gebombt hat? Ist das der Alltag, der uns nun bevorsteht? Und ist das, was mein Hirn einzuschnüren beginnt, der schlimmste Kater aller Zeiten? »Die Nationalmannschaft ist unser Flaggschiff«, höre ich Zwanziger noch posaunen, dann schippern Kollege Vogelsang und ich auf unserem Kutter der Trauer nach Malente und saufen mit dem ortsansässigen Geist, bis wieder WM ist. Oder wenigstens EM. Oder Bundesliga. Wann ist Liga-Pokal? Bis dann jedenfalls. Aloha, Heja – Euer 11FREUNDE-Liveticker.



