Das Verderby
Schalke-Dortmund im 11FREUNDE-Liveticker
Text: Lucas Vogelsang und Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
In der Saison des 100jährigen Bestehens wollten die Dortmunder zumindest ein Derby gewinnen. Sie waren nah dran. Doch dann dreht S04 das Spiel und verdirbt nachträglich den Geburtstag des Nachbarn. Wir blasen die Kerzen aus. Im 11FREUNDE-Liveticker!
Am Freitag um 20:15 Uhr hassen und lieben wir uns. Seid dabei!
20:15 Uhr
Willkommen zum Derby zwischen Herne West und Lüdenscheid Nord live aus der Redaktion irgendwo zwischen Hellersdorf Süd und Spandau Ost.
Wir suchen jetzt noch unseren Kompass mit aufgeklebter Nadel aus der Mickey Maus, dann geht es hier los!
20:20 Uhr
Gänsehautstimmung in der Arena auf Schalke, Gänsehautatmosphäre und Rivalität auch in der Redaktion. Kollege Kuhlhoff, Schalker seit der Embryonalphase, hat sich einen Seidenschal umgebunden und hält sich für Manuel Neuer. Ich war noch pumpen und danach lecker Currywurst essen, hab mir die Frise mit Bratenfett nach hinten gestriegelt und meinen Golf tiefer gelegt, gebe heute Kuhlhoffs Widerpart Kevin Großkreutz. In den zehn Minuten vor dem Anpfiff simulieren wir dieses Spiel schon mal im Blinzelkontest. Immer bis einer weint!
20.28 Uhr
Vogelsang immernoch im Schockzustand. Nachdem er vor wenigen Minuten von einem Taxifahrer bedrängt wurde (Zitat: »Ich hau Dir die Eckzähne raus!"). Hasst seitdem Schwarz-Gelb mehr als die komplette Nordkurve in Gelsenkirchen. Und womit? Mit Recht.
20:30 Uhr
Das Einlaufen in der Arena erinnert an einen Umzug im Disneyland. Manuel Neuer macht die Mickey Maus, Nuri Sahin guckt wie Goofy.
20:31 Uhr
Kuranyi schon jetzt in Topform. Hat gleich zwei Einlaufkinder an der Hand. Dazu das Zahnpastalächeln. Jetzt ein Fotoapparat und Dr. Best hat eine neue Werbekampagne.
1.
Anpfiff. Glaube ich zumindest. Denn im gleichen Moment pfeift das ganze Stadion. Wir wissen: Großkreutz am Ball.
2.
Erster Annäherung. Schalke Peer Kluge(r) Kopfballweiterleitung in Tornähe. Aber Abseits.
3.
Auf die Gefahr hin, dass ich geköpft werde. Aber ein Spieler namens Hummels im gelb-schwarzen Hummelkostümchen. Das ist schon lustig.
3:30
Kurze Korrektur: Doch nicht lustig.
5.
Kollege Kuhlhoff bricht unter der ganzen Hasslast dieses Spiels zusammen, stammelt nur noch unzusammenhängende Halbsätze, in die sich die Worte Asamoah, Löwen, Friedel Rausch und Bannerklau mischen. Ich tupfe ihm die Stirn ab. Mit Altbier.
6.
Das Spiel trägt nicht zur nervlichen Entspannung bei. Auf links geht Großkreutz auf große Reise, lange sieht das aus wie Club Med, doch sein Schuss ist dann doch eher All-Inclusive in der Türkei, mit Kakerlaken in der Dusche. Wir schreiben augenblicklich eine Email an RTL Extra, damit die einen Reporter auf Schalke schicken, der den Touristen in der Südkurve beisteht.
8.
Im Gegenzug können die Schalker in Führung gehen, überlegen es sich dann aber anders. Wollen nicht noch mehr Brisanz in dieses Derby bringen.
10.
Und wieder Dortmund, in der Anfangsphase erinnert dieses Spiel in seinem Hinundher mehr an die derzeitige Lage in der schwarzgelben Koalition als an ein Fußballspiel. Eins ist aber immerhin sicher: Die Schwarzgelben sind heute nicht an einer Koalition interessiert.
13.
Hobby-Psychologe Dittmann dichtet Großkreutz spontan eine Sinnkrise an, weil der in der Anfangsphase noch keine 16 Tore geschossen hat. Das ist nicht mehr mein Journalismus.
15.
So etwas wie eine Chance für Dortmund. Der Spieler mit mehr Konsonanten im Namen als das Alphabet überhaupt bietet und vereinfacht Kuba genannt wird, köpft fast aufs Tor. Das ist bestimmt in Amerika produziert. Schweinebucht-Atmosphäre.
16.
So jetzt Schalke, Edu versucht sich aktiv ins Spiel einzuschalten. Doch sein Schuss war so schlecht wie acht Monate alter Kirschjoghurt.
18.
Festival-Stimmung auf der linken Außenbahn. Owomoyela, Typ Reggae-Musiker, grätscht den zotteligen Edu, Typ Metal-Hammer, ab. Farfan macht Würstchen und Ravioli, Kuranyi ext einen Liter Faxe. Party on, Kev!
19.
Musikalisches Teil II: Dittmann faselt etwas von "Struktur-Flöten«. Vogelsang packt die Nasenflöte aus und trällert mir das Steigerlied. Ein echter Freund.
22.
Torchancen scheinen im Ruhrgebiet derzeit ausverkauft zu sein. Wer weiß, vielleicht hat der VfL Bochum investiert oder Oberhausen. Diese beiden Mannschaften hier auf jeden Fall nicht. Es wird ein bisschen viel im Mittelfeld geplänkelt.
24.
Kevin Großkreutz, der vor diesem Spiel zum Vorzeigedortmunder, zum Westfalen-Herkules stilisiert wurde und dieses Derby eigentlich alleine durch seine Körpersprache irgendwo zwischen Großraumdiskotürsteher und Großraumdiskogänger entscheiden wollte, vergibt seine nächste Chance, trottet danach über den Platz, als hätte ihm jemand beim Frühstück den Susi-Zorc-Sticker aus der Nutella geklaut. Und kreiert so einen ganz neuen Typus Mensch: Den Schmolleten.
26.
Milleniumschance für S04. Bordon, der sich heute ganz offensichtlich die Haare mit seinem Landsmann Edu teilt, zieht einfach aus gefühlten 40 Metern ab, aber Weidenfeller, der zwar wie Tim Wiese oder Florian Fromlowitz aus der Ehrmannschule kommt, aber ganz offensichtlich öfter an der bank als an der frischen Luft war, lässt den Ball von seiner Brust zur Ecke tropfen.
28.
Bisher steht es in diesem Derby trotz größter Chancen nur 0:0. Aufmuntern kann uns da nur ein Satz des Bowlingshirtphilosophen Charlie Harper: “Es ist nicht wichtig, dass Du das Spiel gewinnst, wichtig ist, dass Du deine Wette gewinnst.” Jetzt jubiliert Kuhlhoff. Denn: Der alte Pferdenarr hat beide Teinehmer dieses Derbys auf Platz gesetzt. Frei nach dem Motto: Einer wird gewinnen. Oder auch nicht.
30.
Schockierende Statistik. Zahlen-Fuchs Dittmann stellt fest, dass Schalke deutlich mehr Abschlüsse hat. Lukas Schmitz zeigt stolz sein Zeugnis vom letzten VHS-Kurs »Bürokommunikation«. Tackern: 1+. Abheften: 2. Hut ab, aber zählt das auch als Abschluss?
33.
So weh das auch tut, aber Dortmund ist derzeit die bessere Mannschaft. Wenn sie in Tornähe sind schwimmt die Schalker Abwehr wie eine Schwimmwurst in der Toilette. Zum Glück drückt Schiri Gräfe immer im richtigen Moment beide Augen zu. Sonst, ja sonst... Ach lassen wir das.
36.
Jürgen Klopp faltet seine Spieler zusammen wie ein Kellner Servietten. Warum? Das weiß keiner. Auch Nelson Valdez guckt paraguayisch aus der Wäsche.
40.
Valdez wird hart rangenommen. Da ein Besuch in Gelsenkirchen für einen Dortmunder in etwa so angenehm ist wie ein unfreiwilliger Besuch im Sado Maso-Club, ist es aber doch irgendwie okay.
42.
Pingpong in groß. Dortmund mit einer Großchance. Aber Schalke unbeeindruckt im Gegenzug. Doch Roman Weidenfeller, der alte Ornitologe, klemmt den Ball ganz genau zwischen seinen Storchenbeinen ein. Spuckt Schalke so in den Salat.
44.
Was ist los bei Sky? Aus dem Nichts brüllt Dittman »Nein« ins Mikro. Wir stellen uns bereits die Bild-Schlagzeile von morgen vor: Dittmann gesteht: »Er hat mich auf den Mund geküsst.«
45.
Beide Mannschaften spielen auch kurz vor dem Halbzeitpfiff in einem Tempo, als wäre dieses Spiel ein Libretto aller vergangenen Derbys. Bordon tanzt den de Cock, Kuba stampft den Kree und Neuer steht den einbeinigen Lehmann. Nur Weidenfeller und Asamoah beteiligen sich nicht an diesem betörenden Reigen, prüfen sich stattdessen gegenseitig im Lippenlesen. Doch bevor diese Lerngruppe noch das kleinste Rudel der Welt bildet, pfeift Schiedsrichter Gräfe ab.
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