Blüh im Glanze dieses Glückes
Best of 11FREUNDE-Liveticker 09: Russland-Deutschland
Text: Andreas Bock und Lucas Vogelsang Bild: Imago
Löws 90er-Jahre Nostalgietruppe stolpert 89 Minuten durch den Luschniki Park, gewinnt am Ende aber irgendwie doch. Mit viel Glück und einem Tor des stürmenden Melancholikers Klose. Blüht mit – im Liveticker.
16:26 Uhr
Schon jetzt singen Andreas Bock und Lucas Vogelsang ihre Lieblingszeilen der russischen Nationalhymne: »Moskau, Moskau, Liebe schmeckt wie Kaviar, Mädchen sind zum Küssen da, ho, ho, ho, ho, hey!«
16:27 Uhr
N'Achmittag allerseits. Wir begrüßen Sie heute live aus Neukölln, wo wir spontan eine Fanmeile vor den wunderschönen Arcaden aufgebaut haben – aus Kunstrasen.
16:29 Uhr
Na endlich. Vogelsang trudelt ein – mit einer Jacke aus Kunstleder und einem Kunstwort: vevoiré (Betonung auf dem accent aigu).
16:34 Uhr
Keine Sorge, das war's mit schlechten Kunstgags für heute. Schalten von ZDF auf Eurosport, dort spielt Brasilien gegen Deutschland. Viertelfinale U20-WM. Folgender Dialog entsteht:
Vogelsang: Da ist Lars Bender.
Bock: Wer ist das?
Vogelsang: Einer von den Bender-Zwillingen.
Bock: Welcher?
Vogelsang: Lars.
16:36 Uhr
Björn Kopplin joggt zur Seitenlinien. Und ist somit etwa so schnell wie Kevin Kuranyi im Sprint. Das ist uns alles ein bisschen zu schnell. Wir geben zurück ans ZDF und nach Russland.
16:42 Uhr
Olli Kahn spricht das Wort zum Samstag – eine nicht enden wollende Hommage auf Guus Hiddink. Zu Russlands Trainer pflegt Kahn scheinbar eine ähnliche Beziehung wie Thomas Anders in den Prä-Nora-Jahren zu Dieter Bohlen. Das Wort Identifikation fällt etwa 17 Mal und dabei so schwer aus Kahns Mund wie Bleiblöcke vom Himmel.
16:48 Uhr
Haben wir schon verloren? Kathrin Müller-Hohenstein informiert uns, dass Russland die schnellste Umstellmannschaft der Welt. Innerhalb von wenigen Sekunden stellt Hiddink von 4-4-2 auf 1-1-8 um. Das sieht dann etwa so aus wie beim Synchronschwimmen auf dem Sportkanal anno 1988 – und ist ähnlich effektiv.
16:50 Uhr
Die Investigativ-Magier beim ZDF haben heraus gefunden: Hiddinks Geheimwaffe ist der Mann mit der Pudelmütze. Doch wer ist dieser Mann mit der Pudelmütze? Hausmeister Krause, Dirk Gieselmann, Jens Martin Knudsen? Doch dann wird Andrej Arshavin eingeblendet. Er trägt Pudelmütze. Schnitt. Im ZDF wieder Kahn, der Eine, der wahrscheinlich Ricola erfunden hat und diese Frau, die früher im Aktuellen Sportstudio immer hinter der Torwand die Bälle einsammeln musste. Halten wir fest, auch die fähigsten Mitarbeiter des ZDF tragen Pudelmütze.
16:55 Uhr
Kahn, der im Wetten besser ist als Mario Basler und weiter in die Zukunft sehen kann als das Hörzu-Horoskop, tippt den Ausgang des Spiels. Unentschieden. Katthrin Müller Hohenstein erschrickt. Denn: Kahn tippt immer richtig. Ihr wäre ein 2:1 aus seinem Mund deshalb lieber gewesen. Und Kahn, der auch noch mehr Charme hat als Jörg Pilawa, zeigt sich großzügig, tippt nun doch 2:1. Frau Hohenstein wikrt zufrieden und holt dann auch gleich noch ihr Schulrussisch aus der Schublade, freut sich auf ein Spiel "zwissen Ruschland und Deutzland". Nastrovje!
16:58 Uhr
Um sich mit den Russen gut zu stellen, spielen die Deutschen heute in den DDR-Trikots von 1974. Ein Kleidertausch, der jedoch durchaus auch nach innen wirkt: Genosse Ballack (Motor Karl Marx Stadt) scheint dadurch besonders motiviert, hofft auf einen chelseablauen Trabant als Siegprämie. Und auf der Tribüne summt Matthias Sammer “Auferstanden aus Ruinen”.
17:00 Uhr
Endlich richtige Nationalhymnen. Nachzulesen auch auf ZDF-Textseite 888. Eine Seite weiter gibt es Landmädel aus eurer Nähe. Schön, wenn man die Wahl hat.
1. Minute
Anstoß. Was ist das eigentlich für ein Rasen. Sieht künstlich aus.
3.
Die Russen spielen in weinfarbenen Trikots. Vor dem Fernseher weiß Gregor Gysi schon jetzt nicht mehr, welches Team er unterstützen soll, entscheidet sich dann für die Roten, erhofft sich davon die Wiederbelebung des realen Sozialismus.
5.
Erste Chance für die Russen. Kerschakow versucht, Adler aus mehr als 20 Metern zu überwinden. Und Bela Rethy stellt fest, dass Schüsse ein gutes Mittel seien, um zu einem Tor zu kommen. Das erinnert mich an ein Interview mit einer Hamburger Edelhure, die auf die Frage eines RTL-Reporters, warum Männer eigentlich zu einer Prostituierten gehen, lange überkegte und dann antwortete: Sie glaube, es gehe dabei um Sex. Große Wahrheiten kommen oftmals in kleinen Häppchen.
7.
Plötzlich taucht Klaus Meine auf den künstlichen Rasen auf. Verwirrt durch die Hochspannung vor diesem Showdown in Moskau, vielleicht aber auch durch die Kunstrasendebatte und die merkwürdige deutsche Taktik (Joachim Löw: “Wir müssen nicht gewinnen”), hat er Luschniki Park und Gorki Park verwechselt, fängt sofort zu pfeifen an. Schiedsrichter Bussacca stelllt ihn jedoch wegen seelischer Grausamkeit vom Platz. Begründung: Ohrwurmiges Verhalten.
9.
Zahlenspiele in Moskau. Rethy fällt auf, dass hier eigentlich dieselbe Mannschaft auf dem Platz steht wie damals in Dortmund. Bis auf drei Änderungen. Also eigentlich genau dieselbe. Eigentlich kommentiert beim ZDF heute auch derselbe Kommentator wie beim letzten Mal. Bis auf eine Änderung.
20.
Schockstarre. Alle Einträge verschwunden. Russischer Geheimdienst, ruf Jack Bauer oder Rambo oder Batman, japste Vogelsang noch, dann löste er sich in Staub auf.
21.
Deutschland tastet sich ans russische Tor heran wie ein Bergarbeiter unter Tage ans Gestein. Unser Melancholie-Stürmer, Miro Klose, wartet. Auf irgendwas. Westermann schießt immerhin mal. Jetzt, jetzt, jetzt, Podolski, Özil, Podolski. Der am Boden liegende Ignaschewitsch klärt – als Baumstamm.
26.
Freistoß für Russland. Zhirkov tritt an, zieht den Ball über eine gesamtdeutsche Mauer, die wirkt, als hätte Ronald Reagan sie angezählt, verfehlt aber das Tor.
29.
Nächste Riesenchance für die Russen. Kerschakwo taucht allein vor Adler auf, der aber auch im Auge der russischen Bedrohung die Ruhe behält, als wäre er der letzte Kennedy. Zehn Sekunden im Oktober.
32.
Löws Taktik scheint aufzugehen. Und das ist keine gute Nachricht. Die Russen spielen, als wollten sie unbedingt gewinnen. Die Deutschen aber spielen, als wüssten sie, dass sie nicht gewinnen müssen.
34.
Und dann doch: TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! Für Deutschland. Nach einer Jahrhundertkombination, nach einem Jahrtausendoppelpass zwischen Podolski und Özil bekommt Klose den Ball, will eigentlich noch überlegen, ob er weiter passt oder doch zurück, den besser postierten Mitspieler oder doch Luca Toni bedient, strauchelt dann aber glücklicherweise und fällt, bevor er weiter grübeln kann, in den Ball. 0:1. Ein Tor wie ein expressionistisches Gemälde. Ist ja auch Kunstrasen.
36.
Auf der Tribüne sieht Putin aus, als hätte ihm Sitznachbar Medwedew soeben den Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs gebeichtet. Hoffen wir für die russischen Spieler, dass er zur Halbzeitansprache nicht in die Kabine kommt.
41.
Bvrtrow wirft ein. Ball fliegt exakt 37 Zentimeter weit. Bvrtrow läuft hinterher, stolpert dann aber über seine Konsonanten.
45.
Die erste Halbzeit ist um. Adler rettete einmal fulminant, Klose träumte 34 Minuten in Russlands Strafraum und fiel dann auf den Ball, der dann ins Tor rollte. Toll. Wir entschuldigen uns für technische Pannen – und schieben alle Schuld auf russische Bösewichte (Ivan Drago, der Beisser, Stalin).



