Das Suar ez
Uruguay-Südkorea im 11FREUNDE-Liveticker
Text: Benjamin Kuhlhoff und Alex Raack Bild: Imago
Elf Chas gegen einen Mann, der aussieht wie Roy Makaay. So unfair kann Fußball sein. Doch am Ende siegen himmelblaue Uruguayer gegen leergelaufene Südkoreaner. Im Leerlauf steht's dabei: Der 11FREUNDE-Liveticker.
Ab 15.45 Uhr bitten Benni »Baumann« Kuhlhoff und Alex »Doppelherz« Raack zum großen Laktattest. Denkt ans Stretching und seid gleich dabei!
15:48 Uhr
Hi Fans. Wir gehen auf Sendung. Mit einer ersten überragenden Erkenntnis des ZDF. Was Uruguay auszeichnet: »Aggressive Defensive. Konsequenter Angriff. Halten der Positionen.« Halten der Positionen? Sind Uruguays Fußballer die langweiligsten Sexprotze der Welt? Wir werden es gleich sehen. Holt die Kleenex-Packungen raus, es wird dreckig.
15:51 Uhr
Die Namen werden eingeblendet. Alles voller Lees und Kims. Kuhlhoff, braungebrannt und Surferblick, schläfgt vor: »Wir nennen alle einfach die ganze Zeit Bum Kun Cha.« Tolle Idee. Ich werde Kuhlhoff dafür 90 Minuten lang Kohler nennen. Macht es einfacher.
15:53 Uhr
Wolfgang Stark kommt als Erster aus dem Tunnel und greift sich den hübsch aufgebauten Ball, den keiner mag. Außer vielleicht Adidas. Wie wir seit der Lehmann-Biografie wissen, handelt es sich bei Schiri Stark um den »arrogantesten Schiedsrichter der Bundesliga.« Vielleicht. Aber Lehmann ist ja auch der arroganteste Biografien-Schreiber seit Toni Schumacher. Und der beglückte uns ja einst mit Sätzen wie: »Der Platz war hart, wie gefrorene Scheiße.«
15:56 Uhr
Südkoreas Hymne hat nicht mal begonnen, da greift sich J.-W. Kim zackig mit einem angedeuteten Handkantenschlag an die Stirn. Der gute Mann ist noch beim Militär. Kohler, Zivildienstleistender aus Leidenschaft, lacht ihn aus und bringt mir ein frisches Pils auf Rädern. Die gute Seele.
15:58 Uhr
Gleich geht es los! Auf zum Atem! Auf zum ersten Achtelfinale!
1.
Anpfiff. Der Rasen sieht aus, als wenn erst gestern eine Horde Elefanten hier gebrütet hätte. »Elefanten legen keine Eier!«, ruft Kohler. Der Besserwisser. Ich schlage nach und sehe: Er hat Recht. Verdammt.
4.
Freistoß für Südkorea. »Immer wenn es lange dauert, geht die Kugel in die Mauer«, fachsimpeln wir beide (gemeinsam 36 Kreisliga-B-Spiele). Natürlich geht der Schuss an den Außenpfosten. Riesending von Park.
6.
Chance für Südkorea, Chance für Uruguay – hier ist schon mehr passiert als in der gesamten Gruppenphase. Danke, lieber Fußballgott, dass diese Vorrunde vorbei ist! Und führe uns nicht in Versuchung, heute Nacht die Wiederholungen zu sehen...
7.
TOOOOR!!! 1:0 für Uruguay! Forlan setzt sich über links durch, schießt einfach mal flach in die Mitte, Torwart Jung sieht ganz alt aus, lässt den Ball passieren und Suarez steht goldrichtig. Schiebt ein und dreht ab zum Jubeln. Und im deutschen Fernsehen ist der uruguayanische (?) Kommentator zu hören. Also nochmal: GOOOOAAAAALLLL!!!!
10.
Kuhlhoff hier: Melde mich zum Dienst. Die 11 Bum Kun Chas tun sich reichlich schwer gegen diese himmelblaue Versuchung aus Fleisch und Haar. Kein Wunder, tummeln sich doch im Angriff der Urus ein Mann, der aussieht wie Roy Makaay und fast heißt wie ein Staudamm und ein Mann der aussieht wie eine alte Frau und fast heißt wie drahtloser Netzwerkzugang.
13.
Raack, Märchenhausfrau aus Passion, erzählt mir eine rührende Geschichte mit einer Nähmaschine. Derweil tackert Forlan schon wieder über die Außenbahn. Bum Kun Cha Nr. 4 sieht keinen Stich.
15.
Auf dem holprigen Geläuf haben sich mittlerweile ein paar blaue Ballons eingefunden. Uruguays Torwart bastelt eine Giraffe und bietet sie Bum Kun Cha Nr. 7 an. Der lehnt ab und tritt das arme Stück Gummiluft kaputt. Humorlos, diese Asiaten.
18.
Liebe Fans, was so schön begann, ist mittlerweile abgeflaut wie ein Pups im Vakuum. Deswegen ein paar Bildungshinweise. Wusstet ihr, das Uruguay auch »Land des Schneckenflusses« genannt wird? Nein? Jetzt wisst ihr es.
20.
Fucile nudelt sich an einem Südkoreaner vorbei. Doch seine Flanke oder besser, das, was eigentlich mal eine Flanke werden sollte, landet hinter dem Tor. Der südkoreanische Torwart hechtet trotzdem hinterher, will seinen »kleinen« Aussetzer beim Gegentor wieder wettmachen. Süß.
21.
Schiedsrichter Wolfgang Stark gilt gemeinhin als humorloser Mann. Auch in diesem Spiel erspart er uns echte Gags. Nur einen hat er parat: Sein Assistent Maik Pickel. Das kann ja Eiter werden. (Der pubertäre Lacher bleibt jedem unbenommen.)
22.
Hihihihi.
24.
Weiter geht es mit Gags unterhalb der Schamhgaargrenze. Aber auch nur, weil sonst nicht viel passiert. Ein Freund schreibt mir: »Kommste noch in Park?« In schreibe zurück »Ji Sung?« Nichts passiert. Freund vergraulen leicht gemacht.
26.
Traumpass von einem Uruguayer, den wir nachträglich nicht ermitteln können. Er findet das Loch in Südkoreas Abwehr, doch Suarez steht im Abseits. Dieter Bürgi betritt den Raum und analysiert die Zeitlupe. Im Moment des Passes schreit Raack: »Kein Abseits.« Bürgi kontert: »Ich erkenne Lochfraß in Südkoreas Viererkette.«
30.
Dieser Acker... Wir hatten früher einen Platzwart, der jeden anbrüllte, der noch vor dem Anpfiff auch nur einen Stollen auf Platz A setzte. Ein Riesenspaß für uns Eingeweihte. Wie der die Verantwortlichen bei der WM zusammengeschissen hätte! Ruhe in Frieden, Dieter.
32.
Unsere User haben den Längsten. Kaum geht unser Wortwitz auf Grundeis, tauchen in den Kommentaren lustige Schmankerl für zwischendurch auf: "who is the coach of korea?"
"huh!"
"yeah, who is the coach?"
"well, huh!"
"no, i want you to tell me WHO IS THE COACH!!"
"YES AND I TELL YOU HUH(!) IS THE COACH!!"
"then why dont you tell me who is the coach?!"
"I just told you huh is the coach!!!"
"fuck you!"
"bitch!"
34.
Südkorea wird besser. Und schneller. Und aufdringlicher. Uruguay bekommt die so freundlich wirkenden Asiaten nicht mehr aus der eigenen Hälfte. Wie eine Mischung aus Vertreter und Zeugen Jehovas kommen die Koreaner einfacher immer wieder. Nur eine Frage der Zeit, bis die Urus einen Staubsauger kaufen. Modell Gattuso ist im Angebot.
37.
»Da geht die Brusttasche von Stark erstmals auf!«, kreischt TV-Mann Oliver Schmidt (der so aussieht, wie er heißt). Uns geht gleich die Hose auf, wenn Schmidt weiter solch verbale Flachpässe produziert. Und das will ja auch keiner.
39.
Du Ri Cha ist am Ball, Generationen von deutschen Fußball-Fans 1.) als Sohn von Legende Bum Kun und 2.) als südkoreanischer Nationalspieler seit Einführung des Fußballs ins Südkorea bekannt. Kohler brummelt: »DER ist Nationalspieler?« Ich weise ihn freundlich daraufhin, dass u.a. die Grenzen nach Ost-Deutschland geöffnet sind und drücke ihm liebevoll ein Kissen aufs Gesicht. So viel Unwissenheit kann ich hier nicht mehr gebrauchen.
42.
Otto ist wech, Otto ist Geschichte. Also der Rehhagel-Otto. Trotzdem scheint sein Geist noch durch Südafrikas WM-Stadion zu schwirren, wie ist es anders zu erklären, dass sich die bislang so frank und frei aufspielenden Uruguayer nach dem Führungstreffer in der eigenen Hälfte eingeigelt haben? Griechisch-römischer Stil, wie wir finden.
44.
Cha schon wieder, der zweite Fernschuss in wenigen Sekunden. Was hat der Mann für einen Huf! Kohler, der Cha bis eben noch gar nicht kannte, grölt jetzt heiser: »Roberto Charlos!!« Ich muss ihn minutenlang ohrfeigen, bis er wieder zur Besinnung kommt.
Halbzeit. 1:0 für Uruguay durch das Tor von Luis Suarez. Aber besser waren die Südkoreaner. Eigentlich. Wir verabschieden uns in eine kurze Halbzeitanalyse vor dem Kühlschrank und sind mit aufgewärmten Gags gleich wieder für Euch da!
Halbzeitpause im ZDF-Studio: KMH und der Mann, der mal der Titan war,
versuchen sich an einer Analyse des Spiels. Im Hintergrund ist eine riiiiiiiesige blaue Ente auf dem Bildschirm zu sehen, die durch die Fankurve turnt. Raack tanzt mit. Anscheinend hört er die Signale.
Fußball, oh Fußball, jetzt weiß ich, warum ich Dich nur noch in kleine Dosen ertrage: Wir sehen Michael Steinbrecher, den meine liebe Oma einst eine »Schw...htel« nannte, vor dem deutschen Quartier. Es geht um Schweinis Oberschenkel. Okay, durchatmen. Einen Oberschenkel als Nabel der Welt. Was ist eigentlich mit Griechenland? Oder Haiti? Stattdessen ein Oberschenkel. Uff.
46.
Weiter geht's. Uruguay weiter in Blau. Südkorea in weiß. Bum Kun Cha am Ball.
47.
Hinter dem Tor der Urus liegen ungelogen 20 Trinkflaschen. Torwart Muslera nimmt sich zwei, crusht ein bisschen Eis, zerdrückt Minze. Bietet Wolfgang Stark einen Mojito an. Der winkt ab und räuspert: »Schdust Weißbier, plies«.
49.
Grrrrrrrrrrrrrroßchance für Südkorea: Bum Kun Cha Nr. 12 setzt sich außen durch, Nr. 7 fußspitzelt das Leder knapp am Pfosten vorbei. Lugano hebt den Arm, will Abseits reklamieren. Moslera bringt zwei Frozen Daiquiri. Man versteht sich. Nicht.
50.
Nächste Gelegenheit für die Asiaten. Nr. 8 zieht aus zehn Metern auf Fleldgoalhöhe drüber. Raack schimpft: »Wie kann man den als Fußballprofi so drüber schießen?«, verschmiert sein selbstgemaltes Südkoreatrikot (VHS-Kurs Boding Painting I) und spielt die Hymne von Nordkorea. Marschiert in der Folge im Stechschritt raus. Allein sein, kann so schön sein.
54.
Perez legt Nr. 17. Stark sagt Foul. Ich hingegen finde, Perez ist bisher einer der Fleißigsten.
57.
Was soll man sagen? Südkorea übernimmt das Spiel nun vollständig. Uruguay lungert auf dem Feld wie ein großer blauer Berg. Streckt die Beine in den Himmel, neben ihm da liegt ein Zwerg. Doch der Zwerg, das ist ja Otto und der Berg ein ganzes Land, das ist freundlich und kann sprechen und ist überall bekannt.
61.
Das Spiel in Kurzform: Lang-lang-kurz-lang-kurz-lang-lang. Wir melden: SOS.
63.
Kohler hat Recht, es ist alles ein wenig langweilig geworden. Man könnte auch meinen: Das Spiel hat WM-Niveau erreicht. Dafür hat Südkorea reagiert und endlich, endlich!, Dong-Gook Lee gebracht. The man, the legend. Immer der beste Warmläufer in der Geschichte von Werder Bremen. Wurde eigentlich nie eingewechselt, machte dafür lustige Übungen vor der Ostkurve und erhielt zum Dank Gesank: »Dong-Gook (sing: Gong) Lee!! Dong-Gook Lee!!« Tolle Zeiten damals, als Bernhard Trares noch mit »Bernhard Trares - Fußball-Gott!« begrüßt wurde...
67.
Und: TOOOOOR!!! 1:1 durch Südkoreas Chung-Yong Lee. Der kleine Mann steht nach einer Flanke einfach fröhlich in der Gegend rum, bekommt aus heiterem Himmel den Ball auf den Kopf und plötzlich ist die Kugel drin. Die Vertreter aus Asien haben endlich verkauft, Uruguay wurde für Fußball in Zeitlupe bestraft. Und wir, wenn wir Pech haben, müssen in die Verlängerung.
70.
Und wieder Lee, alleine vor dem Tor von Muslera, doch er nimmt die Innenseite, nicht den Spann. Hat wohl damals in der E-Jugend nicht aufgepasst, der Mann. Muslera (7 Jahre) hält.
72.
Jetzt fallen die Bälle wir reife Trauben auf die Tore. Endlich Erntezeit! Suarez versucht sich, scheitert aber gleich doppelt. Korn.
74.
Wahnsinnstat von Kohler! Im Büro droht die Glastür durch starken Zug zu zerschellen, doch kurz vor dem epischen Aufprall ist der Mann aus dem Ticker-Township da, raubkatzenhaft springt er zum Griff und bewahrt uns vor dem Fiasko! Fast so spannend, wie dieses Spiel.
75.
Lodeiro ist im Spiel. Klingt wie Matthäus auf spanisch. Wenn er jetzt einen 50-Meter-Sprint ohne Tricks mit einem Dampfhammer ins linke untere Eck abschließt, gibt es keinen Zweifel mehr.
77.
Hm, nettes Angebot. Auf Videotexttafel 351 gibt es laut Schmidt »lustige Zahlenspiele für zwischendurch«. Kohler schaut mal rein und wird von einer 88 mit Glatze verprügelt. Danke auch, ZDF!
79.
TOOOOR!!!! Luis Suarez bekommt den Ball an der linken Strafraum-Kante (Kohler: »Die Zona del Piero!!«), zieht mit rechts ab und hebt die Kugel an den langen Pfosten. Der bittet das Spielgerät freundlich nach innen und Uruguay führt mit 2:1. Sensationelles Tor, versuchen wir nachher mal nachzumachen.
82.
Episches Wrestlingmatch zwischen Perez und Nr. 4. Der Ellbow-Drop von Perez wird gekontert von einem Würgegriff der Nr. 4. Irgendwo ist ein Ball, nur wo? Forlan schleppt einen Tisch ran, Suarez steht auf dem dritten Seil. Stark setzt zum Finishing Move an: Die gelbe Pappe für Nr. 4. Eins, zwei, drei. Aus.
85.
Rasenkraftsportler Schmidt, der nebenbei einen Kommentator für das ZDF imitiert, redet nun von der »mentalen Kraft«, die Südkorea fehlt. Raack fragt: »Was soll das denn mit Zähnen der Südkoreaner zu tun haben?« Gute Frage: Was soll das?
87.
Nr. 20 allein vor Moslera. Schiebt den Ball durch dessen Hosenträger, doch der Ball bleibt im klitschnassen Rasen hängen und taumelt nur bis kurz vor die Linie. Schmidt faselt: »Riesentat«. Wir schlagen im ZDF-Wörterbuch nach und finden: Riesentat, die --> neues Wort für: Schwein gehabt oder Torwartfehler.
90.
Noch drei Minuten. Drei Minuten bis zum Sonnenbad im Park. Drei Minuten bis zum kühlen Bier. Drei Minuten bis diese überraschend miese WM einen überraschend uruguayanischen Viertelfinalisten hat.
90.+2.
Schmidt weiß: »Südkorea muss jetzt schnell ein Tor machen.« Cleveres Kerlchen. Wir wissen: Wenn das passiert, essen wir unsere Socken. Dumpfbacken.
90+3.
Aus. Over. Ende. Uruguay, der erste Weltmeister ist nun auch die erste Mannschaft im Viertelfinale. Südkorea hat gerackert, war besser. Aber Pustekuchen. Denn Uruguay hat Suarez. Bingo. Die K.O.Runde ist eröffnet und vor allem Südkorea nahm die Sache ernst. So viel Gelaufe sieht man sonst allenfalls auf der Trabrennbahn. Am Ende entscheidet ein Mann, der aussieht wie Roy Makaay in Zahnbehandlung das Spiel. Zwei Tore von Suarez, eine Menge Bum Kun Chas und ein Wolfgang Stark mit Pickeln. Was soll man sagen, nach einer weiteren Ladung Fußballrohkost schlendern wir raus in das kleine bisschen Restsonne. Das solltet ihr auch tun, liebe Fans. Denn in zwei Stunden kommt der nächste Kracher: Ghana - USA. Farewell.



