TimEto'o say Goodbye
Kamerun-Dänemark im 11FREUNDE-Liveticker
Text: Dirk Gieselmann und Ron Ulrich Bild: Imago
Die unzähmbaren Löwen – der unverdienteste Kampfname aller Zeiten! Mit 1:2 unterliegt Kamerun Dänemark und fliegt als erste Mannschaft nach Hause. Was ja auch was für sich haben kann. Je nach Privatleben. Der Liveticker macht den Hausbesuch.
Schreck lass nach: Dänemarks Nationalmannschaft soll einen »Maulwurf« im Team haben. Sagen jedenfalls die heimischen Zeitungen und die müssen es ja wissen. Rasenliebhaber Morten Olsen hat schon abgewiegelt: »Bei uns tratscht keiner!« Das soll er mal lieber uns überlassen. Ab 20:15 Uhr im 11FREUNDE-Liveticker: Die Wildtier-Experten Dirk Sielmann und Ron »Irwin« Ulrich!
20:11 Uhr
Wir haben den Maulwurf gefunden und unschädlich gemacht. So. Das saß. »Oh, nein«, heult Kollege Ulrich plötzlich. »Das war ein echter Maulwurf! Die meinten das doch metaphorisch!« Meta was? Hauptsache, der Garten ist tadellos.
20:14 Uhr
Matze Schoko-Mutti im Interview. Der Franke spielt für Kamerun, machte neulich noch Werbung für die FCN-Heizdecke. Auch jetzt spricht er, als wäre ihm zu warm, kriitisiert Trainer Paul Le Guen. »Es ist jetzt nicht so, dass wir eingespielt wären.« Und das wird sich bis zum Anstoß wohl auch nicht mehr ändern.
20:17 Uhr
Kollege Ron Ulrich, der seinen Namen wegen Ron Wood von den Rollings Stones trägt, macht den street fighting man, prügelt sich mit einer Laterne. Grund: Er hat gestern Abend RTL geschaut und wurde deshalb Zeuge, wie Das Gespann Jauch/Klopp Wayne Rooney verarschte. Dazu spielte die Hermes House Band, wie Ulrich, der nach seinem verlorenen Duell mit der Laterne inzwischen wieder hier angekommen ist, zuckend berichtet. »Wenn ich England wäre«, verkündet er, »würde ich uns den Krieg erklären.«
20:21 Uhr
Gute alte ARD. Gerd Gottlob berichtet aus dem Willy-Reimann-Container, liest die Aufstellungen vor. Eto'o gegen Poulsen, das ist wie Apollo Creed gegen Rocky ohne Rocky. Jetzt der Schwenk in den Spielertunnel, der aussieht wie eine Turnhalle in Castrop-Rauxel. Es riecht nach Turnmatten und Achtklässlern, gleich kommt der lustgreisenhafte Sportlehrer und prüft, ob die Turnhosen auch ordentlich in den Schritt gerissen wurden. Zackzack.
20:25 Uhr
64 Spiele sind es, und als wäre das nicht genug, müssen wir auch 64 Mal diese ganze Eröffnungszeremoniescheiße über uns ergehen lassen, die jedes Mal aussieht, als wenn Sven Martinek (»Der Clown«) einen Möbelmarkt eröffnet. Wenn sie wenigstens singen könnten!
20:27 Uhr
Doch was ist das? Sie KÖNNEN ja singen. Die Dänen tirilieren wie Daniel Westling aussah, als er heute Nachmittag die schwedische Perle heiratete. Schmalzig, aber auf perfide Weise schön. Kollege Ulrich weint leise. Aber nicht wegen der Hymne, sondern weil sein Lieblingsspieler Ebbe Sand nicht mehr dabei ist. Und weil Jürgen Rüttgers nicht mehr regieren will.
1.
Und Ebbe Sand weint selbst, weil er nicht dabei ist und streicht noch einmal über die Torjägerkanone von 2001. Stattdessen schicken die Dänen Egon, Kjeld und Benny Olsen auf das Feld. Dazu der doppelte Poulen, Christian und noch einer. Nicht Flemming. Der streicht Ebbe Sand über die Schulter.
4.
Dazu auch Umstellungen bei den dänischen Zeitungen. Es ist WM, das ist hart, deswegen haben die Karikaturisten der Zeitungen frei. Keine brennenden Fahnen mehr, statt Karikaturisten nur Afrikatouristen. So spielen die Dänen auch, Eto'o kann unbedrängt am Tor vorbei schießen. Realsatire.
7.
Poulsen schickt Rommedahl mit einem Riesenpaß, doch der verzieht. Nach Schweden wahrscheinlich. Da ist ja jetzt ne Stelle als Fitnesstrainer frei.
10.
Da haben die Kameruneraneristen wohl gepennt. Die unzähmbaren Löwen sind sich nicht ganz gelb-grün mit Trainer Le Guen. Ein unbeliebter Franzose als Trainer – auf jeden Fall ein Trend dieser WM.
11.
TOOOOOOOOR für Kamerun; 1:0! Samuel Eto'o nutzt einen Fehler von Poulsen. Le Guen ist doch wieder beliebt ,und jetzt muss Ebbe Sand kommen bei Dänemark. Oder der schwedische Fitnesstrainer mit einem Ja-Wort. Ganz egal.
14.
Kamerun wie aufgedreht, will unbedingt die Cola-Flasche ans Ende der Welt bringen. Die Götter müssen verrückt sein.
16.
Grönkjaer mit dem Schuss seines Lebens, doch Nkoulou klärt. Va fanculo.
18.
Mal ein Wort zu den Trikots: Von außen sieht das aus wie Ivan Lendl gegen Andre Agassi bei den French Open 1991. Weiß gegen Bunt. Was auch heißt: Eine Idee gegen viele Ideen. Mizuno gegen Nike. »Bei uns hieß es immer: Schildkröt oder Joola!«, protzt das ewige Tischtennis-Talent Ron »Speedy« Ulrich. Und da fällt ihm wie aus dem Nichts eine Platte auf den Kopf. Gar nicht mal so schade.
22.
Im Umlauf sind bisher vier verschiedene Aussprachen von Paul Le Guen – und die allein in Gerd Gottlobs Kopf: Poool Lö Gwen, Poll Lä Gänn, Paul Le Gü-Än und nicht zuletzt Porl Lee Gjen. Hoffentlich werden Antoine de Saint-Exupéry und Valéry Giscard d'Estaing nicht eingewechselt!
26.
Beim Googeln des Namens stoße ich auf folgenden Artikel: »Hatte Giscard d'Estaing ein Verhältnis mit Lady Di?« Für mich bricht eine Welt zusammen, alles gerät aus den Fugen, ich muss meinen Lad-Di-Schrein abreißen, kann nicht weitermachen. Ich höre jetzt noch einmal »Candle in the wind«, dann ist dieses Leben für mich gelaufen. Ciao, liebe Fans.
28.
Und da rennt George Foreman durchs Bild, kommt direkt vom »Rumble in the Jungle«. Er zettelt die erste La Ola der WM an, die Le Guen aber durch einen Ali-mäßigen Rope-A-Dope ins Leere laufen lässt. Technischer K.O.
30.
Sie wetzen, sie schwitzen, sie wollen, aber das alles kann auch die dicke Joggerin in der Yogurette-Werbung. Wer auf Rambazamba gehofft hatte... wird NICHT enttäuscht! Denn TOOOOOOOOOOOOOOOOR! Bendtner! Das lange Elend aus Kopenhagen! Flachflanke Rommedahl, und der Mittelstürmer grätscht ihn rein. »Viele sagen: Das ist der kommende Star der Dänen«, so Gerd Gottlob, was wir mal so schlucken wollen, wenn er uns verspricht, dass er der gehende Star der ARD ist.
33.
Morten Olsen, die Mutter Beimer des dänischen Fußballs, ist's egal. Er bleibt sitzen. Jetzt hat er den Platz so schön angewärmt, das macht er sich doch nicht freiwillig zunichte! Und überhaupt: Wann bringt der Kellner endlich den Bienenstich? Das ist die beschissenste Kur, die er je gemacht hat. Ach! Bad Gandersheim!
36.
Boden-Boden-Flanke in den dänischen Strafraum, alle schauen, warten auf die Explosion. Aus. Nie wieder Krieg!
37.
Mutter Beimer scherzt jetzt mit der anderen dicklichen Frau neben ihr, freut sich tierisch auf den Ball der einsamen Herzen. »Du, der Jürgen, der ist zwar schon 77, aber der hat so elastische Beine.« E-kel-haft.
39.
Dirk Gieselmann ist noch völlig fertig nach dem Ausgleich für Dänemark.
»Das liegt an den Trikots. Früher war alles besser«, sagt er, während er mit dem alten Einteiler aus Kamerun auf dem Sofa weint. Nur leider hat sein Einteiler nichts mit Fußball zu tun.
42.
Die Ereignisse überschlagen sich. Tomasson vergibt für Dänemark, Eto'o und Emana für Kamerun beste Chancen. Die Zuschauer sind aus dem Häuschen, die LaWelle schwappt durchs Stadion, das sich anhört wie gelallt. Tshwane. Nur wen und wovor?
45.
Halbzeit 1:1. Was für ein Spiel – nicht einmal gegähnt und Torchancen auf beiden Seiten. Ein inneres Ballermannfest für DJ Ötzi, ein innere Trauung mit einer Kronprinzessin für einen Fitnesstrainer oder eine innere Minderheitsregierung für Hannelore Kraft. Nur Gieselmann schweigt, für ihn ist das ein innerer Monolog.
21:24
Tom Buhrow und Marc Bator sind ebenso aus dem Häuschen. Buhrow verhaspelt sich häufiger als die englische Nationalmannschaft im Spiel nach vorne.
21:27
»Unbezähmbarer Löwe im Studio neben mir«, lacht Delling sich kaputt. Netzer kühl: »Versündigen Sie sich nicht«. Herrlich, wann geben sich die beiden denn auch endlich das Ja-Wort? Dagegen wäre die schwedische Trauung nur ne billige Tupperparty in Wanne-Eickel.
21:30
Gieselmann zieht sich vor Erregung seinen engen kamerunischen Einteiler, mit dem er damals den Glam-Rock begründete, aus. Zum Vorschein kommt sein Brustteppich. O mein Gott, Gieselmann hat den Kopf von Winnie Schäfer auf der Brust. Der war ja Trainer von Kamerun. Wie passend. Vielleicht hilft es.
45.
Anstoß. Wo ist eigentlich der Stein des?
48.
Elfmeter? Nö, erst mal nicht. Dieser Gottlob, erst Schreit er rum, dann wiegelt er ab, woran sollen wir jetzt noch glauben? Ulrich führt jetzt seine eigenen Elfmeter aus. Ohne Torwart. Ohne Tor. Trotzdem daneben.
51.
Wie sagte einst Marcel Reif, der Peter Scholl-Latour des Fußball-Feuilletons? »Ich will ja nicht parteiisch sein. Aber lauft, meine kleinen schwarzen Freunde!«
53.
Ecke Dänemark, die in einer Flanke mündet, die zur höchsten Erhebung Dänemarks. Nur der Ejer Bavnehøj ist höher, 170 Meter, was genau genommen verdammt lächerlich ist. Dänemark raus!
56.
Geremi am Ball. Wenn der früher auf der Konsole für Real Madrid am Start war, stand da immer sein zweiter Name: Fotso. Von dem ist jetzt keine Rede mehr. Hat er mal einen freundlichen Hinweis aus dem deutschsprachigen Raum bekommen? Aber warum hat dann nie ein Brasilianer mal Franco Foda gesagt, dass sein Name »Ficken umsonst« heißt? Brasilien raus!
58.
George Foreman hat sich inzwischen hinter der größten Sonnebrille versteckt, die ich gesehen habe, seit Boy George sich aus dem Lichte der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Und er sieht nur schemenhaft, dass jetzt ein TOOOOOOOOOOOOR fällt! 2:1 für Dänemark! Rommedahl täuscht ganz Kamerun, zieht dann ab, »mit dem schwächeren Linken«, wie Gerd Gottlob, der sich in einer verräterischen Sendepause die Transferrechte am Dänen gesichert hat, uns informiert. Kollege Ulrich vollkommen aus dem Häuschen, singt auf dem Balkon die 800 Strophen des Ebbe-Sand-Liedes: »Wer isst sein Müsli mit Krokant? Ebbe Sand! Wer schwimmt im Freibad meist am Rand? Ebbe Sand! Wer kriegt auf Dosen Flaschenpfand?« Keine Ahnung.
60.
Vom Balkon zurück. Die Hermes House Band will das Ding auf Platte pressen. Dann aber mit aktuellem Bezug: »Wer trägt im Bett nur Blouson? Jon Dahl Tomasson« und »Wer kuschelt gern mit Martha Fahl? Dennis Rommedahl!« Aber das machen wir nicht mit. Lasst uns mit euren Ecstasy-Angeboten in Ruhe. Das Zeug wirkt schon lange nicht mehr bei uns.
66.
Da ist wieder Tomasson - scheitert an Souleymanou. Der Torwart spielt für Kaiseryspor, klärt Gerd Gottlob auf. Gottlob, das glaubt dir doch kein Mensch. Er hat sich wohl von der Hermes House Band reinlegen lassen.
70.
Mo Idrissou jetzt auf dem Feld, Paul Le Guen – Kameruns Trainer – hat gewechselt. Denn Le Guen weiß: Wenn er verliert, ist er in Kamerun so beliebt wie eine Mittelohrentzündung. Dann kann er mit Domenech ins Exil gehen und Tomaten anbauen. Irgendwo in der Pampa, wo kein Mensch lebt. Die beiden fragen schon nach den Immobilienpreisen in Hoffenheim.
74.
Souleymanou macht den Schumacher, nietet einen dänischen Passanten um, trifft aber gleichzeitig den Ball. Was nun? Die Fifa-Regelkommision kriecht aus dem Fango-Becken, beginnt zu tagen. Wen soll sie bestrafen? Den Keeper? Den Passanten? Den Ball? Die Uefa? Schließlich das Ergebnis: Waldis WM-Klub wird eingestellt. Salomonisch.
77.
Es ist was faul im Staate Dänemark. Doch Jörgensen hält bravurös. Bereit sein ist alles. Der Rest ist Schweigen Oh, die Shakespeare-DVD von Time Life läuft noch. Ätzend..
81.
Tolles Spiel. Aboubaka für Kamerun mit der Riesenchance. Den hat Le Guen eingewechselt, er hatte noch tausend Vokale offen und wollte lösen. Probleme, den gordischen Knoten oder seine Verlobung. Wer weiß das schon.
84.
So ein temporeiches Spiel hat man zuletzt von frei:gespielt in der Bunten Liga Münsterland gesehen, auf Asche. Wieder Chance für Kamerun. Jetzt ist es raus: Le Guen hat okoubaka eingewechselt. Aus dem Schatz der Homöopathie. Nicht irgendein Baum, die Bewohner Westafrikas messen ihm Zauberkräfte bei. Na, dann mal los.
89.
Dänemark jetzt mit Poulsen, Poulsen und Poulsen. Und in Österreich trennt sich das Schlager-Duo Brunner und Brunner. I wer narrisch.
91.
Kamerun jetzt mit dem Wohnungsschlüssel der rausgeworfenen Ex-Freunde, der Brechstange. Können sie die Beziehung dadurch retten? Kai Pflaume kreist mit dem Herzblatthubschrauber über Pretoria.
93.
Jetzt pfeift Pflaume ab. Und Kamerun bricht zusammen wie Werner (47) von dem die kesse Biggi doch nix mehr wissen will. All you need is ein Neuanfang.
22:24 Uhr
Kamerun ist raus, die erste afrikanische Mannschaft, weitere werden leider folgen. Wann organisiert Bob Geldof ein Band-Aid?
22:25 Uhr
Netzer, der weiße Mandela, analysiert weinend. »Es kann nicht sein, dass sie sich so weit zurückfallen lassen«, verzweifelt er. Mag sein, Jünter. Wir jedenfalls lassen uns jetzt weit zurückfallen in die Erinnerung an dieses Spiel, das eines der besten war bei einer WM, die ähnlich viele Höhepunkte hatte wie Joseph Ratzinger, Ernie und Ned Flanders zusammen. »Obwohl«, so Kollege Ulrich, »man weiß es nicht bei diesen Sesamstraßenfiguren.« Toll, jetzt ist mein Fazit kaputt. Aber ich bau es nicht noch mal auf. Macht euren Scheiß doch allein, liebe Fans. Fazit Euch.



