Spanien-Paraguay im 11FREUNDE-Liveticker
Stierkrampf
Text: Alex Raack und Lucas Vogelsang Bild: Imago
Die Spanier taumeln über den Platz wie ein lahmender Stier Ohne Torres haben sie nur noch ein Horn: David Villa. Doch das reicht, um Paraguay mit weißen Taschentüchern aus dem Turnier zu verabschieden. Der Liveticker winkt mit!
20:00 Uhr
Willkommen zum aus deutscher Sicht gleichzeitig interessantesten und uninteressantesten Spiel des Tages, ach Quatsch, des Jahrhunderts. Paraguay und Spanien ermitteln Deutschlands Halbfinalgegner und niemand schaut zu, weil Deutschland unter Hydranten auf dem 17. juni tanzt, in schwarzrotgoldenen Irokesen taumelt, Merkel ihre Gollum-Ärmchen in die Wulff-Tristesse hält und alle sich einfach nur verwundert die Augen reiben. Ein Land ist besoffen, ein Land hat das beste Spiel einer Deutschen Nationalmannschaft in den vergangenen 35 Jahren gesehen, ein Land schwimmt durch ein Jahrhundertmärchen an einem Jahrhundertsommertag. Und dann ist doch schon wieder Fußball, nur leider ohne Deutschland.
20:05 Uhr
Dennoch gibt es hier unsere Einschätzung zu den kommenden 90 Minuten. Es macht es nicht besser, aber nach dem Spiel ist eben vor dem Spiel. Frei nach Steppi: Ticker geht weiter!
Also:
Ein Torfestival ist nicht zu erwarten. Weder Paraguay noch Spanien haben bisher den begeisternden Offensivfußball geboten, zu dem sie fähig sind. Die Südamerikaner langweilten sich in einem der fadesten Spiele der WM-Geschichte gegen Japan in dieses Viertelfinale, mit einem Angriffsspiel so aufregend wie eine Lavalampe ohne Strom.
Auch die Spanier traten gegen Portugal lange Zeit auf, als litten sie an Sekunden-Siesta. Del Bosques Spanien ist noch nicht das Tiki-Taka-Land der EM 2008. Auch weil das spanische System nicht mehr ganz so offensiv ausgerichtet ist wie unter Luis Aragones. In der Zentrale sichern mit Xabi Alonso und Sergio Busquets gleich zwei defensive Mittelfeldspieler ab. Dafür hat del Bosque die Variable David Silva geopfert. So liegt ein erhöhter Kreativdruck auf Xavi und Iniesta, zwei Künstlern, die zeitweilig überspielt wirken und nicht so ausgezeichnet wie sonst auftreten. Und vorne spielt Fernando Torres, wie ihn die Deutschen gerne im Finale vor zwei Jahren gesehen hätten: behäbig, berechenbar, müde. Immerhin aber trumpft David Villa groß auf. Der Stürmer, um den sich in der kommenden Saison Barças Passwirbel drehen wird, ist zum Fixpunkt der Offensive geworden. Und er hat allein mehr Tore (vier) erzielt als der Gegner aus Paraguay (drei), der sich trotz der Offensivreihe mit Nelson Valdez, Roque Santa Cruz und Lucas Barrios vor dem Tor eher harmlos zeigte. Paraguay konnte sich auf eine überragende Defensive verlassen.
Gleiches gilt aber auch für die Iberer. Nicht zufällig war der bisher aufregendste Spanier ein Mann mit Mull zwischen den Zähnen, Innenverteidiger Gerard Piqué. Trotz einer großartigen Ansammlung von Angriffspfauen wird es so wohl die Tagesform der Abwehrreihen sein, die dieses Spiel entscheidet.
20:10 Uhr
Man hatte ja gehofft, dass in der Euphorie über die Zerstörung des argentinischen Traums, über die Tränen Maradonas, über ein Märchen, das nicht aufzuhören scheint, plötzlich und endlich das Konzept der freien Liebe im ZDF-Studio Einzug hält. Also, dass Kathrin Müller-Hohenstein und Olli Kahn uns endlich ganz offen ihre Liebe gestehen, die Mikros wegwerfen, den Sendeplan zerreißen und sich leidenschaftlich über die Glasplatte schieben, in 3D, mit Hintertorkamera. Am Ende, endlich. Ein Happy End für die Jahrhundertromanze ohne Zunge, diese Lovestory ohne Choreographie. Aber sie haben es nicht getan. Stattdessen analysieren sie weiter deutsche Spielzüge und Kahn erzählt Anekdoten aus seiner anekdotenreichen Vergangenheit. Müller-Hohenstein giggelt dazu wie ein Schulmädchen nach der ersten Periode. Länger hat es bis zur finalen Sexszene nur in dem unsäglichen Britney Spears Film »Just a Girl« gedauert. Aber das ZDF ist eben nicht Hollywood und KMH nicht Britney. Obwohl auch sie immer so wirkt, als hätte sie ihre Moderationsgrundausbildung im Disyney-Club absolviert. Darauf jetzt: Ein Karton!
20:15 Uhr
Kurz bevor es hier endgültig ernst wird, schicken wir noch einen Gruß an alle, die wir bei diesem Turnier nicht mehr sehen werden:
Die Hand Gottes, Carlos Dunga, Raymond Domenech, die Uhren Gottes, Marcello Lippi, Jürgen Emig, die Tränen Gottes, Asamoah Gyan, Wolfgang Stark, Jörg Kachelmann.
Manche werden uns fehlen. Andere nicht. Wieder andere sitzen in Ekelhaft. Auch das ist in Ordnung. Deutschland feiert auch ohne Dich, Wetterfrosch!
20:20 Uhr
Aufzeichnungen aus einem Sommerloch. Das die Deutschen mit zauberfußball füllen, mit einem Spiel, das kollektive Identität stiftet, wie jetzt der Außenminister sagen würde, der immer was sagt, wenn er im Glanze blühen kann. Ein Spiel aber, das verzaubert. Deutschland ist verliebt in eine Mannschaft. Und so verliebt lässt es sich auch in einem Loch aushalten, in dem jetzt Paraguay gegen Spanien antritt. Der Fußball kehrt auf den Boden der Tatsachen zurück. Sterkampf durch die Euphorie-Brille. Und die Picaderos stechen heute mit Erfrischungsstäbchen.
20:24 Uhr
Die Nationalhymnen. Valdez schmettert den Song seiner Heimat, als gäbe es nachher Freibier für den schlimmsten Ton. Immer noch besser als die Spanier, die sind einfach stumm. Angst in den Blicken von Puyol und Kollegen. Denn der Gegner im Halbfinale, der heißt Deutschland und hat gerade Argentinien mit 4:0 zertrümmert!
20:27 Uhr
Liebe Handvoll Besucher, die ihr gerade auf der Seite weilt und uns die Treue haltet, kommt vorbei ins 11FREUNDE-Quartier, unser Blut ist das beste Crack der Welt, mehr Glückshormone geht nich. Vogelsang ist zwar nicht dran, schreibt aber trotzdem als gäbe es keinen Morgen mehr. Oder kein Halbfinale. Ich kühle ihn ab mit einer Spritze Crack aus meiner Armbeuge.
1.
Wahnsinn, für uns wird der Surround-Sound neu erfunden! Im lauschigen Kabuff abseits des Geschehens im Quartier hören wir RTL, draußen jubeln die Massen. Zeitversetzt, diese Ahnungslosen...
3.
Erste Chance für: Paraguay. Aber kein Problem für Casillas. Wir lachen uns jetzt schon scheckig. So sehen Verlierer aus, hihi.
5.
Für den Ticker gilt ja auch, frei nach Sartre: Die Arbeit hier verkompliziert sich allein durch die Anwesenheit des Spiels. Aber Paraguay und Spanien wollen auch Beachtung finden, deshalb schauen wir mit einem nüchternen Auge in den Ellis Park nach Johannesburg, das andere verschwimmt in der Gefühlslage Deutschlands. Eins Komma Fünf Promille. Hochsommer. Die Iris brennt. Die Pupille rollt. Der Ball bisher auch. Nur gute Nachrichten heute. Tom Buhrow muss Urlaub haben.
7.
Villa, Xavi, Iniesta, es ist ein ndurch schmackhaftes Katerfrühstück, das uns hier serviert wird, nach dem volltrunkenen Tanz mit den nationalstolzen Molekülen. Einmal Tapas und Paella. Dazu Kontersangria aus dem Eimer. Der Strohhalm, an den den wir uns klammern, riecht nach Tetra-Pak und Abi-Fahrt. Aber das Spiel läuft gut, rinnt die Kehle runter. Spanischer Wein, der leider noch südamerikanisch korkt.
9.
Jetzt wird's kompliziert für die favorisierten Spanier, meint zumidnest der ZDF-Mann, der dieses Spiel kommentieren muss, weil er als einziger die Betriebs-Polonaise verpasst hat, wiel er sich auf den Klo aus »Charming-Papier« einen Sonnenhut falten wollte: »Die Spanier müssen rückwärts spielen«, sagt er. Das dürfte das Offensivspiel erheblich einschränken, außer die Iberer drehen ihre Schuhe um. Könnten so auch verwirrende Laufwege in den Rasen zeichnen. Alter Indianer-Trick. Von Pierre Brice.
11.
Spanien jetzt doch vorwärts. Your corporate Media lies to You!
12.
»Dieser Pique hat etwas Franz-Beckenbauer-artiges«, haucht RTL-Mann Florian König in den Äther. Was auch immer das bedeuten mag. Vogelsang geht jetzt eine rauchen, er hat genug gesehen. Das hat etwas Günter-Netzer-artiges, vielleicht mit einem leichten Touch von Max-Merkerl-Eigenart und Hennes-Weisweilereskes.
15.
Ach, dieses Spiel. Was soll uns jetzt noch überraschen? Vielleicht noch ein 7:0 für Paraguay mit drei Fallrückziehern von Nelson Valdez. Aber eher nicht. Kollege Ehrmann riet schon vor einer Stunde: »Schreibt doch einfach: ´Wir sind saufen. Euch viel Spaß.´« Eigentlich eine gute Idee. Zu spät. Jetzt saufen wir und haben gemeinsam Spaß. Auch toll.
17.
Santanas Nase blutet. Er singt leise »Maria, Maria« und bittet zum Gitarren-Duett mit Eric Clapton (Halbire). Das stoppt den Fluss in seiner Gesichtsmitte. Mund abputzen, Nase stopfen, weitermachen.
20.
Dieses Spiel läuft schon geschlagene 20 Minuten. Eigentlich 20 Minuten unseres Lebens zu viel. Was hätten wir nicht alles in der Zeit machen können? Die besten Szenen aus Deutschland-Argentinien gucken. Oder: Die beste Szenen aus Argentinien-Deutschland gucken. Oder: Uns dabei zusehen, wie wir die besten Szenen aus Deutschland-Argentinien gucken.
22.
Wir zitieren Maradona aus seinem Interview im 11FREUNDE-täglich: »Wenn die Tore an den Seitenlinien stehen würden, würde Spanien jedes Spiel 14:0 gewinnen. Aber man muss im Fußball auch mal zum Abschluss kommen.« Können wir unterstreichen, Diego, können wir unterstreichen.
24.
Entweder gucken wir das Spiel in Slow-Motion oder diese Partie ist tatsächlich so langsam. Spanien humpelt über die Rasen, wie Grandpa Simpson auf dem Weg zu Matlock, Paraguay ist wie Homer und wartet bräsig auf was Spannendes. Wo bleiben Lenny und Karl? Krusty und Disco Stu?
26.
Torres und Villa hängen bisher in der Luft wie die Köpfe von Giraffen mit zu kurzen Hälsen.
28.
Und die Südamerikaner wieseln über den Platz wie frankensteinsche Meerschwein-Kreuzungen aus tollwütigen Hamstern und Plutonium betriebenen Duracell-Hasen. Ein Streichelzoo wie aus dem Vorgarten von Gunther von Hagens. Halten wir fest: Es liegen derzeit Körperwelten zwischen beiden Teams.
30.
Xavi jetzt mit dem Versuch, die Schallmauer langweiligen Schweigens mit einem Traumtor zu durchbrechen, zeiht ab. Der Ball fliegt. Xavi denkt: Bis hierhin lief es noch gut, bis hierhin lief es noch gut. Aber entscheidend ist nicht der Schuss, entscheidend ist der Einschlag. Aber: Drüber. Hass.
32.
Konter Paraguay. Valdez macht, was er am besten kann: Rennt, rennt, rennt, wie über Rote Erde, verschliert in schwarz-gelb, kann den Ball aber nicht behaupten. In der Halbzeit bringt RTL-Experte Klopp Kevin Großkreutz.
34.
Hin und her, ein Spiel mit mehr Richtungswechseln als eine Analyse von Firlefranz Beckenbauer. Ja gut, äh. Spanien wieder mit einem Freistoß, der aber in der Mauer hängen bleibt, wie früher sonst nur DDR-Flüchtlinge. Checkpoint Xavi.
35.
Flanke der Spanier, die jetzt hier auf die Entscheidung drängen, irgendwer beckerhechtet in den Ball, verfehlt ihn aber wie Becker eine seriöse Fernseh-Karriere als Experte. Hätte der Boris sich nicht in die Besenkammer geschlossen, könnte er heute mit der Hohenstein seinen inneren Triumph des Willens feiern. So aber nur: Kuchenrezepte im Kopf. Und Spanien bleibt torlos. Advantage Paraguay.
39.
Spanien spielt sicher, Spanien spielt schön – Spanien spielt soo langweilig. Tut mir leid, aber es ist, wie es ist. Und jetzt auch noch dieses: TOOOR für Paraguay. ABSEIIITS sagen die Schiris. BOOORING rufen wir. Halbfinale, bitte kommen!
41.
Weil nichts passiert, diskutieren wildfremde Menschen über mögliche Regeländerungen der FIFA. Chip im Ball? Neue robotergesteuerte Schiedsrichter? Das Spiel ganz abschaffen? Vorschlag von uns: die Fußballer spielen, was der Ticker schreibt. Irres Spiel, tolle Torraumszenen und jetzt auch noch ein Freistoßtor von Iker Casillas! Gott zum Gruße...
44.
Gleich Pause, wir gehen dann einen trinken. Gegen die Gegenwart, für das Vergessen. Ein Prosit auf die Zukunft!
45.
Vogelsang bekommt Zuwachs. Sein Erzeuger steht urplötzlich in der Tür und berlinert sich in unsere Herzen. Als ich ihn mit einem freundlichen »Moin Moin!« begrüßen will, jagt er mich aus dem Zimmer. Jetzt sitze ich in der Sprachschule nebenan und versuche mir in 15 Minuten mein angelerntes Norddeutsch abzugewöhnen. Sonst gibts nachher kein Eis von Vadder Vogelsang. Oh Gott, schon wieder! Pause.
45. +1
Und Abpfiff. Also Halbzeit. Null zu Null, sagt der zurück gelassene RTL-Sprecher mit der Stimme wie Yoga-Übungen. Der Fußball ist zurück in der Realität. Deutschland tanzt immer noch in der Gluthitze der Abendsonne. Eine reale Fata Morgana, hier aber nicht einmal Trugbilder am Horizont. Nur Spanien gegen Paraguay und gleich auch noch Klopp und Jauch, dann lieber in der Wüste verloren gehen und Sand trinken. Unsere Augen verdursten. Spiel gut? Nur in der Aqua-Maler-Werbung.
21:25 Uhr
Halbzeitgast heute im 11FREUNDE-WM-Quartier: Bernd Vogelsang. Mit einem Beckenbauer-Ausblick auf das deutsche Halbfinale: »Ist doch egal, dass Müller nicht spielt, dann spielt eben Tucholsky, oder diese Mandarine.« Verabschiedet sich dann zum Literaturabend mit Tutti-Frutti-Schaumparty. Tschüss, Bernd. Komm bald wieder!
21:30 Uhr
Nichts verpasst. Klopp war da, mit Jauch, dazu deutsche Fahnen und eingeübte Jahrmarktzoten, die Werbung wirken lassen, wie philosophische Exkurse. Selbst den halbglatzköpfigen Vertreter von 1und1, bei dem wir immer Angst haben, er steht unaufgeforfert bei uns vor der Tür und will uns ein Lan-Kabel irgendwo reinschieben. Wir schieben uns jetzt in die zweite Hälfte, die bereits seit einigen Minuten unter Ausschluss des Fernsehpublikums läuft. Nach nur einem Spott. Genug gespottet. Weiter geht's!
46.
Wiederanpfiff. Xavi spielt Verstecken mit siche selbst. »Findet niemanden«, wie der RTL-Mann weiß. Das ist wie Topfschlagen ohne Topf. Einfach nur sinnlos über den Boden robben. Und alle anderen lachen.
50.
Weil ja sonst nüscht passiert: Ein kleiner Simpsons-Gag. »Bart, wenn Du willst kannst Du Dich Homer Junior nennen. Dann rufen Dich Deine Freunde Hoju!« Vogelsang will sich jetzt Alex Senior nennen. Ich rufe ihn Alese. Warum auch nicht. Ist ja Wochenende und Deutschland hat gewonnen. Da dürfen wir alles. Sogar dieses Spiel gucken, obwohl es och spannendere Dinge gibt. Wie: Angeln. Wie: Rasen mähen. Wie: Schafe auf einer einsamen Weide scheren.
55.
Bock war eben da. Kommt vom Junggesellen-Abschied. Ist mit dem Bier-Bike da. Brüllt lattenstramm: »Das is das geilste Ding von die janze Welt!!« Und fährt wieder weiter, jubelnd, singend, tanzend. Auf einem Bier-Bike. Das Ende der Welt ist da und Spanien spielt die Hölle kalt. Brr.
57.
Pique bittet Cardozo rum Ringkampf und plötzlich: ELFMETER! Für Paraguay! Cardozo tritt an, scheißt auf alle Regeln und....TOOOOR!!! 1:0 für Paraguay! Wollten wir eigentlich schreiben. Stattdessen: Gehalten! Casillas hält. Den Ball. Einfach. Fest. Sagten wir eben Hölle? Dieser Mann würde selbst dem Teufel die Hörner abstumpfen.
59.
Ungaublich! Jetzt Elfmeter für Spanien! Villa wird gezogen und fällt dankbar. Xabi Alonso schießt und trifft. Weil er es kann. 1:0 für Spanien! Nein, doch nicht! Der Elfmeter wird wiederholt! Was ist hier los? Ist das ein Scherz? Wenn ja, Riesending! Er schießt nochmal: Und verschießt!!! UN-FASS-BAR!
62.
Was eben noch ein Spiel war, so langweilig wie Oppas Geschichten aus der Nachkriegszeit (»Butter war nich so!«), ist plötzlich ein irrer Krimi. Nächste Chance für Spanien, Iniesta versucht es mit einem Kunstschuss, aber Villar, der teuflischte Teufelskerl seit es Teufel gibt (1991?) wischt auch den Ball ins Jammerland Rasenplatz zurück. Und wir sind plötzlich wieder nüchtern. Vogelsang versucht mit Eigenurin wieder das Gefühl von eben zu erzeugen. Vergeblich.
65.
Jetzt ist auch TV-Rennhäschen Florian König wieder auf Temperatur. Er rüttelt Klinsi wach, der neben ihm seit Stunden seinen Rausch ausschläft (Eigenurin?). Er faselt was Unverständliches, bestellt sich noch einen doppelten Nordhäuser und sackt ins sich zusammen. Hallo-Wachkoma vom Feinsten.
67.
Es ist die Hölle, eine Gefühlshölle. Achterbahn auf der Synapsen-Klaviatur. Zwischen der möglcihen Führung Paraguays und der möglichen Führung der Spanier lagen genau 16 Sekunden, handgestoppt. Der Gedankengang in der Zeitlupe: Wahnsinn, Deutschland spielt tatsächlich gegen Paraguay. Hoffentlich unterschätzen wir die nicht. Dann: Halbblindes Entsetzen. Auf der Gegenseite Elfmeter für die Spanier. Jetzt spielt Deutschland doch gegen Spanien. Das wird schwer, wirklich schwer, egal, ob Tucholsy rechtzeitig fit wird. Denn: Xabi Alonso trifft. Spanien eruptiert. Aber: Übertreten. Xabi Alonso muss noch mal. Und Villar hält. Alles wider offen. Die Emotionenn ahben sich verknotet, Fernsehen wie im Kopfstand. Und plötzlich spielen hier zwei Teams, die gleichzeitig verunsichert und selbstbewusst aus diesen zwei Minuten herausgehen, die mehr Irrsinn bereithielten, als drei Staffeln Flying Circus.
69.
Beide Teams scheinen immer noch schokcgefrostet, bauen sich aber gegenseitig auf. Fehlpassfestival im Mittelfeld. Eine Biennale des Fußballs. Aber ohne bien. Mehr so mauvais. Mauvaisnale. Klingt fast wie Marsellaise. Sinnverwandtschaften.
71.
Der Schiedsrichter weiter als Spielmacher, der das Tempo dieser Partie bestimmt. Verteilt jetzt ein paar Gelbe Karten. Übersteiger aus der Brusttasche.
72.
Glücksrad an der seitenlinie. Villa am Ball. Martino kauft ein R. Villar hält.
74.
Santa cruz kommt für Valdez. Erst jetzt fällt usn auf: Paraguay hat bisher ohne Barrios und Roque gespielt. Was muss das für ein Team sein, wenn die ihren ersten Sturm ohne Weiteres draußen lassen können. Dann doch lieber ein Halbfinale gegen Spanien. Deren erster Sturm hängt hier weiter in der Luft wie Feinstaub. Villar mit Mundschutz. Hilft.
77.
Zeit für ein Zwischenfazit: Erste Halbzeit kacke, zweite Halbzeit gut. Deutsche Autobahnen auch. Wir sagen ja, zu diesem Spiel und hätten so gerne ein Wasser. Eine Bullenhitze hier und in unseren Herzen. Zur Erinnerung für alle Nostalgiker und Ewig-vorherige: Deutschland hat vorhin Argentinien verprügelt. Aber so richtig. Mit Schlagring und Nasenbluten.
79.
Pedro jetzt im Spiel, Fabreges auch. Wahnsinn, was Spanien auf der Bank sitzen hat. Hinten sehen wir Alfredo di Stefano sich warmlaufen, Trainer Del Bosque bespricht mit sich noch schnell mit Laszlo Kubala. Tolle Szenen.
82.
Langsam muss Spanien mal in die Pötte kommen. König nölt schon: »Wir erleben ein ratloses Spanien.« Klinsi schweigt, wieso auch nicht. Wer weiss was auf spanisch.
83.
Von wegen ratlos, Geistesblitz von Iniesta, dribbelt sich durch wie auf Eigenurin, spielt Pedro frei, der schießt, und: Pfosten! Nachschuss von Villa: Pfosten! Nochmal Pfosten! Und: TOOOOR!!! 1:0 für Spanien! Schummeln sich die Spanier ins Halbfinale? Produzieren wir BILD-Überschriften? Und: Ist Klinsi eigentlich wieder wach?
85.
Vogelsang ist wieder da. Hat beim Rauchen ein Glückschwein erschossen. Er will es Spanien nennen. So ein Pech aber auch.
87.
Diese Dusel-Spanier. Gibt es eigentlich das Iberer-Gen? Und wenn ja: Ist es vererbbar? Ein gewisser Diego M. soll Interesse angemeldet haben.
90.
Riesenchance für Roque Santa Cruz, Casillas steht im Weg. Irre. Wir rocken weiter. In die nächste Szene. Santana will den Ball treten, schwingt seinen Spann aber mit voller Wucht ins Gesicht von Ramos. Der härteste Kick seit Karate Kid feat. JCvDamme. Kurze Behandlung, Klinsi mit Ferndiagnose (»Tut weh!«), aber Ramos steht wieder auf. Harter Hund mit Hundenamen. Passt doch.
90.+4.
Ein letztes Geieier, ein letztes Geplansche in der Hälfte Paraguays und dann ist es klar: Deutschlands Gegner heißt Spanien! Was für ein Halbfinale. Wie Rocky gegen Apollo Creed. Das wird episch, das wird ein Fest. Für uns. Denn dieses Spanien wirkt so ungefährlich, wie Bogen ohne Pfeil. Spannend wirds auf jeden Fall.
Aus. das Spiel ist aus. Eine Weisheit dieses Turniers: Es gibt keine Großen mehr im Weltfußball. Spanien schlägt Paraguay dennoch in einem Pingpong-Spiel durch ein Flipper-Tor von David Villa, der seinen Marktwert in diesem Turnier verdreifacht hat. In Barcelona reibt sich Laporta die Hände. Er hat das Geschäft dieses Sommers gemacht, bekommt den goldenen Dax der Telebörse. Deutschland trifft im Halbfinale also auf Spanien. Und so greift auch eine andere Weisheit, die ein bisschen nach Territorialkämpfen auf dem Pausenhof klingt: Man muss die Großen schlagen, um selbst ein Großer zu werden. Auch wenn die Großen kleiner sind, als man vorher gedacht hat.
Mit Spanien stellt sich der nächste Gigant in den deutschen Weg zum Titel.
England, Argentinien, Spanien. Schickt sie in die Arena, diese bunten Pfauen, diese zahnlosen Tiger und handzahmen Zentauren. Deutschlands Gladiatoren sind jung, ihre Schwerter sind mit Leichtigkeit geschliffen, sie haben in Drachenblut gebadet, Löw pustet das Lindenblatt von unserer Schulter. Spanien kann kommen. Torres lahmt, der iberische Stier hat nur ein Horn: Villa. Özil wartet mit dem roten Tuch in der Tiefe des Raumes.
Weiße Taschentücher in Durban. Der Ticker wird mitwinken.
In diesem Sinne: Gute Nacht!



