Osnabrück-Schalke im 11FREUNDE-Ticker
Kuranyiderlage
Text: Benni Kuhlhoff und Dirk Gieselmann Bild: Imago
Osnabrück glaubt zwar, 0:0 gewonnen zu haben. Doch ein Blick auf die Statistik beweist: Schalke siegt gegen den Underdog, dessen Herzblut die Linien rot färbte. Der Ticker färbt den Bildschirm schwarz. Mit Buchstaben. Zum Teil.
20:18 Uhr
Hallo und herzlich willkommen zum Duell Klein gegen Groß, Karsten gegen Goliath – und Kollege Kuhlhoff gegen sich selbst: Er ist sowohl Schalke- als auch Osnabrück-Fan. »Scheiß Pokal!«, flucht er. »Ich bin jetzt schon der größte Verlierer. Beziehungsweise Gewinner. Hurra!«
20:20 Uhr
Doppelhooligan Kuhlhoff steht in meinem Bad vor dem Spiegel. Der Mann, in dessen Brust sowohl ein Osnabrück- als auch Schalke-Herz schlägt, spricht geschwollen mit sich selbst. »Sein oder nicht Sein«, monologisiert er mit der Quietscheente in der Hand. Das nervt. Oh, schmölze doch dies allzu feste Fleisch!
20:25 Uhr
Poschmann kommentiert. »Spitzenatmosphäre hier an der Bremer Brücke«, tiriliert er. »Hier hätten drei Mal soviele rein gewollt!« Drei Poschmanns? Nicht auszudenken.
20:21 Uhr
Lindemann, Lindemann, Lindemann: Osnas Auftstellung liest sich wie ein Sketch von Loriot. Schalkes irgendwie auch. Sitzen Baumann und Magath gleich zusammen in der Badewanne? Magath: »Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich wäre jetzt ganz gerne allein.« Baumann: »Wer sind Sie denn überhaupt?«
20:29 Uhr
Liebeskreis der Schalke-Niemande. Die Unerfahrenen ducken sich vor der imposanten Kulisse. Ich kann das verstehen, wurde mir doch am Osnabrücker Hauptbahnhof mal das Licht ausgepustet, weil ich einem 14-Jährigen keine Zigarette geben wollte. Beziehungsweise konnte: Ich war ja Nichtraucher. Das interessierte den großen Bruder, der dann erschien, jedoch nicht Bohne. Aber bin ich deswegen heute für Schalke? Nein. Der Bessere soll gewinnen. PS: Das war gelogen.
1.
Anpfiff. Der Ball rollt.
2.
Kuhlhoff hier. Selten war ich aufgeregter. Und selten konnte ich mehr gewinnen. Geboren unweit von Osnabrück, Schalke-Fan seit dem ersten Tag ohne Baumwollwindel. Zum Glück habe ich zwei Daumen, die ich drücken kann. Schnell noch ein Schlückchen Doppelherz. Es kann los gehen.
3.
Hiobsbotschaft: Barletta, Schnetzler und Heidrich fallen aus. Namen, die den meisten soviel sagen wie ein Taubstummer, meinen lila-weißen Blutzirkel aber auf Siedetemperatur springen lässt. Stattdessen spielt Pinheiro. Ein Name wie Wassereis. Lecker.
4.
Poschmann gibt den Revoluzzer. Lobt die klassenlose Gesellschaft. Das kennt er ja. Mit ihm hat keine Gesellschaft Klasse.
5.
Freistoß Osnabrück. Sofort herrscht High-Live im Schalke-Strafraum. Bordon kann klären.
6.
Das Spiel lässt sich gut an. Gepflegtes, planloses Rumgebolze. Wie gemacht für jemanden, der nicht weiß, zu wem er halten soll.
7.
Freistoß auf der anderen Seite. Schmitz versucht sich als Schlenzer. Entpuppt sich aber eher als Schwänzer. Hat wohl bei Magaths Freistoßtraining gefehlt. Kein Bock auf Medizinbälle, der Bengel.
9.
Dass VfL-Stürmer Bencik irgendwann mal gegen Marcelo Bordon spielen würde, hätte er wohl bis gestern auch nicht gelaubt. Plötzlich taucht er nach schönem Lindemann-Pass im Fünfmeterraum vorbei. Schlittert allerdings am Ball vorbei wie eine ganze Schulklasse in der Eishalle Belm-Ost. Durchatmen.
11.
»Regie: Stefan Kanzler-Thombansen«, informiert uns das ZDF. Wahrscheinlich kein Künstlername.
12.
Riesenchance für Kev, quasi ein Fallrückzieher im Stehen. Klaus Fischer weint vor Begeisterung. Im Fallen.
14.
Ecke VfL, abgewehrt, zweiter Versuch, doch Neuer fängt ab. »Ja, er kämpft um die Nummer 1«, weiß Poschmann. Weiß Rene Adler das auch? Oder liest der die Liebesbriefe erst gar nicht?
16.
»Lukas Schmitz ist einer von denen, die Magath aus dem Nichts gezaubert hat«, zaubert Poschmann aus dem Nichts. Aha: Dieses Nichts ist also die zweite Mannschaft von Schalke. Wenn Sartre und all die Philosophen des Absurden das gewusst hätten, hätten sie sich ihre komplizierten Scheiß-Theoreme (»Das Nichts nichtet«) auch sparen können.
18.
Osna jetzt am Drücker, so wie der große Bruder, der mich damals im Schwitzkasten hatte. Ächz.
21.
Sanchez mit einem Zwirbelköpper. Poschmann dazu: »Der Uru: 1,70 nur, aber dafür wuselig!« Und wann reitet ein weißer Schimmel über den Platz?»Ich seh nur weiße Mäuse«, so Kuhlhoff weltfern. »Ich rauch jetzt eine. Das mach ich Weihnachten immer.«
22.
Mit einem fulminanten Schaukelschwung zurück in die Achtziger: Auf der Osnabrücker Bank sitzt... ROLF MEYER! Der ehemalige Dortmunder Ersatzkeeper assistiert Karsten Baumann, der Schnauz sitzt immer noch so prachtvoll wie auf dem Paninibild der Saison 1985/86, nur die Dauerwelle schwappt nurmehr zaghaft unter der Wollmütze hervor. Ach, Onkel Rolfi.
24.
Björn Lindemann macht den Freistoßfuchs: Alle warten auf eine Flanke, er flankt auch, aber aufs Tor. Wenn das Ding reingeht, isser der Gott. Der Fuchsgott. Aber so: Abstoß.
26.
Poschmann + Sanchez = Liebe. »Der erfolgreiche Uruguayer«, nennt er ihn in dem Moment, in dem der Mann mit der Manta-Frisur eine Chance versiebt. Aber lassen wir die Turteltäubchen für einen Moment allein. Zeit für ein Zwischenfazit. Kuhlhoff hält einen vorbereiteten Zettel hoch: »Ein Klassenunterschied ist nicht auszumachen.« Hätte von mir sein können. Oder von Poschmann. Aber der hat ja Besseres zu tun.
29.
Niels Hansen erinnert nicht nur durch seinen Namen an einen norwegischen Ölplattform-Arbeiter. Gräbt das Mittelfeld um, als suche er schwarzes Gold. Wird von Joel Matip von hinten umgehackt. Schwarzes Gold eben.
32.
Sinnbildliches in der Schalker Hälfte: Lindemann (Osnabrück) foult Höwedes (Schalke), der zeitgleich Lindemann in die Glocken tritt. Quasi ein Doppelfoul. Die erste Situation, in der ich mich entspannen kann.
34.
Magath schickt seine 91 Auswechselspieler zum Warmmachen. Wetter-Frosch Poschmann lässt indes tief blicken. »Hier braucht keiner Eis zur Behandlung, weil es kalt genug ist.« – »Kalt die Schnauze«, möchte man brüllen.
36.
Da ist es! Poschmann bemerkt nun endlich auch, dass in diesem Spiel »kein Klassenunterschied« auszumachen ist. Vorhin feierte er noch die klassenlose Gesellschaft. Ja, was denn nun?
37.
Eine Achtel-Chance für Osnabrück. Lindemann hat das Ding aber weit übers Tor. Fast schon Field-Goal verdächtig. Uns wird klar: Joe Enochs hatte recht: »Das ist Super Bowl für Osnabrück!«
39.
Chefverweigerer Nickenig entpuppt sich als ungemütlichster Verteidiger seit Karl-Heinz Förster. Sanchez prallt an ihm ab wie ein Flummi. Boing.
41.
Gräfe ermahnt Matip. Der nickt ganz erschrocken. Der Schiedsrichter ist nun mal unantastbar. Obwohl man sich da heutzutage nicht mehr 100% sicher sein kann.




