Uruguay-Ghana im 11FREUNDE-Ticker
Latte to go
Text: Andreas Bock und Lucas Vogelsang Bild: Imago
Uruguay schießt den letzten Vertreter aus Afrika aus der WM. Mit den Tränen Accras könnte man eine trockenes Flussbett füllen, mit dem Jubel Montevideos ein Manowar-Konzert übertönen. Der Ticker jubelte und weinte mit.
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20:10 Uhr
Zugegeben, es gibt geschichsträchtigere Klassiker des Weltfußballs als Uruguay gegen Ghana. Aus Ermangelung an großen Schlachten der Vergangenheit haben uruguayische Zeitungen den ermunternden Fakt ermittelt, dass Uruguay gegen afrikanische WM-Gegner stets drei Tore glückten: Dem 3:0 in der Vorrunde über Südafrika war 2002 ein 3:3 gegen den Senegal vorausgegangen. Und ganz unbekannt ist man sich nicht: Sieben Spieler standen sich vor einem Jahr bei der U-20-WM gegenüber, als Uruguay im Gruppenspiel gegen Ghana noch eine 2:0-Führung hergab und 2:2 spielte.
Die Euphorie beim Urzeitweltmeister Uruguay, der 1930 und 1950 triumphierte, ist jedenfalls grenzenlos. Denn die zurückliegenden Jahrzehnte waren für das Drei-Millionen-Einwohner-Land eher ernüchternd: seit vierzig Jahren nicht mehr im Viertelfinale, für drei der letzten vier WM-Turniere nicht qualifiziert. »Die Erfolge liegen ewig zurück. Wir müssen die Historie ruhen lassen und nach vorne blicken«, fordert deshalb Diego Forlan. Mit seinen zwei Treffern hat er dazu ebenso seinen Beitrag geleistet wie der dreifache Torschütze Luis Suarez. Uruguay ist längst mehr nur urwüchsige Umtreterei in der Defensive. Obwohl – die Zeitung »Últimas noticias« nennt die starken Mittelfeldabräumer Diego Perez und Egidio Arevalo Rios »himmelblaue Traktoren«, die Ghanas Angriffe »auffressen« sollen. Eine uruguayische Spielweise, die immerhin ein Klassiker des Weltfußballs wäre.
20:15 Uhr
Willkommen also zum einzigen Viertelfinale ohne europäische Beteiligung. Ghana als letztes afrikanisches Team gegen Uruguay, die das erste Mal Weltmeister waren, als Hertha Deutscher Meister wurde und das letzte Mal, als Deutschland sein erstes Länderspiel nach dem Krieg gemacht hat und Johannes Heesters seinen Renteneintritt feierte. In diesem Jahr verschickte Sascha Lobo zudem seine erste e-Mail. Per Morsegerät. Das ist so lange her, dass sich kaum noch jemand daran erinnern kann, nicht einmal mehr die Uruguayer selbst. Deswegen gibt es in diesem Duell der Außenseiter auch keinen Favoriten. Außer Kevin-Prince Boateng. Der ist immer Favorit, worauf ist egal. Ihm jedenfalls. Gleich geht's los.
20:19 Uhr
Bafana Bafana ist seit gefühlten drei Wochen nicht mehr in diesem nie enden wollenden Turnier. Nun also Baghana Baghana. Klingt wie der Titel eines Dancefloor-Hits aus der Feder von Alex Christensen. Oder Right Said Fred. Wir tanzen schonmal vor. Die Uruguayos relaxen am Strohhalm von König Mate.
20:25 Uhr
Vor den Hymnen noch eine Ansprache gegen Diskriminierung und Rassismus. Abgelesen von den Kapitänen der Teams. Dann die Hymnen. Wir erstarren wie bei jedem Nationensoundtrack mit Charttauglichkeit sofort zu Notenschlüsseln – und transponieren die Songs in unsere Tonart: Ges-Dur (dreigestrichen).
20:29 Uhr
Los geht's, meine Damen und Herren, liebe Hunde. Das zweite Viertelfinale dieser WM. Aufregender ist in diesem Moment nichts (außer vielleicht eine große Havanna von Diego Maradona passiv mitrauchen zu dürfen).
20:30 Uhr
Die Uruguayer treiben ihre Hymne in die Nacht, versuchen gegen den Nachteil des Auswaärtsspiels anzuschreien, sehen aus wie die Krieger aus Braveheart, nur ohne Schminke und ohne Schottenröcke, dafür aber mit viel Mut und viel Herz. Und ohne Mel Gibson. Kann also nicht viel schief gehen. Mel Gibson weilt derweil aber auch in Südafrika, hat den Weg der Portugiesen durch dieses Turnier verfolgt, mit einer Handycam, frei nach Sönke Wortmann. Arbeitstitel: »Passion of the Cristiano«, mit Ronaldo, der sein eigenes, eingeöltes Kreuz trägt.
1. Minute
Anstoß. Anstößig.
2.
Kaum eine Minute gespielt und Steffen Simon, der auch immer noch in Südafrika zu weilen scheint, beschwört eine Überraschung, also einen Sieg Ghanas, weil er Überraschungen so mag, Simon liebt auch Überraschungseier. Nur die Schokolade hat er immer verschenkt. Er ist ein Gummibärchentyp. Also wünscht er sich nun ein Spiel wie Überraschungsgummibärchen.
4.
Erste halbe Chance der Uruguayer, abgeschlossen mit einer Halbflanke aus dem Halbfeld. Das ist noch in etwa so lecker wie Halbfettmagarine, die in der Berliner Tropenhitze auf der Fensterbank stand.
5.
Ecke von Forlan, der heute wieder über das Feld reitet wie der blonde Ritter in seiner schimmernden Rüstung, sieht dabei aus, als würde er ein Mitglied der Tafelrunde in einer DEFA-Film-Produktion spielen, oder einen Siegfried in einem Sat1-Film-Film. Doch seine Ecken sind bisher so gefährlich wie Ritterspiele mit Q-Tip-Lanzen.
7.
Jetzt hat sich auch Ghana in das Spiel eingeschaltet. Angriff, Freistoß. Nichts. Kevin-Prince-Boateng ist noch nicht zu sehen, vielleicht auch, wiel er den Gutmenschen in sich entdeckt hat und vor dem Spiel sein Trikot mit einem Zuschauer getauscht hat, der ihm verblüffend ähnlich sieht. Ein Märchen wäre das, in dem er aber auch beide Rollen spielen könnte - Prince und Battleknabe. Hip Hop, Ghetto, Fußballaristokratie.
9.
Jetzt ist er aber am Ball, versucht einen Pass über drei Meter zu spielen. Fehlpass. Keine Szene für ein Tattoo.
10.
Zehn Minuten sind vorbei. keine Tore in Johannesburg, wir würden jetzt in der Konferenz an Manni Breuckmann abgeben, oder zumindest an Sabine Töpperwien. Aber es ist das einzige Spiel an diesem Abend. Dann doch lieber Trost in der Statistik suchen. Doch die verhöhnt uns nur: Uruguay hat in allen bisherigen Spielen nur drei Torchancen zu gelassen. Und bei Ghana steht der beste afrikanische Torwart seit Sammy Kuffour im Tor. Keine Aussicht auf Spaß.
13.
Drei Torchancen in vier Spielen! Je mehr man drüber nachdenkt, desto mehr hat man das Gefühl, Hertha hätte in der vergangenen Saison jedes Wochenende gegen Uruguay gespielt.
15.
Uruguay scheint auch gut im Eckensammeln zu sein. Und nun wird es dramatisch wie bei Sartre. Mensah bekommt den Ball an die Brust, der Ball fliegt direkt und scharf und volley auf Kingson zu. Der Torwart wehrt in alter Dieter-Hoeneß-Manier mit Kopf, Nase und Unterarm gleichzeitig. Eine hübsche Collage!
19.
Erste Gelbe Karte des Spiels. Der Mann mit dem nicht gerade nach guter Laune klingenden Namen Fucile bekommt den Karton. Wie es der Kicker schreiben würde. Der nachfolgende Freistoß brachte nichts ein. Wie es die Sportschau anno 1984 sagen würde.
21.
Muntari, dieser kleine quirlige Flummi von Inter Mailand, animiert seine Mitspieler mal die eigene Hälfte zu verlassen. Für die Ghanaer aka Ghanesen wirkt dieses Vorhaben wie eine Reise nach Samoa in einem Gummiboot.
24.
Uruguay zaubert. Ein bisschen jedenfalls. Nach einer Kombination – Mischung aus Zufall und Zungeschnalzen – fällt der Ball Forlan (wem sonst) vor die Füße. Dieser zieht aus 22 Metern ab (was sonst). Kingson guckt den Ball über die Latte.
26.
Nun rollt die uruguayische Maschine. Suarez bekommt den Ball nach einem Einwurf vor die Schlappen. Zieht trocken ab aus 19 Metern. Kingson fährt trocken die Fingerkuppen (acht Zentimeter) aus und wischt den Ball über die Latte. Gut. Bzw.: Fußball. Juhu!
29.
Nun mal Ghana im Angriff. Gyam und Fucile behaken sich an der Torauslinie. Simon setzt das Mikroskop an. Sagt: »Ecke!« Wie beim Arzt mit nem Messer im Kopf zu sitzen und die Diagnose zu hören: »Messer im Kopf.«
31.
Doppelchance Ghana. Vorsah köpft den Ball übers Tor. Wenige Sekunden später sprintet Boateng auf der rechten Seite, dribbelt gekonnt acht Gegenspieler und am Ende sich selbst aus. Dann ein Pass, der so Zucker ist, dass selbst eine 3D-Animation im Netzer/Delling-Expertenstudio kapitulieren und den Job kündigen würde. Doch Empfänger Gyam drischt den Ball an die 5D-Werbebande. Wut auf Technologie.
33.
Uruguay tritt hier bisher so auf, wie man Uruguay erwartet hat. Hinten wie Berti Vogts, mit sieben Terriern, die die Mittellinie nur zum Seitenwechsel überqueren und so zementiert verteidigen wie der Meidericher SV in den 60ern. Und vorne mit Forlan, dem Hansi Hinterseer des Weltfußballs, dessen Dribblings und Gassenläufe aber eher lasziv offensiv sind, wie frühe Liedtexte von Madonna. Zumindest die Tore bleiben dennoch jungfräulich.
35.
Nächste Chance, wieder ist Muslera als erstes am Ball. Es bleibt dabei: Für Ghana wird das ein anstrengender Abend. Ein Tor gegen diese Uruguayer zu schießen, entspricht dem Versuch einer postpubertären Tanzgemeinschaft mit Turnschuhen und Herd-Rock-Cafe-Shirts in den In-Club der Stadt zu kommen. Vorbei an elf schlecht gelaunten, aber in sämtlichen Nahkampftechniken ausgebildeten Türstehern aus Montevideo.
36.
Ghanas Angriffszündeleien erweisen sich als Strohfeuer. Die Uruguayer löschen die schweledne Euphorie. Und kurz erstarrt das Spiel in der Asche gegenseitiger Unsicherheiten. Nur Simon brennt weiter. Kommentiert jetzt im Wahn, Spielszenen, die nur er sehen kann. Wie das Mädchen mit den Zündhölzern. Bleibt nur zu hoffen, dass seine Packung bald aufgebraucht ist.
38.
Okay, gut. Einer brennt genauso wie das Funkenmariechen der ARD. Kevin Prince Boateng. Nach einem Ballverlust an der Grundlinie, verpasst er der Eckfahne eine Kopfnuss. Immerhin aber scheint das Anger Management durch die Chefrolle in Südafrika zu fruchten. Früher hätte er in einer solchen Szene einem Kameramann den Außenspiegel abgetreten.
40.
Schockmoment jetzt in Johannesburg: Fucile stürzt nach einem Zweikampf, bei dem er über den Rücken seines Gegenspielers fliegt, kommt auf dem Nacken auf und bleibt bewusstlos liegen. Bange Sekunden. Die Regie hält in Großaufnahme drauf, Simon will ein Live-Interview mit Fucile, aber der bewegt sich nicht. Also wechselt er in den Empathie-Ton, versetzt sich in Fucile hinein und wird selbst ohnmächtig. Dann: Schnitt. Fucile steht wieder. Gut für Uruguay. Simon spricht wieder. Schlecht für die Gesamtsituation.
43.
Jetzt riecht es hier nach Klaus Fischer oder Akrobatik im Zirkus Krone. Eine Flanke von rechts auf drei Meter Höhe nimmt Boateng mit einem Fallrückzieher. Das sah schön aus. Ungefähr so schön wie Brigitte Bardot. Wir haben dafür nur eine Taste, die annähernd die Schönheit der Chance erfassen kann: &
45. +1
Tor! Aus dem Nichts. Muntari hat den Ball vor den Füßen liegen, dreiundzwanzig Meter. Und weil sonst nichts los ist, zieht er einfach mal ab. Sein Schuss ein Strich. War Boatengs Fallrückzieher ein &, war dieses Tor ein –––––––––––––––
21:22 Uhr
Halbzeit. Uruguay hatte die ersten 20 Minuten alles im Griff. Abgeklärt wie Matula. Und dann, ja dann verlor man das Spiel und konnte es nicht wiederfinden. Versteckte sich einfach, diese garstige Partie. Ghana indes fiel der Kick vor die Füße. Zufällig, unerwartet, spontan. Wie Kaugummi auf dem Gehweg von Singapur.
21:29 Uhr
Tom Buhrow informiert über morgige Temperatur, die sich irgendwo zwischen Finnischer Sauna und Wüste Gobi einpendelt. Wir informieren mit Hinweis auf aufmerksame 11freunde.de-User, dass es ein dreigestrichenes Ges-Dur nicht gibt. Wir meinten natürlich ein A in der dreigestrichenen Oktave.
21:30 Uhr
Tom Buhrow hat sich jetzt mit einem Anzug wie ein Deutschland-Iro auf der Fanmeile in Berlin unter das Volk gemischt, bunte Hüte schreien in die Kamera, Menschen wie Fleisch gewordene BILD-Schlagzeilen, dazu spricht ein Soziologe von der »Loveparade des Fußballs« und als Fazit steht da wie mit Urin in den Asphalt gespült: »Die Fanmeile ist ein Ort kollektiver Selbsterweckung«. Dabei müsste Buhrow doch eigentlich noch von der Journalistenschule wissen, was eine Text-Bildschere ist. Die ARD – der öffentlich rechtlichste Privatsender des deutschen Fernsehens. Wann startet hier eigentlich eine Richter-Sendung mit dem ARD-Rechtsexperten Wolfgang Büser als Richter, Jürgen Fliege als Staatsanwalt und Jürgen Emig und Jörg Kachelmann als Laiendarsteller ihrer Selbst.
46.
Während in Berlin noch der schlaue Mann über die Gemeinsamkeit von Fanmeilen und Loveparade (wir dachte eigentlich eher an eine Gemeinsamkeit von Fanmeile und Ameisenstraße), geht's schon wieder weiter. Immer dieses Tempo, herrje. Anstoß. Kein Tor.
48.
Nun wird's aber gleich gefährlich. Gyan fegt über den Platz, Ball und er bilden ein Team wie einst Horst Hrubesch und Dorsch. Doch er verläuft sich in der Abwehr – findet dummerweise auch nicht wieder hinaus. Wird nach dem Spiel abgeholt. Vielleicht.
50.
Nun fängt Diego Forlan an, mit dem Schiedsrichter zu diskutieren. Über Fußball. Vielleicht auch über Schach. Oder seine Schmetterlingsfarm. Dabei sieht er aus wie eine Dame, der man gerade erklärt hat, dass sie die falschen Bingozahlen ausgewählt hat.
52.
Uruguay inszeniert jetzt die Angela Merkel Festspiele als Verlegenheits-Dramulette: Verliert zuerst die Herrschaft über das Mittelfeld und wird nun von den Gegnern in Rot vorgeführt. Forlan als Wulff-Man.
54.
TOOOOOR! Forlan entwickelt sich zum Heinrich Lübke dieses Turniers, tritt ohne Respekt vor den Afrikanern auf. Doch statt unbeholfen in die Menge zu grinsen, tritt er einen Freistoß mitten in das Herz Ghanas. Irgendwo vor dem Fernseher bricht Stefanie Zweig zusammen, erstickt ihre Tränen in einem Leoparden-Fell aus der Rahaus-Dschungel-Kollektion. Das war der Ausgleich, meine Damen und Herren, liebe...ach lassen wir das.
57.
Ghana aber antwortet sofort. Mit Boateng und Gyan, irgendwie werfen sich zwei, drei Asamoahs (Gerald?) in das Getümmel, Muslera kann nur abklatschen, aber Pereira klärt zur Ecke. Und Simon weiß: Alles ist wieder offen. Manchmal weiß man nicht so genau, wer eigentlich mehr hellseherische Fähigkeiten besitzt: Simon oder Paul, der weise Octopus aus dem Oberhausener Zoo. Wie schmeckt eigentlich Muschelfleisch, Steffen Simon?
59.
Ein offener Schlagabtausch jetzt, wie sonst nur zwischen Ali und Frazier, Assauer und Thomalla oder Ernst August und Fotograf. Bisher gibt es keinen Sieger. Aber anders als bei Thomalla und Assauer wird es hier einen geben.
61.
Ghana könnte es jetzt mal mit langen Bällen in die Spitze probieren. Problem dabei: Sie haben vorne keinen Zenterstürmer wie früher Carsten Jancker, sie haben nur Gyan. Deshalb spielen sie weiter, als wollten sie den Ball ins Tor tragen. Bis sie keinen Ball mehr haben, den sie ins Tor tragen können, weil Suarez plötzlich frei vor Kingson auftaucht. Doch auch er ist kein Jancker, küsst zuerst die Hand, schießt dann. Daneben.
63.
Aber sie versuchen es weiter. Reiten dabei auf Dellings Vuvuzela-Welle, die aber noch zu weit vor dem Strafraum bricht. Wäre der Soundteppich besser verlegt, müsste sich Ghana die Schuhe nicht abtreten.
65.
Kingson wehrt einen Pikeschuss gekonnt ab. Dennoch weiß man nie so recht, woran man bei ihm ist. Sein Gesichtsausdruck zeigt einen irritierten Mann, der sich irgendwo auf dem Weg durch Afrika verlaufen hat, dann auf einer verlassenen Straße aufgelesen wurde und sich, als er aufwachte, plötzlich im Mannschaftsbus einer Fußballnationalmannschaft wieder fand. Wäre Kingson in Film, er wäre Forest Gump. Wäre er ein Tier, er wäre eine Giraffe im Körper eines Emus.
68.
Auf der Tribüne hält ein schüchterner Iraker die Flagge seiner Landes hoch. Dabei statt Mittendrin. Ein hehres Motto. Wir warten auf seinen Einsatz – als Flitzer.
70.
Diego Forlan versucht es mal aus 45 Metern. Der Ball zischt durch Freund und Feind und alle anderen. Ans Außennetz. Und was macht Boateng. Er läuft. Und läuft. Eine Ausdauer wie Joey Kelly zum Quadrat. Was macht der Mann eigentlich nachts? Ironman rückwärts hüpfen?
75.
Nun kommt ein Spieler, der Abreu heißt. Klingt nach Prärie und Häuptling. Zumindest aber nach den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg.
77.
Nun Kingson wieder im Gewand von Olli Kahn. Nach einer Flanke von Forlan und einem Kopfball von Suarez fischt der ghanaische Keeper den Ball vom Pfosten. Kingson verhält sich zu »konstant« wie ein Hippie zu »Eile«.
80.
Auf der anderen Seite fliegt Muslera durch den Strafraum, als suche er nach seinem verlegten Haustürschlüssel. Die Ghanaer irren dummerweise auch umher, als wollten sie ihm helfen. Gemeinsam manövrieren sie den Ball aus dem Strafraum.
82.
Die Nerven müssen halten, weiß Simon, der sich an seine Synapsen klammert, als wären es Lianen, macht bereits Stimmübungen für ein eventuelles Elfmeterschießen, will das Spiel alleine gewinnen.
84.
Ghana wankt bedenklich, wie ein angeknockter Kämpfer, der sich noch gearde bis zum Gong auf den Beinen holen kann und dann auf die Gnade der Punktrichter hofft. Doch nach dem Gong kommt hier nicht der Applaus, sondern noch einmal ein Kampf über vier Runden. Es scheint also eine vielleicht zu optimistische Taktik zu sein, das hier wankend auszusitzen.
86.
Rajevac könnte jetzt das Handtuch werfen. Hat aber scheinbar keines dabei. Weiter warten auf den Gong. Oder den einen Lucky Punch. Den Mann dafür haben sie auf dem Platz: Kevin Prince Boateng.
89.
Die Uruguayer sind aber auch keine ausgewiesenen Finisher, würden in der Verfassung sogar bei Mortal Kombat ganz am Ende des Kampfes den falschen Knopf drücken. Man könnte jetzt sagen: Game Over. Aber genau das ist es ja eben nicht.
90.
Drei Minuten Nachspielzeit. Pantsil mit einem letzten Pass, der aber so ist, wie sein Name klingt: Weichgespült. Nicht von Henkel. Die schlaue Art zu passen, sieht anders aus.
90. +3
Abpfiff. Und kein Ende. Ein Abpfiff für einen erneuten Anpfiff. Eine dritte Halbzeit für Pazifisten. Gleich geht's hier weiter. Weil es muss. Nicht, weil es sollte.
Und in der Pause spielt Simon auf der kleinsten Mundharmonika der Welt. Spielt das, was er am besten kann: seine Best-Of Hits als Ein-Mann-Coverband seiner eigenen Wortgebilde und Randgeschichten, die er auf einem kleinen Zettel aus seinen Schienbeinschützern geholt hat: »Aus Bafana, Bafana wird Baghana Baghana.« Und täglich murmelt der Grußonkel.
91.
Juhu. Bzw.: Nicht. Anstoß. Bzw.: Nicht. Verdammte postpostmoderne Fußballverlängerung.
93.
Steffen Simon befürchtet ein Abtasten in der Verlängerung. Wir werden uns für diesen Fall von der digitalen Werbebande hypnotisieren lassen – und als Tippkickfiguren (Modell Suarez) weitertickern.
95.
Seltsam: Eben ächzte sich Ghana noch über den Platz wie Baumstämme ohne Bewegungsdrang, nun sprinten sie über den Platz wie junge Tigerwelpen auf Nahrungssuche. Was gab's in der Minipause? Kellogg's Frosties?
98.
Kingson fängt eine Flanke von Suarez ab. Forlan fängt eine Fliege vor sich selbst ab. Auf der anderen Seite dringen Boateng, Gyan und ein paar andere in den Strafraum von Uruguay. Wenn das Adjektiv »ungeschickt« noch ein Synonym sucht, bitteschön: Ghana.
101.
101 Minuten. Es könnte schlimmer sein (102).
102.
Es geht immer noch schlimmer. Und wenn du denkst du denkst, dann denkst du nur du denkst. Im Spiel in Johannesburg aber denkt niemand. Statdessen liegen und winden auf sich Spieler auf dem Rasen, als würde man hier auf 1800 Metern über Normalnull nicht mehr Sauerstoff sondern Lachgas einatmen.
105.
Forlan gibt sich noch mal als das überambitionierte blonde Fräulein vom Amt, versucht mit einem Pass einen Mitspieler zu erreichen. Aber: Kein Anschluss unter diesem Spielzug. Das ist, als riefe man bei den Weight Watchers an. Da nimmt auch nie jemand ab.
106.
Auf dem himmleblauen Trikot von Abreu steht tatsächlich »W. S. Abreu G.« Hat H.G. Wells seine Zeitmaschine tatsächlich fertig bauen können und verändert nun unter einem Künstlernamen den Ausgang dieses Turniers? Die Antwort liegt in der Zukunft, nur nicht für Abreu, der war auf einen Abstecher schon da.
108.
Mit zunehmender Spieldauer taucht Hans Sarpei plötzlich wieder auf, setzt Akzente auf seiner Seite, geht in die Offensive, ärgert die Großen, immer gegen das Fußballestablishment. Die Links-Sarpei.
110.
Pantsil geht stiften, wird aber von Pereira unangespitzt in den Boden gerammt. Herlitz, das Ganze. Nur nicht für Pantsil, der aber gute Mine zum bösen Spiel macht.
112.
Simon spielt jetzt Fernsehansagerin: »Nach dem Spiel erwarten Sie Waldi und Matze Knop in Waldi's WM-Club.« Unseretwegen könnten die unter diesen Vorzeichen noch drei Verlängerungen spielen.
114.
Der erste Torschuss Uruguays seit drei Stunden: Diego Forlan knolzt den Ball übers Tor, dabei wartete auf der anderen Seite der schöne Mann mit den sehr langen und wehenden und frisch gewaschenen Haaren, der auch als Model für Dr. Adolf Klenk (Alpecin-Werbung) fungieren könnte: In der Tat.
116.
Verlängerung abschaffen. Macht doch keinen Sinn. Wie so vieles. Silvesterböller in Kothaufen stecken zum Beispiel. Oder Furzkissen auf den Stuhl vom Lehrer legen. Doch damals fragte ja auch niemand nach dem Sinn.
118.
Kopfballstaffette. Am Ende darf Kevin-Prince Boateng. Köpft den Ball knapp am Tor vorbei und schreit sich den Zorn aus seinem 187-jährigen Leben aus dem Leib. Wäre Boateng eine Filmszene, er wäre Rocky am Ende des Kampfes gegen Appolo Creed: »Aaaaaadrian«.
119.
Wir knipsen uns aus. Was geht hier ab? Drei Kopfbälle in Folge. Zweimal auf der Linie geklärt, das zweite Mal wird von Suarez schlechter gepritscht als beim Amateur-Volleyball-Turnier in Haffkrug (Ostsee).
120.
Gyan hämmert den Ball an die Latte. Unfassbar. Suarez dreht jubelnd ab. Rennt durch die Katakomben wie Teilnehmer der Loveparade durch Berlin. »Wahnsinn«, japst Simon. Wir schließen uns an. Und dimmen unser Licht ein wenig hoch.
Für Suarez ist die WM so oder so vorbei. Doch auf dem Weg in die Katakomben verfolgt Uruguays Stürmer den Schuss von Gyan, der darüber entscheidet, ob er als weibischer Anti-Held mit zuckenden Fingern oder doch als stolzer Heroe zurück in die Heimat fliegt, der Uruguay durch seinen bauernschlauen Reflex das Turnier gerettet hat. Der Ball kracht an die Latte, Gyan vergräbt sein Gesicht, das die Schockstarre des Publikums spiegelt, in seinen Händen. Und Suarez tanzt in die Kabine. Erleichtert und glücklich, das Richtige getan zu haben. Denn er weiß: Gyan hat ihm den Generalablass erteilt.
Ein Krimi also jetzt. In der ARD. Tatort am Freitag Abend. Ohne Musik und ohne Lena Odenthal oder Dominik Raake. Es erwartet uns also echte Spannung. Und erst am Ende stirbt ein Traum.
Das Leben nach dem Tod in Johannesburg. Das Elfmeterschießen nach dem Elfmeter. Gleich geht's los.
Durchatmen. Wenn noch Luft da ist.
Ansonsten: Luft scheint nunmehr überbewertet. Was ist überhaupt noch wichtig?
1. Elfmeter – Uruguay
Forlan läuft an. Entschlossen wie MacGyver mit nem Schraubenzieher. Trifft.
2. Elfmeter – Ghana
Gyan. Und er hält dem Druck stand: Lässiger geht's nicht. In den Winkel.
3. Elfmeter – Uruguay
Victorino sicher. Unter die Latte.
4. Elfmeter – Ghana
Appiah trifft.
5. Elfmeter – Uruguay
Der Mann, der heißt wie der Sohn einer US-amerikanischen Sportlerfamilie, Scotti, trifft.
6. Elfmeter – Ghana
Mensah verschießt. Schlechter schoss nur Lukas Podlski – in der F-Jugend. Dafür aber mit Schmackes.
7. Elfmeter – Uruguay
Maxi übers Tor. Kein Fieldgoal. Aber fast.
8. Elfmeter – Ghana
Adiyiah verschießt. Muslera hält. Selbe Ecke wie eben.
9. Elfmeter – Uruguay
Arbeu mit dem arrogantesten, aber auch schönsten aller Elfmeter. Ein Lupfer in die Mitte des Tores. Kingson taucht nach rechts ab und Gyan vergräbt sich im Mittelkreis. Oft war Fußball schlimm, selten war Fußball so grausam.
Aus, Ende, vorbei. Ghanas Tränen könnten Flüsse füllen. Uruguay Jubel könnte Manowar-Konzerte übertönen. Herrje, Kinners, gut fürs Herz ist das hier alles nicht. Arbeu panenkat Uruaguay in das erste Halbfinale der Moderne, mit einem Schuss, der Ghana verhöhnt. Doch es war nicht Abeus Elfmeter, der dieses Spiel entschieden hat, es war der Strafstoß von Gyan, der in der 120. Minute das neue Selbstverständnis eines ganzen Kontinents auf dem Fuß hatte, der aber unter dieser Last zu Gummi wurde. Das Spiel ist aus. Die Ghanaer bleiben mit einer leeren Hand zurück, in der anderen halten sie eine Latte to Go, stehen auf dem Rasen der Soccer City und weinen Tränen der fassungslosigkeit. Gyan, der von Boateng noch vor dem Elfemeterschießen zusammen gehalten wurde, bricht auseinander, Tränen fließen, und die Vuvuzelas verstummen. Während Uruguay feiert, leert sich das Stadion. Afrika geht nach Hause.
Wir auch. In diesem Sinne: Gute Nacht!





