Bayern-Haifa im 11FREUNDE-Ticker
Namenlos im Packeis
Text: Lucas Vogelsang & Johannes Ehrmann Bild: Imago
Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende, hat Woody Allen einmal gesagt. Gegen Haifa haben die Bayern bewiesen, dass dies auch für den Niedergang eines großen Vereins gilt. Das traurige Stillleben – im Ticker!

20.25 Uhr
Willkommen zum wahrscheinlich letzten großeuropäischen Tanzabend in der Münchner Allianz Arena.
Die Bayern treffen auf Maccabi Haifa, auch das ein Angstgegner in Zeiten, in denen fast alle Teams zu potenziellen Angstgegnern für die einst unbesiegbaren Bajuwaren geworden sind.
Denn gerade jetzt, da Uli Hoeneß kurz davor steht, die neue Lichtgestalt Fußballmünchens zu werden, das Erbe Beckenbauers, inklusive aller Werbeverträge, anzutreten, muss der FC Bayern seine eigene Sterblichkeit erkennen.
Und so machen die Bayern auch heute Abend da weiter, wo sie mit der Verpflichtung Jürgen Klinsmannns begonnen haben: Sie spielen gegen den Abstieg. Aus der Königsklasse, aus dem eigenen Selbstverständis und aus dem Olymp, für den Uli Hoeneß schon eine Dauerkarte zu haben schien und in dem er eigentlich einen geruhsamen Lebensabend verbringen wollte.
Daraus wird vorerst nichts. Die Realität heißt Haifa, soie heißt van Gaal, sie heißt Braafheid und Pranjic, Toni und Rensing. Und das klingt nicht nach Götterdämmerung, sondern nach tumber Alltäglichkeit.
Ob die Bayern es ausgerechnet heute schaffen, wieder zu glänzen und ob ihnen in ihrem ganz eigenen Abstiegskampf-Endspiel vielleicht doch noch ein Wunder begegnet, erfahrt ihr hier!
20.31 Uhr
11FREUNDE-Israelexperte Fabian Friedmann kraxelte den ganzen Tag im Karmelgebirge herum und faxte uns seine Erkenntnisse über den Bayern-Gegner: »Zehn Spiele, zehn Siege und mit neun Punkten Vorsprung Tabellenführer«, so sein Fazit.
20.34 Uhr
Nichts ist wie es war an diesem trüben Novemberabend. Bayern mit dem Rücken zur Wand, Toni suspendiert, Klose kaputt, Pocher hat Schweinegrippe. Keinen würde es wundern, Wenn jetzt noch über die Agenturen läuft, dass Mario Barth ab sofort lustig ist.
20.37 Uhr
Sky-Experte Matthias Sammer lobte Luca Toni gerade eben in höchsten Tönen, bezeichnete den Bayern-Beau zunächst als »Weltmeister«, dann als »Lustspieler«. Liebe, Sex und Zärtlichkeeit am Pay-TV-Tresen. Zum Glück geht's gleich los.
20.39 Uhr
In Friedmanns Spielberichtsbogen findet sich weiterhin die Info, dass Haifa mit breiter Brust nach München reist. Denn: Maccabi Ahi Nazareth wurde zuletzt mit 4:1 vernichtend geschlagen. Jesus!
20.42 Uhr
Für das bajuwarische Schicksalsspiel hat Sky seinen besten Mann abgestellt: Fritz von Thurn und Taxis. Wir freuen uns schon auf die typisch taxischen Nationenkennungen à la »dähr Schwähde«. Schweden spielen aber leider gar nicht mit.
20.45 Uhr
Es kann losgehen. T und T holt nochmal schnell das Barometer raus und gibt bekannt: »Beste äußere Bedingungen«. Der Altkommentator rechnet aber offenbar in Fahrenheit, denn was er als Temperatur ansagt, kann so nicht stimmen.
1.
Das Spiel läuft. Butt hat das Leder. Bravo.
2.
Die Hoeneß-Brüder in trauter Zweisamkeit auf der Tribüne. Am Freitag ist Jahreshauptversammlung in München. Hoeneß d. Ä. will eigentlich ausscheiden. Doch wir fragen uns nun, ob der findige Wurstfabrikant nicht schon längst eine familieninterne Neuordnung geplant hat.
4.
Die Bayern halten ein 0:0. Denn van Gaal lässt heute hinten spielen wie Huub Stevens und vorne auch wie Huub Stevens. Nimmt man jetzt noch seine letzte Pressekonferenz hinzu und ersetzt man seinen Boss-Anzug aus dem Schlussverkauf von P&C durch feinste Gelsenkirchener Ballonseide, drängt sich ein perverser Verdacht auf: Louis van Gaal ist Huub Stevens.
6.
Ein Großteil der Bayern scheint gedanklich ganz woanders zu sein. Einige wenige sind in Bordeaux, Luca Toni ist in Florenz, Gomez in einem Rasenhügel in Österreich. Nur Rensing ist voll da, weil der arme Junge nicht weiß, dass die Welt nicht am Starnberger See aufhört.
8.
Von Thurn und Taxis droht bei gefühlten minus acht Grad auf dem Uli-Hoeneß-Stimmungsbarometer in seiner Kabine zu erfrieren, tratscht sich dann aber langsam warm. Und uns fällt auf: Jetzt, nachdem Waldi Hartmann die Pausbacken über die Oberlippe gewachsen sind, ist der Baron am Mikrofon der letzte Kommentator mit einem ordentlichen Schnauz. Oder einfach nur der einzige Mensch, der es geschafft hat, sich ein Groucho-Marx-Kostüm aus Menschenhaut zu schneidern.
10.
Immer noch 0:0. Mehr Ballbesitz für die Mannschaft der Namenlosen. Nichts Ungewöhnliches in einem Heimspiel.
12.
Jetzt haben auch die Israelis gemerkt, dass die in den roten Trikots nicht mehr Effenberg oder Kahn heißen, nicht mehr Beckenbauer oder Müller und nicht einmal mehr Ballack oder Ze Roberto, sondern nur noch Pranjic und van Buyten. Und das ist in etwa so Furcht einflößend, wie es der Tod für Jopi Heesters ist.
14.
Und plötzlich befreien sich die Bayern aus ihrer mittlerweile längst einstudiert wirkenden Lethargie, streifen für eine Sekunde die Angst ab, die zentnerschwer auf ihren Schultern lastet. Ein Angriff wie ein Gemälde von Klee, doch in der Mitte panscht Olic nur mit seinem Tuschkasten von Pelikan. Daneben. Und auf der Tribüne läuft Hoeneß das Rosa aus der Mimik.
19.
Das Telefon klingelt. Es ist Israel-Kenner Lothar Matthäus, der uns mitteilt: »Der Trainer von Maccabi heißt Ronnie Levy.« Dann fügt er noch hinzu: »Ich stehe als Van-Gaal-Nachfolger bereit.« Wir legen auf.
22.
Erst, als wir Matthäus weggedrückt haben, fällt uns der ulkige Vorname des Haifa-Trainers auf. Wir vermuten als Geburtsort Borsigwalde. Und richtig. Als Levy eingeblendet wird, erkennen wir eine 1A-DDR-Matte.
25.
Die Bayern harmonieren bislang wie eine vor fünf Minuten zusammengewürfelte Hobbyfußballtruppe im Englischen Garten. Ungefähr alle zehn Minuten kommt ein Pass an. Manchmal auch nicht im Aus.
28.
»Die Grünen pressen«, schreit T&T. Das klingt ein bisschen nach sanfter Geburt im Badischen.
30.
Der Ball kommt auf die linke Seite, Badstuber nimmt Maß ----- und schießt einem Ordner im Oberrang die Brille aus dem Gesicht. Van Gaal klatscht. Nicht wenige aufgestaute Aggressionen, die sich da entladen.
32.
Lustig: Bei Maccabi spielt ein Ronaldinho-Double mit. Sehr authentisch, inklusive gelangweiltem Herumstehen und aufreizender Lässigkeit beim Passspiel.
33.
Die Hobbyfußballer spielen sich langsam ein. Schweini mit WM-verdächtigem Pass auf Olic, der legt sich das Leder im Strafraum zurecht. Der israelische Torwart lenkt den Ball mit beiden Fäusten um den linken Kleiderhaufen.
35.
Haifas Torwart Davidovitch ist noch immer angeschlagen, hält sich das Gesicht, ein Medizinmann eilt herbei, reibt ihn liebevoll ab. Mit Cool Water.
37.
Fast 40 Minuten sind rum. Zeit für ein Zwischenfazit. Es gab vereinzelte Chancen auf beiden Seiten. Doch weitestgehend begegnen sich beide Mannschaften, als sei Jom Kippur ausgerechnet auf den 25.11.2009 gefallen. Untermalt wird das Ganze von der Kapelle der Versöhnung.
40.
Die Bayern üben erst Weitschüsse, dann Eckbälle, merken aber schnell, dass die Israelis beweglicher sind, als die gelben Silikonmännchen an der Säbener Straße, denen sie im Abschlusstraining immerhin ein Unentschieden abgetrotzt haben.
41.
Ehrmann schaut verdutzt, fragt dann: Was ist das, Silifon? Vertieft sich wieder in Homer. Der Beginn seiner inneren Odyssee.
43.
Schweinsteiger wie ein besoffener Abiturient mit sexuellem Notstand, bleibt länger als notwendig beim Ball.
44.
Die Bayern wollen noch einmal alles nach vorne werfen, merken dann aber, dass sie gar nichts haben, was sie werfen könnten.
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