Best of 2010: Paraguay-Japan im 11FREUNDE-Liveticker
zzzzzzzzzzzzzzzz!
Text: Benjamin Kuhlhoff und Johannes Ehrmann Bild: Imago
Ein Spiel wie eine Überdosis Tryptophan. Die Sensation: Es fand ein Ende. Sisyphos hatte wenigstens einen Felsen - wir hatten nur den Ticker. Und uns selbst. Wortmeldungen aus dem Nichts, powered by 11FREUNDE.
15:42 Uhr
Hallihallo, werte Leser. Wir heißen Sie herzlich willkommen zu einem Fußballnachmittag der besonderen Art. Oder der gewöhnlichen. Wir wissen es noch nicht, denn die Paarung, die uns ins Hause steht, ist für alles zwischen vier minus und eins plus gut. Kollege Kuhlhoff ist von dieser Grundschularithmetik so konsterniert, dass es ihn beim Kippeln fast vom Bürostuhl haut. Jetzt schreibt er mir einen Zettel: "Willst Du mir mir tickern?" Ich kreuze "vielleicht" an. Vielleicht.
15:47 Uhr
Weiter geht's in der neuesten Folge von "Die Lümmel von der ersten Bank". 11FREUNDE-Azubi Ron Ulrich (vierte Klasse abgebrochen) will sich mitten in der Redaktion eine anstecken und seinen Rauswurf provozieren. Das WM-Syndrom. Wir fesseln ihn und lassen ihn in eine Plastiktüte atmen. Ahhhh, geht wieder.
15:51 Uhr
Die Aufstellungen sind wie so oft Böhmische Dörfer. Ich suche verzweifelt den Neu-Schalker Uchida. Vergeblich. Stattdessen zwei Dortmunder bei Paraguay. Kein schöner Land.
15:54 Uhr
Die Mannschaften kommen auf das Feld getrottet. Auf der Tribüne versuchen die 15 Zuschauer mit einer briefmarkengroßen Japanfahne Stimmung zu machen. Das ist, als würde man in einem Solarium Eis herstellen.
15:56 Uhr
Die Hymnen. Wer Interesse an Texten hat, der soll sich ein Buch kaufen.
15:58 Uhr
Soooooo, gleicht geht es los. Gewinnen wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Außenseiter. Da legen wir uns mal fest. Toll, diese WM.
1.
Der Ball rollt. 0:0. Riecht nach Verlängerung.
2.
Zum Anpfiff Bilder aus der Vogelperspektive. "Geil, wie bei Tipp-Kick früher", schwelgt Kollege Bock. "Äh... Kick-Off mein ich" korrigiert sich der Mann, der seinen Amiga immer mit bunten Murmeln fütterte.
3.
Japan in Blau. Paraguay in Rotweiß. Damit sind die Fronten zwischen Kuhlhoff (Schalke) und mir (Lautern) klar verteilt. Lauft, meine kleinen südamerikanischen Freunde, lauft!
5.
Erste Ecke Paraguay. Doch erst wird im Sechzehner noch einmal die Weltformel ausdiskutiert. Dann vertagt man sich, die Ecke kommt herein - und bleibt so wirkungslos wie das Kyoto-Abkommen.
7.
Japan ist um den Aufbau bemüht, als würde das Spiel nicht in Pretoria, sondern in Hoyerswerda stattfinden. Blühen tut bislang aber allenfalls der Flachs in unserer Runde.
9.
Paraguay will sich jetzt selbst dezimieren. Denn: In Unterzahl sind sie besonders stark. Riveros und Benitez aber ohne durchschlagenden Erfolg, beide können weiter.
10.
Nach zehn Spielminuten der erste Rubenbauer-Moment. "Frrech, wie er da durch Vera durch will", neunzigert Gerd Gottlob. Gleich wird er einen paraguayischen Verteidiger als "giftig" bezeichnen.
11.
Das Spiel läuft in etwa so rund wie ein Einbeiniger mit Bänderdehnung. Beide Mannschaft scheinen sich immer noch zu wundern, wie sie überhaupt hierher gekommen sind. Wir wundern uns auch, obwohl wir uns angewöhnt haben, uns über nichts mehr zu wundern.
12.
Die Freunde mit der Vuvuzela haben sich einen neuen Spaß ausgedacht. Sie prusten im 4:4-Takt, was auditiv an einen Wettbewerb im Brustschwimmen erinnert. Ehrmann zieht sich seine Badekappe auf und taucht unbeholfen in sein Wasserglas. Sein Anblick - schwarze Badehose, weißer Oberkörper - erinnert an einen Filmklassiker: Ein Fisch namens Panda.
16.
Endo am Ball. Ich kaufe ein E, streiche ein O und möchte mir schon jetzt das wünschen, was die Wurst zwei Mal hat.
17.
Geht leider nicht. Stattdessen lustiges Fehlpassen im Mittelkreis. Fast so spannend wie Sackhüpfen in der Bretagne.
19.
ACHTUNG, ACHTUNG: Wir unterbrechen diesen 11FREUNDE-Liveticker für die erste echte Torchance. Barrios, der Mann aus Lüdenscheid-Nord, dreht sich mit dem Ball durch die halbe Nipponabwehr, macht dann aber das, was ihm seit seiner Vertragsunterschrift bei Dortmund anhaftet: Versagen. Selbst schuld.
22.
Und jetzt will Matsui den Lampard machen, hält aus 20 Metern einfach mal drauf, verwechselt aber zwei Silben. Oberkante statt Unterkante Latte. Dieses Spiel taugt eben einfach nicht zum Klassiker. Aber es wird besser. Immerhin.
24.
"Haha, der Mann hat keinen Hals", beamt sich Kuhlhoff einmal mehr in die Vorschule zurück. Macht dann ein Handtuch nass und will hinter Nestor Ortigoza herrennnen. "Nei, nei, ich bin voll mit Schoki", kreischt der und entwischt dem Kollegen.
26.
Witze über Keisuke Hondas Nachnamen stehen auf dem 11FREUNDE-Index, wie ich gerade mitgeteilt bekomme. Macht nix, war ja auch noch nicht am Ball, der Motor der Japaner. Ups.
28.
Nach den zwei tollen Minuten fallen die 22 Mann hier wieder ins Wachkoma. Nein, doch nicht! Nach einer Ecke purzelt der Ball Roque Santa Cruz vor die Füße, der zielt aber knapp am Tor vorbei. Die Sportfreunde im Stadion werden immer stiller.
31.
Aus Langeweile machen Kuhlhoff und ich jetzt das Shift-Battle. Wer als erster fünf Mal die Feststelltaste gedrückt hat, gewinnt. So etwas ähnliches haben die beiden Mannschaften vor dem Spiel wohl auch abgesprochen. Prädikat: Tilt.
33.
Weil ja heute spielfrei ist, haben wir Zeit, uns ein bisschen was Privates zu erzählen. Kuhlhoff schwärmt von den Tippkünsten seiner Freundin: "Sie tippt nur nach Aussehen". Resultat: Platz 1 im Tippspiel. Wenn wir das Schönheits-Raster anwenden, dürfte hier und heute keiner weiterkommen.
34.
Keisuke Honda, der Mann der eigentlich besser sein soll als Rooney, Beckenbauer, Müller und Juri Mulder, fällt bisher nur optisch auf. Er ist wohl der einzige Mensch, der exakt die gleiche Haar- und Hautfarbe hat.
35.
Freistoß Japan. Honda und Endo reden, diskutieren, reden, tuscheln und reden. Ganz nebenbei versemmeln sie dann auch noch diese mögliche Chance. Da hilft auch der unbeholfene Abwehrversuch von Roque Santa Cruz nichts. Weiter Diätfußball.
38.
Auf der Werbebande eröffnet das Auswärtige Amt Südafrikas plötzliche einen Stand. Visa für alle.
39.
Grrrrrrrrrrrrrrrroßchance. Honda vom Sechzehner. Doch der Ball geht knapp vorbei. Honda schimpft, weil er den Ball laut Kommentator Gottlob »lieber auf dem Linken gehabt hätte«. Hätte, hätte Fleischkrokette. Tut uns leid Herr Honda: Fußball ist nun mal kein bunter Teller.
41.
Eine Großburgerbraterei wirbt mit »I'm lovin' it«. Dieses Spiel können sie nicht meinen.
43.
PR-Guru Völler schiebt seinen Körper (Modell Waschbärbauch) in die Tickerkammer. Er will wissen, welche der beiden Mannschaften besser ist. Die Antwort: Keine.
45.
Unterwasserrugby, Hallenhalma, Springreiten, Wettnähen, Aale fischen, Baumsägen, Schneckenrennen, Hamburger-Wettessen, Finger-Ins-Auge-Stecken, Spargel stechen, Socken falten, eine weiße Wand ansehen, Kirschkern-Weitspucken, Schumi, Günter Netzers Sätze verstehen, Wasser trinken. Alles Dinge, die mehr Spaß machen als das hier. Wir sind trotzdem hier. Und der Spaß? Spuckt wahrscheinlich Kirschkerne. Halbzeit.
16:50 Uhr
Fazit 1: Japans Trainer Takeshi Okada bislang vollkommen stoisch in seiner Coachingzone. Bislang ja auch noch keine ernsthafte Gefahr für sein Schloss.
16:52 Uhr
Fazit 2: Eine erste Halbzeit wie ein flammendes Plädoyer, dass die WM wieder mit 16 Teilnehmern ausgetragen wird - wie in der guten alten Zeit als es noch Ergebnisse wie 8:3 im Fußball gab.
16:55 Uhr
Kein Tag ohne Schalte ins DFB-Quartier. Weil am freien Tag selbst der Greenkeeper ausgeflogen ist, muss sich Claus Lufen mit Medienmann Harald Stenger begnügen. Der erzählt von Knuddeln mit Miro Klose, Telefonate mit Angela Merkel auf der Löwensafari und ein bisschen von seiner Abifahrt im Jahr 1977. Interessant. Im Sinne von GÄHN.
16:57 Uhr
Zurück bei Delling und Netzer. Uns Jünter erzählt von der wilden Zeit in Malente. Nun bedient Delling seine Minority-Report-LCD-Wand. Das sieht so elegant aus wie die ersten 45 Minuten. Alles weitere ersparen wir Ihnen, werte Leser. Bis gleich zum Wiederanpfiff.
46.
Neeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiin. Es wird wirklich wieder angepfiffen. Sogar ein Ball ist da. Wir hätten es verstehen können, wenn der sich in der Halbzeit verpisst hätte.
47.
Wir können das hier nur zusammen durchstehen, liebe Fans. Schickt uns Cola, Drogen, Elektroschocker, einfach alles, was uns wachhalten kann. Am liebsten per Eilkurier.
48.
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sssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssss
ssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssorry, bin auf der Tastatur eingepennt. Wo bleiben die Elektroschocker?
51.
Wir fühlen uns immer mehr wie inmitten eines Dalí-Gemäldes. Zusammen mit dem Plasmaschirm, den Konferenzmöbeln, unseren Laptops und dem Raum-Zeit-Kontinuum zerschmelzen wir in dieser Saunahitze zu einer einzigen kakaoartigen Masse. Drei Minuten dieses Spiels kommen uns vor wie dreißig Jahre Einzelhaft. Kuhlhoff will sich mit zwei gebrauchten Tempos hier aus dem vierten Stock abseilen. Scheitert.
54.
Jetzt fordert Kuhlhoff Schmerzensgeld oder mindestens hitzefrei. Stattdessen nur ein weiterer Luftstoß von draußen, aus dem Glutofen Berlin. Wie das Öffnen einer Ofentür. Pizza ist gleich fertig.
56.
Und kaum, liebe Leser, deutet sich auf dem Bildschirm ein hauchzarter Ansatz einer Chance an, springt ein japanischer Verteidiger in den gar nicht mal so unschönen Schuss von Benitez, als hasse er dieses Spiel, das ihm doch eigentlich ein so schönes Leben schenken müsste. Selbstzerfleischung par excellence. Wir sind auch gleich soweit.
59.
Immerhin: Paraguay jetzt ansatzweise mit Sport. "Golden Goal", wird aus dem Raum gefordert. Doch Olli Bierhoff macht eine Radtour, wie wir vorhin von Harald Stenger erfahren haben. Kleines Senfkorn Hoffnung.
61.
Gottlob hat sich nun auch abgewendet, die Beine hochgelegt, kommentiert nur noch seinen Faktenkasten leer. Gerade erzählt er, dass Paraguays Trainer mal irgendeine Alte-Herren-Truppe in Südamerika trainiert hat. Nun, da ihm die Infos ausgehen, liest er die gesamten WM-Tipps der ARD-Belegschaft vor. "Delling: Südafrika - Mexiko 0:0..." Wahnsinn.
64.
Kleiner Tipp: Wenn man die Augen schließt, ist das Spiel zu ertragen. Gottlobs Stimme, das Wimmern der Vuvuzelas und diese japanischen Namen: Abe, Matsui, Honda, Endo, Tulio. Das klingt nach der unendlichen Leichtigkeit des Yoga. Wir atmen ein und wollen nie wieder ausatmen.
66.
Japans Torwart irrt wie ein Schlafwandler durch den Strafraum. Doch auch Paraguays Angreifer scheinen ein bisschen zu sehr von den Benzodiazepinen genascht zu haben.
69.
Okazaki mit einer Sechzehntel-Chance. Sein Flachschuss prallt in die Lendengegend eines Paraguayers. Eieieieieieieieieieieier.
72.
Was soll man über so ein Spiel eigentlich noch schreiben, fragen wir uns, ihr euch, er sich, sie sich, ich mich, du dich, sie sich. Ja, was soll man schreiben. Vielleicht ein Wort, das man noch nie geschrieben hat. Zum Beispiel Chlorophyll oder Antilopenhaut oder Knallerbsenhersteller. Ich weiß es doch auch nicht.
74.
Plötzlich taucht PR-Mann Völler erneut auf und mimt eine alte Märchenoma. Mit Kopftuch und Napfkuchen bewaffnet, zeigt er Kollege Ehrmann seine alten Fotoalben. Zu sehen: Völler in Trainingshosen. Talgige Beine an Nylon. Und so leid es mir tut: Selbst das ist schöner als dieses Spiel.
79.
Wir müssen es so hart sagen wie es ist: Die Kinderfotos von Dirk Völler im Trainingscamp mit Michael Rummenigge waren das Highlight der letzten anderthalb Stunden.
81.
Abe geht raus. Kommt jetzt Kai? Scrabble für Leute mit Hitzschlag.
82.
Und auf einmal Spannung! Nein, doch nicht. Der Schiri hat schon wieder abgepfiffen, bevor irgendetwas passieren konnte. Wo ist Völler? Wo ist Michael Rummenigge?? Wo ist der Fußball, den wir einst liebten???
85.
Noch fünf Minuten bis zur Höchststrafe, vulgo: Verlängerung. Wenn wir nicht wüssten, wie schön Springbrunnen sein können, würden wir schreiben, dass diese Begegnung nur so dahinplätschert. Vielleicht ein vermoderter Springbrunnen mit verseuchtem Wasser. Ja, das Bild passt schon besser.
87.
Jens Kirschneck holt jetzt den Nazivergleich der Fußballberichterstattung hervor. "Das ist wie Schweiz-Ukraine 2006." Das ging 3:0 nach Elfmeterschießen aus. Wir melden uns dann später wieder. So in einer Dreiviertelstunde.
89.
Noch eine Minute. Regulär. "Sieben Minuten Nachspielzeit", befürchtet Kuhlhoff, der seit 20 Minuten sein Gesicht in den Händen vergraben hat. Drei Minuten. Das sind drei Minuten zu viel. Die bekommen wir nie zurück. Nie.
90.+2
Ein Spiel wie alter Mürbeteig, das sich hier - wir hätten fast gesagt: seinem Ende zuneigt. Aber nein: Der Verlängerung. Früher wurde einfach gelost. Das war irgendwie fairer. Den Zuschauern gegenüber. Kuhlhoff blättert in der Genfer Konvention. Schlusspfiff. Der Super-GAU ist da.
17:51 Uhr
Warum? Warum ich? Warum heute? Warum? Ich habe immer fleißig aufgegessen, bete ab und an, bin freundlich zu älteren Mitbürgern, spiele mit kleinen Kindern Pirat, war lange Vegetarier, fahre Fahrrad statt Auto, trenne Müll und besuche (zumindest unregelmäßig) die Kirche. Warum also, lieber Fußballgott, schickt Du all Deinen Zorn in Form dieses Spiels auf mich herab?
17:55 Uhr
Selbst die Pause bis zur Verlängerung zieht sich wie warmes, wabbeliges Kaugummi. Was ist nur los? Und ich wiederhole: Warum ich?
91.
Nun gut, es nützt ja nichts. Kurzer Check. Ball? Ist da! Beide Mannschaften? Unverändert. Mist.
92.
Auf einmal nimmt das Spiel Tempo auf. Chance Japan. Nakamura schießt, doch ein böses Paraguaybein wehrt ab. Wieder nix.
94.
Oscar »Rodolfo« Cardozo kommt für Santa Cruz, der heute in etwa so geroqut hat wie die Flippers auf dem Wacken Open Air. Es kann nur besser werden.
96.
Auf einmal reißen uns die Worte "Michael Rummenigge" aus dem Tiefschlaf. Hat sich Dirk Völler jetzt selbst eingewechselt? Noch nie hätte ein 11FREUNDE-Pressesprecher dem Spiel so gut getan.
98.
Dreifach-Chance für Paraguay! Doch der unlustigste Treppenwitz der Fußballgeschichte geht weiter. Unsere Torschreie verhallen ungehört, wenn sie uns nicht vorher im Halse stecken geblieben sind.
99.
Honda jetzt mit Cristiano-Ronaldo-Pose beim Freistoß. Doch er ist nur: Keisuke Honda. Dementsprechend hält Paraguays Keeper den Ball, der zu allem Überfluss auch noch am Tor vorbei gegangen wäre.
101.
"Ker, können die nicht beide rausfliegen?", hadert jetzt auch der ewige Optimist Ron Ulrich mit dieser Partie, der nach eigenen Angaben so etwas zuletzt bei Sportfreunde Wanne gegen TuS Henrichenburg gesehen hat.
104.
Noch eine Minute. Und dann noch fünfzehn Minuten. Und dann noch Elfmeterschießen. Vielleicht bringen es die beiden Mannschaften auch fertig, diese Königsdisziplin der Spannung langweilig zu gestalten. Halbzeit. Schon wieder.
106.
Dieses Spiel erinnert mich an einen Witz: Gehen zwei Irre durch die Wüste. Sagt der Eine: »Lass mich auch mal in die Mitte.« Und wer sitzt in der Mitte? Wir!
107.
Freistoß Japan. Doch Endo betrügt den Ball. Wir fordern: lebenslänglich für alle Beteiligten.
110.
Die anwesenden Personen lenken sich vom Grottenkick ab. Das Thema: Softsexfilme aus den Achtzigern. Was waren das für Zeiten? Eis am Stiel, La Boum, Liebesgrüße aus der Lederhose, sanfte Erotik im Weichzeichnereffekt. Die Gegenwart ist träge. Ist rund. Ist fahrig. Wie eine dicke Oma.
113.
Endo wird jetzt zur "Misses Next Match" gekürt. Warum auch immer. Es ist nicht der einzige Schönheitsfehler dieses Nachmittags.
115.
Noch fünf Minuten, dann hat das Leiden ein Ende. Und wie zum Hohn zeigt uns Japan noch ein weiteres Mal, wie das nicht geht mit dem Toreschießen. Iwamasa wird per Hackentrick im Strafraum freigespielt, doch was das Tor des Jahres werden könnte, zerstiebt zu einem großen Haufen Nichts.
118.
Kawashima ist in Gedanken schon beim Elfmeterschießen, drischt das Leder unbedrängt auf die Tribüne. Noch anderthalb Minuten. Was man in anderthalb Minuten alles machen kann. Zum Beispiel: 90-Sekunden-Schlummi. Wir haben so einen Verdacht, dass die 22 Menschen da auf dem grünen Rasen genau das vorhaben...
120.
Immerhin: Wir sind nicht allein. Gerardo Martino, der Trainer von Paraguay führt am Seitenrand noch einen letzten Rumpelstilzchentanz auf. Beruhigend. Und Schluss.
So. Jetzt also Elfmeterschießen. Das Gute: Es fallen Tore. Das Schlechte: Im Anschluss kommt Waldis WM-Klub. Da würde ich sogar lieber dieses Spiel in der Wiederholung sehen.
Ich stelle mir die Frage: Wie tickert man ein Elfmeterschießen? So: Schütze. Land. Drin. Oder?
Paraguay legt los mit dem Schießen aus elf Metern. Nach Betrachtung dieses Spiels sind wir uns nicht sicher, ob alle Beteiligten das Ganze verletzungsfrei überstehen.
Barreto. Paraguay. Feuchte Lippen. Drin!
Endo. Japan. Oberlippenflaum. Drin.
Barrios. Paraguay. Kaugummi im Mund. Drin.
Hasebe. Japan. Hitzepickel. Drin.
Riveros. Paraguay. Babyhaut. Drin
Komano. Japan. Doppelkinn. An die Latte. Also nicht drin.
Valdez. Paraguay. Backenbart. Drin.
Honda. Japan. Babyface. Drin.
Cardozo. Paraguay. Läuft, trippelt, geht zum Ball. Schleicht die Kugel rein. Drin.
JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAA Das Spiel ist aus. Wir freuen uns. Nicht für Paraguay. Sondern nur für uns. Wir haben es geschafft. Wir haben es überlebt. Amerika hatte 9/11. Wir hatten dieses Spiel. Es sah so aus als würden wir das nicht überstehen. Aber dann log Cardozo seinen größten Feind (den Ball) doch noch rein. Dass diese Mannschaft im Viertelfinale steht, ist ein schlechter Witz. So schlecht wie vier Jahre alter Joghurt. Wir übergeben uns vor Freude und Hass. Berlin muss unsere Wut ausbaden. Also rein in die Badehosen. Schönen Abend noch.



