Das Peter-Pan-Syndrom
Barcelona-Stuttgart im 11FREUNDE-Liveticker
Text: Lucas Vogelsang und Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Die verlorenen Jungs des VfB Stutgart unterliegen in Barcelona einem Argentinier, der nicht erwachsen werden will und deshalb bald der größte Spieler aller Zeiten sein wird. Die Feenstaub-Gala des Lionel Messi - im Liveticker!
Am Mittwoch um 20.30 Uhr besteigen wir den Autoscooter. In der linken Hand: Zuckerwatte. In der rechten Hand: Die Tastatur. Seid dabei.
19:47 Uhr
Komische Fußballwelt. Selten war eine Mannschaft schon vor dem Anpfiff schon so ausgeschieden wie der VfB. Während manche hoffnungslosen Optimisten noch zart Katja Ebstein zitieren, tinten die meisten den Schwabenhimmel tiefschwarz an. Dazu passt diese Nachricht: Sedar Tasci fällt aus. Der Abwehrboss hat sich die Leiste gezerrt. Niedermeier kommt für ihn. Das ist immerhin orthographisch nah am Niedergang. Mensch Meier, ich hol noch einen Eimer Farbe.
20:02 Uhr
Messi überall. Wenn man so die Sportportale abgrast, kann man denken, der VfB hätte nur diesen kleinen Argentinier gegen sich. Aber da sind ja noch Henry, Puyol, Iniesta, Ibrahimovic, ganz Karlsruhe und Markus Babbel. Uff.
20:30 Uhr
Buenas noches! aus Barcelona und willkommen zum Schwabenwunderspiel im “Kamp Nu” (Hans-Dietrich Genscher), das weit mehr ist, als nur ein ordinäres Achtelfinale mit dem Steinschleuderpotenzial eines fußballerischen David-gegen-Golith-Mythos.
Denn das Spiel zwischen dem FC Barcelona und dem VfB Stuttgart kann auch so etwas wie das letzte Spiel von Jens Lehmann auf jener Bühne sein, die der zunehmend schüttere Schlussmann persönlich für die einzig adäquate hält: der ganz Großen. Chorale Hymnen, grüner Rasen wie roter Teppich und virtuoses Starballett. Das ist die Welt Jens Lehmanns: Doch wenn der VfB Stuttgart heute nicht das Unmögliche schafft oder Rene Adler ihn nicht noch nach Südafrika stümpert, wird er sich heute aus dem Scheinwerferlicht verabschieden müssen.
Deshalb hat der gute Herr Lehmann unter der Regie von Sven Regener ein Medley seiner Karriere vorbereitet, das er heute auf den Rasen bringen möchte: Messis Schuh aufs Tornetz werfen, in die Kurve urinieren, Elfmeter mit Papierfetzen halten und am Ende das entscheidende Tor köpfen.
Wir sind uns zumindest sicher: Gelingt Lehmann all das, schafft der VfB auch die Sensation.
Ob es wirklich so weit kommt, erfahrt ihr hier!
20:35 Uhr
Die erste Einstellung des Abends hat gleich Symbolcharakter: Auf dem Rasen im Camp Nou dehnt Lehmann scheinbar nicht nur sich selbst, sondern auch die Zeit, bis all der präsenile Irrsinn aus seinem Gesicht verschwunden ist und er wieder aussieht wie vor zehn Jahren. Mit postpubertärem Irrsinn im Gesicht.
20:36 Uhr
Bei sky gibt Rolf Fuhrmann, der Ende der 80er im Samson-Kostüm Teil des Sesamstraßen-Ensembles war, wieder den Feldreporter, muss sich aber beim Interview mit Horst "the Hobbit" Heldt so weit bücken, dass er einfach in der Mitte durchbricht. Sky stoppt daraufhin die Liveübertragung, bis Fuhrmann wieder ganz ist. Wir schalten um auf Sat1.
20:38 Uhr
Die Sendung, die früher mal »ranissimo« hieß und heute der Einfachheit halber »ran« preist den großen Champions League Abend an. Groß, das passt auch zu Kerners Bushido-Gedächtnis-Daunenjacke. Noch besser passt da nur: Zu groß. Lichtgestalt Firlefranz bleibt bayrisch-bieder. Trägt eine alte Steppdecke auf. Und redet und redet und redet und redet und redet und redet und redet und redet und redet. Sat.1 schaltet den Ton ab. Groß.
20:41 Uhr
Auf Sat1 läuft eine 90er Bad Taste Party. Wie zu besten SuperFuxx-Zeiten hat die ran-Redaktion wieder ganz tief in die Satire-Kiste gegriffen und ein Gespräch zwischen Christian Groos und Sami Khedira neu synchronisiert. Das ist in etwa so innovativ wie neue Crime-Serien auf RTL und so lustig und traurig zugleich wie Rolf Fuhrmann als Samson. Kollege Kuhlhoff versucht sich dann auch geschockt mit einem Schnuffeltuch zu ersticken.
20:45 Uhr
Die Mannschaften stehen im Kabinengang. Dazwischen Phantomas und auch Christian Ulmen, der heute wieder den Lehmann geben wird. Dann noch die Hymnen und dieses Spiel beginnt. Endlich.
1. Minute
Anstoß. Das Nou Camp tost, der VfB drängt auf ein Wunder. Aber erst mal: Messi. Der potenzielle Wunderzerstörer dieser Partie.
3.
Erste Chance für Barca, erste Abschiedsgeste von Jens Lehmann, von dem Trainer Gross heute ein Jahrhundertspiel erwartet. Noch merkt man ihm den Druck nicht an. Seine Gesichtszüge wirken wie immer. Irgendwo zwischen finsterer Arroganz und arroganter Finsternis.
5.
Beide Mannschaften haben die Abtastphase einfach übersprungen, krachen gleich ineinander, als wäre das Nou Camp ein gigantischer eiserner Käfig, in dem die Vorausscheidung im Ultimate Fighting stattfindet. Passend dazu: Tiefschlag Puyol, Kampfgrätsche Kuzmanovic. Jens Lehmann setzt seinen Mundschutz ein, oder seine Dritten, das kann man in seinem Alter ja nicht mehr so genau sagen.
8.
Urplötzlich taucht Pogrebnijak vor Valdes auf, doch dem katalanischen Medusa Puyol gelingt es, den Ball mit einer seiner gefräßigen Harrsträhnen zu klären. Gross reagiert sofort: Schickt Perseus zum Warmmachen.
11.
Der Rasen ist übrigens so klatschnass wie ein Teeniehöschen auf einem Backstreet Boys-Konzert. Stuttgart rutscht deswegen ganz gut hin und her.
13.
TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOMessiOOOOOOOOOOOOOOOR. Dieser kleine Floh von irgendwo macht es wie immer. Zieht nach innen und haut das Ding in den Winkel. Stuttgarts Defensive tanzt Schweineballet auf Eiern. Messi ist Rudi Nurejew. Wahnsinn.
15.
Ecke Stuttgart. Auf einmal tauchen 12 Stuttgarter im Barca-Sechzehner auf. Vogelsang erkennt Jürgen Klinsmann. Der Schiedsrichter erkennt auf Stürmerfoul. Schade.
16.
Es bleibt Musikalisches: Laut Fuss vertritt Guardiola die Schule des »swingenden Cruyfissmus«. Das klingt wie »pogender Magathismus«. Nur anders.
18.
Andres Iniesta will einen Elfmeter haben. Mit ihm 70.000 Irre im Camp Nou. Lehmann regt sich auf. Innerlich. Irgendwo, da tief drin in diesem Rentnerkörper geht ein Lämpchen an. Wir warten ab.
20.
Lehmann heute im Übrigen das erste Mal in seiner Karriere im Camp Nou. Mit 40 Jahren. Wahnsinn. Oder doch nicht? Ich bin 28. Und hatte mein größtes Spiel auf einem Fußballfeld in Bad Rothenfelde. Dafür kann ich jetzt Bier trinken.Touché?
21.
Stuttgart versucht Struktur ins Spiel zu bringen. Allerdings geht das nur so lange, bis Lehmann den Ball zu einem Mitspieler geworfen hat. Dann tummeln sich auf einmal hunderte kleine Umpa-Lumpas in blau-roten Trikots im Stuttgarter Strafraum und sehen alle aus wie Messi.
22.
TOoOoOoOoOoOoOoR. So schön, dass selbst das Wort Laola anstimmt. Messi chipt wie eine Tüte Funny Frisch, Yaya Toure buttert den Ball weich in die Mitte und Pedro macht ihn rein. Das Wunder kann wieder in die Tüte verpackt werden.
24.
Jetzt braucht der VfB zwei Tore, meint Fuß. Genau. Aber wenn wir ehrlich sind, ist dieses Spiel gelaufen. Dabei hatte der VfB bis zum Anpfiff eigentlich alle Chancen auf ein Wunder, noch Sekunden vor dem ersten Tor Barcas erklärte Kollege Kuhlhoff das schwäbische Wunderrezept: “Die Stuttgarter müssen einfach ein Tor machen und keines kassieren.” Dafür bekam Kuhlhoff zwar umgehend eine Tafel Schokolade mit der Einladung zum DSF-Doppelpass überreicht, musste dann aber mit offenem Mund mitansehen, wie der kleine Argentinier den Realismus zurück in dieses Spiel brachte.
26.
Nach diesen ersten zwanzig Minuten gibt es dann auch endgültig nur eine Erklärung für die Magie Messis: Der junge Maradona ist mit einer Zeitmaschine aus dem Neapel der 80er in die katalanische Gegenwart gereist. Das Verrückte daran: Diese Zeitmaschine wird erst 2014 von Stephen Hawking gebaut, der damit aber in der Zeit zurückfährt, um sie Maradona zu schenken, weil er einem Freund während der WM in Südafrika ein Autogramm des argentinischen Nationaltrainers versprochen hat.
28.
Guido-Knopp-Festspiele in Barcelona: Dem VfB Stuttgart droht sein persönlichhes Stalingrad, ein katalanisches Waterloo. Und das Schlimmste dabei: Der Mann, der so groß ist wie Bonaparte, spielt diesmal sogar bei den Siegern.
30.
Jens Lehmann hat dieses Spiel abgehakt, pinkelt aus Frust aufs Tornetz, hat aber vergessen, wie durchlässig die Maschen sind. Steht jetzt in seinem ganz persönlichen Regen.
32.
Was auch gegen den VfB spricht: Das 2:0 wurde nach einer Kombination von Touré und Pedro erzielt, eigentlich die beiden Rumpelfüße im katalanischen Überschallballett. Aber was heißt schon Rumpelfüße. In Stuttgart würden die beiden wahrscheinlich das Sturmduo bilden. Stattdessen aber nur: Pogrebnijak.
35.
»Eine Demonstration«, schreit Fuß. In Berlin bekommt Rainer Wendt einen Nervenzusammenbruch, beordert eine Hundertschaft nach Barcelona.
37.
Während Barcelonas Spiel so wertvoll ist wie Achselschweiß von Jonathan Meese, versucht Stuttgart es erst einmal mit Malen nach Zahlen. Heraus kommt: Spaghetti. Mit Fleischklöschen.
41.
Puyol wälzt sich am Boden. Das ist so selten wie ein Reh auf dem Alexanderplatz. Und genau so beunruhigend. Doch der wandelnde Wischmopp steht schon wieder. Am Fenster wischt ein Reh vorbei.
42.
Lehmann sieht gelb. Besser als rot. Fragen Sie mal den Brillenträger aus Mainz. Oder Aristide Bancé. Oder den Schuh von Salihovic.
44.
Barca tingeltangelbobt den Ball durch seine Reihen. Man möchte lachen wie Krusty der Clown. Wenn es nicht so traurig für die Stuttgarter wäre.
45.
Halbzeit. Wir fragen uns, was schlimmer ist: Stuttgarts Rückstand oder die Tatsache, dass jetzt JBK ins Bild gehüpft kommt?
Wer die richtige Antwort kennt, gewinnt einen feuchten Fuzzi. Abzuholen in der 11FREUNDE-Redaktion.
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