Bayern-Bordeaux im 11FREUNDE-Ticker
Die Hölle, das sind die Bayern
Text: Dirk Gieselmann und Lucas Vogelsang Bild: Imago
Bayern: Das war einmal Franz-Josef Strauß, das waren Beckenbauer, Matthäus, Effe. Bayern: Das ist heute Horst Seehofer, das sind Braafheid, Pranjic, Butt. Und das ist das Aus in der Königsklasse. Der Ticker kondoliert.
20:30 Uhr
Willkommen zum bajuwarisch-französischen Gernsehabend im Ticker. Auf dem Menü steht heute ein etwas zu starker Bordeaux, dazu gibt es einen etwas bitteren holländischen Käse und eine kurz vor dem Platzen stehende Nürnberger Bratwurst, das ganze haben wir für euch in einen Mixer getan, und heraus gekommen ist ein geschmackloser Europapokalabend, an dessen Ende die Bayern wissen werden, ob sie noch immer an internationaler Bulemie leiden.
20:32 Uhr
Passend zu dieser Schlacht am kalten Buffet bringt Kollege Bock, Hobby-Veganer und Hamster-Schützer, sein Abendbrot in den Ticker-Raum. Es gibt frittierten Sellerie und einen Tofu-Burger, den Bock aber, als er sich unbeobachtet fühlt, dick mit Leberwurst beschmiert. Lecker.
20:41 Uhr
Hier Gieselmann. Vogelsang ist ausgehungert in Bocks Salat gehechtet und macht von dort weiterhin Lebensmittel-Witze. Haha usw. Zum Spiel: Die Menschen im Mittelalter hatten die Hölle, wir haben Marcel Reif. »Es ist kühl«, sagt er. Wenn er schon die innere Kälte kennt, die er in uns auslöst, warum kennt er dann nicht auch Gnade?
20:43 Uhr
Bock kaut mittlerweile auf Vogelsang herum (»Hmmm, Hase!«), ich lausche verzweifelt der Champions-League-Hymne. Auch nach all den Jahren immer noch eine Scheiß-Schnulze, die zu singen sogar Helmut Lotti sich weigern würde. Auch die Spieler sind froh, als die Schmerz-Arie verklingt, führen erleichtert den Anstoß aus. »Keineswegs hemmungslose Offensive«, weiß Reif schon jetzt. Soll er doch gleich das Ergebnis sagen, dieser allwissende Supererzähler des Fußballs, dieser Thomas Mann des Bezahlfernsehens, dann könnten wir ja alle nach Hause gehen, zu unseren Frauen, Kindern oder auch in unsere leeren Wohnungen und an die Wand starren. Aber: Einwurf Braafheid.
2. Minute
Apropos Braafheid. Der niederländische Hollowman kommt zur ersten Chance seines Lebens, flankt wie eine besenkte Sau, Girondins-Keeper Carrasso bekommt Mitleid, lenkt das Phantasiegeschoss gegen die Latte. Olli Reck schickt ihm spontan einen Blumenstrauß. Nelken.
5.
»Wie hießen noch mal diese Bänder, mit denen Klinsmann trainieren ließ?«, will Vogelsang wissen. »Gummitwist!«, zirpelt Bock. Eine Frage der Zeit, bis die beiden bei Anne Will auf der Menschencouch sitzen
7.
Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanger Pass von Baaaaaaaaaaad... hier, Dings: -stuber! Auf Toni. Der rappelt sich von der Strandmatte auf, sitzt die Tolle? Ja! Doch dann: Abseits. Vaffanculo!
10.
Freistoß nun für die Bayern, Schweini schießt, Braafheid staunt. Faustabwehr Carrasso, der Ball fliegt irgendwo hin, 0:0 in der Arena, 0:0 hier, und wie steht`s bei Euch, liebe Fans?
14.
»Im Moment geht's ein bisschen viel hin und her«, unkt Reif. Entweder er spielt Akkordeon oder Tischtennis mit Dieter Nickles oder hat wieder das Motiv »dicker Strich« bei »Malen nach Zahlen« erwischt. Dass er das Spiel meint, könnte zwar sein, ist aber unwahrscheinlich.
16.
Die Abwehr der Bayern noch einmal zum Mitschreiben: Demichelis, Badstuber, Braafheid und Lahm. Hätte Ralf Rangnick diese Formation erahnen können, hätte er die Viererkette wahrscheinlich nicht erfunden.
18.
Die Bayern kommen nicht in die Partie, scheinen den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben. Und bisher hat sich noch niemand heraus kristallisiert, der diese Mannschaft aus ihrer Lethargie reißen könnte.
Als Hoeneß meinte, Bayern hätte die Spieler für solche Spiele, war er wahrscheinlich gerade in sein Panini-Album von 2001 versunken oder beim Zappen auf den Bundesliga-Classics im DSF hängen geblieben. Jetzt dämmert ihm langsam, dass Effenberg nicht mehr spielt, und Thomas Strunz auch nicht. Er wirkt verstört. Als er dann auch noch merkt, dass Claudia Strunz jetzt Claudia Effenberg ist, bricht er unter der Last der Gegenwart zusammen.
20.
Braafheid, laut Reife heute der designierte Meister der ruhenden Bälle, tritt einen dieser ruhenden Bälle, deren Meister er heute ist, in Richtung Tor. Der senkt sich jedoch hinter der Querlatte aufs Netz. Im toten Winkel der Kamera beschwört Braafheid daraufhin die Bälle der Balljungen bis auch der letzte ruht. Die Balljungenn verneigen sich vor ihrem neuen Meister.
23.
Angriff Bordeaux, doch Demichelis stoppt Chamakh. Reif nutzt diese Situation, um den Argentinier gauchohaft lässig und mit dem Wissen eines dreiwöchigen Intensiv-Spanischkurses an der VHS Kaiserslautern als »Dämitschelis« zu bezeichnen, danach drückt er sein Räusperknöpfchen und versucht sich an der Aussprache von Chisinau, Christbaum und Chemnitz. Ein Phänomen dieser Martschel Reif.
27.
»Ein Muster ohne Wert«, sagt Reif, hat wohl seinen Blick über den Kommentatorensessel gleiten lassen, den er von Ernst Huberty geerbt hat.
30.
Der Kreislauf ist im Keller, dann das: Chaos-Chance (bzw. »Tschaos-Tschonks«) für die Bayern, Toni mit Kopfballkerze, Klose stochert, Hand! Ganz klar. Doch der Schiri sagt: Ecke! Die etwas andere Meinung.
32.
Neue Technologie im 11FREUNDE-Ticker: Wir reichen per Superzeitlupe den Schweini-Freistoß aus der 28. Minute nach (bitte ganz langsam lesen): Geschnibbelter Schuss, gediegene Parade, Grashalme fliegen, Zuschauer staunen, van Gaal kratzt sich seine seltsame Nase.
36.
Liebe Bayern-Fans, wir haben Euch eine traurige Mitteilung zu machen. Sie lautet: Tor! Nicht für Euch. Für die anderen. Gourcuff. Van Bommel hat's vermasselt, ihn einfach laufen lassen, Butt ist sauer (im Rahmen seiner emotionalen Möglichkeiten), Laurent Blanc will die Glatze von Fabien Barthez küssen, doch wo ist sie? Weg, einfach weg. So wie unser Glaube an die Supermacht FC Bayern.
39.
Das Spanner-Portal »bild.de« lockt derweil mit dem »Atlas der Erotik«. Dort findet man angeblich: »80 Plätze, an denen Sie Sex haben sollten«. Zum Beispiel »Waldlichtung«, »Konzert«, »Dusche«, aber auch »Iglu«, »Gewächshaus« und »Eifelturm«. Sogar »Fußballstadion« wird gelistet. Damit kann die Arena nicht gemeint sein – wissen sogar wir, die wir noch nie Sex hatten. Oder wie das heißt. Pfui.
42.
Nichts passiert. Zeit für eine Randbeobachtung: Bordeauxs Keeper Carasso trägt unter seinem Trikot einen dieser kondomartigen Ganzkörperstretchanzüge, die sonst nur wundersame Fabelwesen auf weniger wundersamen Eröffnungsfeiern tragen, wenn sie im Ausdruckstanz die Geschichte ihres Landes, einen folkloristischen Ozean oder androgyne Ureinwohner darstellen müssen. In der Halbzeit wird Carasso wohl den Weg des Weines von der Rebe bis in die Flasche tänzerisch darstellen. Kulturtage in der Allianzarena.
45.
Das Spiel der Bayern besitzt jetzt, kurz vor dem Halbzeitpfiff, in etwa die Schönheit jener Pullover und Frisuren, die in der Nacht des 9. November 1989 mit ihren Besitzern über die offene Grenze schwappten. Begrüßungsgeld gibt es dafür jedoch nicht.
45.+1
Abpfiff. Halbzeit. Die Bayern retten sich mit einem knappen 0:1 in die Halbzeit. Und Van Gaal überlegt sich schon mal, bei welchem Verein er demnächst den Gutelauneonkel gibt. Vielleicht wird er aber auch einfach nur der Clown auf Kindergeburtstagen für Kinder mit depressiven Eltern.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Bayern München





