Tor frei!
Leverkusen-HSV im 11FREUNDE-Liveticker
Text: Lucas Vogelsang & Johannes Ehrmann Bild: Imago
In einem Sturmlauf der Windstärke 10 versenkt Bayer elf Hamburger Leichtmatrosen. U-Boot-Kapitän Stefan Kießling trifft doppelt und tauscht sein Trikot mit Jürgen Prochnow. Mit dabei: Das 11FREUNDE-Periskop!
16:59 Uhr
Ein herzliches Hallihallo von der Tickerfront. Leider haben wir es doch nicht in die sympathische Stadt am Rhein geschafft - Grund: Auf unserem traditionellen romantischen Inspirationsspaziergang durch den Spandauer Forst überraschte uns der gefühlt achte Wintereinbruch diesen Jahres. Nun sitzen wir bei Vogelsangs Eltern in der warmen Stube. Vogelsangs Papa wirft ein paar Scheite auf den Kamin, dampfender Bohnenkaffee steht auf dem Tisch. Eine Atmosphäre wie in einer tschechischen Märchenverfilmung. Nur ohne Tschechen.
Dafür aber mit dem gefühlt größten Plasmabildschirm der Welt. Vogelsang ist die Diagonale eben abgeschritten und mit einem knappen "Fünfachtzig" an den Tisch zurückgekehrt. Das Display ist wirklich so groß, dass wir uns fühlen wie zuletzt beim Wimbledon-Finale Becker-Edberg. Links, rechts, links, Schleudertrauma.
17:03 Uhr
Kollege Vogelsang ist so aufgeregt, dass er endlich mal sein Elternhaus vorzeigen kann, dass er sich seinen Kinderschlafi übergezogen hat. Mit Hubschraubern drauf. Vorhin hat er rings um seinen Laptop seine Lieblingsplüschtiere aufgebaut. Es kann also losgehen...
17:08 Uhr
Noch läuft die andere Paarung des Sonntags. Claudio Pizarro führte vor wenigen Sekunden keinen Geringeren als Sir Isaac Newton ad absurdum. Der Bremer erzielte ein Tor, das es nicht geben kann. Wembley ist ein Dreck dagegen.
17:10 Uhr
Hinter den Fenstern in Berlin-Spandau herrscht weiter feinstes Christoph-Daum-Wetter. Und so wird langsam auch die Restrandale, die gestern aus dem Olympiastadion in die Stadt geschwappt war, unter einer weihnachtlichen Schneedecke begraben.
Stille Nacht in Berlin. Johannes Ehrmann ist längst so aufgeregt wie vor der Bescherung, hat gerade einen Mürbeteig angerührt, möchte in der Halbzeit Plätzchen backen, die er dann mit Schokostreuseln und Zuckerguss in den Farben des 1. FC Kaiserslautern verzieren will. Geschmacksrichtung: Irgendwo zwischen Erdbeere (rot) und Zitrone (weiß).
Als ihm aber auffällt, dass es nur ordinäre braune Streusel gibt, verliert er völlig die Contenance, wittert eine Verschwörung zwischen der lokalen Küchenchefin und dem FC St. Pauli. Wird heute hier am Herd der Aufstieg entschieden?
17:15 Uhr
Zum Spiel: In der Kölner Randstadt auf der anderen Rheinseite treffen im Ewigkeitsduell dieses Spieltags der ewige Zweite auf den ewigen Dino, der auch gerne mal wieder Zweiter wäre, aber gerade wieder im Niemandsland irgendwo zwischen dem fünften und dem dritten Platz gestrandet ist.
Doch nicht nur durch diese spezielle Tabellenkonstellation birgt das Duell am heutigen kalendarischen Winteranfang eine ganze Menge Brisanz.
Denn: Verlieren die Leverkusener, werden sie wohl endgültig in ihrer eigenen Vergangenheit ertrinken. Ob die Hamburger Heynckes' Seepferdchen heute ohne Schwimmflügel ins Vizebecken schubsen, erfahrt ihr hier!
17:20 Uhr
Leitmotiv des heutigen Spiels natürlich: Die Rückkehr von Bruno Labbadia an seine alte Wirkungsstätte. Leverkusens Sportchef Rudi Völler scheint sich nicht so recht zu freuen, kündigt gerade am Sky-Tresen an, "Gas zu geben". Wo Tante Käthe hin will, wissen wir nicht. Vielleicht nach Hanau. Vielleicht zum WM-90-Nostalgieabend im Hobbykeller von Heribert Faßbender. Der Ex-Kommentator übt schon einmal: "Zurück in die Pampa, den Mann..."
17:26 Uhr
Bruno Labbadia immerhin hat geschworen, sich das Spiel in voller Länge anzuschauen. Eine Drohung? Neben Mladen Petric hat der HSV-Coach seinen holländischen Joker aufgeboten. Ruud van Nistelrooy spielt trotz diverser Zipperlein, macht deshalb bereits beim Einlaufen ein langes Gesicht.
1.
Schon beim Anpfiff bekommt Fritz von Thurn und Taxis, der uns durch die heutige Partie schwadronieren wird, Glückszustände. Er erinnert sich an die Begegnungen zwischen Bayers Sami Hyypiä und Hamburgs van Nistelrooy, die er mal abends im DSF gesehen hat. "Herrlich", jubiliert der Fußballfan mit Mikro.
3.
Immer noch 0:0. Enttäuschend.
5.
Erste Ecke für Leverkusen. Barnetta führt aus. Der Ball kommt flach wie Holland, wird von Van Nistelrooy geklärt, der sich bei dieser Reminiszenz an seine Heimat eine Träne verdrücken muss und dann im Takt der "Het Wilhelmus" mit seiner Eisenstirn gegen den Pfosten schlägt.
7.
Wieder Ecke. Wieder Barnetta. Wieder flach, wieder schlecht. Wirkt alles, als würde er die Szene einfach noch mal nachspielen. Kunstform Echtzeitwiederholung. Und wer hat's erfunden? Die Schweizer!
9.
Barnetta bleibt mit einem Schussversuch hängen. Immer noch 0:0. Schrecklicher Verdacht: Wird Leverkusen niemals Meister?
10.
Petric durchbricht Barnettas Endlosschleife schlechter Eckbälle und kontert in Warp-Geschwindigkeit gegen drei Leverkusener im Snooze-Modus. Versucht den Ball dann über Adler zu heben, scheitert aber daran, nicht Gonzalo Higuain zu sein.
12.
Gleich die nächste Chance für die Hamburger, doch Jansen läuft sich gegen Kadlec fest, wirkt dabei sichtlich verwirrt. Kein Wunder: Jansen spielt heute auf rechts. Fußball so aberwitzig wie ein Spiegelkabinett auf dem Hamburger Dom, in dessen Zerrbild auch Rene Adler plötzlcih aussieht wie Rainer Calmund.
14.
Immer wenn Ruud van Nistelrooy am Ball ist, potenziert sich auf den Rängen die Vokalanzahl in seinem Vornamen. Ein linguistisches Wunder, dieser Holländer.
17.
Seit einer guten Viertelstunde fragen wir uns, warum in Leverkusen feinstes Wetter herrscht, während im Vorgarten von Vogelsangs Eltern heute schon 3,60 Meter Neuschnee gefallen sind. Verdammter Föderalismus.
19.
Das Spiel plätschert dahin. Fritzchen TuT lässt sich die gute Laune aber nicht verderben, liest einfach aus seinem Buch "Unnützes Halbwissen aus der Fußballgeschichte" vor (Eigenverlag, 1963).
22.
TOOOR für Leverkusen! Barnetta mit Zauberpass auf Kießling, die Hamburger Abseitsfalle ist ähnlich effektiv wie ein Yps-Gimmick gegen eine 2-kg-Ratte. Also gar nicht. Kießling durch, Kießling schießt, Kießling trifft! "Sie können ihn nicht erlegen", schreit der Gamsbartträger in der Sky-Kabine.
25.
Wir können es nicht fassen. Mikropa von Turn und Taxis hat es wirklich vermocht, das Spiel schönzureden - und es ist dann für einen genialen Moment auch schön geworden. So schön etwa wie Silvie van der Vaart, die jetzt bestimmt irgendwo auf einer spanischen Yacht sitzt und einen Cocktail schlürft. Warum schneit es eigentlich nie in Spanien? Verdammte Welt.
28.
Frank Rost faustet einen Schuss (Fabrikat: Flatterball) ins Seitenaus, verzieht dabei keine Miene. Wenn doch alle elf Hamburger so saucool wären wie der betagte Keeper... Dann wäre der HSV wohl schon Meister.
29.
Leverkusen will schon jetzt die Entscheidung. Heynckes hat vor dem Spiel darauf hingewiesen, dass man gar nicht früh genug Meister werden kann. Vor allem nicht, wenn man Bayer Leverkusen heißt und Meister im Viel-zu-spät-Meister-werden-wollen ist.
31.
TuT entdeckt jetzt den Entrepreneur in sich selbst, bezeichnet Daniel Schwaab gleich mehrfach als "unternehmungslustig", erweckt so den Eindruck, dass sich Bayers Rechtsverteidiger jüngst als Sportartikelvertreter selbstständig gemacht hat. Was natürlich Quatsch ist. So wie das, was Taxis so erzählt.
33.
TOOOR! Der HSV gleicht aus, weil Adler und Ze Roberto aus gegebenem Anlass das Spiel Hertha BSC gegen den HSV als Kammerspiel wiederaufführen. Adler, in der Rolle des traurigen Sascha Burchert, verlässt sein Tor, um am Sechzehner zu klären. Ze Roberto, der langsam zu alt für Rollenspiele ist und deshalb sich selbst spielt, hebt den Ball über den Torhüter, dreht dann ab und rennt zur Seitenline, wo Trümmerfrauen die Ostkurve des Berliner Olympiastadions als Kulisse detailgetreu nachgebaut haben.
37.
Adler will die T-Frage weiter offen gestalten. Manuel Neuer schickt uns eine SMS. Wortlaut: "Bin der Beste. LG, Manu"
39.
Trotz des Ausgleichs werden die Hamburger von den Leverkusenern dominiert. Das wird besonders in der Zeitlupe deutlich. Einige Spieler des HSV tragen Windeln, andere spielen, als seien sie in Folie eingewickelt.
41.
Rene Adler rutscht mit dem Ball deutlich ins Seitenaus. Der Linienrichter bestreitet heute sein erstes Spiel nach Ablaufen der Schutzsperre (Fall Helmer 1994), hat nichts gesehen.
44.
Leverkusen macht weiter das Spiel. Eine Flanke kommt halbhoch in den Strafraum, aber halbhoch, das ist das Revier von Ze Roberto. Mit einem gekonnten Scherenschlag klärt der deutscheste Brasilianer seit Carlos Dunga.
45. +1
Noch eine Ecke für die Heimelf. Abgewehrt. Nachgesetzt. Daneben. Aytekin reicht's jetzt. Halbzeit.
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