Samurai aus der Tube
Dänemark-Japan im 11FREUNDE-Liveticker
Text: Lucas Vogelsang und Benni Kuhlhoff Bild: Imago
Dänische BigMäcs über dem Verfallsdatum werden von blauen Duracell-Samurais aus dem Turnier gewaschen, wie lästige Ketchupflecken. Zurück bleiben nur traurige alte Männer. Der Liveticker hat mitgeschrubbt!
20:04 Uhr
Schüchtern wie ein kleines Rehkitz schleiche ich durch die menschenleeren Redaktionsräume. Mein erster Ticker seit, ja, seit wann eigentlich? Gefühlt seit dem WM-Finale 1990. Ach, was waren das für Zeiten: Andy Brehme, Maradona und ich selbst mit einer Plauze, für die ich mich nicht schämte. Und jetzt? Diese WM: Tröööt, Kathrin Müller-Hohenstein und ein Topspiel zwischen Dänemark und Japan. Dänemark und Japan... Das muss man sich mal auf den Arschhaaren zergehen lassen. Diese Mannschaften hätten früher nicht Mal ein Praktikum bei der WM machen dürfen. Ächz.
20:10 Uhr
Zurück zu den wirklich interessanten Dingen. Vogelsang kommt reingezwitschert. Der Großmeister des Tickers, nun ja, tickert mir seinen Tag. Zwischen »Fucktag« und »umschmeißen« und einem Schimpfwort, das ich noch nie gehört habe, steige ich aus und träume vor mich hin: Vogelsang ist eine Geisha und ich Fleming Poulsen mit einem Hamburger unter der Achsel geklemmt. »Locker vom Hocker«, wie man damals (1992) noch gesagt hätte. Ach, auch ein tolles Turnier. EM in Schweden. Stattdessen, lassen wir das besser. Los geht's.
20:15 Uhr
Olli Kahn spricht von der Lockerheit der Dänen, die laut ihm nur »eine Masche« ist. Sein Versuch, seine Worte dabei ein bisschen locker laufen zu lassen, ist wohl auch nur ein Masche. Eine Laufmasche quasi.
20:20 Uhr
Das ZDF schaltet ins Stadion, das so voll ist, als würden sich Oer-Erkenschwick und Schwarz-Weiß Witten zum Vorbereitungskick treffen. Um sieben Uhr morgens.
20:22 Uhr
Dänemarks Mannschaft ist alt und Japans Truppe sieht aus wie ein Mangaheft, gemalt von Ottfried Fischer. Das kann ja was geben.
20:24 Uhr
Dänemark gegen Japan also, das Finale um den zweiten Platz der Gruppe E hinter Holland. Skandinavisches Dynamit gegen die Duracellhasen aus Fernost. Die Olsen-Bande muss gewinnen, um die nächste Runde zu erreichen, den Japanern reicht ein Unentschieden. Uns reicht ein Spiel, das uns vage an Fußball erinnert. Mit Torraumszenen und Doppelpässen, mit Flanken, die Stürmer finden, die sich nicht gerade selbst finden müssen. Oder zumindest mit einem Kommentator, der es schafft, 90 Minuten nicht einmal Sushi oder Samurai zu sagen. Aber das ist vielleicht zu viel verlangt. Es ist ja schließlich WM. Im ZDF. Und schon wird Oliver Kahn eingeblendet. Harakiri-Fernsehen wie Sushi zum halben Preis. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Gleich geht's los!
20:27 Uhr
Die Mannschaften stehen im Tunnel. Im Off eine wenig vertraute Stimme, die sonst vielleicht das Wort zum Sonntag verliest oder das Kleine Fernsehspiel anmoderiert. Sie sagt: “Willkommen” und dann gleich: “Die japanischen Samurai”. Eigentlich Zeit zu gehen. Aber so leicht geben wir nicht auf. Ohnehin kommen jetzt die Hymnen und übertönen die erste Analyse der Stimme: “Beide Teams mit einer Niederlage gegen die Niederlande.” Da legt's Dich nieder.
20:30 Uhr
Eigentlich Zeit für den Anstoß. Aber Nicklas Bendtner ist noch nicht da, muss sich erst noch einen Schienbeinschoner aufs Bein malen. Da ist die Fifa sehr genau. Bendtner bekommt also einen kleinen Kasten mit Fingerfarbe und schwärzt sich das Bein. Währenddessen prüft der Schiedsrichter die Tonleiter seiner Trillerpfeife. Sitzt tadellos. Alles stimmig. Auch Bendtner ist da. Anpfiff. Im gestrichenen Fis.
1.
"Der Schiedsrichter pfeift mir bereits zu viel, der ist ja schließlich kein Dirigent", amerellt die Stimme, die jetzt schon zu viel redet. Sechzig Sekunden Ewigkeit.
3.
Die Dänen spielen auf Sieg. Und das von Anfang an. Doppelpass zwischen Rommedahl und Tomasson, bei denen man immer zwei Mal auf den Spielberichtsbogen schauen muss, um zu überprüfen, ob das wirklich die Tomasson und Rommedahl sind, die schon gespielt haben, als Carsten Ramelow noch als Deutschlands Jahrhunderttalent galt und die Deutschen noch dachten, dass Erich Ribbeck ein guter Trainer ist.
5.
Dänemark versucht es gegen die im Schnitt sechs Zentimeter kleineren Japaner mit einem probaten Mittel: Flanken. Tomasson aber kann aus seinem Größenvorteil keinen Nutzen ziehen, sieht neben seinem Bewacher nur so lächerlich riesig aus, wie Chevy Chase neben Paul Simon. Du kannst mich Al nennen.
7.
Im Gegenzug die Japaner mit einem Freistoß, der gefährlicher wird, als er eigentlich hätte sein dürfen, weil Sörensen im Flug altert.
10.
Wir hatten hier eigentlich einen langsameren Beginn erwartet. Höfliche Japaner, die den Gegner mit Verbeugungen empfangen und noch ein paar Fotos vom Spielball machen, bevor sie mit ihrem nimmermüden Marathonfußball beginnen. Aber beide Mannschaften halten sich nicht mit störender Etiquette oder Förmlichkeiten auf. So entsteht in diesen ersten Minuten ein Spiel wie ein dänischer Dogma-Film, das mit allen visuellen Konventionnen dieses Turniers bricht. Die Optik verwischt, als würde es mit einer Handkamera gefilmt. Und wir bleiben staundend zurück. Als Idioten.
14.
Riesenchance für Dänemark. Wieder Tomasson, der den Ball um einen Milimeter am Tor vorbeilegt, die Stimme überschlägt sich, und Tomasson versucht in einem Loch im Rasen zu versinken, holt sich dann Bendtners Fingerfarbe und malt sich eine Sonnenbrille ins Gesicht. Fußball inkognito.
17.
TOOOOOOOOOOOR. Japanesen und Japanesinen, schön, dass ich das erleben darf. Der blondeste Honda seit dem knallgelben Civic meines ehemaligen Schulkollegen knallt einen Freistoß von halbrechts direkt rein. Der Ball schreibt auf seinen knapp 25 Metern Flugweg ein eigenes Märchen, das am Boden anfängt, in seinem Mittelteil leicht flatterig wird und am Ende ins Eck klatscht wie ein Sparringspartner von Mike Tyson. Wenn man in den Achtzigern leben würden, dann würde man jetzt »megageil« schreien.
19.
Und die Dänen? Die tun so, als sei nichts geschehen. Diese Höllenhunde in rot. Diese nordischen Hünen. Kühl bis unter den blondierten Blondschopf. Motiviert bis in die quietschorangen Fußbspitzen. Stockfehler Rommedahl (Vergesst die ersten fünf Sätze dieses Eintrags. Sie wurden nie geschrieben.) Die Dänen geschockt.
21.
Und dann doch: Tomasson versucht sich zum zweiten Mal an so etwas wie einem Fallrückzieher. Das mit dem Fall lief richtig gut. Ein Dank an die Erdanziehung. Die Sache mit dem Rückzieher sollte er noch üben. Er ist ja noch jung. Nicht.
24.
Jacobsen muschelt sich über die rechte Seite, versinkt aber schließlich doch im meerblauen Trikotstoff eines Japaners. Alles andere als Feinkost.
26.
Wer immer diese Stimme da im ZDF ist, er sollte lieber Dressurreiten moderieren. Oder Turmspringen. Oder irgendwas anderes, was niemanden interessiert (außer Turmspringer/innen, Dressurreiter/innen und Pferde).
28.
Der Schiedsrichter erinnert optisch an eine Mischung aus Telly Savalas und einer Kugel Karamel-Eis und gestikuliert wie Louis de Funés höchst persönlich. Und wenn man ihm so bei der Arbeit zusieht, muss man automatisch an Cartman denken:
30.
Freistoß für Japan. Und schon wieder drin die Murmel. Oder besser gesagt: Tooooooooooor. Nach Honda trifft Endo. Oder besser streichelt. Sörensen kann sich da so lang machen wie er will. Diese Japaner. Und Dänemark? Die sind weiterhin vor allem alt.
32.
Morten Olsen steht an der Seitenlinie wie ein Mann vor der Ruine seines niedergebrannten Hauses. Die Fassunglosigkeit hat ein Fragezeichen in sein Gesicht gebrannt. Zwei Minuten lang bewegt er sich gar nicht, dann wechselt er Poulsen ein. Welchen der Poulsens, weiß er wahrscheinlich selbst nicht. Er reagiert einfach, weil er reagieren muss, weil irgendwas passieren muss.
35.
Die Altherrentruppe von Morten Olsen scheint sich langsam wieder zu fangen, versucht in Japans Strafraum mit dänischem Dynamit zu fischen. Doch die Japaner zucken nicht mal. Echte Walfänger bringt so etwas eben nicht aus der Ruhe.
37.
Großes Manko im Spiel der Dänen: Nicklas Bendtner steht zwar im Sechzehner der Japaner wie ein Leuchtturm, ist aber bisher auch so beweglich wie ein Leuchtturm. Auch deshalb laufen die dänischen Angriffe immer wieder auf Grund.
39.
So wie die Amerikaner 1941 in Pearl Harbour von der Kamikaze-Taktik der Japaner überrascht wurden, so standen die Dänen den japanischen Freistößen gegenüber, die plötzlich aus dichten Wolken vor ihnen auftauchten und in ein paar Jahren als Schwarzweißbilder in einer Geschichtsdoku auf N24 laufen werden.
41.
Jetzt versuchen es die Dänen mit einem Freistoß, doch im Vergleich zu der Honda-Performance wirkt Poulsen nur wie eine Simson von 1973.
43.
Die Stimme des ZDF ist sich nun auch sicher, dass die Japaner hier nicht mehr zu schlagen sind, intoniert deshalb "Big in Japan". Dänemark verhält sich derweil zu überlegtem Fußball wie das Guano Apes-Cover zum Alphaville-Original.
45.
Der Schiedsrichter pfeift, Morten Olsen zuck zusammen, erwartet den nächsten japanischen Freistoß. Als er merkt, dass es der Halbzeitpfiff ist, beginnt er vor Erleichterung zu weinen. Also: Halbzeit. Japan ist Weltmeister. Im Freistoßen. Und Dänemark bleibt jetzt nur noch, um eine Hochstufung in die Ü-40-Liga zu bitten. Dann darf auch Stif Töfting wieder mitspielen. Hoffnung kann so hässlich sein.
21:25 Uhr
Einziger Trost für Olsen: Es geht immer noch schlimmer. In Wimbledon mussten der Franzose Nicolas Mahut und der Amerikaner John Isner über elf Stunden Tennis spielen, weil die All England Championships keinen Tie Break im letzten Satz zulassen. In einem Match über drei Tage durfte der Schiedsrichter nicht zur Toilette und eine Frau wurde mit einem hysterischen Lachkrampf ins Krankenhaus eingeliefert. Dann doch lieber einen schnellen Tod durch ein blaues Samurai-Schwert sterben.
21:29 Uhr
Skurrile Halbzeit: Delling und Netzer haben sich als Müller-Hohenstein und Kahn verkleidet. Giggeln sich einen ab, als hätten sie hastig drei Glas Prosecco inhaliert. Netzerkahn lacht sich kaputt über Torwartfehler, die keine sind und zitiert seinen Lieblingszitat aus der Erfolgsserie »Fackeln im Sturm«. Wir rezitierten: »Fackel«
45.
Weiter geht's mit Honda, Endo, einem Flatterball, Takeshi und einer Horde Dänenrentner auf Freigang.
48.
Wieder Freistoß Japan. Wieder Sörensen mit einem gegriffenen Luftloch. Das ganze entwickelt sich zu einem Running Gag. Ist dabei ähnlich lustig wie Pupsen in einer Männer-WG. Netzerkahn giggelt. Dellinghohenstein füllt Puffbrause nach.
50.
Dänemarks Spiel nach vorn ist wie ein Autounfall. Man will weggucken, aber kann nicht.
52.
Was sage ich? Tomasson, hat den Ausgleich auf dem Fuß. Steht frei vor dem Tor und legt das Ding daneben. Guckt noch mal genau auf seinen Schlappen. Doch da ist kein Ausgleich, sondern Scheiße drauf. Der Andi-Brehme-Trick.
53.
Man mag mich »Kind des Fernsehens« nennen, aber immer, wenn ich Japan spielen sehe, hoffe ich auf eine dieser Comicszene aus »Kickers«: Einer steigt hoch zum Ball, einen Meter, zwei Meter, zehn Meter und monologisiert während seines Steilflugs seine Lebensgeschichte plus all die Probleme des Lebens, die an seinem Schuss hängen. Pickel, Mädchen und der Weltfrieden. Der übliche Kram. Im Hintergrund zischt und zuscht es und am Ende kommt eine Superschuss übers halbe Feld. Aber nix da: Bei Dänemark kommt Sören Larsen. Definitv kein Mann für Höhenflüge.
56.
Olsen schreibt einen Zettel auf der Bank. Vielleicht ein Eilantrag bei der FIFA? Wir linsen mal mit unserer patentierten 11FREUNDE-Speziallinse drauf: »Hiermit fordere ich, der Märchenonkel von der Außenlinie, dass dänische Mannschaften ab sofort Spiele noch einmal neu beginnen dürfen, wenn sie nicht nach ihren Vorstellungen laufen. Im Gegenzug verspreche ich (zur Erinnerung: Ich bin der Märchenonkel von der Außenline, guck mal, winke, winke) nie mehr einen Spieler in den Kader nominieren werde, der jünger als 32 ist. Stimmen sie zu? Ja! Nein! Vielleicht!«
58.
Japan begeistert sich weiter an sich selbst, wie sonst nur japanische Geschäftsleute beim Karaoke. Doch es sind die Dänen, die wie ein leeres Orchester spielen.
60.
Wir lauschen weiter in den Resonanzraum dänischer Angriffsversuche und hören: Nichts. Keine Musik, nirgends. Olsen will A-ha bringen, die sind aber Norweger, Björk kommt aus Island, Robyn ist Schwedin. Früher hatten die Dänen wenigsten Aqua, die Band mit dem Barbie-Song. Aber jetzt? Jetzt kommt gleich der nächste Poulsen. Doch auch für diesen Wechsel gilt: Wenn man nicht singen kann, dann sollte man schweigen.
63.
Wenn die Japaner noch ein Tor schießen und Kamerun geht gegen Holland in Führung, weiß die Stimme, ist Japan Gruppenerster. Genau. Und wenn man beim ZDF alle Buchstaben verändert, läuft dieses Spiel plötzlich auf RTL.
65.
Dänemarks Offensive bleibt weiter so einfallslos wie der Ghostwriter von Stephen King, nur dass Kings Bücher mit den variabel verschobenen Zutaten, Nacht, Psychose, Einsamkeit, Messer und religiöse Bezüge noch immer Bestseller werden. Dänemark aber verkauft sich hier bisher unter Wert.
67.
Sicher ist: Wenn die Stimme im ZDF noch einmal Blaue Samurai sagt, schalten wir um und tickern eine Folge von den Teenage Mutant Hero Turtles, in der man erfährt, wie Meister Splinter eine Ratte wurde, und mit welchem der Schildkröten April ein Verhältnis hat. Denn auch hier passiert weiter nicht mehr viel, weil die Japaner das Spiel mit der ihnen eigenen Geisteshaltung des überlegten Konterfußballs nach Hause bringen: Immer auf der Lauer und immer etwas schlauer.
70.
Dänemark gibt auf. Das hat sich abgezeichnet, seit Olsen Sören Larsen gebracht, den dänischen Victor Agali. Wollte Olsen eigentlich Torgefahr erzeugen, erzeugte bisher nur einen Lachanfall bei Larsens Ex-Trainer Peter Neururer.
72.
Die neue Taktik der Dänen nach Larsens Einwechslung: Lange Bälle und hohe Flanken auf Bendtner und eben jenen Larsen. Das ist in etwa so einfallsreich und unvorhersehbar wie früher der Boxstil Henry Maskes. Gentleman-Boxer. Lächerlich.
75.
Plötzlich aus dem Nichts ein Lattenschuss von Sören Larsen. Eine pantomimische Darstellung artfremden Verhaltens. Doch es passiert nichts. Und so wirken die Dänen nur wie traurige Hunde mit Katzenjammer, so existenziell verwirrt wie Jon Arbuckle in einem Garfield-Comic aus dem alle Garrfields entfernt wurden.
81.
Elfmeter Dänemark. Und Zitteraal Tomasson legt sich die Kugel hin. Der wohl älteste Defibrillator der Fußballgeschichte schießt dem japanischen Torwart an die Brust. Mööööp. Macht ihn dann aber doch rein. Aber kein Tomasson ohne Slapstickeinlage. Der Ex-Gefahrenherd hat es geschafft, sich beim Nachschuss zu verletzen. Wo ist die Torte in die er hineinfallen kann? Wo ist die Spritzblume? Clownsschulen sind eben doch nicht mehr das, was sie mal waren. Also weiter schnöder Fußball: Tor Dänemark. 2:1. Sollte jetzt noch so etwas wie Spannung aufkommen, schmeiß ich eine Runde Corega-Tabs. Oder was nimmt man nochmals zur Beruhigung?
84.
Jetzt schlingeln sich wieder die Japaner nach vorne. Ein Angreifer mit vielen Vokalen in seinem Namen will Sörensens Brust zersplittern. Klappt nicht. Irgendwo pfeift eine Lunge. Oh Mist, meine.
87.
Mitten in die Millisekunden Fußballatmosphäre kommt wieder der Japaner Honda angebraust. Legt ab auf Okasaki (oder so) und dann Tooor. Dänemark ist draußen wie Mutter Natur. Wie ein Milchzahn. Wie Italien. Wie die gesamte alte Fußballwelt. Wie alles, was raus sein kann. Außer Tiernahrung.
89.
Das Spiel läuft noch, ist aber entschieden, die Dramaturgie damit aufgehoben. Beide Teams stehen sich jetzt nur noch gegenüber wie ein Ehepaar, das sich nicht mehr viel zu sagen hat, bei dem beide Partner wissen, dass es nichts mehr zu sagen gibt, weil alles gesagt, alles vorbei ist. Doch bis zur Scheidung müssen sie vor den Kindern und den Bekannten zumindest noch so tun, als gäbe es, um das es sich zu kämpfen lohnt. So zeigen die Dänen noch ein paar Alibi-Angriffe und lächeln dabei ein Lächeln, das nur dick aufgetragene Schminke ist. Und die Japaner verteidigen bis zum Schlusspfiff, rennen und kontern aus fernöstlicher Höflichkeit. das ist jedoch nur oberflächlich schön anzusehen, weil unter der Oberfläche längst keine Spannung mehr zu finden ist.
90.
Abpfiff. Scheidungsanwalt Damon, immerhin der letzte Südafrikaner in diesem Turnier, erlöst die beiden Mannschaften. Japan lächelt als Sieger. Die Dänen verabschieden sich mit unsichtbaren Tränen. Viele von ihnen wird man auf der großen Bühne einer WM nicht wiedersehen. Tomasson humpelt in den Sonnenuntergang. Mach's gut alter Mann und grüß' die Laudrups.
22:30 Uhr
Märcheninterview direkt nach Spielschluss. Ein O-Ton-Gierhals vom ZDF fragt den Wolfsburger Hasebe Fragen, die keine Antwort wert sind. Hasebe versteht offensichtlich überhaupt nix, grinst, grinst, grinst, grinst, guckt, grinst und sagt: »Unglaublich!« Guter Mann, wäre einer für uns.
Japan schlägt senile Dänen mit 3:1, die lange so spielten als hätte ihr Trainer tatsächlich die Olsen-Bande reaktiviert. Oder zumindest deren Niveau. Während die Marathonmänner aus Fernost gleich weiter ins Achtelfinale rennen, um nun Paraguay mit ihrem Kamikaze-Fußball aus dem Weg zu räumen, müssen die Dänen feststellen, dass auch Big Mäcs ein gewisses Verfallsdatum nicht überschreiten dürfen.
Schlimmer als der dänische Fußball am Rande einer Lebensmittelvergiftung war nur der Kommentator des ZDF, der früher mal das Upps in Dingsda war. Sollte der sich für das Achtelfinale qualifiziert haben, droht uns ein neuer Manipulationsskandal.
Der Ticker verabschiedet sich deshalb jetzt schon mal präemptiv ins Café King. Gute Nacht!



